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Kommentar zur "Großdemonstration gegen die Aufrüstung des Irans und die Drohungen Ahamdinedschads"

Tatsächlich ist man sich in Deutschland weitgehend einig, dass von den aktuellen atomaren Ambitionen des Iran eine Gefahr nicht nur aber vor allem für Israel ausgeht. Auch die so genannte "International Conference to Review the Global Vision of the Holocaust" in Teheran, ein Treffen widerwärtiger Holocaust-Leugner im Dezember letzten Jahres, stieß weltweit auf ernsthafte Empörung und Unverständnis. Doch ein weithin sichtbares öffentliches Signal aus der deutschen Gesellschaft an die Regierung Irans gab bzw. gibt es bisher nicht...

Von Uriel Kashi

Vor diesem Hintergrund erscheint daher eine Initiative des Vereins "ILI" (Ich liebe Israel) auf den ersten Blick durchaus sinnvoll: Am 28. Januar, einen Tag nach dem offiziellen Holocaust Gedenktag, soll in Berlin eine "Großdemonstration" stattfinden, deren Schlusskundgebung am Mahnmal der ermordeten Juden Europas ein deutliches Zeichen gegen die "Aufrüstung und die Drohungen Ahamdinedschads" setzen will.

Doch bereits ein erster Blick auf die Homepage von "I Love Israel" irritiert. Auf einem sehr pathetisch aufgemachten offiziellen Werbeplakat sieht man den iranischen Präsidenten mit geballter Faust, wie er über den Toren von Auschwitz die atomare Aufrüstung des Irans plant und dabei einen zweiten Holocaust initiiert. Ein ungutes Gefühl macht sich in der Magengegend breit.

Wer weiter recherchiert erfährt, dass sich der Zentralrat der Juden in Deutschland von der Demonstration distanziert. In einem Interview mit der "Jüdischen Allgemeinen" betont Zentralratsvorsitzende Charlotte Knobloch zwar die Notwendigkeit, die aktuellen Entwicklungen im Iran Ernst zu nehmen, kritisiert jedoch die Methoden von ILI und spricht den Organisatoren die Fähigkeit ab, nachhaltig zu arbeiten.

Tatsächlich hat Charlotte Knobloch recht. Die Methoden und Wege der politischen Arbeit, die Leo Sucharewicz, der Gründer und Koordinator von "I like Israel" (ILI) beschreitet, wirken spätestens auf den zweiten Blick kontraproduktiv und drohen dem Image Israels sowie der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland längerfristig mehr zu schaden als zu nützen.

Diese Einsicht ist nicht neu: Bereits 2005 weigerte sich der Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD), den ersten bundesweiten ILI-Aktionstag zu unterstützen. Unter anderem kritisierte der Verband damals, dass ILI mit rechtsradikalen jüdischen und christlich-fundamentalistischen Gruppen kooperierte, deren israelsolidarisches Engagement mit antidemokratischen und rassistischen Positionen einhergingen. Als Beispiel diente damals die Organisation "Standingwithisrael", die auch als offizieller Unterstützer der ILI-Initiative agierte. Unverblümt veröffentlichte diese auf ihrer Homepage antiarabische Hassartikel, die in der Forderung gipfelten, alle Bewohner des Gazastreifens zu ermorden, um dort eine einzige riesige jüdische Siedlung entstehen zu lassen.

Auch im ILI Newsletter tauchten und tauchen immer wieder Inhalte auf, die an der Seriosität des Vereins große Zweifel aufkommen lassen. Im November 2004 versandte Leo Sucharewicz per E-Mail eine fiktive Karte Europas des Jahres 2015. Anstelle der richtigen Ländernamen tauchten für Deutschland jedoch die Bezeichnung "New Turkey", für Frankreich "The islamic Republic of New Algeria" und für England "North Pakistan" auf - ein Schüren von Ängsten, das man eher aus rechtsextremistischen Kreisen zu kennen glaubte.
In einem offenen Brief formulierte der BJSD damals auch Bedenken gegen die gezielte Verteufelung der deutschen Presse, so z.B. der "Süddeutschen Zeitung", die Herr Sucharewicz auf einem Seminar kurz zuvor mit dem Naziblatt "Der Stürmer" verglich.
Wenn man ständig auf eine solche Weise übertreibt und nicht in der Lage ist, legitime Kritik auch sachlich zu formulieren, wird man früher oder später zurecht nicht mehr ernst genommen, auch wenn es dann vielleicht wirklich um ein wichtiges Anliegen geht.

Die Kritik des BJSD zeigte Wirkung. Obwohl die aktuelle Demonstration auch dieses Jahr wieder von zahlreichen christlich-fundamentalistischen Organisationen und Vereinen unterstützt und angekündigt wird, verzichtet ILI dieses Mal meistens auf deren Nennung auf der eigenen Homepage.

Inzwischen mehren sich auch die Stimmen, die das extremistisch anmutende Auftreten ILIs kritisieren. Als besonders problematisch wird empfunden, dass durch das Auftreten ILIs die dringend notwendige Schaffung einer breiten Koalition aus Parteien, Kirchen, (iranischen) Verbänden und den jüdischen Gemeinden gegen das antisemitische und menschenverachtende Regime im Iran verhindert wird. Zudem ist zu befürchten, dass das zu erwartende isolierte Auftreten einiger jüdischer Gruppen mit der ausschließlichen Unterstützung seltsamer christlicher Sekten und so genannter "antideutscher" Linken auf der "Großdemonstration in Berlin" die Theorie Ahmadinedschads und seiner Regierung bestätigen, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland alleine da steht und es keine nennenswerte oder zahlenmäßig relevante Unterstützung von Seiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft mehr gibt. Dieser Eindruck könnte auch antijüdischen und antiisraelischen Gruppierungen in Deutschland Auftrieb verleihen.

Trotz all dieser Bedenken erfreut sich ILI insbesondere innerhalb der Jüdischen Gemeinden vor allem an der Basis einer zunehmenden Popularität. Vielleicht sind nicht allen Unterstützern die Hintergründe der ILI-Bewegung bekannt. Ein kürzlich erschienener zutiefst polemischer – wenn nicht demagogischer - offener Brief von Leo Sucharewitz an den Generalsekretär des Zentralrats Stephan J. Kramer, der eine finanzielle Unterstützung der Demonstration ablehnte, löste allerdings bei nicht wenigen Schadenfreude und Zustimmung aus.

Der Hauptgrund dafür liegt jedoch weniger an den inhaltlichen Differenzen als vielmehr an der zunehmenden Uninteressiertheit, Distanz oder Ablehnung vieler Jüdinnen und Juden gegenüber der Arbeit des Zentralrats. Dieser hat es in den letzten Jahren (oder Jahrzehnten) versäumt, ein vertrauliches und freundliches Verhältnis zur jüdischen Basis zu entwickeln. Viele ehrenamtliche Vertreter aus den Gemeinden oder den Studentenverbänden beklagen sich seit langem über das als arrogant empfundene Auftreten der Repräsentanz.

Die Idee eines politischen Dachverbands wird dabei nicht prinzipiell abgelehnt, doch das Bedürfnis nach demokratischeren Strukturen und einer stärker an den Interessen der Mitglieder und am offenen Dialog orientierten Arbeit ist sehr groß.

Gruppen wie ILI sind somit wohl auch eine Reaktion auf die angestammten und von vielen als veraltet empfundenen Institutionen. Sollte es dem Zentralrat zukünftig nicht gelingen, sich strukturell nach innen und außen zu öffnen, werden sich immer mehr Jüdinnen und Juden nach Alternativen umsehen. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein, birgt aber den Nachteil für die Interessenvertretung gegenüber der deutschen Politik keine, oder nur mehr eine geschwächte repräsentative Instanz zu haben.

So oder so – für die Zukunft scheint nichts sinnvoller, als eine offene und aktive Bündnispolitik. Neben parteiübergreifend guten Beziehungen zur politischen Elite, sollte auch die Zusammenarbeit mit migrantischen Gruppen vorangetrieben werden, um mit diesen eine starke Basis für eine demokratische Interessenspolitik zu bilden. So wären gerade jetzt gute Beziehungen zu demokratischen Iranern in Deutschland von Nöten, um gemeinsam mit diesen und den deutschen Parteien gegen die iranische Regierung zu protestieren.

Jenseits von alarmistischer Rhetorik:
Was tun in Deutschland gegen die iranische Atombombe?!

Category: Gemeinden
Posted 01/23/07 by: admin



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