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Judentum und Israel
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Gedenken an Olympia-Attentat von 1972 in München

Im Gedenken an den 36. Jahrestag des Terroranschlags auf die israelischen Sportler während der Olympischen Sommerspiele 1972 in München bezeichnete Prof. Dr. Michael Wolffsohn, Vorstandsmitglied der Israelischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Dozent an der Universität der Bundeswehr in München, die Thesen eines Sportprofessors der Universität Göttingen als "Unsinn"...

Der Sportprofessor hatte behauptet, dass sich die israelischen Opfer des Olympia-Attentats von 1972 aus Propagandagründen freiwillig für Israel geopfert hätten. Prof. Dr. Wolffsohn entkräftete diese absurden Behauptungen: "Als Historiker kenne ich bezüglich des Massakers von 1972 fast alle zugänglichen Schlüsselquellen. Kein einziges Dokument hat jener Wissenschaftler aus Göttingen ausgewertet. Er stützt sich auf mündliche Quellen." Prof. Dr. Wolffsohn war insbesondere erstaunt über die Reaktion der Leitung der Universität Göttingen, die dem Sportprofessor kein wissenschaftliches Fehlverhalten nachweisen konnte mit dem Hinweis: Er habe nichts gefälscht und von seinen Thesen könne nicht auf eine antisemitische Einstellung geschlossen werden.

Die Rede von Professor Dr. Michael Wolffsohn, Kulturreferent der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München, anlässlich der Gedenkstunde zum Olympiamassaker 1972, Fürstenfeldbruck, am 5. September 2008 im Wortlaut:

"Mit dem Kadischgebet gedenken Juden, ob Rabbiner oder nicht, der Toten.
Das Kadisch lobpreist Gott trotz und in unserer Verzweiflung, in unserer Trauer.
Ich spreche das Kadisch und bitte Sie, sich von Ihren Plätzen zu erheben.

Der Tod lässt uns Menschen oft am Leben verzweifeln, doch der Tod gehört zum Leben. Der Tod gehört zum Leben, aber nicht der Mord. Was während der erhofft "Heiteren Olympiade" von München dort und hier in Fürstenfeldbruck 1972 geschah war Mord.
Wie jeder Mord war er unsittlich und daher inakzeptabel.
Dieser Mord war auch sinnlos. Sinnlos aus der Sicht der Opfer - und Täter.
Oder doch nicht?

Dieser Mord, der Mehrfachmord war, zeigte der Welt: Wer auf welcher Seite des israelisch-palästinensischen Dauerkonfliktes welchen moralischen oder unmoralischen Prinzipien folgt.
Das war der tragische Tiefsinn jener Morde. Die Mörder haben gezeigt, wes´ Geistes Kind sie und ihre jene Mordtat noch heute bejubelnde Gesellschaft sind.

Die Opfer haben – unfreiwillig – dokumentiert, dass selbst Sport für Israelis und mit ihnen Juden in der Welt zur Mordgefahr werden kann. Das war vor 1972 so, das ist heute so, und das wird morgen so sein, denn die Taten und Pläne der Islamisten bestätigen die Pessimisten.
Die Welt hat es gesehen. Will sie es wissen? Sie tut so. Sie, verehrter Herr Landrat, und Sie verehrte Damen und Herren, Sie wissen es. Sie bekunden Ihr Wissen durch Ihre heutige Anwesenheit.

Auch Olympia 2008 hat in Peking der Opfer von 1972 gedacht – und daraus eine eher politisch moralische Unverbindlichkeit gemacht.

Wir kennen und nennen die Täter und Opfer. Wir sagen nicht nur "Nie wieder!" (denn wir waren nicht die Täter), wir ziehen daraus nicht nur moralische, sondern auch politische Konsequenzen – nicht zuletzt bezüglich der Nahostpolitik im allgemeinen und der deutschen im besonderen.

Ja, wir Juden haben zu Israel ein besonderes Verhältnis. Es ist enger als, sagen wir, zu Robert Mugabes Zimbabwe oder Hugo Chavez´ Venezuela.

Manche werfen der deutschjüdischen Gemeinschaft vor, wir wären „das Sprachrohr der israelischen Regierung“. Sie irren, ja, sie irren heftig und wissen wenig, denn wir haben nicht selten Meinungsverschiedenheiten mit der jeweiligen israelischen Regierung. Wir tragen diese Meinungsverschiedenheiten auch öffentlich aus. Man sehe und höre hin und wird´s unschwer erfahren, denn wir sind als Teil der Offenen Gesellschaft Deutschlands selbst eine offene Gesellschaft. Meinungsverschiedenheiten, gewaltige sogar, gehören seit Jahrtausenden zur jüdischen Streitkultur. Wer's nicht weiß, lese Flavius Josephus "Jüdischen Krieg". Zweitausend Jahre alt und brandaktuell.

Doch mit keiner israelischen Regierung haben wir Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Existenzberechtigung Israels und das Recht der Israelis und aller Juden, aller Menschen, frei und friedlich leben zu können, innerhalb und außerhalb ihres Landes, erst recht beim angeblichen "Fest des Friedens", einer Olympiade.

Wir haben auch keine Meinungsverschiedenheiten darüber dass israelische oder jüdische Opfer Opfer sind und nicht Täter – oder Freiwillige, die sich aus Propagandagründen für Israel opfern.
Diesen, jawohl, Unsinn hat kürzlich ein sogenannter Sportwissenschaftler der Universität Göttingen verbreitet. Nicht wenige glauben ihm. Doch Wissenschaft ist das Gegenteil von glauben.

Als Historiker kenne ich bezüglich des Massakers von 1972 fast alle zugänglichen Schlüsselquellen, denn unter meiner wissenschaftlichen Leitung wurde hierüber eine Diplomarbeit geschrieben. Kein einziges Dokument hat jener Wissenschaftler aus Göttingen ausgewertet. Er stützt sich auf mündliche Quellen. Fundierte Quellen und Dokumente oder Quellenkritik, ohne die es keine Geschichtswissenschaft gibt, findet man bei ihm nicht. Es fehlen zudem Elementarkenntnisse des Nahostkonfliktes. Eine Geschichte ist noch lange nicht Geschichte, sie ist eher Geschichtchen.

Schuster bleib' bei deinen Leisten, Sportwissenschaftler bleib' bei deinem Sport. Und wilderst du in der Geschichtswissenschaft, drängt sich die Frage "cui bono"? auf, "wem hilft's, soll es helfen?"
Manche unterstellten jenem "Wissenschaftler" "Antisemitismus". Kann sein, kann nicht sein. Doch Wissenschaft ohne Wissen kann nicht sein.

Um so seltsamer die Reaktion von Teilen der Öffentlichkeit und der Universität. Die Leitung der Universität Göttingen, die sich selbst gerne als Eliteuniversität sähe, stellte fest: Jenem Wissenschaftler könne kein wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen werden, da er nichts gefälscht habe und von seinen Thesen nicht auf antisemitische Einstellung geschlossen werden könne. Persönliche Erlebnisse und freundschaftliche Kontakte seien seine Erkenntnisgrundlage, heißt es. Nicht-Fälschung wäre also Wissenschaft? Heilige Einfalt, arme Wissenschaft.

Als Geschichtswissenschaftler und als Vertreter der heute leider verhinderten Präsidentin den Zentralrates der Juden in Deutschland, Frau Charlotte Knobloch, die Sie grüßt und Ihnen allen herzlich dankt sage ich: Wir werden auch weiter die Opfer Opfer nennen, die Täter Täter und Mord Mord.

Wir werden daraus auch künftig praktische Politik ableiten und cui bono? fragen. Wir hoffen dabei auf die Hilfe unserer Freunde – auf Sie, meine Damen und Herren."

Category: General
Posted 09/07/08 by: admin



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