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Limmud heißt lernen: Ein langes jüdisches Wochenende bei Berlin

Auf T-Shirts stand ein Spruch der Väter: Wer ist weise? Wer von anderen lernt. So ist Limmud. Auf Hebräisch bedeutet das Lernen. Über 350 jüdische Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller Lebensalter kamen aus allen deutschen Ecken, Nachbarländern, Russland, den USA und Israel, um zwischen dem 16. und 18. Mai bei der Premiere Limmud Deutschland in der früheren Pionierrepublik Wilhelm Pieck, heute Europäische Jugendbegegnungsstätte am Werbellinsee, dabei zu sein...

Von Irene Runge

Kinderprogramme nicht mitgezählt, brachten über 70 von ihnen angemeldete Vorträge und Darbietungen mit. Eine sehr kleine Gruppe jüngerer jüdischer Aktivisten hatte das Ereignis hingebungsvoll auf der Basis von Ehrenamt, Teilnahmegebühren und Sponsoring lange vorbereitet. Das Modell kommt aus London, wo vor 28 Jahren jüdische Enthusiasten die Tradition des gemeinschaftlichen jüdischen Studiums erneuern wollten. Heute ist daraus eine weltweite demokratische jüdische Basisbewegung geworden.

Clive Lawton, englischer Gründungsvater, vermittelte am Werbellinsee seine Erfahrungen. Jeder Limmudnik kann zugleich lernen und lehren, es geht um Akzeptanz und Zuhören, Ansichten können kontrovers kollidieren. Drei Tage zeigte sich auf Deutsch, Russisch, Englisch und Hebräisch, wie angenehm die tolerante Gemeinsamkeit ist. Vom ersten Stern am Freitag- bis zum dritten Stern am Samstagabend bestimmte der heilige Schabbat den Ablauf. Gebetet wurde orthodox oder liberal-egalitär, wer nicht wollte, führte vorbereitete oder spontane Gespräche. Traditionell ruhte die Arbeit, auch Mikrofone, gute Dokumentarfilme und elektronische Musik gab es erst wieder nach Schabbatende. Das koschere Essen der religiösen israelischen Köche war vorzüglich, bei den Schabbatmahlzeiten sangen auch sie die traditionellen Weisen.

Das Lernen, durch Mahlzeiten unterbrochen, verlief im 90-Minuten Rhythmus parallel und nacheinander. Es ging um die Exegese biblischer und anderer Texte, um Liturgisches, Politik, Kultur, Soziales und Gesundheit, Israel, Diaspora, Geschlechterfragen, Kindererziehung, Psychoanalyse und Religion, einen Bericht zum Konfliktherd Iran von einem israelischen Journalisten, der das Land gerade bereist hatte, die kritische Beschreibung des Zionismus und der Wurzeln heutiger Probleme in Israel, jüdisch-muslimische Zusammenarbeit hierzulande und die dortige Terrorangst, um deutschen Philo- und Antisemitismus.

Sinnlich war die Herstellung jemenitischen Brotes, überraschend das Thema Öko-Kaschrut, wichtig die Meditationen, vielstimmigen Gesänge, Tänze, eine Lesung über DDR-Juden, der Rundfunkmitschnitt vom Februar 1990, Dokument der Forderung am Zentralen Runden Tisch der DDR nach sowjetisch-jüdischer Einwanderung und der mitternächtliche Auftritt des orthoxoden Hip-Hoppers aus Brooklyn, anrührend das Konzert eines jiddischen Sängers aus Israel, spannend die Podiumsgespräche zu Methoden jüdischen Lernens und über Integration, die Erkenntnisse zum Reformjudentum in Deutschland heute und die Geschichte der DP, heimatlos gewordener Holocaust-Überlebender, die nach 1945 in deutschen Lagern auf Auswanderung warteten.
Kinder und Betagtere, Alteingesessene und neu Eingewanderte, Rabbiner und Frauen der orthodoxen Chabad-Lubawitsch-Bewegung, Konservative, Liberale, A- und Antireligiöse lernten somit spielend mit- und voneinander, wie vielfältig ihre eigene jüdische Welt ist.

Der Ort war passend, der Charme der Vergangenheit spürbar, eine Teilnehmerin hatte einst als Jungpionier hier einen Sommer verbracht. Von Anfang bis Ende war das Festival vor allem wegen dieses menschlichen Miteinanders ein Genuss. Selbst wer erst am Sonntagmorgen kam, wurde vom virulenten Virus Limmud angesteckt.

Category: General
Posted 05/25/08 by: admin



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