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Zwischen den Mühlsteinen der Bürokratie: Die Jüdische Gemeinde Villingen-Schwenningen setzt auf Selbsthilfe

Seit dem November 2001 gibt es in Villingen-Schwenningen wieder ein organisiertes jüdisches Leben: Zuwanderer aus den GUS-Staaten, aber auch aus Israel und aus anderen deutschen Bundesländern gründeten damals zusammen mit einheimischen jüdischen Bürgern die Jüdische Gemeinde für Villingen-Schwenningen und Schwarzwald Baar e.V....

Von Nathan Schneer-Hirschfeld

2006 hat sich die jüdische Gemeinde in Villingen-Schwenningen nach ihrer Vorstandsumbildung neu organisiert, und seitdem machen sich ihre Mitglieder mit großem Elan daran, eine Gemeinschaft zu schaffen, die sich finanziell möglichst bald selbst tragen soll. Dies ist auch dringend notwendig, denn eine Unterstützung durch die beiden zuständigen Landesverbände scheitert bislang daran, dass Villingen-Schwenningen sowohl auf der einen Seite zu Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, andererseits auch in den Zuständigkeitsbereich der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs mit Sitz in Stuttgart fällt und diese Landesverbände nicht in der Lage sind, sich über die Landesgrenzen zum Wohle der jüdischen Menschen zu verständigen. Dies mag überraschen, denn im Dezember 2002 konnte in Abstimmung mit dem Oberrat der Israeliten in Baden am Wohnsitz der damaligen Vorsitzenden Viktoria Vedchenko in Rottweil eine weitere jüdische Gemeinde, die Israelitische Kultusgemeinde Rottweil, gegründet werden - obwohl die Stadt Rottweil in Württemberg liegt.

Den bedenklichen Zustand der Landesverbände kann man an vielen Beispielen festmachen. In Hechingen waren vor drei Jahren noch über 30 jüdische Familien mit Kindern ansässig; sie konnten als so genannte Stuttgarter Filialgemeinde mit Unterstützung des Fördervereines sogar die alte Synagoge der Stadt nutzen. Heute leben nach dreijähriger Untätigkeit des Landesverbandes nur noch wenige jüdische Familien in Hechingen; die Kinder und Erwachsenen blieben lange ohne religiösen Beistand. In Villingen-Schwenningen jedoch konnte durch die Aktivität der Jüdischen Gemeinde diese Abwanderungsbewegungen gestoppt und sogar eine Neuansiedlung initiiert werden. Da beide Landesverbände aber in erster Linie mit sich selber beschäftigt sind und sich nicht ausreichend um die Menschen zwischen ihren Landesgrenzen kümmern, wurde aus der Not ein Konzept: «Selbsthilfe».

Ja, es gibt wieder jüdisches Leben in Villingen-Schwenningen. Hier kann wieder Kaddisch gebetet werden, denn mehr als 20 Männer treffen sich regelmäßig in einer privaten Turnhalle, die sich an den Wochenenden und Feiertagen in einen Betsaal wandelt. Sogar einen Kantor gibt es am Ort - keinen Reisenden, sondern einen Ansässigen, der mit der Gemeinde lebt. In der Gemeinde Villingen-Schwenningen wird bis heute alles aus Spenden bezahlt. Die Motivation der Gemeinde, einen orthodoxen Betsaal einzurichten, ist groß, aber die Resonanz auf Seiten des Oberrats oder Stuttgart mehr als bescheiden. Wie aber soll jüdische Tradition wieder in Deutschland Fuß fassen, wenn sich in den großen Kreisstädten nicht wieder orthodoxe Gemeinden bilden können?

Oberrat und Stuttgart tun sich schwer mit der Anerkennung dieser Gemeinde. Man hört die üblichen Allgemeinplätze: man möge doch in der Nachbargemeinde beten, man sei vielleicht ja gar nicht jüdisch, und überhaupt... Keiner von den Herren in Karlsruhe oder Stuttgart kam jemals nach Villingen-Schwenningen, um das Gemreindeleben in Augenschein zu nehmen. Briefe wuden nie beantwortet: ein peinliches Nichtzuständigsein, gepaart mit Uninteresse und Schweigen. Dringend anstehende Hochzeiten werden mit billigen Argumenten immer wieder verschoben, so dass nur noch die Schweiz oder Frankreich für die religiösen Zeremonien in Betracht kommen.

Zahlreiche Unterstützer, die sich vor Ort ein Bild gemacht haben und gesehen haben, dass hier etwas Besonderes wächst, nämlich eine Gemeinde, die nicht am Tropf der Öffentlichkeit hängt und wie so viele andere Gemeinden nur die Hand aufhält. Nein, hier gibt jeder nach seinen Möglichkeiten zum Wohle der Gemeinschaft dazu. So ist es nicht verwunderlich, das hier aus dem Nichts bald eine Synagoge samt Mikwe stehen wird. «Lev Tora», «Herz Tora» soll sie heißen und Spenden sind für dieses Projekt immer noch gerne gesehen. Dann allerdings sollten sich die Juden in Baden und Württemberg fragen, ob das Konzept zweier Landesverbände heute noch zeitgemäß und schlagkräftig genug ist, um die Aufgaben des neuen Jahrhunderts zu bewältigen. Es macht sicher mehr Sinn, einen modernen, nach Gesichtspunkten eines Unternehmens geführten Landesverband zu schaffen, als Verbände zu belassen oder Rabbiner zu beschäftigen, die weder effizient noch wirtschaftlich arbeiten und nur Geld verwesen, das eigentlich den bedürftigen Gemeinden mit ihren Mitgliedern gehört.

Am Schabbat Schuwa, dem «Schabbat der Rückbesinnung» Rosch Haschana und Jom Kippur, sollten wir uns mit Dingen beschäftigen, die in uns das Bewusstsein stärken, dass Haschem der Herr der Welt ist, nicht wir Menschen. Wir müssen auch Mittel und Wege finden, um uns geistig für Jom Kipur zu läutern. Eine Läuterung ist bei manchen Verantwortlichen sicherlich sehr nötig, damit die Mühlsteine der Bürokratie nicht weiter auf den Juden in Villingen-Schwenningen lasten.

Jüdische Zeitung 2007

Category: Gemeinden
Posted 10/15/07 by: admin



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