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Charlotte Knobloch: Bauen und nicht vergessen

Für Jedioth berichtet Eldad Beck aus München...

In der Nacht des 9. November 1938 rannte Charlotte Knobloch, ein fünfjähriges jüdisches Mädchen, gemeinsam mit ihrem Vater durch die Straßen Münchens, in panischer Flucht vor der SS. Ein Kunde des Vaters hatte eine alte Schuld beglichen und ihn gewarnt, dass ein großer Pogrom gegen die Juden geplant ist. "Sie stehen auf der Liste", wurde der Vater in einem kurzen Telefongespräch informiert. Die Mutter Charlottes, eine Christin, die zum Judentum übergetreten ist, hatte ihren Mann und ihre Tochter zwei Jahre zuvor, als die Nazis die Judenverfolgung verschärft und die Nürnberger Rassengesetze erlassen hatten, verlassen.

Nach der telefonischen Warnung nahm der Vater Charlotte bei der Hand, und gemeinsam verließen sie das Haus. Er wusste, dass er nicht viel Zeit hatte. Charlotte kann sich bis heute ganz deutlich an die Flucht durchs Treppenhaus erinnern, an das grüne Auto der SS, das schon vor dem Büro des Vaters parkte- wo sie sich verstecken wollten- an den Besuch bei einem der jüdischen Freunde der Familie, den die Nazis blutig geschlagen hatten, die zerbrochenen Schaufenster der jüdischen Geschäfte und die Flucht zu einem christlichen Freund außerhalb der Stadt. Charlotte Knobloch wurde von Christen gerettet. Einer ihrer Schutzengel war ihre Kinderfrau. Nachdem die Großmutter Charlottes nach Auschwitz geschickt wurde und ihr Vater in einem Konzentrationslager inhaftiert war, nahm die Kinderfrau das kleine Mädchen in ihrem Haus auf dem Land auf und stellte sie allen Bekannten als ihre uneheliche Tochter vor, die sie in der Stadt zur Welt gebracht hat. Nur der Priester wusste die Wahrheit. Er hatte der Kinderfrau ans Herz gelegt, das Risiko nicht einzugehen, aber sie schlug die Warnung in den Wind.

Die Hauptsynagoge Münchens wurde in der Reichskristallnacht nicht zerstört. Das prächtige Gebäude mit seinem orientalischen Aussehen, das in einer der Hauptstraßen der Münchner Altstadt stand, war schon fünf Monate vorher auf Befehl der Behörden abgerissen worden, um die Stadt zu "säubern". Das war die erste Synagoge, die von den Nazis zerstört wurde. Morgen, genau 68 Jahre nach der Reichskristallnacht, wird Charlotte Knobloch, die Präsidentin der sich erneuernden jüdischen Gemeinde Deutschlands, die neue Hauptsynagoge Münchens einweihen, die auf dem Jakobsplatz im Herzen Münchens gebaut wurde, nur einige Straßen von dem Ort entfernt, auf dem die alte Synagoge stand.

Die Einweihung, an der zahlreiche hochrangige Gäste teilnehmen werden, wird sehr feierlich sein, aber die allgemeine Stimmung in Deutschland ist nicht besonders ermutigend: die Neonazis heben ihr Haupt, ihre Repräsentanten werden in die Landesparlamente gewählt, die rechtsradikale Gewalt nimmt drastisch zu, der Antisemitismus erreicht neue Höhepunkte und die Deutschen verlieren das Vertrauen in die Demokratie.

Aber für Charlotte Knobloch schließt sich dennoch ein persönlicher Kreis. "Als ich den Vorsitz der jüdischen Gemeinde Münchens übernahm, war mir klar, dass es eine meiner wichtigsten Aufgaben ist, wieder eine Hauptsynagoge bauen zu lassen", sagt sie. "Erst vor drei Jahren, als wir endlich den Grundstein legten, habe ich erklärt, dass ich meine Koffer auspacke und das Gefühl habe, hier bleiben zu können." Neben der neuen Synagoge werden in den nächsten Wochen auch ein jüdisches Gemeindzentrum und ein jüdisches Museum eröffnet. Knobloch einen Komplex bauen lassen, damit in der Nähe der Synagoge ein aktives Gemeindeleben stattfinden kann und es auch einen Ort für Treffen zwischen Juden und NichtJuden gibt. Viele der Letzteren haben übrigens aus eigener Tasche zu der Finanzierung des größten jüdischen Gemeindezentrums in Deutschland beigetragen, dessen Kosten sich auf 100 Millionen Euro belaufen. Einer der wichtigsten Spender war der deutsche Pressemagnat Hubert Burda, der dem Projekt eine Million Euro spendete. Knobloch wertet den Bau eines neuen Gemeindezentrums nicht als Geste der Versöhnung. "Ich kann mich nicht im Namen von sechs Millionen Menschen versöhnen. Das kann ich nur in meinem Namen tun. Wir haben das Wort Versöhnung niemals erwähnt. Es gibt noch immer eine Trennung zwischen Juden und NichtJuden. Es gibt noch immer Sensibilität, die Lage ist noch immer beunruhigend. Wir müssen eine Koexistenz erreichen, in der sich die Juden sicher fühlen können, dass ihr Umfeld sie akzeptiert."

Die 73-jährige Knobloch steht der jüdischen Gemeinde Münchens, der mit 9000 registrierten Mitgliedern zweitgrößten Deutschlands, seit 20 Jahren vor. Ca. die Hälfte der Mitglieder sind Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR. Im letzten Sommer, nach dem Tod des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, wurde Knobloch zu seiner Nachfolgerin gewählt. Dies ist das erste Mal, dass eine Frau dieses Amt bekleidet. Die Ernennung Knoblochs stützt sich vor allem darauf, dass sie eine der letzten Zeitzeugen unter den deutschen Juden ist, die die Gemeinden Deutschlands leiten. Die russische Mehrheit, ca. 80.000 der 120.000 registrierten Mitglieder, fordern die Führungsposition der Alteingesessenen bereits heraus. Die Wahl Knoblochs ermöglichte es, die "russische Revolution" zunächst noch aufzuhalten. Im Gegensatz zu dem Chaos, das sich eines Großteils der jüdischen Gemeinden Deutschlands bemächtigt hat, die von Interessengemeinschaften und persönlichen Kontroversen zerrissen werden, ist es Knobloch gelungen, in München eine beispielhafte Alleinherrschaft zu etablieren. Sie ist nicht als außergewöhnlich eloquent oder intellektuell bekannt, aber dennoch gelingt es ihr, vielen Deutschen durch scharfe und klare Äußerungen Unbehagen zu verursachen, Äußerungen, die auch von ihren Kollegen in den jüdischen Gemeinden oft nicht akzeptiert werden. So hat sie sich z.B. bei vielen unbeliebt gemacht, als sie vor einigen Wochen nach einer Reihe schwerer Vorfälle mit antisemitischem Hintergrund erklärte, die Ereignisse in Deutschland erinnerten sie an die Stimmung in den 30-er Jahren, kurz vor der Machtübernahme der Nazis.

"Ich habe begriffen, dass es nicht genügt, allgemeine Warnungen auszusprechen, sondern dass die Situation in drastischen Begriffen geschildert werden muss", erklärt sie. "Wenn bei einer öffentlichen Veranstaltung das Tagebuch der Anne Frank verbrannt wird, wenn bei einer Demonstration in München- während des zweiten Libanonkriegs- ein Spruchband geschwenkt wird, auf dem steht,Die Juden sind Kindermörder', dann genügt es nicht, nur tadelnd den Finger zu heben. Man muss drastische Begriffe verwenden, die einen anhaltenden Eindruck hinterlassen." "Viele betrachten die Vorkommnisse als vorübergehende Erscheinung, aber die intensiven Aktivitäten der radikalen Rechten verpflichten uns zu verstehen, dass man dies nicht so sehen darf. Wir müssen alles tun, damit diese Situation nicht anhält. Die zunehmende Stärke der radikalen Rechten muss uns den Mut und die Kraft geben, gegen das Problem anzukämpfen. Aber das ist nicht nur unsere Aufgabe, sondern auch die der gesamten deutschen Gesellschaft und der Politiker. Nur gemeinsam mit ihnen können wir uns vor der neuen Nazibande schützen und sie beseitigen."

Category: Gemeinden
Posted 11/13/06 by: admin



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