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Seelen, Scherben und Marionetten: Die Kabbalah als globale Weltmacht

Mit der Weisheit der Kabbalah, der jüdischen Mystik, will "Rabbi" Michael Laitman der ganzen Welt eine Lösung der "globalen Krise" anbieten. Es sei kein Geheimnis, dass die Menschheit in einer tiefen Krise stecke. Scheidungen, Drogen, Terror und die globale Finanzkrise seien neben der Zerstörung der Umwelt und einem persönliches Gefühl der seelischen Leere die Symptome. Ein Abwenden vom "Egoismus" zu den Jahrhunderte lang unterdrückten Lehren der Kabbalah könnten die Menschheit der Nächstenliebe zuführen...

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 7. Dezember 2008

Die Schaltzentrale des "Bnei Baruch Kabbala Bildungs & Forschungsintituts" ist ein heruntergekommenes Fabrikgebäude in Petach Tikwa, einem Vorort von Tel Aviv. Von dort werden die mit Spenden finanzierten Filialen in Wien, Köln, Berlin und München, aber auch in Moskau und Mexiko gesteuert. Über mehrere Stockwerke verteilt sind da 250 ein-Quadratmeter-große, fensterlose, mit einer Tür verschlossene Arbeitsplätze verteilt, ausgestattet jeweils mit Computer und Bücherregal. Vierzig fest angestellte Männer mit Kipa auf dem Kopf und Frauen mit Kopftuch und langen Röcken, sowie über zweihundert Freiwillige sitzen gebannt an den Bildschirmen. Eine diplomierte Übersetzerin aus Litauen, mit akademischem Titel aus Harvard, drückt sogar chinesische Buchstaben in die Tastatur. Um die Schäden der Globalisierung zu bekämpfen, werden da Kabbalah-Weisheiten in 37 Sprachen per Internet an rund zwei Millionen Kabbalah-Gläubige weltweit verteilt. Hier werden Zeitungen und Bücher im hauseigenen Verlag produziert. Kaum geräumiger ist ein zentrales Fernsehstudio, wo Interviews und andere Eigenproduktionen der seelenrettenden Lehre in acht Sprachen per Internet rund um die Uhr gesendet werden und seit Neuestem auch im israelischen Kabelnetz.

Michael Laitman, 1974 von Leningrad nach Israel eingewandert, ist eigentlich Professor für "medizinische Kybernetik" und arbeitete in Israel zunächst als Flugzeugtechniker. 1976 entdeckte er für sich die Kabbalah, über die er in "das Geheimnis des Lebens" eintauchte, was "die Wissenschaft" nicht einmal versuche. Obgleich ihn alle seine Mitarbeiter "Rabbi" nennen, ist der bärtige Laitman mit großer schwarzer Kipa auf dem Hinterkopf und gekleidet wie ein ultraorthodoxer Jude gar kein geweihter Rabbiner. "Auf Hebräisch wird ein Lehrer auch Rabbi genannt", sagt Laitman. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Dutzend Ehrenurkunden. Vor den frommen Büchern in seinem Bücherschrank liegen stapelweise Schachteln mit Medikamenten und daneben stehen viele Flaschen Wein. "Vielleicht wollen Sie einen Schluck davon", fragt Laitman am frühen Morgen, vor dem Interview.

"Ich kleide mich so und alle meine Mitarbeiter sind fromm, weil man sonst in Israel nicht als glaubwürdig gilt, wenn man die Lehre der Kabbalah verbreiten will." Gleichwohl sei das keine "Verkleidung". Man müsse "Rücksicht" auf die "kleinen Leute" nehmen. Die glauben den Geistlichen aller Religionen nur, wenn sie entsprechend gekleidet seien, in christlichen Kirchen gar mit Prunk und Brokat. Laitman behauptet, dass die erste Globalisierung während des Turmbaus von Babel entstand und die Menschheit zu Zwist und Vielsprachigkeit verdammt habe. Erzvater Abraham habe das vor über 4000 Jahren "erforscht" und das geheimnisvolle "Buch der Schöpfung" verfasst, die Urschrift der Mystik. Vor 2000 Jahren sei die "Bibel" der Kabbalisten entstanden, der "Zohar", so Laitman. Seriöse Wissenschaftler halten den Zohar jedoch für ein mittelalterliches Kompendium.

Laitmans Mitarbeiter baten darum, den "Rabbi" über alles zu befragen, jedoch nicht über den Holocaust. Deshalb fragten wir den Rabbi nur, weshalb er nicht über die Schoah reden wolle. Er sagte, der Holocaust werde "viel zu emotional" betrachtet und nicht wissenschaftlich. Der tiefe Grund für den Antisemitismus, für die Gaskammern in Auschwitz, für den 11. September 2001 und den Terror gegen Israel und in Mumbai liege in Gottes Plan für die Menschheit. Die Kabbalah rede von zerbrochenen Scherben die "repariert" aufsteigen würden. Von den Juden gehe die Erlösung der Menschheit aus. Deshalb studierten auch so viele Christen die Kabbalah. Ob denn Hitler im Rahmen dieses Gottesplanes ein "Werkzeug Gottes" war, als er sechs Millionen Juden ermorden ließ? Dazu meinte der "Rabbi", dass die Römer, die den Tempel in Jerusalem zerstörten, Hitler und Osama bin Laden "Puppen Gottes" seien. Was denn die anderthalb Millionen jüdischen Kinder verbrochen hätten, die unter Hitler vergast wurden? Dazu Laitman: "Man kann nie wissen, welche zerbrochenen Seelen und Scherben im Sinne der Kabbalah in ihnen steckten." Die Frage, ob denn die Juden an allen Verfolgungen, Zwangstaufen, Pogromen und sogar am Antisemitismus selber schuld seien, beendete schließlich das Gespräch.
 
Eigentlich wollte der "Rabbi" der Welt mitteilen, wie sie am Wesen der Kabbalah genesen werde, sowie die Juden den spirituellen Weg der Kabbalah gemäß der Lehre des "Rabbi" Laitman akzeptiert hätten. Schlagartig werde es weder Kriege noch Antisemitismus geben.

(c) Ulrich W. Sahm, hagalil.com

Category: Religion
Posted 12/08/08 by: admin



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Comments

Smile wrote:
Sehr geehrter Herr Sahm,

ich werde aus Ihrem Artikel nicht ganz schlau - was wollen Sie eigentlich aussagen?

Dass Ehrenurkunden nicht zu Medikamentenschachteln und Weinflaschen passen?
Dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Herrn Laitman plus die Filialen erschwerte Arbeitsbedingungen haben?
Dass Spenden eher dazu verwendet werden sollten, ein prunkvolles Kabbalah Lerncenter zu finanzieren?

Dass Sie gebeten wurden, Laitman nicht über den Holocaust zu interviewen - ihn aber listenreich ausgetrickst haben, indem Sie fragten, warum er nicht darüber sprechen wolle?
Dass Herr Laitman diese Frage nicht nach Ihren Wünschen beantwortet hat und Sie darüber ärgerlich sind?

Oder aber wollen Sie damit etwa das Gegenteil von alldem ausdrücken?

Oder dass Sie eine Vorliebe für Anführungszeichen und das Wort Rabbi haben?

In diesem Sinne: Ein roter Faden und ein bisschen mehr "Information" über Kabbalah von Bnei Baruch wäre schön gewesen.

Elisa, Studentin bei Rav Laitman
12/15/08 19:32:38

Indra wrote:
Aus Deinem Kommentar wird man aber schon schlau, Elisa? Infos über Kabbalah von Bnei Baruch kann man sich bestens im Internet besorgen.

Ich finde den Artikel sehr interessant und einen roten Faden auch sehr deutlich: dass nämlich der gute Rav Laitman das selbe in Grün ist wie der feine Rav Berg und sein Kabbalah-Imperium. Ein bisschen bescheidener halt noch..

Dass man ihn NICHT zur Shoah befragen soll, und dass das vorher diktiert wird, finde ich durchaus ebenfalls sehr interessant. Offensichtlich sind sich die Mitarbeiter ja durchaus darüber bewusst, dass Laitmans Antworten abschreckend wirken können.

Man wollte sich wohl einen Journalisten kaufen, der die Werbetrommel rührt, das hat nicht geklappt. Ein guter roter Faden!

Deswegen kann man natürlich trotzdem Kabbalah lernen..

Indra
12/17/08 09:32:40

wrote:
Ich kann schon verstehen, dass solche Antworten, wie sie Herr Sahm wohl zum ersten Mal in seinem Leben gehört hat, auf einen aufgeklärten modern-säkularen, vielleicht auch atheistischen Menschen, abschreckend wirken. Was Laitman hier sagte, muss für europäisch postmoderne Ohren zumindest hinterwäldlerisch, wenn nicht sogar skandalös klingen.

Dabei ist nichts davon neu oder gar erstaunlich. Nicht nur Kabbalisten glauben an G'tt, doch wenn G'tt die Welt erschaffen hat und alles was in ihr ist, wenn er ewig ist und allmächtig, dann hat er auch alles zugelassen, was in dieser Welt je geschah und noch geschehen wird.

Warum und wieso und was der Sinn dahinter sein mag, wird weitgehend undurchsichtig und unverständlich bleiben. Trotzdem kann man G'ttes Verantwortung durchaus erkennen und deshalb wollte Rabbi Yitzhak von Berditschev G'tt einmal vor Gericht zerren, für das Unrecht und das Elend, das der Welt und dem Volk Israel in dieser Welt geschieht.

Für ihn war G'tt überall und so ist es auch heute noch die Lesart, zumindest bei den Juden, die an G'tt als den ewigen Schöpfer des Universums glauben.

Das Judentum behauptet, der Mensch habe im September vor 5769 Jahren seinen Geburtstag gehabt. Was sagt die exakte Wissenschaft?
Die Anhänger des Judentums, sagen, die Torah kam von G'tt zu Moses, Abraham schrieb das Sefer Jezira, Salomon Kohelet, Bar Jochai den Sohar. Die größten Lehrer Israels erklärten die Tempelzerstörungen als von G'tt verhängt, zumindest zugelassen, wenn nicht herbeigeführt. Und sie interpretierten noch einen Sinn hinein in die Leichenberge. Millionen waren elend umgekommen, erhängt, gekreuzigt, verdurstet. Die Täler um Jerusalem stanken zum Himmel und waren gefüllt mit erschlagenen und verhungerten Kindern.

Vielleicht ist es geschmacklos, hier noch Sinn zu suchen und auf viele muss es abstoßend wirken, wenn solches gerechtfertigt wird und dabei auch noch G'tt erwähnt wird. Aber Laitman ist nicht der erste der das tut.

Nach Auschwitz haben viele Juden, die vorher religiös waren, dem Glauben den Rücken gekehrt. Viele aber auch nicht. Andere stritten mit G'tt und der Welt, oder mit der Welt und G'tt. Es gibt viele Antworten und noch mehr Fragen, viele Zweifel und viele die verzweifelt sind. Welcher Mensch ist in der Lage, dies alles zu begreifen?

"Wer ergründet G'ttes Wege", fragten schon Israels Könige vor Jahrtausenden.
Aber vielleicht gab es diese Könige auch nicht. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse ziehen auch dies in Zweifel.
Längst wurde das V.Buch Mose in die Zeit Esras datiert. Davids Jerusalem war demnach ein windiges Bergdorf. Salomons Tempel ein zugiges Gemäuer.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Nicht nur Kabbalisten, alle religiöse Juden, werden von diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen kaum berührt.
Das ist der Unterschied zwischen der religiösen Schöpfungsidee und säkular-wissenschaftlichem Atheismus.
Und anscheinend fehlte beiden Gesprächspartnern die Bescheidenheit, die Moses so sehr auszeichnete.
12/17/08 23:52:56

Sibille wrote:
Also ich habe hier zwei Bücher von Laitman, habe auch schon in andere reingeschaut, und ich habe nirgendwo gesehen, dass er als Rabbi bezeichnet wird. Vielleicht etwas eitel im Umschlag die Bezeichnung Prof. Dr. M. Laitman. Das passt dann zu den erwähnten Urkunden, nehme ich mal an.

Vielleicht hat Sahm die hebräische Höflichkeitsanrede Rav mit dem deutsch-formellen Titel Herr Rabbiner, Landesrabbiner etc. verwechselt.
In Deutschland ist man da, wie mit fast allem, wohl etwas penibler. Allerdings habe ich auch den Ausdruck Rav in keinem der Bücher gelesen. Was ist daran so tragisch, wenn ihn seine Anhänger so ansprechen?

Zum Inhalt der Bücher ist mir aufgefallen, dass Laitman jede esoterische Ader fehlt, er derartiges sogar ablehnt. Lebensratgeber wie bei Berg wird man hier also nicht finden. Insofern ist Laitman, was das Inhaltliche betrifft, eher das Gegenteil von Berg.
12/18/08 11:31:29

rakusik wrote:
Sicherlich ein sehr junger "Journalist", denn seine rhetorhischen Stilmittel wirken unbeholfen und durchsichtig. Hier wird versucht Kabbalah als etwas dümmlich unglaubwürdiges darzustellen, jedoch so unbholfen, dass es schon das Gegenteil erreicht.
03/18/15 10:31:03

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