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Auch Araber sind es leid, Israel für alles zu beschuldigen

„Wenn es so ist, unterstützen alle eine Normalisierung“, überschreibt Tarek Alhomayed, Chefredakteur der Zeitung Asharq Alawsat einen kürzlich erschienenen Artikel. „Wenn der interreligiöse Dialog, der auf saudische Initiative in New York stattgefunden hat, gemäß der iranischen Definition und ihrer arabischen Lobby Normalisierung ist, dann unterstützen alle die Normalisierung. Wo ist beispielsweise der entschiedene Standpunkt – des Iran und seiner Freunde – angesichts der Artikel von Ahmed Yossef, einem Berater von Ismail Haniyeh, in der israelischen Presse? Wo stehen sie in Bezug auf die Waffenruhe der Hamas mit Israel? Wo stehen sie in Bezug auf die Worte des Beraters des syrischen Präsidenten Buthaina Shaaban, der in den indirekten Friedensgesprächen zwischen Israel und Syrien die richtige Wegmarke erkennt?“...

Von Zvi Bar’el, Haaretz vom 28.11.08

Der Hohn von Alhomayed über die Kritiker des interreligiösen Dialogs macht hier nicht Halt. Er staunt über die Positionen der Hisbollah, wonach „seine Medien nichts auslassen, was in Israel veröffentlicht wird, einschließlich von Kommentaren von Israelis und Zitaten der Sprecher israelischer Führer“.

Selbstverständlich kann man einwenden, dass Alhomayed als Redakteur einer von den Saudis finanzierten und in London erscheinenden Zeitung der Linie des Königshauses verpflichtet ist, und wenn die Initiative zum interreligiösen Dialog eine Initiative von König Abdallah ist, sind auch die ihm nahe stehenden Medien der Initiative verpflichtet. Alhomayed, dessen Kommentare von Millionen von Arabern und Muslimen auf aller Welt gelesen werden, wusste in der Vergangenheit auch derartige Initiativen zu kritisieren.

Alhomayed ist kein außergewöhnliches Beispiel. Auf der arabischsprachigen Website ‚Der kulturelle Dialog’ sind mehr als 2200 Autoren und Intellektuelle eingetragen, die die Situation der arabisch-muslimischen Kultur und Gesellschaft mit kritischem Blick prüfen. Auf der Website ‚Arabische Reform’ analysieren Dutzende von Publizisten aus liberal-säkularer Perspektive, was in den arabischen Staaten vor sich geht. Ein derartiger Diskurs hat es schwer, erfolgreich mit den Websites der radikalen Organisationen umzugehen, insbesondere da liberale Publizisten wie der Ägypter Said Al-Kamni und der Tunesier Lafif Lakhdar bereits Morddrohungen erhalten haben. Aber ihre Entschlossenheit ermutigt die Ausweitung des Kreises von Protagonisten des neuen Diskurses.

So hat bspw. Turki Al-Khamad, ein saudischer Intellektueller, der im Westen studiert hat, jüngst einen eindringlichen Artikel in Asharq Alawsat veröffentlicht, in dem er die Araber dafür kritisiert, dass sie sich noch nicht von dem Israel-Komplex befreit hätten. „Israel und der Zionismus waren immer die Achse, um die sich die Grundlagen der modernen arabischen politischen Kultur gedreht haben. Sie waren der Kompass, der normalerweise die Richtung der arabischen Staaten bestimmt hat, und außerdem die zentrale ‚Ausrede für jedes Scheitern und jede Tragödie im Leben der Araber. …Als ob es ohne Israel keine arabische Auswanderung, keine Rückständigkeit, kein Analphabetentum und keine Krankheiten geben würde… sucht doch nach Israel und dem Zionismus.“

Von hier geht Al-Khamad zu einer sarkastischen Kritik an der Neigung arabischer Kommentatoren, dem designierten US-Präsidenten Barack Obama allein deswegen eine pro-israelische Einstellung zu attestieren, weil er Rahm Emanuel zu seinem Stabschef im Weißen Haus ernannt hat. „Die argumentative Basis bei vielen der arabischen Kommentatoren liegt in der Überzeugung, dass es einen jüdischen Einfluss auf die amerikanische Politik gibt, und insofern müssten sie letztendlich das Ausmaß dieses Einflusses bestimmen und nicht, ob es diesen Einfluss überhaupt gibt.“

Al-Khamad empfiehlt den Arabern eine Abkehr von der traditionellen Einstellung, „die all ihre Probleme um ein einziges Problem gruppiert, das palästinensische Problem; und dadurch werden sie zu dessen Gefangenen… Palästina ist ein arabisches Problem, kein Zweifel… aber man muss es von den märchenhaften Illusionen befreien und auf den Boden der Tatsachen zurückbringen, damit es nicht weiter der Kompass bleibt, der die Richtung weist, oder die kulturelle Achse, die die Politik bestimmt… Israel darf nicht unsere Hauptsorge sein, und das Palästina-Problem nicht unser höchster Lebenszweck. Denn selbst wenn Israel völlig untergehen und ein palästinensischer Staat vom Jordan bis zum Mittelmeer entstehen würde, wird die Lage die gleiche bleiben… wir würden ein anderes Israels suchen, das als Vorwand dient für das, was passiert ist, und das, was passieren wird.“

Und was sind die Hauptprobleme, mit denen sich die Araber befassen müssen? Darauf antwortet Ghassan Charbel, Redakteur der internationalen Zeitung Al-Hayat, die ebenfalls in London erscheint. Er gibt zu, dass ihn der Neid packt angesichts des gewaltigen technologischen Erfolgs Indiens, das eine Raumsonde auf den Mond geschickt hat. „Der Neid geht dahin, dass Indien, wenn es die Lebensweise von uns, den Arabern, angenommen hätte, heute ein Ozean von Hungernden und Arbeitslosen wäre… trotz meines Interesses an der indischen Raumsonde, die auf den Mond geschossen wurde, habe ich die Nachrichten aus der arabischen Welt verfolgt, die immer angenehm und ermutigend sind. So zum Beispiel die Nachricht, dass die Zahl der Analphabeten in der arabischen Welt die Hundert Millionen erreicht hat. Daraus folgt, dass die Zahl der arabischen Analphabeten die Einwohnerzahl eines großen Landes wie Deutschland mit Leichtigkeit übersteigt. Man kann dem noch die Zahl der Analphabeten in technologischer Hinsicht und der halben Analphabeten hinzurechnen.“

Ein solcher Leitartikel auf der ersten Seite von Al-Hayat schafft nicht nur einen Diskurs; er ist selbst Resultat eines Diskurses, der schon seit langem legitim geworden ist, wenngleich man davon in Israel noch wenig weiß.

Category: Nahost
Posted 12/05/08 by: admin



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