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Entschädigung: "Die Deutschen sind billig davongekommen"

Wäre Hitler am Leben geblieben, würde er heute eine Monatsrente in Höhe von 3000 Euro beziehen. Auch Eva Braun würde eine ansehnliche Rente erhalten. Die Angehörigen von Heydrich, Himmler, Göring und Streicher erhielten von der deutschen Regierung großzügige Monatsrenten und Entschädigungen für das Leid, das ihnen im Krieg widerfahren ist, Summen zwischen 3000 und 3800 Euro. Die Juden hingegen erhalten von Deutschland weitaus bescheidenere Renten und Zahlungen, zwischen 170 und 570 Euro im Monat. Bestenfalls...

Von Sara Leibowitz, Maariv v. 18.06.2008

In einem neuen Buch mit dem Titel „Die biologische Lösung“, das dieser Tage erscheint, behauptet der Journalist Raoul Teitelbaum, eine Million Holocaustüberlebende in aller Welt seien gestorben, ohne überhaupt entschädigt worden zu sein. Er sagt, nur eine halbe Million Überlebende hätten Renten und Zahlungen erhalten, ein Teil davon lächerliche Summen, wie z.B. drei Dollar für jeden Tag in Auschwitz. „Der Titel des Buchs deutet auf seinen Inhalt hin“, sagt er. „Letzten Endes werden alle Überlebende sterben, und dann brauchen sie überhaupt nichts mehr bezahlen. Das Problem hat eine biologische Lösung.“

Sein Zorn richtet sich in erster Linie gegen Deutschland. „In der letzten Zeit entstand in den Medien der Eindruck, der Staat Israel habe die Überlebenden im Stich gelassen, während die deutsche Regierung ihnen großzügige Summen zahlt“, sagt Teitelbaum (77). „Die Realität sieht anders aus. Die Deutschen sind billig aus dem Holocaust davongekommen. Die Entschädigungszahlungen an die Juden waren ihre Eintrittskarte in die Völkerfamilie, und diese Karte war sehr billig.“

Wie billig?

„Berechnungen ergeben, dass jeder Deutsche auf ein halbes Glas Bier im Monat verzichten musste, um die Holocaustüberlebenden zu entschädigen“, sagt Teitelbaum. „In den ersten 13 Jahren nach dem Krieg erhielten die deutschen Kriegsopfer Entschädigungszahlungen, die 11 mal höher waren als die, die an die Opfer des NS-Regimes gezahlt wurden. Es gab Jahre, in denen nur 270.000 der Holocaustopfer Entschädigung erhalten haben, jedoch 2,6 Millionen deutsche Kriegsopfer. Für die Toten wurde überhaupt nichts bezahlt. Es wäre den Deutschen weitaus billiger gekommen, wenn sie alle Juden vernichtet hätten, denn dann hätten sie gar nichts bezahlen müssen.“

Fünf Jahre lang hat Teitelbaum, ein Wirtschafter, Journalist und selbst Holocaustüberlebender, das Thema der persönlichen Zahlungen an Holocaustüberlebende erforscht. „Niemand hat sich darum gekümmert, was mit den Holocaustüberlebenden nach dem Krieg passiert, weder die israelische Regierung, die sich nicht eingemischt hat, noch Deutschland, wo die Öffentlichkeit es ablehnte, die Überlebenden zu entschädigen“, erklärt Teitelbaum, der sogar vor dem Dorner-Komitee aussagte, das die Hilfe für die Holocaustüberlebenden untersucht und am kommenden Sonntag der Regierung seine Schlussfolgerung vorlegen wird. „Die Aussage Teitelbaums hat unsere Befunde stark beeinflusst“, sagt Richterin Dalia Dorner, die dem Komitee vorstand.

Die ersten, die den Gedanken der Entschädigungszahlungen ansprachen, waren ehemalige Deutsche, die das Land vor dem Krieg verlassen hatten und bereits während des Kriegs begannen, die Frage zu erörtern, welche Entschädigung sie von Deutschland für ihren Besitz erhalten werden. Letzen Endes, so Teitelbaum, waren es auch sie, die die meisten Zahlungen erhielten. Laut Berechnungen des deutschen Finanzministeriums gingen 40% aller Entschädigungszahlungen, die in Israel lebende Naziverfolgte erhielten, an ehemalige Deutsche, obwohl diese nur 10% der Holocaustüberlebenden ausmachen.

Acht Jahre nach dem Krieg wurde in der Bundesrepublik das Gesetz für Entschädigungszahlungen an Holocaustopfer verabschiedet. „Dieses Gesetz war das erste Glied einer Kette von Ungerechtigkeiten, die dazu führte, dass eine Million Überlebende niemals entschädigt wurde“, sagt Teitelbaum. „Das ist auch das Gesetz, das mich dazu veranlasste, das Thema zu erforschen. Ich habe einfach nicht verstanden, was hier los ist.“

Und was ist los?

„Das deutsche Gesetz legte einige Einschränkungen fest. Eine davon war eine geographische Einschränkung- Überlebende aus dem Ostblock konnten wegen des Kalten Kriegs keine Zahlungen erhalten. Das Gesetz legte auch fest, dass ehemalige Deutsche und Angehörige des deutschen Kulturkreises, die an Gesundheitsschäden auf dem Niveau von 25% Behinderung leiden, eine Monatsrente erhalten können. Das Gesetz ist ein Skandal. Warum muss ein Opfer der Nazis dem deutschen Kulturkreis angehören, um Entschädigung zu erhalten? Das ist so absurd, dass ein normaler Mensch es überhaupt nicht begreifen kann. Dieses Kriterium ist die Grundlage für die Verzerrung des gesamten Systems.“

Was bedeutete dieses Gesetz konkret?

„Das Gesetz war sehr komplex und kompliziert, und es war schwierig, nach diesem Gesetz Zahlungen zu erhalten. Die Bearbeitung der Akten nahm sehr viel Zeit in Anspruch, ungefähr fünf Jahre. Alle Forderungen waren absurd. Wer Entschädigung für konfiszierten Besitz forderte, musste den Namen des Lieferanten angeben, das Kaufsdatum und den Preis, der für den Besitz bezahlt wurde. Witwen mussten Beweise für den Tod ihrer Männer in Auschwitz erbringen. Atteste israelischer Ärzte wurden in Deutschland noch einmal geprüft, da die Deutschen den Verdacht hegten, die Juden würden lügen. Das Ergebnis war, dass nur 277.000 Juden in aller Welt, davon 170.000 in Israel, eine Monatsrente aus Deutschland erhielten, die meisten aus Deutschland, Österreich, Tschechien und Bukowina.“

Gab es Grund für den deutschen Verdacht auf Betrügereien und die Möglichkeit, dass Personen, die keinen Anspruch haben, Entschädigung erhalten?

„Bei einem Symposium stand einmal ein Professor auf und sagte, die komplizierte deutsche Gesetzgebung habe die Antragsteller dazu gezwungen zu lügen. Ich möchte mich nicht darauf konzentrieren, denn letzten Endes hätte Deutschland sehr viel mehr zahlen müssen, als es gezahlt hat. Man muss verstehen, dass man auch lügen musste, um am Leben zu bleiben. Nicht die Juden sind an den kleinen Betrügereien schuld, sondern diejenigen, die diese Umstände geschaffen haben. Letzten Endes waren es die Anwälte, die den Überlebenden halfen, die aus dem Gesetz profitiert haben.“

Im Verlauf der Jahre wurde das Gesetz mehrmals geändert.

„Auch wenn sie die Kriterien ein wenig verändert haben- wie z.B. , dass ein Jahr in den Lagern genügt, um 25% Behinderung zu erhalten- traf das Gesetz dennoch auf die meisten Holocaustüberlebenden nicht zu. Viele der Überlebenden waren nicht im Lager und waren deshalb nicht von dem Gesetz betroffen. Die meisten Juden, die in den Vernichtungs-und Konzentrationslagern waren, sind dort ja umgekommen. Auch nachdem die Kriterien flexibler gemacht wurden, befanden sich Hunderttausende Überlebende noch immer außerhalb des Gesetzrahmens.“

Aber auch diejenigen, auf die das Gesetz nicht zutraf, erhielten doch letzen Endes Zahlungen von Deutschland.

„100.000 Überlebende erhielten eine einmalige Zahlung. Deutschland war bereit, fünf DM, drei Dollar, für jeden Tag in einem KZ zu zahlen oder für jeden Tag, an dem ein Judenstern getragen wurde. Konrad Adenauer sagte, Deutschland sei in einer schweren wirtschaftlichen Lage und könne nicht mehr zahlen. Um diese Zahlung zu erhalten, musste man keine Verbindung zur deutschen Kultur beweisen, aber scheint es Ihnen fair, für einen Tag in Auschwitz drei Dollar zu erhalten? Und diejenigen, die sich versteckt hielten, waren ganz aus dieser Regelung ausgeschlossen.“

Wer keine Zahlungen von Deutschland erhielt, konnte Zahlungen vom israelischen Finanzministerium erhalten.

„Bisher haben nur 42.000 Überlebende Zahlungen vom israelischen Finanzministerium erhalten. Das israelische Gesetz wurde 1957 verabschiedet, und es ist ein äußerst strenges Gesetz mit schärfsten Kriterien. Das Gesetz gewährt zwar jedem, der unter Naziverfolgung gelitten hat und zu 25% behindert ist, Zahlungen, aber um die Behinderung zu erhalten, macht man den Überlebenden die Hölle. Es gab schon Eingaben beim Obersten Gericht, Debatten in der Knesset und noch viele andere Bemühungen, aber es ist noch immer sehr schwer, in den israelischen Gesetzrahmen zu passen. Und auch wenn Sie Glück haben und alle Kriterien erfüllen, erhalten Sie letzten Endes eine Rente, die um ein Drittel niedriger ist als die aus Deutschland. Die Zahlungen, die der Staat Israel aus Deutschland erhielt, beliefen sich auf 800 Millionen Dollar, und die Zahlungen, die der Staat den Überlebenden leistete, belaufen sich auf fünf Milliarden Dollar. Wie gesagt, Deutschland ist billig davongekommen.“

Verschiedene Berechnungen zeigen, dass Deutschland den Opfern des Nazismus fast 100 Milliarden Dollar zahlen wird.

„Nicht die ganze Summe erreicht die jüdischen Opfer. Verschiedene Forschungsarbeiten zeigen, dass sich der materielle Schaden, der den Juden aus dem Holocaust entstanden ist, auf zwischen 230 und 380 Milliarden Dollar beläuft. In Frankreich wurden Bibliotheken konfisziert, die in jüdischem Besitz waren und 20 Millionen Bücher beinhalteten. Aus Frankreich, Belgien und Holland brachten die Deutschen 30.000 Eisenbahnwaggons gefüllt mit von Juden geraubten Möbeln, Kunstwerken und Gemälden nach Deutschland. Ganz zu schweigen von dem Verlust der potenziellen Einnahmen und dem Wert der Zwangsarbeit. Die Deutschen werden nur ein Viertel des Werts des geraubten Besitzes zurückzahlen.“

Die diversen Fonds geben doch aber Auskunft über die deutsche Bereitschaft zu helfen.

„Das deutsche Entschädigungsgesetz ist im Jahre 1969 außer Kraft getreten. Um denen zu helfen, die den Ostblock nach 1969 verlassen haben, hat Deutschland diverse Notfonds eingerichtet, die einmalige Hilfe leisten. Eines der Kriterien, aus diesem Fonds Gelder zu erhalten, ist ein Einkommensnachweis. In anderen Worten, wer im Holocaust war, der muss auch arm sein, um Geld aus dem Fonds zu erhalten. Dieses Geld verteilt die Claims Conference als Subkontraktor der Deutschen, und auch die Arbeit dieser Organisation wird in der letzten Zeit von vielen Stellen überprüft.“

Bis in die 90-er Jahre, so Teitelbaum, gab es in der Jewish Claims Conference (JCC) überhaupt keine Vertreter der Holocaustüberlebenden. Ein besonderer Fonds soll eine Monatsrente für diejenigen Überlebenden finanzieren, die keine Entschädigung erhalten haben, aber die Kriterien sind sehr streng: Nur wer ein halbes Jahr in einem KZ war, anderthalb Jahre in einem Ghetto oder anderthalb Jahre in einem Versteck, und dessen Einkommen unter einer gewissen Summe liegt, kann eine Rente von 270 Euro erhalten. „22.000 Israelis beziehen diese Rente“, sagt Teitelbaum. „Es ist nett, dass die Gesetze immer wieder korrigiert werden, es ist nur schade, dass die Empfänger unterdessen sterben. Jeden Tag sterben in Israel 30 Holocaustüberlebende. Deshalb habe ich mein Buch ‚Die biologische Lösung’ genannt, denn die Leute sterben, bevor sie Zahlungen erhalten.“

Teitelbaum ist im Kosovo geboren und aufgewachsen. Als er acht Jahre alt war, brach der Krieg aus, und mit 11 Jahren schloss er sich einer Untergrundgruppe des jugoslawischen Führers Tito an. Anfang 1944 wurde er mit seinen Eltern nach Bergen Belsen deportiert. Sein Vater kam ums Leben, Teitelbaum und seine Mutter überlebten. Sie kehrten in den Kosovo zurück, und im Jahre 1949 wanderten sie nach Israel aus. Teitelbaum studierte Wirtschaft und Geschichte an der Hebräischen Universität und war Aktivist in der Studentenorganisation der kommunistischen Partei Israels.

Nach seinem Studium begann er als Journalist bei der Parteizeitschrift „Stimme des Volkes“ zu arbeiten, und danach war er in linken Parteien aktiv und arbeitete bei Jedioth Achronot. Seine letzte Funktion in der Zeitung war Korrespondent in Deutschland, wo er auch die Recherchen für sein Buch begann. „Die Frage, die mich in den drei Jahren meines Deutschlandaufenthaltes beschäftigte, war, wie der Holocaust sich im Herzen Europas ereignen konnte, nicht in einer fernen Ecke in Afrika, sondern inmitten einer so kulturellen Nation“, erinnert er sich. „Deutschland hat sich natürlich verändert, aber die Frage lautet, wie das deutsche Volk auf eine große Krise reagieren würde, eine Krise wie vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs. Auf diese Frage gibt es keine Antwort.“

In Ihrem Buch wenden Sie sich gegen die strengen Kriterien, die es verhinderten, dass Überlebende Zahlungen erhalten. Aber wenn Geld verteilt wird, müssen doch auch Kriterien festgesetzt werden.

„Natürlich braucht man Kriterien, und die Frage ist, welche. Meiner Meinung nach hätte das einzige Kriterium sein müssen: Wer war dort. Jeder, der in jener Zeit gelitten hat, hätte entschädigt werden müssen. Wie kann das Kriterium gerechtfertigt werden, dass eine Entschädigung davon abhängt, ob man dem deutschen Kulturkreis angehört hat?“

Haben Sie und Ihre Mutter Zahlungen aus Deutschland erhalten?

„Meine Familie hat zufällig alle Kriterien erfüllt. Meine Mutter und mein Vater sind in Österreich aufgewachsen, mein Vater hat in Wien Medizin studiert. Das ändert jedoch nichts an meiner Meinung. Ich wende mich mit aller Schärfe gegen dieses Kriterium, und ich glaube, dass einer Million Überlebenden, die keinerlei Entschädigung erhalten haben, großes Unrecht getan wurde.“

Medienspiegel der Deutschen Botschaft Tel Aviv

Category: Deutschland
Posted 06/19/08 by: admin



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