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Judentum und Israel
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60 Jahre Israel: Die Rolle des Militärs in Israel

Drei Jahren für Männer und zwei Jahre für Frauen. Solange dauert der Pflichtdienst bei der israelischen Armee. Echte Wehrdienstverweigerer gibt es kaum. Drückeberger stehen zunehmend in der Kritik: ultraorthodoxe Juden und Araber. Debattiert wird „nationaler Zivildienst“ als Antwort auf arabische Rufe nach Gleichberechtigung, jedoch ohne Pflichten erfüllen zu wollen...

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 3. April 2008

Für Orthodoxe hat die Armee den „frommen Nachal“ errichtet, wo sie dienen und Talmud studieren können. Wehrdienst gilt in Israel als Selbstverständlichkeit. Hetzreden arabischer und iranischer Politiker und Kassamraketen auf Sderot sorgen für eine hohe Motivation, in kämpfenden Einheiten die „Heimat zu verteidigen“. In Israel ist das kein hohler Spruch, solange das Existenzrecht eines „jüdischen Staates“ in Frage steht. Der Holocaust lehrt junge Israelis, dass Vernichtungsträume schnell Wirklichkeit werden können. Schüler erfuhren das spätestens, als ihre Klassenkameraden in explodierenden Bussen getötet wurden.

Nicht-fromme Verweigerer sind verpönt. Aber der Popsänger Aviv Gefen schaffen es bis in die Spitzenplätze der Hitparaden, sogar bei den „Wellen Zahals“, dem populären Armeesender, wo Soldaten das Programm machen und jugendlich frisch moderieren. Wehrdienstverweigerer Gefen sang sogar zu Ehren von Ex-Generalstabschef Jitzhak Rabins bei der Friedensdemonstration am 4. November 1995, die mit drei tödlichen Schüssen des Jigal Amir endete.

Drusen, eine muslimische Sekte, werden zwangsrekrutiert, seitdem die Drusenführer vor 1948 den Juden Treue geschworen haben. Sie tragen in den besetzten Gebieten die Bürde des unsanften Umgangs mit Palästinensern. 89 Prozent aller jungen Drusen dienen, aber nur 72 Prozent der Juden. Auch Beduinen, arabische Wüstennomaden, werden zwangsrekrutiert. Sie leisten den gefährlichsten aller Jobs bei der Armee. Wenn die Kompanie angegriffen wird, trifft es die Beduinen an der Spitze von Patrouillen als Erste. Doch in der Beduinengesellschaft ist der Heldentod keine Ehre. Der Name eines gefallenen Beduinensoldaten im März wurde auf Wunsch seiner Familie nicht veröffentlicht. Er war bei Gaza von palästinensischen Scharfschützen erschossen worden. Die Familie befürchte Diskriminierung durch andere Beduinen, hieß es.

Einige israelische Araber, Moslems wie Christen, melden sich freiwillig. Diese 1,2 Millionen Israelis bezeichnen sich Palästinenser und stellen 20 Prozent der Bevölkerung. Dass Araber freiwillig dienen, erfährt die Öffentlichkeit nur, wenn einer dieser Soldaten fällt und muslimische Geistliche das Begräbnis verweigern. Eine graue Decke bedeckte den Sarg anstelle der Nationalflagge.

Freiwilliger Militärdienst hat viele Gründe. Wer nicht dient, kann drei Jahre früher studieren oder arbeiten. Aber im Berufsleben verschließen sich Türen. Das Land befindet sich im Kriegszustand. Ein „Profil 21“, Ausschluss vom Militärdienst, erhalten auch körperlich oder geistig Behinderte. Manche dienen aus Ehrgeiz oder nationalistischen Motiven, dennoch. Man muss nicht laufen können, um am Computer zu sitzen und keine geistigen Fähigkeiten besitzen, um Kartoffeln zu schälen.

Seit jeher ist die israelische Armee ein Schmelztiegel. Jugendlichen der statistischen Rubrik „Andere“, 300.000 nicht-jüdische Angehörige von russischen Einwanderern, liefert die Armee den Schlüssel für die gesellschaftliche Akzeptanz: Konvertierungskurse. Etwa 6000 beenden pro Jahr ihren Militärdienst als beschnittene Juden.

Sozial benachteiligte und kleinkriminelle Jugendliche galten als „ungeeignet“. Generalstabschef Rafael Eitan schuf das Projekt „Raful-Jugendliche“ und rettete junge Menschen vor dem Abgrund.

Das Klischee, wonach Israel ein „militaristischer“ Staat sei, hat nie gestimmt. Die genannten Beispiele zeigen, wie die Zivilgesellschaft der Armee soziale Aufgaben aufbürdet.

Viele Politiker haben keine Militärkarriere gemacht: David Ben Gurion, Golda Meir, Menachem Begin und Ehud Olmert. Schimon Peres, Vater des Atomprojekts, Verteidigungsminister, Regierungschef und heute Staatspräsident, war nie Soldat. Eine Offizierslaufbahn besagt nichts über die politische Ausrichtung. Die Generalstabschefs Jitzhak Rabin und Ehud Barak zählen zum linken, die Generale Effi Eitam und Ariel Scharon zum rechten Lager.

Die israelische Armee bewegt sich außerhalb des politischen Spiels. Allein Politiker beschließen, was die Armee zu tun hat: Angriff, Feuer einzustellen oder Rückzug. Militärs entscheiden über die Ausführung. Generalstabschef Dan Halutz führte den Libanonkrieg 2006 zunächst nur mit der Luftwaffe. Der gewünschte Erfolg blieb aus. Also beschloss die Regierung, mit Bodentruppen einzumarschieren.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com

Category: Armee
Posted 05/05/08 by: admin



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