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Beste aller Frauen

Eine neue Ausstellung im Jüdischen Museum Wien, 16. 5. - 18.11.2007...

Von Alexandra Bader, CeiberWeiber

Am 15.Mai 2007 wurde die Ausstellung "Beste aller Frauen" der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei stellten die Kuratorinnen Gabriele Kohlbauer-Fritz und Wiebke Krohn jüdische Frauen unter dem Aspekt der Religion in den Mittelpunkt. Textilien spielen eine zentrale Rolle, wie BesucherInnen gleich beim Eingang merken, wo Kleider aus der Sammlung der Dichterin Elfriede Gerstl rotieren. Sie überlebte als Kind im Versteck und erlebt dabei immer wieder, wie die Mutter Koffer packen, Kleidung zurücklassen und einen anderen Unterschlupf aufsuchen mußte. Der Verlust der Kleidung hat für sie etwas von einem Identitätsverlust, sodass sie später leidenschaftliche Sammlerin wurde (und ihre "Beute" bei Soirees mit Essen und Trinken wieder verkaufte).

Ein "textiles Element", wie moderne Austellungs-GestalterInnen sagen würden, sorgte auch für den Titel "Beste aller Frauen": der Toravorhang, den Zwi Todesco 1833 dem Wiener Stadttempel gestiftet hatte, trug nämlich diese Widmung in Andanken an seine erste Ehefrau Fanny geborene Hirschmann, die bei der Geburt des siebten Kindes mit 28 Jahren starb. Gefertigt wurde der Vorhang, der im Lauf der Jahre arg ramponiert und für die Ausstellung restauriert wurde, aus dem Brautkleid von Tochter Nina. Handarbeiten waren für viele Frauen ein Weg zum eigenen Erwerb, was Emilie Bach (1840 - 1890) mit der Gründung von Schulen förderte. Die Direktorin der "Fachschule für Kunststickerei", auf der Mädchen unter anderem auch Weißnäherei lernten, wurde auch über die Landesgrenzen hinaus als Unternehmerin bekannt und zur Staatsbeamtin ernannt, was für eine Frau eine außergewöhnliche Ehre darstellte.

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Auf derlei Schulen lernten die Mädchen schließlich auch Buchhaltung und Fremdsprachen, erfuhren also umfassendere Bildung. Frauen, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen mußten, waren auch in der jüdischen bürgerlichen Welt oft karitativ tätig. Judith Ofenheimer und Judith Lewinger gründeten 1816 den "Israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein, dem 1847 der "Theresien-Kreuzer-Verein zur Unterstützung armer israelitischer Schulkinder" und 1867 der "Mädchen-Unterstützungs-Verein" folgten. Wie auch bei "nichtjüdischen" Frauen sorgte die eigenständige wohltätige Arbeit dafür, das eigene Selbstbewußtsein zu stärken. Zuerst engagierten sich die politisierten Frauen in der bürgerlichen Frauenbewegung, stellten jedoch fest, dass besonders nach dem Ersten Weltkrieg dort antisemitische Tendenzen zunahmen.

Viele wandten sich enttäuscht dem Zionismus zu wie Anitta Cohen, die die Flüchtlingshilfe der Gemeinde Wien organisierte. Andere gingen in die Sozialdemokratie wie Therese Eckstein oder Käthe Leichter (1942 in Ravensbrück ermordet). Julie Schlesinger (1815 - 1907) ist für Engagement im Bereich der Wohltätigkeit bekannt und errichtete 1874 mit Cäcile Adler und Dr. Kühn die erste israelitische Volksküche. Später wurde sie Ehrenpräsidentin des Österreichischen Taubstummen-Instituts. Leicht gerieten Frauen, die einengenden Rollenerwartungen zu entsprechen hatten, in die Mühlen der damaligen Stigmatisierung als "psychisch Kranke". Etwa Josephine von Wertheimstein, deren Salon in der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt war, die jedoch in einer unglücklichen Ehe gefangen war und Depressionen entwickelte. Ihre Tochter Franziska litt unter einer "Berührungsneurose" und wurde von Joseph Breuer behandelt, wie auch "Anna O.", die nach dem Tod ihres Vaters körperliche und psychische Störungen entwickelte, die damals als "Hysterie" bezeichnet wurden.

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Urkunde für Julie Schlesinger

Dieses Wort kommt von "Gebärmutter" und ist damit eindeutig der weiblichen Erfahrungswelt zugeordnet. Obwohl belegt ist, dass Freud und Co. unter ihren Patientinnen, mit deren Hilfe immerhin die Psychoanalyse entwickelt wurde, junge Frauen hatten, die unter sexuellen Übergriffen litten, wurden deren Schilderung bald als Fantasie abgetan. Die amerikanische Autorin Helen Epstein ("Kinder des Holocaust") hat für die Biografie ihrer Mutter ("Where She Came From", deutsch "Dreifach heimatlos") das Manuskript einer entfernten Verwandten ihrer Grossmutter Pepi Sachsel ausgegaben: Gisela Saudek verfasste ein "Tagebuch eines jüdischen Mädchens 1897 - 1910". Pepi ging als Teenager von Böhmen nach Wien, war also ein "süsses Arbeitermädel" und damit Freiwild für Männer (ebenso wie Töchter höherer Schichten). Im Tagebuch der Gisela Saudek ist nämlich von sexuellen Belästigungen durch einen Onkel die Rede - eine normale Erfahrung, da jüdische wie nichtjüdische Männer Frauen wie Objekte behandelten.

"Anna O." steht für Bertha Pappenheim (1859-1936) und erfand die "Redekur" eigentlich selbst, die später Psychoanalyse und -therapie genannt werden sollte. 1887 galt sie als geheilt und wurde 1895 in den "Studien über Hysterie" weltbekannt. Bertha Pappenheim war jedoch viel mehr als die Vorzeige-Patientin, sie ging nach Frankfurt, veröffentlichte dort zuerst Märchen für Kinder (später auch Gebete für Frauen, die in der Ausstellung gezeigt werden). Sie engagierte sich wohltätig und leitete ab 1895 ein Waisenhaus für jüdische Mädchen. Deren Schicksale veranlassten sie, sich mit Frauenfragen auseinanderzusetzen und dann auch mit "Mädchenhandel", bei dem auch jüdische Männer die Not armer galizischer Jüdinnen ausbeuteten. Das Warnplakat in der Ausstellung (siehe Bildergalerie zum Artikel) erinnert an moderne Versuche der Aufklärung in wiederum osteuropäischen Herkunftsländern heutiger Opfer.

Pappenheim gründete mit dem "Jüdischen Frauenbund", den sie mit-initierte, 1907 ein Mädchenheim bei Frankfurt. Die folgenden Jahre war sie immer wieder bei internationalen Kongressen gegen Mädchenhandel anzutreffen. Sie prangerte die Praktiken der international agierenden Mädchenhändler an und wandte sich auch allgemein gegen eine Stigmatisierung von Prositutierten und wies auf die Verantwortung der Freier hin. Für sie war eine gute Ausbildung entscheidend, um Frauen vor Abhängigkeiten zu bewahren. Dabei setzte sie besonders auf Schulungen im textilen Bereich, also einer "Frauendomäne", wo Frauen sicherlich relativ leicht Beschäftigung fanden. Sie entspannte selbst beim Verfertigen von Glasperlenketten und sammelte begeistert Spitzen. 1910 übersetzte sie, ihres Interesses für jüdische Frauengeschichte wegen, die Memoiren der Glückel von Hameln.

Aufsehen erregte auch Marie Pappenheim (1882-1966), die 1909 in Medizin promovierte und sich als Tochter aus bürgerlichem Haus der KPÖ zuwandte. Sie trat auch als Dichterin in Erscheinung, veröffentlichte in der "Fackel", widmete sich jedoch bald schwerpunktmäßig linken Sozialprojekten. Ihr Antifaschismus brachte sie kurz in Haft, und 1928 gründete sie mit Wilhelm Reich die "Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sozialforschung". Aus den dort gewonnenen Erfahrungen entstand gemeinsam mit Annie Reich das Buch "Ist Abtreibung schädlich?", das einen Sturm der Empörung auslöste und zu Hausdurchsuchungen führte (Abbruch war damals illegal). 1934 floh sie vor dem Austrofaschismus nach Paris, wurde 1940 von den Nazis ins Lager Gurs gebracht, aus dem sie jedoch nach Mexiko entkommen konnte. Stets, auch im Exil, war sie politisch aktiv und kehrte 1947 nach Wien zurück, wo sie wieder praktizierte.

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Die Kuratorinnen: Gabriele Kohlbauer-Fritz, Wiebke Krohn,
die Gestalterinnen: Natalie Neubauer, Nicole David

Im Gegensatz zu Männern mußten Frauen keine Kenntnisse in Talmud und Tora erwerben, hatten es jedoch schon mal schwerer, als Voraussetzung Hebräisch lernen zu dürfen. Ihre Chancen waren noch am größten, wenn sie aus einer gelehrten Familie ohne männlichen Nachfolger stammten. Als diesem Mangel machten die Frauen jedoch eine Tugend, indem sie an einer religiösen wie säkulären Literatur im von den Frauen gesprochenen Jiddisch mitwirkten, die sich vor allem an Frauen richtete. Frauen, die in Sachen Religion die Grenzen ihres Geschlechts nicht einhielten, sind manchmal deswegen überliefert, weil sich Männer über sie beschweren (wie über Brune aus Mainz, die konsequent "ein Hemd aus Schaufäden" anlegte). Aus früheren Zeiten sind auch Imma Schalom und Beruria oder die Töchter Raschis bekannt. Im Chassidismus, einer mystischen Strömung, spielte Chane Ruchele, die "Jungfrau von Ludomir", geboren Anfang des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle.

Bereits in ihrer Jugend war sie tiefreligiös, trug wie Männer einen Gebetsschal und legte Gebetsriemen an. SIe fiel am Grab ihrer Mutter ins Koma und erwachte mit der Überzeugung wieder, sie habe eine neue Seele empfangen, zusammen mit überirdischen Fähigkeiten. Sie wurde als Zadekkes (weibliche Gerechte und Wunderrabbinerin) berühmt und versammelte bald Anhänger um sich. 1860 wanderte sie nach Palästina aus und wurde im 20. Jahrhundert vom russischen Schriftsteller Ansky in der Geschichte "Der Dybbuk" verewigt, die 1936 in Polen verfilmt wurde (Ausschnitte sind in der Ausstellung zu sehen). Im modernen Judentum war Regina Jonas (1902 - 1944 Auschwitz) die erste Rabbinerin, die ihre Diplomarbeit der Frage widmete, ob die Frau das rabbinische Amt bekleiden könne. Für sie sprach fast nichts dagegen, doch wurde sie wohl deswegen 1936 als Rabbinerin in Berlin eingesetzt, weil nach den "Nürnberger Rassegesetzen" der Andrang von Männern eher bescheiden war. Ihre Stellung wurde dennoch nicht so richtig anerkannt, da sie von der Gemeinde nur als Religionslehrerin beschäftigt wurde. Erst 1972 gab es dann die nächste Rabbinerin, in den USA....

© CeiberWeiber

Category: Österrreich
Posted 05/16/07 by: admin



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