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Judentum und Israel
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Eine tragische Komödie

Besuch der alten Dame. Vor 52 Jahren nahm Friedrich Dürrenmatt fiktiv vorweg, was letzten Montagabend real ein wenig anders stattfand. Die amerikanische Ölmilliardärin Claire Zachanassian stattet in «Der Besuch der alten Dame» der verarmten Kleinstadt Güllen, in der sie einst aufwuchs, einen Besuch ab, gastiert im Hotel und macht den Einwohnern ein unmoralisches Angebot: Eine Milliarde für einen Mord...

Kommentar von Yves Kugelmann, tachles vom 04. Mai 2007

Dürrenmatt beschreibt mit Witz und spitzer Feder, wie sich fortan eine Gemeinschaft zwischen Geld und Moral entscheiden muss, zeigt auf, wie alle einst hoch gepriesenen Werte langsam, aber sicher geopfert werden, und legt Mechanismen der Gier frei. Er zeigt in seiner tragischen Komödie auf, wie die Einwohner zu Karikaturen ihrer selbst verkommen, sich anbiedern, verkaufen, unterwerfen, deformieren und letztlich korrumpieren.

Besuch des Oligarchen. Am vergangenen Montagabend stattete der kasachische Oligarch und Minenmilliardär Alexander Mashkevich einem ausgewählten Kreis von Mitgliedern und Freunden der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) einen Besuch ab. Er möchte in die Schweiz ziehen, liebäugelt mit einer Mitgliedschaft in der grössten jüdischen Gemeinde der Schweiz, und diese wiederum – was selbstverständlich unausgesprochen bleibt und doch die meisten denken – liebäugelt ihrerseits mit Steuergeldern und vielleicht noch einer Spende für den Umbau des Gemeindehauses, denn schliesslich geniesst der kasachische Gast mit dem israelischen Pass den Ruf eines grosszügigen Philanthropen. Doch wo Geld lockt, entflieht oft der kritische Geist. Wer ist der reiche Mann aus dem Osten, womit hat er seine Milliarden verdient, mit wem geschäftet er? Weshalb erfüllt der ICZ-Rabbiner und mit ihm der ICZ-Vorstand willfährig den Wunsch eines Schweizer Rabbiners in Moskau um Kontaktvermittlung, macht diesem weit gereisten Mitgliedsanwärter den Hof und den vielen anderen potenziellen Mitgliedern in der Region nicht? Wie sorgfältig hat die ICZ abgeklärt, welchen dicken Fisch sie da an Land zu ziehen hofft? Alles legitime Fragen, die sich angesichts der Einladung jenen gestellt haben, die mit grossmütiger Verwunderung von der letztlich kleinbürgerlichen, durchsichtigen Motivation dieses Nachtessens hörten. Als dann am Montagabend schweizweit die Medien kurz von einer Bombendrohung an die Adresse einer jüdischen Veranstaltung in einem Zürcher Hotel berichteten, die Behörden sogar einen antisemitischen Hintergrund der Tat nicht ausschliessen wollten, war die dürrenmatt-ähnliche letzte unmögliche Wendung perfekt. Alledings hätte es der Bombendrohung nicht bedurft, um das explosive Gemisch dieser fast schon drehbuchwürdigen Geschichte zu erfassen. Die ICZ hätte sich vor diesem Abend überlegen müssen, ob sie in der Sache mit der nötigen Sorgfaltspflicht vorgegangen ist.

Zufall oder nicht? Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, sind nicht abgeschlossen, doch Vermutungen, Assoziationen und Spekulationen drängen sich in der Hoffnung auf, dass sie sich letztlich als falsch erweisen. Denn effektiv liegt die Frage nahe, ob sich die Bombendrohung gegen die Juden, den Anlass oder den Gast richtete, ob die Drohung antisemitisch oder anders motiviert war, ob die ICZ da einen hofiert, der nicht nur Geld, sondern auch Risiken an eine Gemeinde bindet? Die Frage liegt nahe, weshalb gerade am letzten Montagabend eine Bombendrohung sozusagen an einem unbedeutenden Kleinstanlass und nicht die Woche zuvor am symbolträchtigen Jom-Haazmaut-Grossanlass einging? Die Frage liegt nahe, woher der Anrufer die Information hatte und wer wusste, was wann wo stattfinden und wer dabei sein würde? Die Frage liegt nahe, ob das ICZ-Rabbinat und die ICZ-Führung da im Sinne der und mit Verantwortung für die Gemeinde handelten, und ganz zuletzt stellt sich die Frage, wie die ICZ angesichts dieses Kowed-Angriffs auf den Mann aus der Ferne künftig – potente – potenzielle Mitglieder in der Nähe erreichen möchte?

Nun ja. Der Wert eines Gemeindemitglieds hat sich gerade in unseren Breitengraden bis anhin nicht in erster Linie am Portemonnaie, sondern an ganz anderen Werten gemessen. ICZ ist nicht Güllen und Mashkevic nicht Zachanassian. Hoffen wir, es bleibt auch so.

http://www.tachles.ch

Category: Schweiz
Posted 05/05/07 by: admin



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