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Interview mit der Rabbinerin Toba Spitzer: "Ich bin die erste offen lesbische Rabbinerin an der Spitze einer Rabbinervereinigung"

Die 44-jährige Rabbinerin Toba Spitzer amtiert seit 10 Jahren in einer Gemeinde des rekonstruktionistischen Judentums in der Nähe von Boston, Massachusetts. Der Rekonstruktionismus ist eine Richtung des modernen Judentums, die in den 1920er Jahren in den USA entstand. Er gehört neben dem orthodoxen, konservativen und Reformjudentum zu den Hauptströmungen der jüdischen Welt. Am 13. März 2007 wurde Toba Spitzer auf der in Arizona abgehaltenen Jahrestagung der Rekonstruktionistischen Rabbinervereinigung zur Präsidentin gewählt. Damit steht diesem nationalen Gremium zum ersten Mal eine Amtsinhaberin vor, die sich offen zur ihrer lesbischen Lebensweise bekennt. In keiner anderen Rabbinervereinigung des heutigen Judentums gab es bisher eine solche Ernennung...

Interview: Manuela Petzoldt

Frau Rabb. Spitzer, bevor Sie Ihre Ausbildung am Rabbinerkolleg des rekonstruktionistischen Judentums in Philadelphia, Pennsylvania, aufnahmen, hatten Sie an der Universität Harvard studiert. Wo lagen damals Ihre Studienschwerpunkte?

Ich absolvierte in Harvard das Studienprogramm der Social Studies, bei dem die Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Theorien (Marx, Weber, Durkheim, Freud usw.) im Zentrum stand. Ich selbst legte meinen Schwerpunkt auf die Frauenforschung und die feministische Theoriebildung.

Was brachte Sie anschließend dazu, Rabbinerin zu werden, sodass Sie schließlich 1997 ordiniert wurden?

Nach dem Hochschulstudium hatte ich den Wunsch, mich an der praktischen Arbeit für soziale Gerechtigkeit zu beteiligen. So ging ich für ein Jahr nach Israel, wo ich als Freiwillige in einem jüdisch-arabischen Gemeinschaftsprojekt mit Kindern arbeitete. Danach kehrte ich nach Washington DC zurück, wo ich aufgewachsen bin, und machte erst mal alles mögliche: Ich engagierte mich dafür, mehr junge Leute zur Mitwirkung am politischen Entscheidungsprozess zu bewegen, und arbeitete bei einer progressiv-jüdischen Friedensinitiative (Jewish Peace Lobby) mit, die sich im Nahostkonflikt für eine Zweistaatenlösung einsetzt.

Ich weiß nicht mehr genau, wie es kam, dass ich am Rabbinerkolleg landete. Aber eine große Rolle spielte mein Wunsch eine Arbeit zu haben, in der sich alles, was mich und mein Leben ausmacht, vereinen ließe. Ich hatte schon immer Musik sehr gern und es gefiel mir, Unterricht zu erteilen. Außerdem wollte ich unbedingt mithelfen, die jüdische Gemeinschaft weiter aufzubauen, und ich hoffte darauf, in Fragen der sozialen Gerechtigkeit mit führenden Vertreterinnen und Vertretern anderer Religionen zusammenarbeiten zu können. Auch hatte ich immer schon ein Verlangen in mir gespürt, die Quellentexte des Judentums zu studieren. 1992 schrieb ich mich dann am rekonstruktionistischen Rabbinerkolleg ein.

Welche Merkmale kennzeichnen das rekonstruktionistische Judentum als besonders fortschrittlich, was die Rechte von Schwulen und Lesben sowie die Gestaltung des Gemeindelebens betrifft?

Bekanntermaßen war die rekonstruktionistische Bewegung von Anfang an führend, als es um die Beteiligung von Frauen am jüdischen Gemeindeleben und später um die Einbeziehung von Schwulen und Lesben ging. Wir stehen in der Tradition von Rabbiner Mordecai Kaplan (1881-1983), der das entscheidende Zeichen setzte, als er 1922 seine Tochter bei ihrer Bat Mitzwa-Feier zur Toralesung aufrief. Das war der Durchbruch. 1968 wurde dann unser Rabbinerkolleg eröffnet und nahm vom ersten Tag an auch Frauen auf. Eine davon war Linda Holtzmann, die erste Amerikanerin im rabbinischen Amt mit einer eigenen Gemeinde (Mitte der 1970er). Nach ihrem Coming-Out kehrte sie an das Kolleg zurück, um dort zu lehren. Somit war sie die erste offen homosexuelle Person, die an einer Ausbildungsstätte für Rabbinerinnen und Rabbiner arbeitete. Sie ist bis heute dort tätig, als Fachbereichsleiterin für Angewandte Rabbinatsstudien (Practical Rabbinics).

1984 erließ das Kolleg eine politische Richtlinie, dass offen schwule oder lesbische Studierende ordiniert werden könnten. Daraufhin bildete sich eine Gruppe von Vertreterinnen und Vertretern aus allen Flügeln der Bewegung – den Gemeinden, dem Rabbinerkolleg und der Rabbinervereinigung, die ein umfassendes Dokument aufsetzte, das sich für gleichgeschlechtliche Eheschließungen und homosexuelle Familienbildungen aussprach. Ich glaube, wir konnten dies nur tun, weil wir uns verpflichtet sahen, unsere Entscheidungen auf der Basis bestimmter Wertvorstellungen zu treffen und zugleich das Judentum im historischen Zusammenhang zu betrachten. Wir können z.B. die biblischen Verbote zu schwulem Sex in ihrem zeitgenössischen Kontext verorten und so historisch bedingte Grenzen erkennen. Dies geht mit einem neuen Verständnis von Sexualität und für uns wichtigen Wertvorstellungen einher. Zu letzteren gehören auch solche des traditionellen Judentums wie die Heiligkeit zwischenmenschlicher Beziehungen und der Familie oder die Achtung vor der Heiligkeit jedes einzelnen Menschen. Unsere Verbundenheit mit der jüdischen Tradition trifft sich mit den ganz modernen Werten der USA wie Pluralismus, Demokratie und Egalitarismus.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele amerikanische Rabbinerinnen und Rabbiner offen schwul oder lesbisch sind? Gibt es regionale Unterschiede?

Genaue Zahlen hierzu kenne ich nicht. Unterschiede sind vorhanden, sie sind jedoch eher auf die Verhältnisse in den verschiedenen Strömungen des Judentums als auf regionale Bedingungen zurückzuführen. Es gibt ein paar homosexuelle Rabbinerinnen und Rabbiner der konservativen Richtung, die "out" sind. Im Reformjudentum und Rekonstruktionismus sind es Dutzende.

Was bewog Sie, zum Anlass Ihrer Wahl Ihre sexuelle Orientierung in den Medien herauszustellen. Was waren Ihre Hauptgründe dafür?

Weil der Rekonstruktionismus die kleinste und jüngste Richtung im amerikanischen Judentum darstellt, ist es manchmal schwierig, für unsere vielseitige Pionierarbeit Öffentlichkeit herzustellen. Das Medienecho auf meinen Schritt bedeutet für uns Würdigung und Anerkennung.

Wie haben andere Rabbinerinnen oder Rabbiner auf Ihre Ernennung reagiert?

Bisher habe ich von den Leuten nur Positives gehört. Ich bin aber sicher, dass es auch welche gibt, die nicht gerade begeistert sind.

In Deutschland gibt es sehr viele interreligiöse Aktivitäten. Könnten Sie ein paar Worte zum Austausch zwischen den Glaubensgemeinschaften in Ihrer Region sagen?

Auch hier finden viele unterschiedliche Veranstaltungen statt, die den Dialog zwischen den Religionen fördern. Meine Gemeinde ist Mitglied der Greater Boston Interfaith Organization, einer interreligiösen Dachorganisation des Großraums von Boston. In ihr haben sich über 60 meist jüdische und christliche Gemeinden zusammengeschlossen, um gemeinsam Maßnahmen für drängende Probleme zu ergreifen. Es geht uns um die Verbesserung der Gesundheitsversorgung oder die Bereitstellung erschwinglichen Wohnraums usw. Daneben gibt es mehrere jüdisch-muslimische Gesprächskreise und Projekte.

Seit Ihrem Studium in Harvard haben Sie sich für politische Belange wie soziale und ökonomische Gerechtigkeit, die Koexistenz von Palästinensern und Israelis sowie Frieden im Nahen Osten eingesetzt. Wirkt sich dies z.B. auch auf Ihre Predigten aus?

"Predigten" halte ich eigentlich nur an den Hohen Feiertagen. Im regulären Schabbatgottesdienst wird von mir oder einem Gemeindemitglied ein Lehrvortrag zum jeweiligen Toraabschnitt präsentiert. Danach diskutieren wir oder lernen gemeinsam einen Text. Doch ja, mein breiteres Interesse und Engagement spielt schon eine ziemlich große Rolle dabei, was ich in der Gemeinde lehre. Wer mehr erfahren möchte, kann gern auf der Website meiner Gemeinde oder der des Reconstructionist Rabbinical College nachlesen: www.dorsheitzedek.org oder www.rrc.edu.

Könnten Sie ein wenig zu Ihrer Partnerin und Ihrer Familie sagen? Wann haben Sie geheiratet?

Meine Partnerin Gina ist Englischlehrerin an einer Oberschule (high school). Wir sind seit 6 Jahren zusammen; vor 3 Jahren haben wir die Möglichkeit unseres Bundesstaates zur zivilrechtlichen Eheschließung wahrgenommen (Gott segne Massachusetts!). Ich habe zwei Stiefkinder: Zach (16) und Zoë (12), die aus Ginas früherer Ehe stammen. Zoë feiert im April ihre Bat Mitzwa.

Welche Aufgaben sehen Sie in naher Zukunft als die wichtigsten vor sich?

Es ist an der Zeit, dass unsere Rabbinervereinigung eine Strategie entwickelt um herauszufinden, wie sie am besten für ihre Mitglieder – ca. 280 Rabbinerinnen und Rabbiner – sorgen kann und wie sich diese am besten gegenseitig unterstützen können. Obwohl wir in jeder Hinsicht gering an Zahl sind, können wir viel zur jüdischen Lebenswelt beitragen. Ich möchte persönlich sicherstellen, dass unsere Vereinigung jedem hilft, sich mit seinen individuellen Fähigkeiten und Talenten so gut es geht in der Gemeinschaft einzubringen.

Frau Rabb. Spitzer, ich danke Ihnen für das ausführliche Gespräch.

Rabb. Spitzer
Foto: Thea Breite

Category: Amerika
Posted 03/27/07 by: admin



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