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Was kann die Türkei von Deutschland lernen

Eine Nation wird an ihrer Geschichte gemessen, es wird jedoch häufig vergessen, dass sie auch an der Art und Weise gemessen wird, wie sie sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzt. Das kann eine schwere Aufgabe sein, die Mut, Vision und die Verpflichtung zu einer anderen Zukunft fordert. Sie erfordert auch mehr Aufrichtigkeit und weniger Stolz, und sie hängt mit dem Engagement der politischen Führung einerseits, und dem Durchschnittsbürger andererseits zusammen...

Von Michaelis Pirilas, Haaretz v. 06.11.2007

Was kann man daraus lernen, wie sich Deutschland mit den Lehren des Holocaust auseinandersetzt, und wie kann dies der Türkei dabei helfen, ihre Einstellung gegenüber dem Völkermord am armenischen Volk zu ändern? Eine Lehre, die wir aus den Ereignissen des 20. Jahrhunderts ziehen können, ist es, dass wir alle "Kandidaten" für einen Völkermord sind. Es gibt keine Kultur, kein Regime und keine Gemeinde, die dagegen immun sind. Es gibt viele Wege, einen Völkermord zu begehen. Man muss keine Industriemacht sein, um dies schnell und effektiv zu bewerkstelligen. Und auch jetzt findet gerade mindestens ein Völkermord statt, im Osten Afrikas.

Die Türken finden es obszön, wenn ihr Land im selben Atemzug mit dem Begriff Shoa genannt wird, und es ist natürlich ein schreckliches Kainszeichen, was man sie hier zu tragen auffordert. Aber damit wird vom Thema abgelenkt. Es soll nicht zwischen verschiedenen Arten von Völkermord verglichen werden. Wenn eine Nation sich jedoch weigert, die Geschichte anzuerkennen, dann wirkt sich dies auf ihren seelischen Zustand aus, auf ihre Moral und später auch auf ihre Lebensart.

Als der 2. Weltkrieg zu Ende ging, im Mai 1945, wurden die Verbrechen Deutschlands der gesamten Welt vor Augen geführt. Zumindest in Westdeutschland machte die politische Führung den organisierten Versuch, - zu dem vor allem der 1. Bundeskanzler, Konrad Adenauer, einen enormen Beitrag leistete - Deutschland in die Völkerfamilie zurückzuführen, zu allererst durch die
Anerkennung der Vergangenheit. Deutschland hat nicht nur die Verantwortung übernommen, es hat sich auch darum bemüht, dieses teuflische Kapitel seiner Geschichte in das Gedächtnis der Nation und jedes einzelnen Bürgers einzuprägen.

Es kann behauptet werden, dass die Deutschen dazu gezwungen wurden, die Verantwortung zu übernehmen. Sie waren eine Nation unter Besatzung, geschlagen, hungrig, erschüttert und beschämt. Aber sie haben die Verantwortung auch übernommen, da sie verstanden hatten, dass sie der Geschichte nicht entkommen und sie die schreckliche Vergangenheit dazu verwenden können, eine bessere Zukunft zu schaffen.

Um diesen Weg zu gehen, braucht man Führungskraft. Die Führungsqualitäten Adenauers kamen vor allem bei der Versöhnung zwischen Westdeutschland und Israel zum Ausdruck, die offiziell 1952 mit der Unterzeichnung des Wiedergutmachungsabkommens begann. Zu dieser Versöhnung war auch ein enormes Maß an Führungsqualität und Mut seitens David Ben-Gurions erforderlich,
der das Abkommen trotz breiten internen Widerstands vorantrieb. Dieses Abkommen war nicht der Ausdruck von Vergebung, sondern der Beginn eines Versöhnungsprozesses. Und das ist eine gute politische Führung den kommenden Generationen ihres Volkes schuldig.

Die Umstände der Türkei sind anders als die Deutschlands, so auch ihre historische Entwicklung. Seit ihrer Gründung 1923 kämpft die Türkei gleichzeitig mit drei wichtigen Herausforderungen, deren Wurzeln in den großen Reformen liegen, die 1839 begonnen haben: Der Gründung eines Nationalstaates, Modernisierung und Demokratisierung.

Die Verteidiger der Türkei werden natürlich sofort sagen, dies sei nicht der "passende Zeitpunkt", sich mit der armenischen Frage auseinanderzusetzen. Das Problem ist nur, dass es nie der "passende Zeitpunkt" ist. Es gibt immer irgendeine Krise, irgendeinen überempfindlichen General oder Politiker, und in der Türkei ist es nie langweilig.

Das türkische Volk wird unterschätzt, vor allem seitens seiner Regierung. Das tut Ministerpräsident Erdogan, wenn er sagt, "es gab keinen armenischen Völkermord". Wenn er dies
sagt, glaubt es nicht daran, dass sein Volk imstande ist, in die Zukunft zu blicken, Fehler zuzugeben und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Die Geschichte ist nicht nur Sache der Historiker, wie uns Erdogan und andere glauben machen wollen. Jeder Türke ist an der Gestaltung der türkischen Geschichte beteiligt, wie auch am Aufbau der Zukunft des Landes. Es ist nicht einfach, die Fehler der Vergangenheit einzugestehen, manchmal erscheint es sogar unmöglich, aber die Türken müssen den nötigen Mut finden, dies zumindest zu versuchen.

Der Verfasser ist einer der Redakteure der englischen Ausgabe von Haaretz.
Medienspiegel der Deutschen Botschaft Tel Aviv

Category: Türkei
Posted 11/08/07 by: admin



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