Anlässlich der Eröffnung des neuen jüdischen Kulturzentrums in München am St.-Jakobs-Platz im März dieses Jahres haben wir mit Nizza Thobi, einer deutsch-jüdischen Sängerin und Redakteurin bei Radio Lora, ein Interview geführt. Nizza Thobi ist in Jerusalem am Fuße des Ölbergs geboren und lebt seit fast 30 Jahren in München. Ihre Eltern waren sephardische Juden und stammten aus dem iberischen Raum. Schon als Kind kam sie mit der deutschen Geschichte in Berührung. Ihr Musikprogramm "verbindet religiöse, familiäre und historische Elemente zu einer jüdischer Lebensart", wie sie selbst sagt...

Gerade haben Sie eine neue Tournee in die Neuen Bundesländer gemacht. Welche Erfahrungen haben Sie auf dieser Tournee gemacht?

Diese Tournee war im letzten Jahr, im Winter. Die Erfahrungen waren sehr unterschiedlich. In manchen Städten hat das Publikum mitgesungen. Mein bestes Konzert war in Magdeburg. Am besten ist die Tournee in die Ex-DDR zu charakterisieren als Abenteuer. Viele Leute haben gesagt: Du bist mutig. Es haben auch Polizisten auf mich aufgepasst. Ich glaube, das ist alles ein bisschen überspitzt. Die Tournee wird auch durch die Presseberichte widergespiegelt. Manche Medien haben mich gemieden als ob ich überhaupt nicht existiere. Manche haben mich auch unheimlich hochgelobt.

Eine Journalistin in Potsdam hat beispielsweise im Feuilleton eine Kritik geschrieben mit der Überschrift: "Schalom Potsdam". Es war eine Mischung von Lob und sehr barscher, harter Kritik: Ich provoziere mit meinen Dias und mit der Geschichte. Ich akzeptiere schlechte Kritik. Aber ich denke, dass manche Leute in den Neuen Bundesländern nicht gut über die deutsch-jüdische Geschichte informiert sind. Sie haben über dieses Thema keine Bücher gelesen.

Also, für mich war dieser Tournee dennoch eine wunderschöne Erfahrung. Ich war in Weimar, Wartburg, Eisenach ... Finanziell war es aber eine Katastrophe.

Haben Sie neue Lieder im diesem Programm gesungen?

Ja, und wie. Ich habe ersten Mal das Lied "Kleine Ruth" von Jehuda Amichai komponiert. Er ist ein bedeutender Dichter aus Israel, der Preis in München bekommen hat. Er ist im Jahr 2000 gestorben. Aber ursprünglich war er aus Würzburg und er hieß eigentlich Ludwig Pfeufer. Er hatte eine Sandkastenliebe: Ruth Hannover aus Würzburg, die Tochter eines Rabbiners. Ruth Hannover spielt eine große Rolle in seiner Dichtung. Das Lied handelt von diesem Mädchen, das ins KZ nach Auschwitz verschleppt und dort vergast wurde. Jehuda Amichai hat ihr einen Roman gewidmet.

Ein weiteres Lied, das ich in mein Programm aufgenommen habe, stammt ursprünglich von Selma Meerbaum-Eisinger, einer Nichte von Paul Celan. Sie ist eine berühmte Dichterin, die im KZ Chernovich an Typhus gestorben ist. Ihre Gedichte wurden gefunden und verlegt. Darüber habe ich auch bei Radio Lora berichtet.

Gibt es in Ihrem Repertoire russische Lieder?

Jahrelang ich habe gesucht, um ein russisches Lied im Originaltext zu singen. Und ich habe das Lied von Jewgeniy Jewtuschenko gefunden, das ich schon auf Hebräisch gesungen habe. Das Lied heißt auf Hebräisch: "Bedumijath Alej Shalechet" Ein Liebeslied. . Aber ich wollte den Originaltext haben.

Es ist mir gelungen bei dieser Tournee. Dort habe ich auf Hebräisch gesungen und dann von der Bühne aus gefragt, ob ein russischer Gast da ist, der das Lied kennt. Auf einmal hat ein Herr angefangen zu singen. Dann bin ich runter von der Bühne und wir haben zusammen gesungen, er auf Russisch und ich auf Hebräisch. Dann bin ich in Rostock aufgetreten und da war wieder eine Frau und die hat mir später den Text geschickt. Ich finde die russische Sprache schön und saftig. Sie ist wie das Hebräische schön zum Singen.

Haben Sie geplant, eine neue Tournee nach Israel zu machen?

Nein, das ist nicht machbar, weil zu es teuer ist. Man muss viele Plakate schicken, sich um den Kartenvorverkauf kümmern, Kontakte knüpfen. Es ist sehr schwierig, eine Tournee zu organisieren, wenn man kein Star ist und es weltweit ist.

Wie oft hört man Sie bei Radio Lora?

Man hört mich einmal im Monat. Es ist immer am Freitag, ab 19:00 Uhr. Ich bin keine geborene Journalistin, trotzdem wollen die berühmtesten Leute von mir interviewt werden. Ich habe zum Beispiel Interviews geführt mit dem deutschen Schriftsteller Fritz J. Raddatz, und mit Georg Kreisler, einem ganz großartigen Kabarettisten.

Radio Lora ist ein Wortradio, parteifrei und es herrscht dort, wie Fritz J. Raddatz gesagt hat, "eine gewisse Narrenfreiheit". Viele fragen sich natürlich auch, warum ich am Schabbat sende, aber für mich ist jeder Tag ein Feiertag: Ich muss dankbar sein, dass ich atme. Ich komme sogar aus einer sehr orthodoxen Familie, aber diese Heiligkeit aus meiner Familie kann ich hier nie wieder herstellen.

Was sind die Schwerpunkte in Ihrer Sendung?

Ich kann dort über alles berichten, wozu ich Lust habe. Und mein Lebenswerk ist deutsch-jüdische und europäisch-jüdische Geschichte.

Worin sehen Sie einen Hauptgrund für die Kommunikationschwierigkeiten zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland?

Die Deutschen haben unwahrscheinlich viel Last zu tragen. Sie sind ein Volk der Denker. Sie tragen die Last der Geschichte. Das war schon vorher eine lange Geschichte von Antisemitismus, der Jude als Gottmörder hat Jesus umgebracht ... Die Deutschen sind noch nicht befreit von ihren Komplexen.

Woher nehmen Sie immer wieder die Kraft für Ihr Eintreten für Erinnerung, gegen Antisemitismus, für Verständigung?

Diese Kraft kommt von oben. Das ist ein Puzzle. In Israel konnte ich mich nicht mit deutschen Originaltexten aus dieser Zeit beschäftigen. Viele Nachbarn hatten Nummern auf dem Arm, der Lehrer sprach deutsch. "Wenn man richtig gutes Deutsch hören möchte, geht man nach Israel", habe ich von vielen Professoren gehört. Juden und Deutsche sind sich sehr ähnlich. Niemand liebt sein Spiegelbild. Kein Volk ist so zerstreut wie Juden und Deutsche, viele sind in Amerika, Afrika – überall. Beide lieben ihre geistige Freiheit. Das hat mich schon immer alles sehr interessiert.

Was planen Sie als Nächstes?

Im April werden die "arabischen Schindler" das Thema meiner Sendung sein, also arabische Helden, die Juden das Leben gerettet haben. Es tauchen inzwischen immer mehr Informationen über solche "Schindlers" auf. Darüber möchte ich berichten.

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Mehr über Nizza Thobi:
www.hagalil.com/nizza/
www.nizza-thobi.com