Der in München lebende Experte für osteuropäische jüdische Geschichte, Chaim Frank, über sein Dokumentations-Archiv für jüdische Kultur und Geschichte, die Integration der Einwanderer aus den ehemaligen GUS-Staaten und die Chancen eines neuen jüdischen Lebens in Deutschland...

Wir wissen, dass Sie seit einiger Zeit Dokumente und Materialen in großer Zahl über die Juden aus GUS-Staaten angesammelt haben. Wie ist Ihr Interesse daran entstanden? Wie kamen Sie zu der Idee mit dem Archiv?

Ich habe Kunstgeschichte studiert. Als Kunsthistoriker habe ich vor allem Tausende von Namen jiddischer Künstler und Maler aus Polen, Ungarn, Österreich usw. ganz explizit aufgespürt. Damals gab es noch keine Computer, und ich musste die Namen auf Karteikarten sammeln. So habe ich angefangen, ein jiddisches Kunstarchiv aufzubauen. Ich habe eine jiddische Erziehung gehabt und meine Mutter hat auch historische Bücher gesammelt. Ich habe alles zusammen gefügt.

Woher stammen Sie ursprünglich?

Ich war 12 Jahre alt, als meine Familie aus Kischinjov (der Hauptstadt von Moldawien) nach Österreich (Wien) umgesiedelt ist.

Sprechen Sie russisch oder ukrainisch? Oder wie konnten Sie die Dokumente lesen? Haben Sie Assistenten oder Helfer?

In Wien habe ich das humanistische Gymnasium besucht und deutsch, englisch, französisch und lateinisch gelernt. Ich kann aber auch russisch, rumänisch, jiddisch, hebräisch und ladino. Beim Aufbau meines Archivs haben mir aber später einige Studenten geholfen.

Ist die Arbeit mit Ihrem Archiv der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Viele Studenten und Journalisten aus Amerika haben mein Archiv besucht und Veröffentlichungen herausgegeben. Aber seit Anfang der 90er Jahren war ich auch sehr stark bei der Integrationsarbeit der Jüdischen Immigranten aus den GUS-Staaten bei der IKG München beteiligt und habe finanzielle Hilfe für Moldawien organisiert, um dort die Juden aus dem Krieg zu retten und ihnen zu helfen, nach Israel auszuwandern.

Wie wird Ihr Engagement nach dem Umzug der Gemeinde an den Jakobsplatz sein? Was versprechen Sie sich von der neuen Einrichtung am Jakobsplatz?

Egal, wo bin ich, ich kämpfe gegen Faschisten und Neofaschisten. Ich habe viele Anzeigen gegen Neonazis gemacht. Manchmal galt ich sogar als Störenfried in der Gemeinde, aber ich glaube, als Jude muss man, gleich, wo man ist, gegen den Faschismus das Wort erheben. Momentan unterrichte ich Deutsch bei einer Hauptschule und Jiddisch an der Schule an der Herrenstraße. Außerdem mache ich auch Führungen für viele hundert Besucher auf dem alten und dem neuen jüdischen Friedhof.

Was sollte man tun für die Integration der Einwanderer aus GUS-Staaten in das Jüdische Leben in Deutschland?

Das Problem hat wie alle Probleme zwei Seiten. Es gibt die Zuwanderer und es gibt diejenigen, zu denen die Zuwanderer kommen. Die Mentalität vieler Zuwanderer aus den GUS-Staaten ist geprägt von Unselbstständigkeit. Man wartet auf den Ukas, bevor man etwas selber tut. Das ist eine sowjetische kleine Pathologie. Man muss aber selbst aktiv und initiativ werden. Das erst ermöglicht Integration. Man muss sich selbst öffnen. Nicht sich in einer Wohnung einsperren, wie in einen Gefängnis sein. Anfangs war das Problem noch gering, auch wenn viele eine reine Konsumhaltung an den Tag gelegt haben, aber es waren wenige Menschen, die kamen. Aber jetzt sind es mehr. Und gerade jetzt ist es wichtig, dass jeder Neuankömmling sich selbst aktiviert. Man muss alte Gewohnheiten ablegen und die Chance nutzen. Wir haben eine Frau, die ist fast 100 Jahre alt, die angefangen hat, deutsch und hebräisch zu lernen und die sich engagiert. Ich war in Belgien, Frankreich - und in jeder Gemeinde habe ich mich selbst aktiviert. Wir dürfen nicht an unseren ukrainischen, russischen, weißrussischen Sowjet-Traditionen hängen, sondern wir müssen die Chance nutzen, ein neues, ein jüdisches Leben aufzubauen. Wir müssen die neuen Freiheiten nutzen. Wir sind anders und wir haben heute die Chance, anders sein zu dürfen. Das müssen die Leute lernen, auch nach 60 bis 70 Jahren Sowjetherrschaft.

Sie veranstalten auch Führungen im Rahmen des VHS-Programms. Welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht? Wie ist die Resonanz? Wer nimmt teil?

Seit 15 Jahren mache ich Kurse in der Volkshochschule. Wir haben die Tora gelesen, ich habe Vorlesungen über das Judentum, den Talmud, die Jiddischkeit die Kabbalah und vieles andere meist für deutsche Hörer durchgeführt. Es gibt gegenwärtig ein großes Interesse für diese Fragen. Auch wenn ich die Gefahr sehe, dass heute eine Tendenz zum Philosemitismus existiert, der uns auf seine Weise genau so weh tut wie der Antisemitismus, weil man uns nicht als Menschen betrachtet, sondern mit einem Stempel versieht, glaube ich, dass der Dialog zwischen den Religionen notwendig und sinnvoll ist.

Das Dokumentations-Archiv für jüdische Kultur und Geschichte
VHS-Kurse in München zu jüdischen Themen