Anlässlich der Eröffnung des neuen jüdischen Kulturzentrums München haben wir die Geschäftsführerin der "Literaturhandlung" in München und Berlin, Frau Rachel Salamander, um ein Interview gebeten. Geboren wurde Rachel Salamander am 30. Januar 1949 im "Displaced Persons Camp" in Deggendorf (Niederbayern). Ihre Eltern, polnische Juden, hatten den Holocaust hinter der russischen Front in Turkmenistan überlebt. Nach schweren Jahren in stalinistischen Arbeitslagern wurden sie dann im Jahre 1946 freigelassen. Zunächst wollte Rahel Salamander Kinderärztin werden, da auch ihr älterer Bruder Medizin studierte. Aber später hat sie sich entschlossen, Germanistik, Romanistik und Philosophie zu studieren. Sie wollte jüdische Spuren in der deutschen Geschichte und Literatur suchen: "Ich wollte wissen, wer ich bin und woher ich komme, und suchte den Standort meiner Generation", sagte sie in einem Interview mit „Die Zeit". 1982 eröffnete Rachel Salamander in der Fürstenstraße 17 in München ihre auf Literatur zum Judentum spezialisierte "Literaturhandlung"...


Sie leben in Deutschland, Sie sind Jüdin in Deutschland. Was bedeutet das für sie?

Ich bin in Deutschland nach dem Krieg geboren. Meine Eltern stammten aus Polen. Deswegen habe ich erst sehr spät, in den 90er Jahren, die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Ich bin deutsche Staatsbürgerin jüdischen Glaubens.

Welche Funktion soll das neue Kulturzentrum aus Ihrer Sicht haben? Wird es in Zukunft einen Teil der bisherigen Aufgaben Ihrer Jüdischen Buchhandlung wahrnehmen können?

Die Literaturhandlung besteht in diesem Herbst fünfundzwanzig Jahre. Neben der Spezialisierung auf Literatur zum Judentum gehört zur Konzeption von Anbeginn an ein ausführliches Veranstaltungsprogramm. Wenn Sie unsere Veranstaltungen in diesem Frühjahr bis einschließlich Juli im Internet anschauen, dann sehen Sie, daß wir mit unseren hochkarätigen Programmen fortfahren. Das Gespräch zwischen unseren Autoren und Kunden gehört zu unseren Aktivitäten, die die Literatur mitbegleiten. In dieser hochrangigen Aufgabe kann uns niemand ersetzen.

Wir haben gehört, dass Sie in der Schule ein Jahr sprachlos waren. Sie konnten kaum Deutsch, weil Ihre Muttersprache Jiddisch war. Was würden Sie für jüdische Kinder vorschlagen, die mit ihren Eltern aus den GUS-Staaten nach Deutschland umgesiedelt sind und Russisch oder eine andere nichtdeutsche Sprache als Muttersprache haben?

Das Zurechtfinden in neuen Gesellschaftsformen und anderen Sprachen ist ein wirklich harter Prozess. Da kann einem von so mancher Seite im Glücksfall Hilfe zuteil werden. Aber im Grunde hängt alles an einem selbst. Ich kann nur empfehlen, so schnell wie möglich die fremde Sprache zu lernen. Die Sprache ist das Tor zur Welt.

Die jüdische Gemeinde München zählt ca. 9300 Mitglieder, von denen 50% Juden aus der ehemaligen UDSSR sind. Gibt es bei Ihnen jüdische Literatur auf Russisch?

Die Literaturhandlung führt über vierzig Sachgebiete mit Literatur. Auch bieten wir viel Musik-CDs, DVDs. Selbstverständlich haben wir eine russisch-sprachige Abteilung. Auch für religiöse Literatur, d. h. russisch-hebräische Gebetbücher. Außerdem wird in der Literaturhandlung auch russisch gesprochen, wir können also unsere Kunden auch russisch beraten.

Gibt es in Ihrem Kulturprogramm zweisprachige literarische Veranstaltungen auf Russisch und Deutsch?

Veranstaltungen in russisch hat es bislang noch nicht gegeben. Allerdings sind unsere Musikveranstaltungen logischerweise von vielen russisch-sprechenden Menschen besucht. Wir haben aber Veranstaltungen mit ursprünglich aus den GUS-Staaten stammenden Autoren, die mittlerweile auch deutsch schreiben, wie z. B. Lena Gorelik, die am 18. April mit ihrem neuen Buch bei uns zu Gast ist.

Gibt es in Ihrer Buchhandlung Bücher von russischen Schriftstellern wie Mandelstam, Babel, Marshak, Bagritsky, Brodsky, Pasternak? Also Bücher der Schriftsteller und Dichter, die auf Russisch schrieben, aber die jüdischer Herkunft waren?

Selbstverständlich führen wir all die von Ihnen genannten Autoren. Wir haben wunderbare Vorträge gehört zu Babel und Mandelstam von Ralph Dutli, dem Biographen Mandelstams und erstklassigen Übersetzer russischer Literatur. Wir haben 1992 einen unvergeßlichen Abend mit Joseph Brodsky veranstaltet, im Prinzregententheater. Der Klang seiner Deklamation der eigenen Gedichte in russisch ist mir immer noch noch im Ohr - wie ein gregorianischer Gesang.

Sie sind gerade aus Tel Aviv gekommen. War die Reise für Sie produktiv? Haben Sie dort interessante Neuerscheinungen entdeckt?

Ich war einerseits auf einer Konferenz in Herzlia, andererseits habe ich eingekauft für unsere neue Filiale am Jakobs-Platz, die am 22. März im Jüdischen Museum eröffnet.

Die Literaturhandlung im Internet: http://www.literaturhandlung.de

"Язык есть врата мира":
В беседе участвует Рахел Саламандер
По случаю открытия в Мюнхене нового еврейского культурного центра, мы попросили владелицу двух книжных магазинов „Литературная Тоговля“, рассположенных в Мюнхене и Берлине, госпожу Рахел Саламандер об интервью нашему журналу. Рахел Саламандер родилась 30 Января 1949 года „лагере для перемещенных лиц“ в деревне Деггендорф (Нижняя Бавария)...