Professor Michael Brenner leitet die Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen ist der vor Kurzem im Beck Verlag erschienene Sammelband "Jüdisches München". Azad Abramov sprach mit Michael Brenner über das neue jüdische Zentrum am Jakobsplatz und das Studium am Lehrstuhl...


Seit der Gründung der Stadt im 15. Jahrhundert leben Juden in München. Wie hat sich das jüdische Leben in München gewandelt?

Jüdisches Leben in München ist vor allem durch seine zahlreichen Brüche gekennzeichnet. Zwar gab es im Mittelalter eine jüdische Gemeinde in München, doch wurde die erste Synagoge schon 1285 zerstört, die Juden dann 1442 für mehrere Jahrhunderte aus der Stadt vertrieben. Erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich dann langsam wieder jüdisches Leben, die Kultusgemeinde wird aber erst 1815 gegründet. Noch immer steht München im Schatten kleinerer Landgemeinden wie Ichenhausen oder der bedeutenden Gemeinde in Fürth. Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird München zu einer großen jüdischen Gemeinde, deren Mitglieder vor allem fränkische und schwäbische Landjuden sind. Später sollten auch Zuwanderer aus dem Osten Europas die jüdische Gemeinde mitprägen.

Große Namen in den Bereichen wie Kunst, Literatur, Politik und Wirtschaft prägen auch das Münchner jüdische Leben. Ob der Dirigent Hermann Levi, der Wagners Parzifal in Bayreuth uraufführte oder der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, ob der erste Ministerpräsident nach dem Sturz des Königs, Kurt Eisner, oder der Präsident des FC Bayern München, Kurt Landauer – sie alle waren vor und nach dem Ersten Weltkrieg ein wichtiger Teil Münchens.

Dennoch nahm nach der Niederlage des 1. Weltkriegs und der Suche nach Sündenböcken im Gefolge auch der Antisemitismus erheblich zu. München spielte hier reichsweit eine unrühmliche Rolle. Von hier aus versuchte nicht nur Hitler seinen November-Putsch 1923, von hier wurden auch ostjüdische Familien ausgewiesen. Selbst der in München gedrehte erfolgreiche Film "Nathan der Weise" konnte wegen des Drucks der Rechtsextremen 1923 nicht in Münchener Kinos laufen. So war München also lange vor 1933 zu einem Zentrum der antisemitischen Bewegung geworden. Lion Feuchtwanger hat dies schon Ende der zwanziger Jahre in seinem Roman "Erfolg" aufgezeichnet.


Welche Veränderungen bringt die Einrichtung des neuen Zentrums am Jakobsplatz für das jüdisches Leben in München?

Das neue Gemeindezentrum stellt einen entscheidenden Einschnitt in der Bewußtseinshaltung der jüdischen Gemeinde dar. Selbst viele, die vorher skeptisch waren, zeigen sich von dem Bau beeindruckt. Die schwierige Aufgabe ist es aber nun, die Steine mit Leben zu füllen.

Hierzu wird es Konzepte geben müssen. Nur wenn man inhaltlich neue und spannende Akzente setzen kann, wird sich auch das jüdische Leben ändern. Die Erwartungen der Münchner Bürger sind vielleicht ein wenig zu hoch. Sie vergessen manchmal, daß die Kultusgemeinde nur ca. 9.000 Mitglieder zählt, halb so viele Menschen als allein an einem Tag die Synagoge besichtigen wollten.

Ich habe wenig Bedenken, was die Öffnung nach außen geht. Mein Wunsch wäre es aber, auch viele der jüngeren Generation gerade aus den Kreisen der neuen Zuwanderer mit spannenden Themen ins Haus zu locken. Auch wer als Gemeindemitglied nicht regelmäßig zum Gebet kommt, muß im Gemeindehaus ein kulturelles Zentrum vorfinden. Sonst wird in ein paar Generationen der gesamte Gebäudekomplex nur noch ein Museum sein.

War die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) bei der Planung des neuen Zentrums am Jakobsplatz in beratender Funktion beteiligt? Welche Anregungen konnten Sie geben?

Die LMU als Institution war an der Planung nicht beteiligt, ich war aber Mitglied des Kuratoriums, wie auch einige weitere Kollegen. Universität und Kultusgemeinde sind ja zwei völlig verschiedene Institutionen, und ich finde es auch wichtig, den unabhängigen Charakter des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur zu betonen. Doch die IKG unterstützt unsere Arbeit ideell, und auch konkret mit der Finanzierung eines Jahresvortrags. Insbesondere Frau Knobloch hat sich auch persönlich immer für die Belange jüdischer Geschichte und Kultur an der LMU eingesetzt.

Gibt es ein Projekt der Zusammenarbeit zwischen der Abteilung für jüdische Geschichte und Kultur an der (LMU) und der Schule der IKG München?

Ein solches Projekt gibt es bisher nicht. Bisher besuchen lediglich die Abiturienten unsere Universität zu einem informellen Treffen. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn wir die Zusammenarbeit vor allem mit den Schülern und Schülerinnen der oberen Klassen des jüdischen Religionsunterrichts weiter vertiefen könnten oder gemeinsame Projekte, in Zukunft auch mit dem Jüdischen Museum, entwickeln könnten.

Wie groß ist das Interesse der Studenten an der jüdischen Geschichte?

Das Interesse vor allem unter nichtjüdischen Studenten ist groß, wobei ich eine relative Konstanz bei den Anfängern feststelle. Bei den Doktoranden hat sich natürlich mittlerweile eine größere Gruppe zusammengefunden und sich ein sehr angenehmes Team am Lehrstuhl herausgebildet.

Was hat sich seit der Einrichtung des Lehrstuhl geändert? Haben Sie neue Schwerpunkte gesetzt?

Wir haben in den ersten Jahren vor allem versucht, die Bandbreite jüdischen Lebens aufzuzeigen. Wissenschaftliche Tagungen über Juden in Italien und in der islamischen Welt mögen dafür beispielhaft stehen. Ein Höhepunkt war sicher die Vortragsreihe zum Thema "50 Jahre Israel", die später auch als Buch veröffentlicht wurde. In den letzten Jahren haben wir uns nun auch etwas mehr der Lokal- und Regionalgeschichte zugewandt, mit dem Band "Jüdisches München", zu dem auch Absolventen des Lehrstuhls beitrugen, und mit der Tagungsreihe „Juden in Bayern“, die wir 2006 mit der Oberpfalz eröffneten und 2007 mit Franken fortführen wollen.