In der Nähe des bekannten Münchner Scheidplatzes, unweit der Psychiatrischen Max-Planck-Abteilung des Schwabinger Krankenhauses, befindet sich die James-Loeb-Straße, deren Namenspate, einst "eine sehr lebhafte, brillante Persönlichkeit" und "exzellenter Wissenschaftler, Musiker und Ästhet...“ , heute vielen unbekannt ist…

Von Azad Abramov

James Loeb, Sohn Salomon Loebs und Betty Goldbergs wurde am 6. August 1867 in New York City geboren. Sein Vater, ein aus Deutschland stammender Jude, war Mitbegründer und Partner der amerikanischen Bankfirma Kuhn Loeb & Company. Seine Mutter stammte aus Cincinnati und war Tochter eines Berufsmusikers. Von ihr, die ihren Kindern Musikunterricht erteilte und abendliche Kammerkonzerte zu Hause gab, hatte er die Liebe zur Musik. Auch auf humanistische Bildung ihrer Kinder legte die Mutter großen Wert. Deshalb lernte James mehrere Sprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Hebräisch, Latein und Griechisch.

Seit 1884 studierte er an der Harvard Universität, wo er sich vor allem auf Alt-Griechisch und Latein konzentrierte. Im Bereich der Musik engagierte er sich als Vizepräsident der Pierian Sodelity, des Harvard Musikorchesters und als aktiver Cellist. Bei seinem Abschluss bekam James von einem seiner Lehrer ein attraktives Angebot, nämlich Ägyptologie in Paris und London zu studieren.

Doch folgte er statt dessen dem Wunsch seines Vaters, trat 1888 in dessen Bank ein und wurde 1894 Partner des Bankhauses.

Erstmals im Winter 1891 musste er wegen einer schweren Krankheit seine Arbeit in der Bank zwangsläufig unterbrechen. 1902 zwangen ihn schließlich seine gesundheitlichen Probleme, ganz aus der Bank auszuscheiden und ein ruhiges Leben zu führen, wobei er seinen Neigungen zur Kulturwissenschaft, Kunst und Musik nachgehen konnte. Am Anfang lebte er auf seiner Farm in Shrewsbury New Jersey.

In dieser Zeit engagierte er sich erstmals im kulturwissenschaftlichen und musikalischen Bereich. So spendete er u.a. eine erhebliche Summe für den Bau des Harvard Music Department Gebäudes, des Konzertsaals Painehall und finanzierte maßgeblich die Gründung des American Institut of Musical Art (später die Juilliard School) in New York mit. Außerdem zeigte er großes Interesse an den Ausgrabungen in Athen durch das American Boston Museum of Fine Arts und das Archäologische Institut.

Obwohl er in New Jersey einen stilleren Ort hatte, zog er 1905 nach Murnau in Deutschland. Hier betätigte er sich sehr engagiert als Kunstmäzen. Zusammen mit seinem Schwager Aby Warburg, der selbst ursprünglich aus einer Hamburger Bankierfamilie stammte und einer der bedeutendsten Kunsthistoriker seiner Zeit war, förderte er die Staatliche Antikensammlungen in München. Seine Sammlung von antiken Manuskripten, griechischen Terrakottafiguren, hellenistischem und südrussischem Goldschmuck, antiken Vasen, Gefäßen und Gläsern, sowie ägyptischen, hellenistischen, römischen und etruskischen Bronzen, darunter so berühmte Werke wie der "Poseidon“ und "Dreifüße", sind noch heute wertvoller Bestandteil dieser Sammlungen.

1912 begründete er seine berühmte "Loeb Classical Library", eine Sammlung von Werken griechischer und lateinischer Dichter und Schriftsteller in Originalsprache mit englischer Übersetzung in Pocket-Format. Diese "Library", die in der englischsprachigen Welt große Resonanz hervorrief, wurde von ihm fortlaufend gefördert und wurde ein gut konzipiertes und finanziell ausgestattetes Projekt, das noch heute weitergeführt wird. Bereits zu seinen Lebzeiten erschienen 360 Bände, Anfang des 21. Jahrhunderts sind es fast 500 Bände.

In einem Vorwort zur früheren Herausgabe seiner "Library" erklärte Loeb, wieso er, wie damals seine Mutter, so großen Wert auf die Menschenfreundlichkeit in der Kunst, in der Musik und in der klassischen Ausbildung legte: "In einer Zeit, in der Humanität mehr missachtet wird als wahrscheinlich in jeder Zeit seit dem Mittelalter und in der die Gedanken der Menschen sich immer mehr auf das praktische und Materielle lenken, da reicht es nicht aus, wie beredsam und überzeugend auch immer, zu argumentieren für die Bewahrung und weitere Freude an unserem großen Erbe aus der Vergangenheit. Mittel und Wege müssen gefunden werden, um diese Schätze allen, die sich um die wesentlichen Dinge des Lebens kümmern, zur Verfügung zu stellen."

Sein großes Interesse an der Medizin und der Psychiatrie, sowie Verbindungen mit dem Psychiater Emil Kraepelin und dem berühmten Wissenschaftler Sigmund Freud führten zur Gründung der "Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie“ in München. Heute ist dies das Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Außerdem gründete der Wohltäter das erste Münchner Studentinnenheim, das nach dem Name seiner Frau Marie-Antonie benannt wurde.

Seit 1912 lebte der Philanthrop mit seiner Familie ständig auf seinem Landgut in Hochried bei Murnau, wo heute eine Grundschule nach ihm benannt ist. Hier besuchten ihn häufig berühmte Freunde und Wissenschaftler, wie etwa Karl Vossler – Rektor der Münchner Universität, Luise Kieselbach, Frauenrechtlerin, die Komponisten und Musiker: Richard Strauss, Max Reger, Hermann Levi, Gustav Mahler und andere.

Hier betätigte er sich auch als Wohltäter und großzügiger Spender: So übernahm er komplett die Finanzierung der Gemeindekrankenhauses (1931). Mit einem Betrag in Höhe von 450.000 Reichsmark für Neubauarbeiten rettete Loeb die Existenz vieler Murnauer Handwerker. Heute erinnert eine Gedenktafel am Murnauer Krankenhaus daran.

Obwohl Loeb Anfang der 20er Jahre auch einen stattlichen Betrag für das Murnauer Kriegerdenkmal spendete, war er bereits damals ständigen Anfeindungen durch die ortsansässigen Nationalsozialisten ausgesetzt.

1925 erhielt James Loeb für seine Übersetzung der antiken Literatur die Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge. Bei der Verleihung wurde gesagt: "Unser Gast hat uns allen das Paradies der griechischen und lateinischen Literatur zurückgebracht, ausgerichtet sowohl für Gelehrte wie für Ungelehrte, hervorragend editiert, wundervoll übersetzt…"

Am 27. Mai 1933 starb er in seinem Landhaus in Murnau an einer Lungenentzündung. Der Naziterror blieb ihm erspart.

Nach seinem Tod war in einem Artikel der "New York Times“ über ihn zu lesen: "Es ist nicht zu viel gesagt, dass James Loeb ein Erneuerer der Humanität, ein Wiederbeleber des Lernens war, der in seinem Weg die Tradition der Renaissance fortsetzte“. In einem Interview erinnerte sich eine Nichte an ihn als "eine sehr lebhafte, brillante Persönlichkeit. Umgänglich wie ein griechischer Gott, verzauberte er jeden, war ein exzellenter Wissenschaftler, ein guter Musiker und ein Ästhet im besten Sinne des Wortes".

Quellen:
http://www.klinikhochried.de;
http://www.hup.harvard.edu/loeb/
Elisabeth Tworek, Spaziergänge durch das Alpenvorland der Literaten und Künstler.
Arche Verlag, Zürich - Hamburg 2004
Leonid Mininberg, „Imena izvestnih Evreev v nazvanijah ulits Münhena“ („Bekannte Juden in Münchner Straßennamen“) http://www.berkovich-zametki.com