Charlotte Knobloch, Gemeindepräsidentin der IKG München und Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, über Antisemitismus, über das neue jüdische Zentrum in München, über ihre Hoffnungen und die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland ...

Frau Knobloch, Sie gehören zur Generation der Zeitzeugen des NS-Terrors. Bitte erzählen Sie uns etwas über über Ihre Kindheit, wie haben Sie die damalige Zeit erlebt und überlebt?

Ich komme aus einer gutbürgerlichen Familie. Mein Vater war Anwalt. Als sich meine Eltern scheiden ließen, hat meine Großmutter meine Erziehung übernommen.
Mit meinem Jüdisch-Sein wurde ich das erste Mal konfrontiert, als ich mit den Kindern, mit denen ich jeden Tag gespielt habe, plötzlich nicht mehr spielen durfte.

Damals haben sich alle Kinder aus der Nachbarschaft nachmittags zum Spielen im Hof unseres Wohnhauses getroffen. Als ich eines Tages wieder voller Freude zum Spielen in den Hof gegangen bin, war das Gittertor zu. Der Eingang war versperrt. Ich habe begonnen, an der Tür zu rütteln. Noch heute sehe ich mich an diesem Gittertor rütteln. Die Kinder haben mich dabei komisch angeschaut. Auch das sehe ich noch heute vor mir. Bis die Hausmeisterin kam und sagte: "Jüdische Kinder haben hier nichts mehr zu suchen. Die Kinder wollen nicht mehr mit einem Judenkind spielen."

Das war der erste Einschnitt in mein Leben als Kind. Ich bin nach Hause gegangen, habe geweint und gefragt: "Was ist bei mir anders als bei den anderen Kindern?" Im Laufe der Zeit musste ich noch Vieles mehr erleben.

Überlebt habe ich diese Jahre nur durch das einmalige Erlebnis, Menschen begegnet zu sein, die bereit waren, die Gefahr auf sich zu nehmen und mir zu helfen. Getarnt als außereheliches Kind einer katholischen Frau, habe ich die Schoah bei einer fränkischen Bauernfamilie überlebt. Wäre meine wahre Identität entdeckt worden, wären wir alle - auch die Familie, die mir Unterschlupf gewährte - deportiert worden.

Haben Sie schon in jungen Jahren daran gedacht, eine wichtige Person des öffentlichen Lebens zu werden?

Nein, daran habe ich nicht gedacht. Als aber meine Kinder ihre Schullaufbahn beendet haben und das elterliche Haus verließen, habe ich begonnen, mich im Sozialbereich der Israelitischen Kultusgemeinde zu engagieren. Es hat mir Spaß gemacht, anderen Menschen zu helfen. Dann kam die Wahl in den Gemeindevorstand, mein Amt als Gemeindepräsidentin und schließlich wurde ich zur Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt.

Wie könnte sich das jüdisches Leben in München ändern nach der Einrichtung des neuen jüdischen Zentrums am Jakobsplatz?

Wir haben jetzt eine Einrichtung, die für alle offen ist. Dadurch wird sich ein Dialog mit der nichtjüdischen Gesellschaft entwickeln, der sehr wichtig ist.
Die Akzeptanz von Menschen oder von einer Einrichtung, die man nicht kennt, ist oft sehr unterschiedlich. Jetzt gibt es die Voraussetzungen um uns, unsere Religion und jüdisches Leben kennen zu lernen. Ich bin überzeugt, dass das neue Jüdische Zentrum einen großen Beitrag zu gegenseitigem Verständnis und einem friedlichen Miteinander leisten wird.

Was vermuten Sie, warum Zuwanderer aus den GUS-Staaten nicht Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München werden wollen bzw. die Kultusgemeinde sogar verlassen?

Wir müssen verstehen, dass den Zuwanderern in ihrer alten Heimat die Religionsausübung verboten war. Vor diesem Hintergrund können wir jetzt natürlich kein großes Interesse oder Bereitschaft, sich mit einer Religionsgemeinschaft zu identifizieren, erwarten. Ich habe dafür Verständnis, aber trotzdem würden wir uns freuen, wenn alle zu uns kommen würden. Wir zwingen sie nicht in die Synagoge zu gehen oder anderen religiösen Traditionen nachzukommen. Aber als Gemeindemitglieder würden sie natürlich auch Einladungen zu kulturellen Veranstaltungen erhalten. An Kultur haben die Neuzuwanderer ja großes Interesse, was mich sehr freut.

Bei der Eröffnung der neuen Synagoge haben Sie erzählt, für Sie sei damit ein Traum in Erfüllung gegangen. Was ist Ihr nächster Traum?

Mein nächster Traum ist - ich habe das bereits kurz angeschnitten - dass aus dem Nebeneinander, das wir in der Vergangenheit immer gespürt haben, weil von beiden Seiten eine gewisse Zurückhaltung ausgegangen ist, ein Miteinander wird.

Ich träume davon, dass die Menschen künftig nach ihrem Charakter beurteilt werden und nicht nach ihrer Religion.

Sie sind Präsidentin der IKG München und Präsidentin des Zentralrats der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Wie sehen Sie die Zukunft unserer Gemeinden in München und in Deutschland?

Ich bin voller Hoffnung, dass die jüdischen Gemeinden - die vor allem von der Zuwanderung profitieren - weiter wachsen und zu einem blühenden jüdischen Leben in Deutschland beitragen. Viele Gemeinden würden heute ohne Zuwanderer überhaupt nicht mehr existieren. Die Zuwanderer sind wirklich in jeder Hinsicht eine große Bereicherung für unsere Gemeinden. Ich bin mit Blick auf die weitere Entwicklung sehr optimistisch.

Sollten die Verbindungen mit Israel vertieft oder eigenständiger werden?

Der Staat Israel ist unsere geistige und religiöse Heimat. Jüdische Menschen, die verfolgt werden oder aus anderen Gründen nach Israel einwandern wollen sind dort immer herzlich willkommen. Das allein ist schon Grund genug, diesem Staat positiv gegenüberzustehen. Hätten wir zu Zeiten der Schoah eine solche Möglichkeit gehabt, hätten viele von uns überlebt.
Ich habe außerdem Familie in Israel und fühle mich deshalb diesem Staat entsprechend stark verbunden.

Was könnten die Juden, die in der Diaspora leben, zum Frieden im Nahen Osten beitragen?

Indem sie die Kritiker am Staat Israel auffordern, in ihrer Urteilsbildung sachlich zu bleiben.
Selbstverständlich darf der Staat Israel kritisiert werden. Wir haben nie gesagt, dass Kritik am Staate Israel per se antisemitisch ist. Aber wenn die Politik Israels gegenüber den Palästinensern mit der Politik der Nationalsozialisten verglichen wird, ist das nicht sachlich, sondern im Gegenteil antisemitisch.

In diesem Jahr wurde ein Anschlag auf eine jüdische Kindertagesstätte in Berlin verübt. Sind Juden in Deutschland heute wieder mehr bedroht? Sehen Sie einen Anstieg des Antisemitismus?

Ich habe mir die jüdische Kindertagesstätte in Berlin angesehen und war schockiert. Antisemitische und rassistische Hetzworte waren an das ganze Haus geschmiert. Sogar die kleinen Spielzeuge der Kinder, die im Garten herumlagen, waren mit antisemitischen Schmähworten beschriftet.
Die jüdische Gemeinschaft wird heute in Deutschland von Rechtsradikalen und fundamentalistischen Muslimen bedroht. Ich hoffe, dass sich die Verantwortlichen in unserer Regierung nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten einschalten werden. Der Anstieg des Antisemitismus ist Fakt und wird auch durch die Lage im Nahen Osten - da man uns ja immer mit Israel gleichsetzt - angekurbelt. Der Volksmund meint, wir wären Israelis, doch das sind wir nicht. Der israelische Staat fragt uns ja nicht, wie er seine Politik gestalten soll oder wie er dem Nahen Osten Frieden bringen kann.

Besonders widerlich zeigt sich antisemitische Propaganda im Internet.

Dem kann ich absolut zustimmen! Da sind oftmals Dinge zu lesen, die nicht hinnehmbar sind, die so abscheulich sind, dass man es am liebsten gar nicht lesen würde.

haGalil tritt dieser mit den Mitteln des Internets entgegen. Wie beurteilen Sie die Arbeit von haGalil.

Ich höre immer wieder, dass haGalil äußerst positiv beurteilt wird. Auch ich beurteile die Arbeit von haGalil positiv und wünsche für die Zukunft weiterhin so viel Erfolg!