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Mythos oder Realität? Rechtsextremismus in Lichtenberg

Nach dem Angriff auf einen türkischstämmigen PDS Politiker im Mai 2006 bestimmten Schlagzeilen über die „No-Go Areas“ in der Weitlingstraße die deutsche Medienlandschaft. Oft wurde auf die rechtsextreme Geschichte des Bezirks in den neunziger Jahren verwiesen, die in Verbindung gebracht wurde mit dem von Rechtsextremen bewohnten Haus Weitlingstraße 122.

Ein Problemaufriss im Berliner Bezirk Lichtenberg
von Claudia Luzar

Das Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) bekam im Frühsommer 2006 den Auftrag ein Gutachten über die tatsächlichen rechtsextremen Strukturen und Organisierungsbestrebungen zu verfassen. Die Untersuchung im Weitlingstraßenkiez ging von der Fragestellung aus, ob die rechtsextrem motivierten Angriffe und Aktivitäten nur von einer Handvoll Protagonisten ausgingen, die versuchten die Definitionsmacht im Kiez zu übernehmen oder ob es sich dabei tatsächlich um einen historisch gewachsenen und gesellschaftlich fest verankerten Kern von Rechtsextremen handelte. Das ZDK-Team nahm hierzu Quellenanalysen an Unterlagen der Deutschen Volkspolizei, Arbeiten der Humboldt- Universität sowie an Primär- und Sekundärmaterial über die rechtsextreme Szene vor und führte zahlreiche qualitative Interviews und Sozialraumbeobachtungen durch.

Interessant an dem Ostberliner Bezirk Lichtenberg ist die Tatsache, dass Rechtsextremismus hier keineswegs erst mit dem Mauerfall virulent wurde, sondern sich eine eigene rechtsextreme Szeneentwicklung bereits Ende der achtziger Jahren vollzog.
Subkulturelle Gruppen wie z.B. Punks, Skinheads und Hippies machten zu dieser Zeit eine Phase der politischen Ideologisierung durch. Die aus der Skinheadkultur kommenden rechtsextremen jungen Männer definieren ihre Opposition gegen den Staat über eine „deutsche Arbeiter- und Volksgemeinschaft“, deren Vorbild sie im Nationalsozialismus suchten. Obwohl rechtsextreme Straftaten in der DDR nicht kategorisiert wurden, ist Ende der achtziger Jahre eine generelle Zunahme von Gewalt unter Jugendgruppen zu verzeichnen. Und gerade im Gebiet um die Weitlingstraße wohnten viele junge rechtsextreme Männer, die schon vor der Wiedervereinigung in Organisationen wie der Lichtenberger Front oder der Bewegung 30. Januar aktiv waren.

Am 31.Januar 1990 wurde die Nationale Alternative, die erste dezidiert rechtsextreme Partei der DDR, in Lichtenberg gegründet. Diese Partei ist untrennbar mit der Weitlingstraße verbunden und begründet den historischen Mythos des Kiezes. Die Nationale Alternative hatte ihren Parteisitz in dem von Neonazis bewohntem Haus Weitlingstraße 122, welches als Schulungszentrum und bundesweiter Treffpunkt der rechtsextremen Szene galt. Untrennbar sind die Namen der damaligen NA Mitglieder Ingo Hasselbach, Frank Lutz, Heiko Baumert, Benedix Wendt und Oliver Schweigert mit diesem historischen Ereignis verbunden. Nachdem die Mitglieder der NA wegen diverser rechtsextremer Angriffe, Sprengstoff und Propagandaaktionen angeklagt wurden und auch ideologische Differenzen sich abzeichneten, zerfiel die Partei jedoch recht schnell wieder.
In der Folgezeit zwischen 1992 und 1998 war die rechtsextreme Szene wenig öffentlich präsent im Kiez. Einige Führungspersonen zogen sich in das Privatleben zurück, andere gingen ins Gefängnis und Dritte lösten sich von den rechtsextremen Strukturen. So wohnten und arbeiteten zwar Rechtsextremisten im Kiez, traten aber mit ihrer politischen Gesinnung kaum in die Öffentlichkeit. Erst Ende der neunziger Jahre wurde mit der Eröffnung des Café Germania wieder ein politischer Ort geschaffen, an dem sich Rechtsextreme austauschen und koordinieren konnten. Auch die Kameradschaft Germania, deren Protagonisten jedoch nicht nur in Lichtenberg wohnten, nutzen den Mythos um die rechtsextreme Geschichte der Weitlinglingstraße.

Bis 2001 agierte die rechtsextreme Szene vergleichsweise eingeschränkt im Kiez. In den letzten Jahren kann jedoch wieder von einer Hochphase rechtsextremer Aktivitäten gesprochen werden. Zahlreiche Kameradschaften haben sich dort neu gegründet und treten auch nach außen hin aktionistisch-politisch auf. Neben den klassischen subkulturellen Männerbünden um die Kameradschaft Spreewacht und Lichtenberg 35, die der rechtsextremen Musikszene zuzuordnen sind, treten neue autonome rechtsextreme Aktionsgruppen auf, die rein äußerlich nur noch durch Nuancen von anderen, alternativen, Jugendkulturen zu unterscheiden sind. Politisches Ziel aller Kameradschaften und loser Gruppenzusammenhänge bleibt jedoch die Wiedereinführung eines Nationalsozialismus in Deutschland und damit verbundenen ein Antisemitismus und Rassismus, der sich bei diesen Gruppierungen stets gewalttätig äußert. Eindeutige quantitative Angaben zu den Personenzusammenhängen sind schwer zu machen, da sich nur wenige Personen der Szene nach außen explizit äußern und öffentlich auftreten.

Wichtig für die Entstehung einer rechtsextremen Alltagskultur bleibt jedoch eine Infrastruktur mit einschlägigen Treffpunkten. Diese müssen nicht immer, wie in dem Fall der Gaststätte Bierkiste, von Rechtsextremen betrieben werden, sondern können auch nur von diesen genutzt werden. Entscheidend bleibt das Verhalten betroffener Gewerbetreibender, die diese rechtsextreme Treffen und Symboliken in ihren Örtlichkeiten dulden oder, auch mit Unterstützung von außen, ein Zeichen dagegen setzen können.

Da das ZDK- Team nur ein Bruchteil der Gewerbetreibenden und Anwohner befragen und zudem aufgrund der im Untersuchungszeitraum stattfindenden Sommerferien keine Befragungen in Schulen, Jugendclubs und Kindertagesstätten durchführen konnte, findet zur Zeit eine Folgeuntersuchung mit dem Fokus auf die staatlichen Kinder- und Jugendeinrichtungen und Möglichkeiten zivilgesellschaftlicher Gegenaktivitäten statt.

Die Frage, ob es einen Mythos oder eine Realität des Rechtsextremismus in der Weitlingstraße gibt, kann die nicht eindeutig beantwortet werden. So gibt es zwar einen „Mythos Weitlingstraße“, der sich aus den historisch belegbaren rechtsextremen Organisierungsbestrebungen und Kulturaneignungen speist. Nach den jüngsten rechtsextremen Vorfällen im Kiez schaffte die Berichterstattung der Medien zudem selbst eine Erzählung, die als Identifikationsangebot dienen konnte. In der Untersuchung hat sich allerdings ebenso gezeigt, dass es im Kiez immer wieder verschiedene Zyklen von rechtsextremen Aktivitäten gegeben hat, die darauf abzielten, das Gebiet neu zu „erobern“.

So ist der Rechtsextremismus eine Realität im Weitlingstraßenkiez, die sich ob gewalttätig oder nicht, in ganz verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zeigt.

Bei Interesse können Sie die Studie beim Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) erwerben

Posted 11/08/06 by: admin



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Comments

wrote:
übrigens hat der im Mai angegriffene, türkischstämmige PDS-Plitiker in diesem Nazi-Kiez das Direktmandat für das Berliner Abgeordnetenhaus gewonnen. Und die PDS ist sicherlich das kleinere Übel...
MfG
11/08/06 20:15:05

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