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Wie Kaiserslautern doch noch zu einer Gedenkstätte kam

Vielleicht im milden Septemberlicht, das Eiscafé hat Tische und Stühle noch draußen, begegnet einem Kommunisten der subjektive Faktor. Im Haus, vor dem er jetzt stehen bleibt, da lebte einer, den rettete das Eiserne Kreuz, die gutbürgerliche Herkunft, das gemeinsame Fronterlebnis im Schützengraben, die Liebe zum Vaterland, der angesehene Beruf nicht. Den haben sie abgeholt. Das "sie" kann man exakt bestimmen...

Von Stefan Gleser

Weiter vorstellbar: Ein Historiker irrt zur gleichen Zeit durch Kaiserslautern. Der kennt die Orte des Leidens genau. Zuweilen wundert er sich, dass die Leute rings um ihn lachen. So wuchs Eigensinn zusammen, unmerklich, aus kleinen und zufälligen Beobachtungen, wurde größer, trat öffentlich auf, trotzte den Behörden, rang dort und da ein dennoch ab, quälte sich, sah hastig Zeitungen durch, wurde wieder größer, ließ sich aber nicht beirren, musste sich sagen lassen, dass alles läge schon lange zurück, ließ sich nicht abbringen, fand dort und da Beistand, musste sich wieder sagen lassen, das nützt den Toten nichts, die soll man ruhen lassen, war hartnäckig, obwohl andere sagten, man sei stur, hörte nicht auf die öffentliche Meinung, verwies auf andere Städte, sah in Archiven nach, wurde wieder größer, ließ sich noch einmal sagen, der Vorschlag könne instrumentalisiert werden, und heute hat Kaiserslautern eine Erinnerung an die zerstörte Synagoge.

Ein Plan der Lautrer Innenstadt ist auf einer der Internetseiten der VVN-BdA zu finden. Darauf sind Kreuze eingezeichnet. Da wurde die sozialdemokratische Buchhandlung verwüstet, da wurde ein Gebrechlicher zum überflüssigen Esser, da erschoß man Kriegsgefangene ; da wohnte einer, der ging in die Synagoge; da erklärte man einen, der Roma sprach, zum "Rassezigeuner", da zitterte ein Pfarrer dem Transport ins Lager entgegen; da hungerte ein Zwangsarbeiter. Ein paar virtuelle Kreuze gegen die Wucht des Kriegerdenkmals an der Fruchthalle, gegen die Carl-Peters-Straße in Erfenbach (bitte überprüfen), gegen die "Nationalzeitung" am Kiosk um die Ecke.

Dr. Nachama, ehemals Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Berlin, schreibt: "In Westdeutschland, einschließlich Berlin, ist nicht etwa eine Gedenkstätte entstanden, weil eine Regierung auf die Idee gekommen wäre, das müssen wir jetzt machen. Sie sind entstanden aus Initiativen, aus Bürgerinitiativen, die sie den Landesregierungen, den Stadtregierungen, der Bundesregierung abgetrotzt haben." Ich weiß nicht, ob Nachama jemals in Kaiserslautern war. Das Wirken des Beigeordneten Arne Oeckinghaus hat er jedenfalls genau geschildert.

Als die VVN-BdA eine erste provisorische Mahn- und Gedenktafel mit den Namen der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus enthüllt, sieht Oeckinghaus darin "Effekthascherei". Im November 1998 konnte Marcus Blüm unwidersprochen im "Zweibrückener Merkur" schreiben: "Oeckinghaus sieht die Gefahr einer politischen Vereinnahmung durch Antifaschisten." Das muss dann selbst für die heimische "Rheinpfalz" zu viel gewesen sein. Denn im selben Monat kritisiert deren Redakteur Horst W. Müller: "Die Stadt hatte es nicht für notwendig erachtet, eine Gedenkveranstaltung auszurichten. Das ist nicht vollziehbar und ungeheuerlich. Die Jugend kontinuierlich über das Nazi-Regime aufzuklären, hält Kulturdezernent Arne Oeckinghaus für wichtiger als Kranzniederlegungen und Gedenkveranstaltungen am 9. November. Da dürfte wohl kaum jemand dem Beigeordneten widersprechen. Aber diese Meinung des Kulturdezernenten begründet doch in keiner Weise die Entscheidung auf eine offizielle Gedenkveranstaltung unter Regie der Stadt zu verzichten. Daß die politischen Vertreter der Stadt – die Amtsträger wie die Mehrzahl der Ratsfraktionen – den 60. Jahrestag der "Reichskristallnacht" ignorierten, rückt nahe an eine Missachtung der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur. Die Haltung der Lauterer zeigt auch, wie begründet die Klage des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, über eine Kultur des Wegschauens und Vergessenwollens in Deutschland ist." Selbstverständlich war Oeckinghaus danach Vorreiter für eine virtuelle Konstruktion der Synagoge und "Guckkästen".

Es geht auch anders. Das kleine Dahn macht´s dem weltoffenen WM-Gastgeber vor. Auf der Homepage der Stadt Dahn wird ausführlich der Widerstandskämpfer Ingbert Naab gewürdigt: "Damit es nicht vergessen wird. Angesichts der Tatsache, dass ein Gedankengut, das die Welt vor nunmehr 60 Jahren vernichtet glaubte, wieder zunehmend salonfähig wird, ist es an der Zeit, sich des Paters Ingbert Naab, dem wohl bedeutendsten Sohnes der Stadt Dahn, und seinem Kampf gegen den Nationalsozialismus zu erinnern." Es wird empfohlen sich auf www.mahnung-gegen-rechts.de, www.nazis-im-internet.de und www.shoa.de weiter zu informieren. Ich tagträume ein wenig. Unser Kulturdezernent Dr. Arne Oeckinghaus würdigt auf den Seiten der Stadt Kaiserslautern Philipp Mees und Oskar Brill und rät zu den angegebenen Überleitungen.

In Artikeln über die Lautrer Synagoge wird darauf hingewiesen, dass sie eine der schönsten in Südwestdeutschlands gewesen sei, erbaut im maurisch-byzantinischen Stil. Dieses Lob der architektonischen Glanzleistung flüstert, sicher unbeabsichtigt ein, dass, wäre ein ärmlicher, verschmutzter Betsaal gesprengt worden, dies nicht so schlimm gewesen sei. Als ob ausgerechnet eines der schändlichsten Verbrechen in der Geschichte Kaiserslauterns ästhetisch bewertet werden müsse.

Draußen sind die Reihen fest geschlossen. Drinnen klammert sich einer an einen vergilbten Zeitungsausschnitt. Der Sohn des Prinzregenten von Bayern besucht 1894 die Synagoge in Kaiserslautern. Dr. Landsberger, der Bezirksrabiner, begrüßt ihn : "Hier in diesem Gotteshause wird die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen gelehrt, aber auch die Liebe zum Vaterlande und dem angestammten Fürstenhause auf dass diese Lehren von Allen, die sie vernehmen, auch im Leben bewahrt und beherzigt werden." Schnell und brutal der aufhaltsame Abstieg von der Stütze der Gesellschaft zum Paria.

Als das Gedenken für die Gemordeten nicht mehr aufzuhalten war, strömten die Politiker mit ihren verbrauchten, ausgeleierten Vokabeln herbei. Betroffenheit, dunkles Kapitel, Erinnerungsarbeit, eine Kultur des Trauern, Aufarbeitung, Schuldbewusstsein, das nicht vergehen wollen, Erinnerung müsse ins alltägliche Bewusstsein verankert werden, lebendige Erinnerung im öffentlichen Raum, die zum Nachdenken, die zum Fragen provoziere usw. Die Initiatoren hatten immer auf grosse Wörter verzichtet.

1990 überreichten Bernhard Gerlach und Roland Paul dem Oberbürgermeister eine Liste mit 144 Namen (mittlerweile umfasst die Liste über 170 Namen) von Kaiserslauterer Bürgerinnen und Bürger, die aufgrund ihres jüdischen Glaubens oder Herkunft 1933-1945 Opfer der faschistischen Barbarei wurden. Es war die Arbeit von fast zehn Jahren privater Spurensuche.

16 Jahre später, es war der Tag der jüdischen Kultur in Rheinland-Pfalz, stand Bernhard Gerlach vor einigen Unentwegten am Synagogenplatz. Wieder war kein offizieller Vertreter der Stadt zugegen. Er sprach langsam, betont deutlich in kurzen Sätzen. Gesten unterstützten seine Rede, damit sie auch von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, deren Muttersprache nicht deutsch ist, verstanden würde.

Category: General
Posted 05/07/07 by: admin



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