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Judentum und Israel
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Der Spiegel knöpft sich das Judentum vor: Eine neue Form von Hass

Für Atheisten war der primitive Glaube an ein "höheres Wesen" noch nie nachvollziehbar, inzwischen kann derartiges aber immer weniger hingenommen werden, denn Religion ist nicht nur "Opium fürs Volk", sondern Grund für alles Übel schlechthin...

David Gall

Gerade in einer vom Fundamentalismus bedrohten Welt fragen sich immer mehr Vertreter des "aufgeklärt-intellektuellen Anstands", wie es denn dazu kam, dass die Beschaulichkeit des Westens immer mehr terrorisiert wird.

Wo liegt die Ursache, woher kommt der Wahn? Wer ist schuld an der Misere?

Der Spiegel gibt zum Jahreswechsel die Antwort und erklärt, dass die religiöse Toleranz der Antike erst durch die mosaische Religion von fanatischer Rechthaberei abgelöst wurde: "Im Polytheismus, hieß es noch: Leben und leben lassen". Der G'tt der Juden hingegen ist "rachedurstig, ja rechthaberisch – eine Himmelsmacht, die nichts und niemanden mehr neben sich duldete", so das Hamburger Magazin.

Außerdem hätten Moses und seine Nachfolger ihre unduldsame Ideologie, den "Monotheismus" nicht einmal selbst entwickelt, geschweige denn von G'tt empfangen: "Die Juden kupferten ab. Ihre Idee vom einen Gott stammt in Wahrheit aus – Ägypten"... Die ganze "Heilige Schrift" sei nur "Camouflage, eine Art Märchenbuch, das wie eine Zwiebel aus Hunderten von alten, immer wieder umformulierten Schriften und Überlieferungssträngen besteht"...

Das Judentum ist also nur der späte Aufguss einer unausgegorenen Idee, die in Ägypten längst wieder verworfen worden war. Wohl ganz zurecht, wie man im Spiegel nachlesen kann: "Die aus Legenden geformte Vergangenheit der Israeliten besteht im Prinzip aus einer Abfolge von Massakern, Strafaktionen und Blutvergießen. Im Namen Jahwes werden Vertreibungen und die Zwangsscheidung von Mischehen durchgesetzt"... "Die biblischen Mahner gingen mit allen Tricks vor. Sie drohten mit Unheil, schmähten und fluchten"... Als "fanatische Gesinnungsethiker" habe schon der "Heidelberger Religionssoziologe Franz Maciewski diese frühen Monomanen eingestuft" Andere Geistesgrößen sprächen, so der Spiegel, von "Hornissen des Geistes", die ständig Worte wie "Tilgung", "Ausrottung", "Tötung", "Ausmerzung" im Munde führten.

Nur durch diesen Gesinnungsterror blieben die Juden "gefeit gegen Abfall und Ketzerei. Sie brauchten nur ihre Mannbarkeit zu beschauen, um zu ahnen, mit welch furchtbaren Schnitten der Herr die Abtrünnigen bestrafen würde".
Was es mit dieser Mannbarkeit auf sich hat wird folgendermaßen erklärt: "Der Mohel (der Beschneider Anm. haGalil) nahm das Baby, ritzte mit dem Fingernagel dessen Vorhaut ein und riss sie ab – ein blutiges Attentat, das sich wie ein Mal in den Körper brannte"..., ja, "es ist dieser Ritus, der zur Ausbildung einer kollektiven kultischen Identität der Juden führte", dieses "blutige Werk" prägt "die jüdische Seele bis heute".

Tatort war ein "düsterer Kultbau auf dem Zionsberg", dort "liefen einst alle Fäden zusammen": "Bärtige Priester mit Kleidern, an denen blaue Kordeln hingen, liefen in dem Gemäuer umher. Sie schlachteten Stiere. Bei einem der Riten benetzten sie ihre Ohrläppchen mit Widderblut. Mit der Wahrheit nahmen es die bigotten Anhänger des Ewigen allerdings nicht so genau"...

Sicher bereitete diese saloppe Schreibe vielen Lesern des Hamburger Magazins während der Ferientage großes Vergnügen. Damit wir es uns aber nicht einseitig mit der sogenannten "Linken" verderben, blicken wir aber auch mal in die konservative Ecke. Dort erfahren wir in der Tageszeitung "Die Welt", dass sogar die Hinrichtung des irakischen Ex-Diktators Saddam Hussein für ein altes antijudaistisches Vorurteil herhalten muss, nämlich jenes der "alttestamentarischen Rachsucht".

Aufmerksam gemacht hat uns darauf unser Leser Mateo Taibon aus Mareo (Ladinia). Dessen Leserbrief, den die Welt vielleicht nicht bringen wird, wollen wir Ihnen nicht vorenthalten:

Bitte Argumente und nicht alte Vorurteile!
www.welt.de/data/2007/01/07/1168281.html

Mit Verwunderung nehme ich zur Kenntnis, dass sogar die Hinrichtung des irakischen Ex-Diktators Saddam Hussein für ein altes Vorurteil herhalten muss, nämlich jenes alttestamentarischer Rachsucht: "Stattdessen befriedigen sie ein in vielen Menschen verwurzeltes Rachegefühl, das sich in dem alttestamentarischen Spruch "Auge um Auge, Zahn um Zahn" widerspiegelt."

Mit journalistischer Fahrlässigkeit wird hier eine verzerrende Interpretation übernommen, die ihren Ursprung im Antisemitismus hat, der in den Juden ein besonders grausames Volk sehen will.

"... so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme." Mit diesen häufig unvollständig zitierten Worten wird nicht Rachsucht beschworen, sondern eine Mahnung ausgesprochen, die das Gegenteil ist von der gängigen (falschen) Interpretation: Man soll in Fällen von Körperverletzung nicht Rache üben, sondern einen angemessenen Schadensersatz leisten. Damit wollte man die weit verbreiteten Blutrache eindämmen und durch eine Verhältnismäßigkeit von Vergehen und Strafe ablösen.

Es handelt sich also um ein Denkmodell, das der Rechtsstaatlichkeit näher steht als beispielsweise die europäische Praxis bis in die Zeit des Absolutismus hinauf. Die Brutalität der Interpretation kommt ganz von europäischer Seite, Moses hatte es anders gemeint.

Seriöse Lexika (auch online) oder www.hagalil.com geben hierzu ausreichend Information. Es gibt also keine mildernden Umstände für jene, die dieses alte Vorurteil bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aus der Mottenkiste antisemitischer Topoi hervorholen.

Mateo Taibon, Mareo (Ladinia)

Anmerkung (haGalil): Der im Spiegelartikel gerne als "Kronzeuge" zitierte Ägyptologe, Prof. Dr. Jan Assmann, hat sich laut spiegelkritik.de von dem Artikel distanziert.


Offener Leserbrief: Assmann distanziert sich
Ein Gastbeitrag von Jan Assmann (Emeritus am Seminar für Ägyptologie, Uni Heidelberg)

Sehr geehrte SPIEGEL-Redaktion,

der Artikel von Matthias Schulz, „Das Testament des Pharao“ erweckt durch verschiedene Zitate und ein in seinen Zusammenhang gestelltes Interview den Eindruck, weitgehend auf meiner Sicht der biblischen Religionsgeschichte zu basieren. Das ist jedoch in keiner Weise der Fall. Vor allem von drei Punkten, die meiner Sichtweise besonders krass widersprechen, möchte ich mich in aller Schärfe distanzieren:

1. Die anachronistische Verwendung des Begriffs „Jude“. Die Bibel spricht nie von „Juden“, sondern von Israel oder den „Kindern Israel“, wenn es um die Trägergruppe der von Mose vermittelten Religion geht, und die Wissenschaft trägt dieser terminologischen Sorgfalt Rechnung, indem sie von Israeliten oder Hebräern spricht. Von „Juden“ kann erst ab der Periode des II. Tempels (5.Jh.v.Chr.) und vom „Judentum“ im Sinne einer Religion neben Christentum und Islam erst ab der Spätantike (2./3. Jh. n.Chr.) die Rede sein. Die Juden sind daher nicht für die Entstehung, sondern, genau wie die Christen, nur für den Umgang mit der hebräischen Bibel verantwortlich, und da ist zu sagen, daß gerade deren humanisierender und die Haßbotschaften marginalisierender Umgang mit den biblischen Texten den anderen Religionen ein Vorbild sein kann.

2. Der Vorwurf des Religionsplagiats: „die Juden kupferten ab“, „ihre religiöse Pionierstellung haben die Juden damit eingebüßt“ usw. Einerseits halte ich dieses Einfluß- und Originalitätsdenken in der Religionsgeschichte für abwegig, und andererseits habe ich immer betont, daß es in meinen Augen zwischen dem exklusiven Sonnenkult Echnatons und dem biblischen Eingottglauben keinerlei kausale Beziehung gibt. Der eine beruht auf einer kosmologischen These (alles Sein kommt von der Sonne), der andere auf der politisch-theologischen Entscheidung, mit Einem Gott allein ein Bündnis nach dem Vorbild der orientalischen Staats- und Vasallenverträge einzugehen. Die beiden Phänomene haben nur eine strukturelle Parallele in der Verwerfung der anderen Götter. Aufgrund dieser Gemeinsamkeit sind sie im Nachhinein, z.B. bei Manetho und Josephus Flavius, in Verbindung gebracht worden.

3.Der Vorwurf des Priesterbetrugs: „mit allen Tricks“ gingen die „biblischen Mahner“ vor, „die Jahwe-Priester nutzten die Mose-Figur als Rammbock, um ihre Kultpläne durchzusetzen“, die „Mär vom Sinai“ beruht „zum größten Teil auf Propaganda und Fälschung“, „dabei entstand eine Camouflage, ein Märchenbuch“ usw.: das ist die Sicht der radikalen Aufklärung, die religiöse Phänomene nicht anders als in der Sprache des Priesterbetrugs behandeln kann. Nichts könnte meiner Sicht der Dinge ferner liegen.

Ich benutze die Gelegenheit, zu betonen, daß ich mich weder Franz Maciejewskis Interpretation des „Beschneidungstraumas“, noch Bernd Jürgen Diebners extremer Spätdatierung der biblischen Schriften anschließen kann. Riten, die im kulturellen Diskurs nicht verdrängt, sondern thematisiert und gedeutet werden, können meiner Meinung nach nicht traumatisierend wirken.

Prof. Dr. Jan Assmann, Konstanz

(Dieser Leserbrief ist vom SPIEGEL bisher nicht veröffentlicht worden)

Category: Medien
Posted 01/07/07 by: admin



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Comments

wrote:
nice blog
03/06/08 12:13:03

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