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Kennen Sie Willi Bleicher?

Nein? Nie gehört? Das wundert mich nicht. Wie sollten Sie auch? Die großen historischen Vorabendserien der letzten Jahre - treffenderweise "histortainment" genannt - beschäftigten sich ja auch vornehmlich mit den Tätern des NS-Regimes. Man kennt jetzt Eichmann, Mengele und Göring, ja sogar Ribbentrop. Man kennt "Hitlers Helfer", "Hitlers Manager" und sogar "Hitlers Frauen" - die Täter werden beachtet. Ihr Leben wird von allen Seiten beleuchtet und selbst das banalste Detail wird mit dramaturgischer Musik in Szene gesetzt. Täter sind spannend...

Von Ramona Ambs

Offenbar spannender als Opfer oder Widerstandskämpfer. Oder können Sie mir spontan einige Widerstandskämpfer nennen? Gut, Stauffenberg ist vielen ein Begriff - ein Mann des Militärs- und natürlich die christlich motivierte "Weiße Rose". Aber dann ist schon Sendeschluss. Nur die Amerikaner haben noch einen Film über einen Mann namens Schindler gedreht und deswegen erinnert sich noch der ein oder andere an diesen Mann.

Aber wer kennt schon noch Herbert Baum, Irene Harand oder Johann Georg Elser zum Beispiel? Dabei wäre der Schreiner Elser vermutlich eine große historische Figur geworden, wenn seine selbstgebastelte Bombe nicht zehn Minuten zu spät explodiert wäre. Erinnert irgend ein Gedenktag an ihn? Gibt es zahlreiche Schulen, Straßen, Plätze, die nach ihm benannt sind? - Nur ein einziger Platz trägt seinen Namen. Und an seinem 100. Geburtstag ehrte man ihn mit einer Briefmarke. Er war offenbar nicht interessant genug.

Ein ähnliches Schicksal teilt Willi Bleicher. Nach ihm wurden zwar immerhin zwei Straßen und ein Platz benannt, aber im öffentlichen Bewusstsein ist er verschwunden. Dabei ist seine Geschichte so beeindruckend gewesen, dass Bruno Apitz sich von ihr zu seinem Roman "Nackt unter Wölfen" inspirieren ließ. Bleicher, der als Kommunist im KZ- Buchenwald einsaß, sorgte dafür, dass ein kleiner jüdischer Junge nicht nach Ausschwitz deportiert wurde. In Israel wurde er dafür als "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet. Und in Deutschland?

Im Silberburg-Verlag erschien von Abmayr eine Bleicher-Biographie, die jedoch wegen mangelnder Nachfrage nicht wieder neu aufgelegt wurde. Und ansonsten werden Retter und Gerettetem, die Umstände der Rettung zur Last gelegt. Zumindest Hans Joachim Schädlich impliziert dies in seinem Buch "Anders", das -im Gegensatz zur Biographie Bleichers- problemlos zu erwerben ist und auch in einen renommierten Verlag publiziert wurde.

Da hat es das Buchenwald-Kind selbst schon schwerer. Stefan Jercy Zweig- der gerettete Junge- fand lange keinen Verlag, der seine Geschichte publizieren wollte.

Zum Glück war Willi Bleicher auch nach 1945 eine charismatische Figur und ein erfolgreicher Gewerkschaftsführer. Sonst hätte nämlich kaum einer den hundertsten Geburtstag des 1963 verstorbenen Bleichers wahrgenommen und seiner gedacht. Die IG-Metall Baden-Württemberg jedoch hat eine Sonderseite für Bleicher erstellt, auf der auch via podcast auf eine filmische Biographie hingewiesen wird. So wird wenigstens an Willi Bleicher erinnert.

Die anderen Widerstandskämpfer im dritten Reich haben aber Pech gehabt. Sie haben keinen echten Gedenktag. Der 27. Januar, der Tag, den einst Roman Herzog zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eingeführt hat, hat bisher in diese Richtung nichts bewirkt. Die Deutschen veranstalten an diesem Tag sogar Karnevalsumzüge. Jedenfalls ist kein Bewusstsein für diesen Tag vorhanden. Und auch nicht für die Menschen, derer an diesem Tag gedacht werden soll. Schon allein deshalb ist es nötig wenigstens hier und da einzelne Menschen wieder ins Gedächtnis zurückzubringen.

Max Horkheimer sagte einmal: "Wir jüdischen Intellektuellen, die dem Martertod unter Hitler entronnen sind, haben nur eine einzige Aufgabe, daran mitzuwirken, daß das Entsetzliche nicht wiederkehrt und nicht vergessen wird, die Einheit mit denen, die unter unsagbaren Qualen gestorben sind... Ihre Verzweiflung und ihre Sehnsucht auszudrücken, sind wir da."

Also,- : Wir haben noch viel zu tun.

Ein Gerechter in Buchenwald: "Die konnten das überhaupt nicht fassen, einfach nicht begreifen!"
Zur Erinnerung an Willi Bleicher, einen Gerechten aus den Völkern der Welt... (mit Video)...

Category: General
Posted 02/20/08 by: admin



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Comments

wrote:
Hallo,
das Bleicher-Buch gibt es noch antiquarisch - z. B. über amazon oder über mich. Und hier einige Infos zum Bleicher-Film.

MfG
h. abmayr
Wer nicht kämpft, hat schon verloren
Willi Bleicher: Widerstandskämpfer und Arbeiterführer
Ein Film-Porträt von Hermann G. Abmayr (Buch & Regie)

Kamera Sebastian Georgi
Schnitt Monika Spannenberger
Länge 60 Minuten
Inhalt: Willi Bleicher gehörte wie Oskar Schindler zu den ersten Deutschen, die in Israel als “Gerechte unter den Völkern” geehrt wurden. Der Stuttgarter hat die Nazis schon früh bekämpft und kam dafür ins Konzentrationslager Buchenwald. Dort hat er unter Lebensgefahr dazu beigetragen, dass der damals dreijährige Jude Stefan Jerzy Zweig aus Krakau das Lager überlebt hat.

Doch im Gegensatz zu dem gleichaltrigen Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der erst 1944 in den Widerstand ging, sind Bleicher und die vielen anderen Nazi-Gegner der ersten Stunde immer noch weithin unbekannt.

Bleicher war eine Suchender, einer der immer danach bestrebt war, „das Leben lebenswerter zu machen“. In der jungen Bundesrepublik war er der Gegenspieler von Hanns-Martin Schleyer, der in der NS-Zeit den Rang des SS-Offiziers trug. Der Daimler-Mann führte in Baden-Württemberg den Verband der Metallindustrie, Bleicher die IG Metall.

Autor: Hermann G. Abmayr ist seit Ende der 80er Jahre als Filmemacher tätig. Er befasst sich mit zeitgeschichtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Themen und hat für den SDR, SWR und den WDR gearbeitet. Über Bleicher hat er im Silberburg-Verlag bereits eine Biographie veröffentlicht. Er war der Rechercheur des WDR-Films „Gesucht wird Josef Mengele“, der mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Mit seinem Film „Vor uns das Paradies“ (SWR) bekam er eine Grimme-Preis- Nominierung.

Das Bleicher-Film-Porträt kann als DVD für nicht-kommerzielle Zwecke im Bildungsbereich entliehen werden. Die DVD enthält neben dem Film ein 12-stündiges Tonband-Interview, in dem Willi Bleicher über sein Leben bis Ende der 40er Jahre erzählt.

Filmkritik: Hermann G. Abmayr Filmporträt respektiert Bleichers Lebensentscheidungen, ohne vereinnahmende Denkmalsgießerei zu betreiben.
Stuttgarter Zeitung, 6. Dezember 2007, Thomas Klingenmaier
Hermann Georg Abmayr
Buowald 52
70619 Stuttgart
0711 42 96 74
0163 7 11 44 85
eMail: 0711429674@t-online.de
02/21/08 09:11:26

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