Reparenting
Aus HaGalil Lexikon
Reparenting (englisch: parents=Eltern, re=wieder) ist ein Begriff aus der Psychotherapie und wesentlicher Bestandteil der therapeutischen Beziehung. Es beschreibt eine therapeutische Haltung, die dem Patienten gezielt nachträgliche, elterliche Fürsorge zukommen lässt, welche innerhalb des Rahmens einer therapeutischen Beziehung angemessen ist. <ref name="Schematherapie">Jeffrey E. Young, Janet S. Klosko, Majorie E. Weishaar: Schematherapie. Ein praxisorientiertes Handbuch. Junfermann, 2005, ISBN 3873875780</ref> S. 83/89
Die Bezeichnung Reparenting ist eingedeutscht und als Bezeichnung für diese therapeutische Intervention am geläufigsten, seltener wird sie als Neu- oder Wiederbeelterung oder als Nachnährung bezeichnet. Sie entspricht dem „korrigierenden emotionalen Erleben“ welches 1946 von Alexander & French konzipiert wurde. <ref>E. Alexander und T.M. French: Psychoanalytic therapy, Principles and applications. Ronald Press, New York 1946</ref>
Inhaltsverzeichnis |
Anwendung
Reparenting wird eingesetzt bei der Behandlung von Traumata sowie bei Psychischen Störungen und Psychischen Konflikten, die in mangelnder Einfühlung/Empathie und unangemessener Zuwendung der Eltern und wichtiger Bezugspersonen ihren Ursprung finden. Es ist wesentlicher Anteil jeder therapeutischen Beziehung und wird beispielsweise in der Schematherapie, Hypnotherapie, Integrativen Therapie, Transaktionsanalyse, Gestalttherapie stark gewichtet.
Prinzip
In den frühen und späteren Phasen menschlicher Entwicklung bilden sich innere Haltungen heraus, die bei ungünstigem Verlauf zur Entstehung neurotischer Konflikte und neurotischer Störungen führen. Mentzos nennt dies 1982 übereinander liegende Schichten von Abwehrsystemen, die den sogenannten „Zentralen Konflikt“ verdecken, wobei diese Abwehrsysteme häufig zu einem Problem werden. <ref>Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Kindler, München 1982</ref>S. 135 Die grundlegenden Konflikte, welche zur notwendigen Entwicklung dieser problematischen Abwehrmechanismen führten, sollen in einer Psychotherapie wiederbelebt werden, um verarbeitet werden zu können. Die schädigende Wirkung der verinnerlichten elterlichen Bilder/Repräsentanzen kann mittels einer korrektiven Atmosphäre zwischenmenschlichen Kontaktes verändert werden, wobei das Reparenting eine mögliche Herangehensweise darstellt.
Bei der Behandlung von Defiziten stellt das Reparenting jene Beziehungsqualitäten zur Verfügung, die zur Ausbildung einer starken Persönlichkeitsstruktur notwendig gewesen wären. Der Therapeut hat die Aufgabe, das zu verkörpern, was vorher gefehlt hat.
- siehe auch Hilfs-Ich
Die „Nachbeelterung“ als therapeutische Strategie ist eine schwierige Gratwanderung, weil ein wirklicher Ersatz für die frühen und unbefriedigenden Eltern- und Beziehungserfahrungen nicht möglich ist. Die vergangene reale Lebens- und Entwicklungsgeschichte des einzelnen Menschen ist nicht veränderbar, jedoch die Auswirkungen, die sie auf seine heute möglichen Beziehungen hat. <ref>D. Rahm, H. Otte, S. Bosse und H. Ruhe-Hollenbach: Einführung in die Integrative Therapie. Grundlagen und Praxis. Junfermann, Paderborn 1993</ref>S. 333
Grenzen
Die verantwortungsvolle Einschätzung der Grenzen des Reparenting ist Aufgabe des Therapeuten. Alle Formen der Zuwendung in Worten, Blicken oder Berührungen müssen innerhalb des therapeutischen Rahmens liegen und dürfen keinerlei missbräuchlichen Charakter annehmen. Es sind immer therapeutische, elterlich gefärbte Zuwendungen, die nicht egoistische Wünsche des Therapeuten befriedigen dürfen und ebenso eventuelle missbräuchliche Wünsche des Patienten ausgrenzen müssen. Dies ist speziell beim Reparenting in körper- und berührungsorientierten Psychotherapien, die ein großes Maß an Nähe voraussetzen, von wesentlicher berufsethischer Bedeutung.
Beispiel Schematherapie
Reparenting bei speziellen Problemlagen/(Frühe maladaptive Schemata) am Beispiel der Schematherapie nach Young: Damit das Reparenting wirksam werden kann, muss es genau an die Problematik des Patienten angepasst werden. Wichtig ist dabei die Berücksichtigung des jeweiligen Modus, in dem sich der Patient gerade befindet, wann er den Modus wechselt und ob mehrere Schemata parallel wirksam sind.<ref name="Schematherapie"/>S. 254ff
| Frühes maladaptives Schema | Erforderliche Atmosphäre des Reparenting durch den Therapeuten |
|---|---|
| Verlassenheit/Instabilität | Angebot und Gewährleisten von Stabilität, sowie Unterstützung beim Finden stabiler Beziehungen im Alltagsleben - Den Befürchtungen, mit hoher Wahrscheinlichkeit verlassen zu werden, Realität entgegensetzen - Förderung der Akzeptanz realistischer, vorübergehender Trennungen, ohne sich zu verschließen oder selbstzerstörerisch zu verhalten. |
| Misstrauen/Missbrauch | Vertrauenswürdiges und aufrichtiges Verhalten des Therapeuten - Ansprechen von möglicherweise vorhandenen negativen Gefühlen und negativer, wachsamer Erwartung des Patienten gegenüber dem Therapeuten. |
| Emotionale Entbehrung | Schaffen einer von emotionaler Wärme, Empathie und bemühtem Helfen geprägten Atmosphäre - Verdeutlichung der Rechte auf emotionale Bedürfnisse und deren Befriedigung, sowie Ermutigung, um die jeweils gebrauchte emotionale Zuwendung zu bitten - Unterstützung beim Ausdruck der Gefühle von Entbehrung, ohne aggressiv zu werden oder sich in Schweigen zurückzuziehen - Unterstützung bei der Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheit und dabei, ein gewisses Maß an Entbehrungen zu ertragen, um die erhaltene nährende Zuwendung genießen zu können. |
| Unzulänglichkeit/Scham | Akzeptierendes, nicht-urteilendes Verhalten durch den Therapeuten, Hervorheben der Bedeutung des Wohles des Patienten unabhängig von seinen Mängeln - Bereitschaft des Therapeuten, zur eigenen Unvollkommenheit zu stehen und kleine persönliche Schwächen zuzugeben - Aussprechen aufrichtiger Komplimente, die der Realität entsprechen. |
| Soziale Isolierung/Entfremdung | Verdeutlichung der Unterscheidungen und Ähnlichkeiten von Therapeut und Patient und dass dieser Umstand eine fruchtbare Kommunikation nicht verbaut. |
| Abhängigkeit/Inkompetenz | Abwehr der Versuche des Patienten, sich vom Therapeuten abhängig zu machen - Einfordern selbstständiger Entscheidungen - Wertschätzung für gute Einschätzungen und Fortschritte des Patienten. |
| Anfälligkeit für Schädigungen oder Krankheiten | Hinarbeiten auf das Loslösen von der Vorstellung, das Leben auf dieser Welt sei gefährlich - Vermitteln von Vertrauen des Therapeuten darauf, dass der Patient in der Lage sei, angsterzeugende Situationen sowie gefürchtete Erkrankungen zu bewältigen. |
| Verstickung/Unterentwickeltes Selbst | Eindeutige Grenzsetzung durch den Therapeuten, die die angemessene Nähe und Distanz ermöglicht - Unterstützung darin, ein Empfinden für die eigene Unabhängigkeit zu entwickeln. |
| Versagen | Unterstützung der Bestrebungen nach schulischen, akademischen und beruflichen Erfolgen - Beitrag zur Errichtung einer Struktur und Definition von Grenzen. |
| Anspruchshaltung/Grandiosität | Unterstützung der verletzbaren Seite, keine Verstärkung der Anspruchsseite - Empathische Konfrontation des Patienten mit seiner Anspruchsseite und Grenzsetzung ihr gegenüber - Förderung des Bemühens um emotionale Verbundenheit statt des Strebens nach hohem Status oder nach Macht. |
| Unzureichende Selbstkontrolle/Selbstdisziplin | Grenzen werden sehr massiv gesetzt und Verhalten mit angemessener Selbstkontrolle und Selbstdisziplin eindeutig vorgelebt - besondere Wertschätzung des Patienten, wenn er diese Fähigkeiten allmählich selbst entwickelt. |
| Unterwerfung | Einbeziehung des Patienten in viele Entscheidungen zum Therapieplan, wobei das Verhalten des Therapeuten möglichst wenig direktiv ist - Unterstützung bei der Entwicklung von Aufgaben, die das Treffen eigener Entscheidung erfordern - Hinweise auf ehrerbietiges und rebellisches Verhalten und Förderung von Wahrnehmung und angemessenem Ausdruck des eigenen Ärgers. |
| Selbstaufopferung | Unterstützung bei angemessener Grenzsetzung und bei dem Engagement, sich für eigene Rechte und die Erfüllung eigener Bedürfnisse einzusetzen. |
| Negativität/Pessimismus | Vermeidung des Entgegensetzens positiver Seiten gegenüber der negativen Seite des Patienten, stattdessen die Aufforderung an ihn, sich nacheinander in beide Rollen selbst hinein zu versetzen - Demonstration gesunden Optimismus'. |
| Emotionale Gehemmtheit | Ermutigung zu spontanem Ausdruck von Affekten in der Sitzung - Vorleben von vorbildhaftem Ausdruck von Affekten. |
| Überhöhte Standards/Übertriebene kritische Haltung | Vorleben einer ausgewogenen Einstellung zur Arbeit und zum sonstigen Leben - Statt Ernst und Strenge zu fördern, Wertschätzung des Patienten für spielerischen Umgang mit den Dingen - Förderung von Mut zur Unvollkommenheit. |
| Bestrafen | Bemühen um eine Haltung, die von Vergeben geprägt ist, gegenüber sich selbst und dem Patienten - Würdigung, wenn der Patient anderen vergibt. |
| Streben nach Zustimmung und Anerkennung | Hervorheben und Wertschätzen des Kern-Selbst des Patienten, gegenüber oberflächlichen Dingen wie Status, äußerer Erscheinung oder Reichtum. |
Geschichtliche Entwicklung
Das Konzept der „Nachnährung“ als Alternative zu Freuds eher versagender Nacherziehung stellte Sándor Ferenczi 1931 zu Freuds 75. Geburtstag in Wien vor. Nach seiner Theorie sei es nicht die Übertragung, sondern das Gegenmilieu, dass die Heilung bringe. Anstatt der nötigen Zuwendung und Geborgenheit erlebten viele Neurotiker eine Mischung aus Strenge und Sexualisierung in der Kindheit. Zitat: „Solche Neurotiker müßte man förmlich adoptieren und erstmalig der Segnungen einer normalen Kinderstube teilhaftig werden lassen.“<ref>Ruhr-Uni-Bochum, Michael.Luetge zu Ferenczis „Nachnährung“ 1.2.2 Einflüsse psychoanalytischer Revisionisten 218, 1.2.2.1 Sandor Ferenczi: Elastische Therapie und Nachnährung 218</ref>
Das Reparenting ist ein Konzept der Integrativen Therapie und der Gestalttherapie, die 1969 von Hilarion Petzold im Konzept der progredierenden Analyse (spiralförmig fortlaufende und sich rückbeziehende Analyse) entwickelt wurde. Es basiert auf vorausgehenden Theorien von beispielsweise Ferenczi oder Michael Balint. Petzold beschreibt diesen Prozess 1988 als zweiten Weg der Heilung, als „Nachbeelterung“, wobei es um die Erfahrung von Vertrauen, von Gehalten-, Verstanden- und Genährtwerden geht. <ref>Hilarion Petzold: Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine schulenübergreifende Psychotherapie. Bände 1 - 3. Junfermann, Paderborn 1993</ref>S. 1120
Reparenting wurde 1970 von Jacqui Lee Schiff <ref>Jaqui Lee Schiff und Beth Day: Alle meine Kinder. Heilung der Schizophrenie durch Wiederholung der Kindheit. Kaiser, München 1970 </ref> aufgegriffen und stellt die theoretischen Grundeinsichten der transaktionsanalytischen „Schiff-Schule“ (Reparenting-Cathexis) dar. <ref>Schiff u. a.: Cathexis Reader. Transactional Analysis. Treatment of Psychosis. Harper & Row, New York, Evanston, San Francisco, London, 1975</ref>
Reparenting ist ein wesentliches Element in der Schematherapie nach Young 2005. <ref name="Schematherapie"/>S. 253ff
Literatur
- Jeffrey E. Young, Janet S. Klosko und Majorie E. Weishaar: Schematherapie. Ein praxisorientiertes Handbuch. Junfermann 2005, ISBN 3873875780
Einzelnachweise
<references/>
Weblinks
| Gesundheitshinweis | Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten! |