Nürnberger Gesetze

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Die Nürnberger Gesetze, auch Nürnberger Rassengesetze, wurden am 15. September 1935 anlässlich des 7. Reichsparteitags der NSDAP („Reichsparteitag der Freiheit“) in Nürnberg vom Reichstag angenommen. Der Reichstag war eigens zu diesem Zweck telegrafisch nach Nürnberg einberufen worden. Er erfüllte seinen Auftrag am Abend des 15. September einstimmig. Mit diesen Gesetzen stellten die Nationalsozialisten ihre antisemitische Ideologie auf eine juristische Grundlage. Sie umfassten:

Inhaltsverzeichnis

„Blutschutzgesetz“

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Bildtafel zum „Blutschutzgesetz“

Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbot die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen ihnen. Es diente zur „Reinhaltung des deutschen Blutes“, einem zentralen Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Verstöße gegen das Gesetz wurden als Rassenschande bezeichnet und mit Gefängnis und Zuchthaus bedroht. Die Strafdrohung für außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden richtete sich nur gegen den Mann, nicht gegen die Frau.

Es wird oft behauptet, letztere Bestimmung gehe auf eine persönliche Eingebung Adolf Hitlers zurück und zeuge von seinem Frauenbild, das die Frau als sexuell unmündig begreife. Auch eine von Hitler gewünschte Ergänzungsverordnung vom 16. Februar 1940, nach der die Frau trotz des Vorwurfs der Begünstigung ausdrücklich straffrei bleiben sollte, weist in diese Richtung.<ref>Lothar Gruchmann: "Blutschutzgesetz" und Justiz... In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 31(1983), S. 441</ref> Die Juristen Wilhelm Stuckart und Hans Globke liefern in ihrem Gesetzeskommentar <ref name="SG">Stuckart-Globke: Kommentare zur deutschen Rassengesetzgebung. Band 1, München und Berlin 1936 - 1b)Zitat S. 18/19</ref> von 1936 eine Begründung, die besser nachvollziehbar erscheint: Zur Überführung sei meist die Aussage der beteiligten Frau erforderlich, und dieser stehe bei Straffreistellung ein Aussageverweigerungsrecht nicht mehr zu.

Ferner wurde es Juden untersagt, „deutschblütige“ Dienstmädchen unter 45 Jahren zu beschäftigen; Hintergrund war die ideologische Unterstellung, „der Jude“ würde sich sonst an diesen vergehen.

Kurz darauf, am 14. November 1935, wurde in einer „Ersten Verordnung zum Blutschutzgesetz“ <ref>RGBl 1935 I, 1334f</ref> festgeschrieben, dass so genannte „Halbjuden“ nur dann „Deutschblütige“ oder „Vierteljuden“ ehelichen durften, wenn eine Genehmigung erteilt wurde. Tatsächlich aber blieben deren Anträge auf eine Heiratsgenehmigung meist erfolglos; nach 1942 wurden sie „für die Dauer des Krieges“ nicht mehr angenommen. Ehen zwischen zwei „Vierteljuden“ sollten nicht geschlossen werden.

„Vierteljuden“ und „Deutschblütige“ dagegen durften heiraten. Dahinter stand die Überlegung, das „rassisch kostbare arische Blut“ zu bewahren, während der geringe jüdische Blutsanteil im Laufe der Generationen verblassen würde.

In § 4 verbot das „Blutschutzgesetz“ den Juden, die Reichs- und Nationalflagge zu hissen oder die Reichsfarben zu zeigen. Die Strafandrohung war Gefängnis bis zu einem Jahr. Juden wurde jedoch „das Zeigen der jüdischen Farben“ gestattet.

Bereits im Februar 1935 hatte die Gestapo, zu dieser Zeit noch ohne gesetzliche Grundlage, den Juden die Verwendung der Hakenkreuzfahne verboten; im April folgte ein entsprechender Erlass des Reichsinnenministeriums.<ref> Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst.“ München 2006, ISBN 3-88680-843-2, S. 76</ref> Angeblich sollte damit der Versuch jüdischer Firmen verhindert werden, sich durch Beflaggung zu tarnen und als „arisch“ auszugeben <ref>Hans Robinsohn: Justiz als politische Verfolgung. Die Rechtsprechung in „Rassenschandefällen“ beim Landgericht Hamburg 1936 - 43. Stuttgart 1977. ISBN 3-7610-7223-6 ,S. 10</ref>.

Reichsbürgergesetz

Im Reichsbürgergesetz wurde festgelegt, dass nur Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes“ Reichsbürger sein konnten. Den assimilierten „jüdischen Mischlingen“ wurden das Wahlrecht und eine „vorläufige Reichsbürgerschaft“ zugestanden.

Das Reichsbürgergesetz hatte unmittelbar zur Folge, dass kein Jude mehr ein öffentliches Amt innehaben durfte. Auch die jüdischen Beamten, die bislang durch das so genannte Frontkämpferprivileg im Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 1933 von der Entlassung verschont geblieben waren, mussten zum 31. Dezember 1935 den Dienst quittieren. Außerdem verloren Juden das politische Wahlrecht. Durch weitere Verordnungen zum Reichsbürgergesetz wurde 1938 jüdischen Ärzten und Rechtsanwälten die Zulassung entzogen.<ref> 4. Verordnung zum RBG vom 25. Juli 1938 / 5. Verordnung zum RBG vom 30. November 1938</ref> Bedeutsam wurde schließlich die von Hitler initiierte 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941. Deutschen Juden wurden damit die Staatsangehörigkeit aberkannt, wenn sie ihren Wohnsitz im Ausland nahmen. Bei Deportation verloren Juden mit dem Grenzübertritt ihre Staatsangehörigkeit, zugleich gingen ihr gesamtes Eigentum und Vermögen wie auch ihre Ansprüche aus Lebensversicherungen und Renten förmlich an den Staat über.

Einstufung

In einer Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 definierten die Nationalsozialisten, welche Personen von „teilweiser jüdischer Abstammung“ den, nach heutigen Vorstellungen, menschenrechtswidrigen Nürnberger Gesetzen unterliegen sollten. Dort wurde geregelt, wer nach nationalsozialistischer Auffassung „Volljude“, „Halb“- oder „Vierteljude“ war:

  • Personen mit mindestens drei jüdischen Großeltern galten als „Volljude“.
  • Personen mit einem jüdischen Elternteil oder zwei jüdischen Großeltern galten als „Mischling ersten Grades“ („Halbjude“)
  • Personen mit einem jüdischen Großeltern-Teil wurden als „Mischling zweiten Grades“ eingestuft („Vierteljude“).

Mischlinge ersten Grades, die der jüdischen Kultusgemeinde angehörten oder mit einem Juden verheiratet waren, wurden als Volljuden eingestuft. Für sie kam später der Begriff Geltungsjude auf. Alle anderen „Halbjuden“ und „Vierteljuden“ wurden amtlich als „jüdische Mischlinge“ bezeichnet.

Ausnahmebestimmungen

Nach § 7 der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz hatte sich Hitler persönlich die Zustimmung für Ausnahmen vorbehalten. Der oft verkürzt zitierte Ausspruch „Wer bei mir Jude ist, bestimme ich!“ wird Hermann Göring zugeschrieben <ref>1933 bezüglich Martin Wronsky von der Lufthansa / siehe Gerd Ueberschär (Hrsg.): Der Nationalsozialismus vor Gericht. Frankfurt/M 1999, ISBN 3-596-13589-3, S. 89 / „Wer a Jud ist, bestimm i!“ wird auch Karl Lueger zugeschrieben; vergl. Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1996, S. 417</ref>, trifft aber nicht den Sachverhalt.

Von mehr als 10.000 Anträgen, die durch mehrere Vorinstanzen geprüft und gefiltert wurden, waren nur wenige erfolgreich. Dabei waren die Teilnahme der Bittsteller am Weltkrieg und politische Verdienste um die „Bewegung“, ihr rassisches Erscheinungsbild und ihre charakterliche Beurteilung wesentliche Kriterien. Nur in zwei Fällen wurden „Volljuden“ begünstigt. Bis zum Jahre 1941 erreichten 260 „Mischlinge ersten Grades“ ihre Gleichstellung mit einem „Deutschblütigen“. In 1300 Fällen wurden Bittsteller vom „Geltungsjuden“ zum „jüdischen Mischling“ umgestuft. <ref>John M. Steiner / Jobst F. von Cornberg: Willkür in der Willkür. Befreiung von den antisemitischen Nürnberger Gesetzen. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 46 (1998) S.149 bzw. S.151 spricht von 6% Erfolg - Beate Meyer: "Jüdische Mischlinge." Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933-1945. Hamburg 1999, ISBN 3-933374-22-7, S.105, 108 und 157 hält höhere Zahlen für wahrscheinlich</ref>

Nach einem Erlass des Oberkommandos der Wehrmacht vom 8. April 1940 sollten die „Mischlinge ersten Grades“ sowie die "jüdisch Versippten", die in Mischehe lebten, aus der Wehrmacht entlassen werden.<ref>Beate Meyer: "Jüdische Mischlinge." ISBN 3-933374-22-7, S. 231</ref> Ausnahmen waren ausschließlich mit persönlicher Genehmigung Hitlers bis 1942 möglich, im Ausnahmefall aber noch weiter geduldet.<ref>Bryan Mark Rigg: Hitlers jüdische Soldaten. Paderborn 2003, ISBN 3-506-70115-0, bildet vor S. 1 als Dokument eine Liste "aktive[r] Offiziere, die selbst oder deren Ehefrau jüdische Mischlinge sind und vom Führer für deutschblütig erklärt wurden" ab, bei der Ernennungen noch 1943 erfolgten</ref> Im Juni 1944 sollten auch die „Mischlinge zweiten Grades“ vom Dienst in der Wehrmacht ausgeschlossen werden.<ref>Uwe Dietrich Adam: Judenpolitik im Dritten Reich. Unveränd. Nachdruck von 1972, Düsseldorf 2003 ISBN 3-7700-4063-5 S.233</ref>. Mit stillschweigender Unterstützung ihrer Vorgesetzten verblieben einige dieser für wehrunwürdig erklärten Soldaten dennoch in der Wehrmacht.<ref>Beate Meyer: "Jüdische Mischlinge." ISBN 3-933374-22-7, S.232f; nach nicht-repräsentativer Erhebung: 4 von 43</ref> Nach dem 20. Juli 1944 widerrief Hitler seine Ausnahmegenehmigungen für Offiziere, die als „Mischlinge ersten Grades“ galten; zugleich wurden auch alle „jüdisch versippten“ Offiziere zum Jahresende 1944 entlassen<ref>Uwe Dietrich Adam: Judenpolitik im Dritten Reich. Unveränd. Nachdruck von 1972, Düsseldorf 2003 ISBN 3-7700-4063-5 S.228-233 und Bryan Mark Rigg: Hitlers jüdische Soldaten Paderborn 2003. ISBN 3-506-70115-0, S.290</ref>.

Höherrangige Mitglieder der NSDAP waren noch weit strengeren Kriterien unterworfen. Auch Mischlinge „fünften Grades“ wurden nicht geduldet. Ausnahmegenehmigungen hatte sich auch hier der „Führer“ selbst vorbehalten.

Reichsflaggengesetz

Das Reichsflaggengesetz erklärte die Hakenkreuzflagge zur Reichsflagge und ermächtige das Reichsinnenministerium förmlich, weitere Ausführungsbestimmungen zu erlassen.

Unter die „Rassengesetze“ kann dieses Gesetz aber kaum eingeordnet werden. Dass „Nichtariern“ der Gebrauch der Reichsflagge untersagt war, wurde nicht hier, sondern im „Blutschutzgesetz“ festgelegt.

Zustandekommen

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Das „Blutschutzgesetz“

Der siebte Reichsparteitag fand vom 10. bis zum 16. September 1935 in Nürnberg statt. Er sollte ursprünglich die Einführung der Wehrpflicht und die Befreiung von den einschränkenden Bestimmungen des Versailler Vertrags propagandistisch herausstellen. Daher erklärt sich der Titel Reichsparteitag der Freiheit.

Am 12. September, also zwei Tage nach Beginn des Parteitags, hielt Reichsärzteführer Gerhard Wagner eine Rede, in der er überraschend ankündigte, der nationalsozialistische Staat werde in Kürze durch ein Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes die weitere Vermischung von Juden und „Ariern“ verhindern. Adolf Hitler erweiterte den Auftrag und ließ umgehend den Ministerialdirigenten Wilhelm Stuckart, den Judenreferenten im Reichsinnenministerium Bernhard Lösener und andere Verwaltungsfachleute entsprechende Gesetzentwürfe ausarbeiten. Da ein Teil der Mitglieder erst aus Berlin anreisen musste, konnte sich die Arbeitsgruppe erst am Abend des 13. September in Nürnberg konstituieren. Wegen des Zeitdrucks verzichteten die zuständigen Minister auf Vorgaben und überließen es den Ministerialbeamten, Gesetzentwürfe auszuarbeiten.

Wagner, der sich in Nürnberg ständig bei Hitler aufhielt, wollte eine Zwangsscheidung von „Mischehen“ und Heiratsverbot auch für Vierteljuden einführen, während die Ministerialbürokraten auf Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung hinwiesen. Hitler selbst entschied sich schließlich für den milderen Gesetzentwurf; er konnte sich damit als gemäßigter Staatsmann darstellen, der seine Partei im Griff habe, und er vermied voraussehbare Konflikte mit der katholischen Kirche.

Wesentliche Inhalte dieser Nürnberger Gesetze blieben unbestimmt und konnten beliebig weiter ausgestaltet werden. So war beim Blutschutzgesetz bis zum November 1935 unklar, wer im Sinne des Gesetzes als Jude galt. Auch blieb offen, in welchen Fällen auf Gefängnis- beziehungsweise Zuchthausstrafe zu verurteilen war; nicht einmal die Strafdauer war im Gesetz geregelt. Gänzlich unausgeformt blieben die Rechtsqualität von “Staatsangehörigen” und “vorläufiger Reichsbürgerschaft”.

Reaktionen

Nach den geheimen Gestapo-Berichten, die die Stimmung der Bevölkerung wiedergaben, wurden die Nürnberger Gesetze „mit Genugtuung aufgenommen, nicht zuletzt deshalb, weil unerfreuliche Einzelaktionen“ aufhören würden. In katholischen Kreisen wurden danach die neuen Gesetze „nicht begeistert aufgenommen“, aber die Erwartung geäußert, dass es nun nicht mehr zu antisemitischen Ausschreitungen käme.<ref>Otto Dov Kulka: Die Nürnberger Rassengesetze und die deutsche Bevölkerung im Lichte geheimer NS-Lage- und Stimmungsberichte. In: VfZ 32(1984) S. 602f - Differenzierter bei Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst.“ München 2006, ISBN 3-88680-843-2, S. 85-92</ref> - Es muss offen bleiben, ob diese Äußerungen repräsentativ sind und ob diese Teilkritik nur der Vorsicht geschuldet war, denn diese von SD-Mitarbeitern mitgehörten Äußerungen stammten aus öffentlich geführten Gesprächen.

Begrüßt wurde teilweise sogar von jüdischen Bürgern, dass nun eine dauerhafte und gesetzlich geregelte Lösung für ein Zusammenleben gefunden sei. Dabei wurde übersehen, dass die Nürnberger Gesetze nur einen leeren Rahmen darstellten. Zur Beruhigung trug bei, dass in der Bekanntmachung absichtlich der Eindruck erweckt wurde, diese Vorschriften beträfen „nur Volljuden“; diesen Vermerk hatte Hitler zuvor eigenhändig gestrichen<ref>Jeremy Noakes: Wohin gehören die „Judenmischlinge“? ... ISBN 3-7672-0963-2 S. 72/73</ref>, den Text aber in der Fassung des Entwurfs zur Veröffentlichung freigegeben.

In Kreisen, die der Wirtschaft nahe standen, gab es Bedenken wegen möglicher Auswirkungen im Ausland. Die befürchteten Sanktionen waren jedoch kaum spürbar.

Die Berichte der Sopade bezeichnen die Nürnberger Gesetze als politische Ausnahmegesetze mit „sexualpathologischem Charakter“, durch die den Juden eine Stellung „außerhalb der Menschheit“ zugewiesen werde. Der „Führer“ sei der „Gefangene seiner Banditen“ und müsse ihren terroristischen Forderungen nachgeben.<ref>Deutschland-Berichte der Sopade. (Ausgabe Zweitausendeins) Salzhausen und Frankfurt/M 1980, 2. Jg. 1935, S.996</ref>

Spätere Folgen

In der Folgezeit bis zum Ende des Dritten Reiches wurde die Rechtsstellung der Juden durch eine Vielzahl weiterer Gesetze und Verordnungen weiter beschränkt, die fast alle Bereiche des öffentlichen wie des privaten Lebens betrafen.

Nachdem 1939 der Judenstern im besetzten Polen eingeführt wurde, mussten ihn ab dem 19. September 1941 auch Juden im Reichsgebiet tragen. Dabei wurde auch der männliche jüdische Teil einer „Mischehe“ zum Tragen des Sterns verpflichtet, sofern die Ehe kinderlos geblieben war.

Die jüdischen Partner in Mischehen wurden im Laufe des Krieges zu Zwangsarbeit verpflichtet und häufig in Lagern kaserniert. Auch die „deutschblütigen Ehemänner“ in Mischehen wurden als „jüdisch Versippte“ ab 1944 zur Zwangsarbeit verpflichtet und oft in Arbeitslager eingewiesen. In Berlin wurden kurz vor Ende des Krieges auch die „arischen“ Ehefrauen entsprechend eingesetzt.

Nicht zur Ausführung gelangten die 1942 im Protokoll der Wannsee-Konferenz genannten und die in zwei Folgekonferenzen von Referenten erörterten Pläne. Danach wurden die Zwangsscheidung von Mischehen mit anschließender Deportation sowie die Zwangssterilisation von jüdischen Mischlingen als Ziele genannt.

Die drei Nürnberger Gesetze wurden durch das alliierte Kontrollratsgesetz Nr. 1 vom 20. September 1945 aufgehoben.

Kontroverse Deutungen

Überwiegend wird in der Literatur dargestellt, dass die Rassegesetze völlig überraschend entstanden und spontan erlassen wurden.<ref name="Adam">Beispielhaft bei Uwe Dietrich Adam: Judenpolitik im dritten Reich. Düsseldorf 2003 /erstmals 1972</ref> Diesem Eindruck steht entgegen, dass bereits am 26. Juli 1935 Standesbeamte angewiesen worden waren, Aufgebote für Mischehen wegen einer anstehenden Neuregelung nicht zu bearbeiten. <ref name="RR">Reinhard Rürup: Das Ende der Emanzipation. Die antijüdische Politik in Deutschland ... in: Arnold Paucker u.a.(Hrsg.): Die Juden im Nationalsozialistischen Deutschland. Tübingen 1986. ISBN 3-16-745103-3 Seite 111f</ref>

Neuerdings wird die in der Fachliteratur weitverbreitete Darstellung Löseners hinterfragt<ref name="Adam"/>, der Wilhelm Frick als desinteressiert und uninformiert beschreibt. Longerich <ref name="LO">Peter Longerich: Politik der Vernichtung. München 1998. ISBN 3-492-03755-0 Seite 104 - sowie Günter Neliba: Wilhelm Frick: Der Legalist des Unrechtsstaates. Schöningh, Paderborn u.a. 1992 ISBN 3-506-77486-7</ref> verweist auf eine Tagebucheintragung bei Goebbels vom 14. September 1935:

„Frick und Heß auch da. Gesetze durchberaten. Neues Staatsbürgergesetz...Verbot jüdischer Ehen...Wir feilen noch daran. Aber so wird es beschlossen. Wird die Reinigung erhalten.“

Kontrovers wird ferner beurteilt, inwieweit Forderungen der Parteibasis und Vorfälle wie der Kurfürstendamm-Krawall die gesetzliche Regelung beschleunigten oder gar veranlassten. Umstritten ist heute auch die Selbstdarstellung der beigezogenen Ministerialbeamten, die ihre Mitwirkung als mäßigenden Einfluss oder gar Widerstand stilisierten.

Statistische Angaben

Die Anzahl der Glaubensjuden wird für das Jahr 1933 auf 505.000 bis 525.000 geschätzt, zu denen nach Definition der Nationalsozialisten weitere 180.000 assimilierte Juden zu addieren wären.

Nach der Volkszählung von 1939 wurde die Gesamtzahl der jüdischen Glaubensjuden mit 213.390 Personen ermittelt; hinzu kamen 19.716 "Rassejuden", die konvertiert waren. Außerdem lebten 72.738 „Mischlinge ersten Grades“ (einschließlich der ca. 8.500 Geltungsjuden) und 42.811 „Mischlinge zweiten Grades“ im Reichsgebiet.<ref>Beate Meyer: "Jüdische Mischlinge". Rassepoltik und Verfolgungserfahrung 1933 - 1945. Hamburg 1999, ISBN 3-933374-22-7, S. 162</ref>

Am 1. April 1943 lebten im Großreich offiziell nur noch 31.910 Juden. Ungefähr die Hälfte von ihnen musste den Judenstern tragen; hierzu waren auch die jüdischen Partner in „nichtprivilegierten Mischehen“ verpflichtet.

Nach der Reichskriminalstatistik des Jahres 1937 wurden 512 Männer wegen „Rassenschande“ verurteilt, darunter waren 355 Juden. Zwischen 1936 bis 1940 wurden 1911 Männer wegen „Rassenschande“ verurteilt. - Die Auswertung der von 1936 bis 1943 in Hamburg gefällten Urteile ergibt, dass jüdischen Männer deutlich schärfer bestraft wurden als „Deutschblütige“. Rund ein Drittel der jüdischen Justizopfer erhielt Zuchthausstrafen zwischen zwei und vier Jahren; knapp ein Viertel wurde noch strenger bestraft. Die Höchststrafe betrug 15 Jahre. In wenigen Ausnahmefällen wie beim berüchtigten Urteil gegen Leo Katzenberger konstruierten Richter sogar ein Todesurteil.

Fußnoten

<references/>

Siehe auch

Literatur

  • Uwe Dietrich Adam: Judenpolitik im Dritten Reich. Düsseldorf 2003 (=Unveränd. Nachdruck von 1972) ISBN 3-7700-4063-5 (Entstehungsgeschichte der Nürnberger Gesetze)
  • Cornelia Essner: Die 'Nürnberger Gesetze' oder Die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945. Paderborn 2002. ISBN 3-506-72260-3 (Diss./ Kritik an Selbstdarstellung Löseners und Mitwirkung der Staatsbürokratie)
  • Otto Dov Kulka: Die Nürnberger Rassengesetze und die deutsche Bevölkerung im Lichte geheimer NS-Lage- und Stimmungsberichte. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 32(1984) S. 582-636
  • Jan Kershaw: Hitler 1889-1936. Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05131-3 (im 13. Kapitel, bes. S. 711, Belege für planvolle Vorbereitungen)
  • Hans Mommsen: Auschwitz, 17. Juli 1942. Der Weg zur europäischen "Endlösung der Judenfrage". dtv 30605, München 2002, ISBN 3-423-30605-X (detaillierte Darstellung im 3. Kapitel)
  • Jeremy Noakes: Wohin gehören die "Judenmischlinge"? Die Entstehung der ersten Durchführungsverordnung zu den Nürnberger Gesetzen. In: Ursula Büttner u.a. (Hrsg.): Das Unrechtsregime.... Band 2: Verfolgung, Exil, Belasteter Neubeginn. Hamburg 1986 ISBN 3-7672-0963-2
  • Arnold Paucker Deutsche Juden im Kampf um Recht und Freiheit. Studien zu Abwehr, Selbstbehauptung und Widerstand der dt. Juden seit dem Ende des 19. Jh. Bearb. Barbara Suchy. Teetz: Hentrich u.H., 2003, ISBN 393347146x
  • Hans Robinsohn: Justiz als politische Verfolgung. Die Rechtsprechung in „Rasseschandefällen“ beim Landgericht Hamburg 1936-1943. Stuttgart 1977. ISBN 3-421-01817-0
  • John M. Steiner / Jobst F. von Cornberg: Willkür in der Willkür. Befreiung von den antisemitischen Nürnberger Gesetzen. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 46 (1998) Seite 143-187

Weblinks

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