Vorwort zum jüdischen Lesebuch
KINDERWELTEN

von Ignatz Bubis

 

 

Liebe Kinder, wenn Ihr diese Zeilen lest, haltet Ihr ein ganz besonderes Buch in den Händen. Es ist nach fast 60 Jahren das erste jüdische Lesebuch für Kinder in Deutschland. Das letzte wurde 1938 noch in Deutschland gedruckt aber nie benutzt. Bis auf wenige Exemplare wurde es von den Nazis vernichtet.

Heute gibt es wieder jüdische Kinder in Deutschland, aber sie haben keine Geschichten mehr. Was sie denken und fühlen, was sie fröhlich oder traurig macht, darüber wurde seitdem fast nichts geschrieben.

In Lesebuchtexten (kurzen Geschichten, Ausschnitten aus Erzählungen, Gedichten usw.) wird über das, was Kinder bewegt, erzählt. Aber in den gängigen Lesebüchern in Deutschland finden jüdische Kinder sich nicht wieder. Sie feiern andere Feste, haben andere Familiengeschichten und leben in anderen Traditionen. Auch ihre Legenden stammen aus einer anderen Welt. Es ist deshalb notwendig, diese Welt wieder in einer Form lebendig zu machen, die der jüdischen Tradition entspricht: der Form des Buches.

Im Februar 1992 wurde innerhalb des Pädagogischen Zentrums der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) eine Kommission gebildet mit dem Auftrag, ein Lesebuch für den Unterricht an den jüdischen Grundschulen in Deutschland zu entwickeln. Aus dieser Kommission entstand die Gruppe der Herausgeber. Von Anfang an dabei war David Wasserstein, der 1994 kurz vor seinem 47. Geburtstag verstarb. Ihm ist dieses Buch gewidmet.

Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Herausgeber genügend Texte zusammengetragen hatten, um daraus ein für Euch spannendes und interessantes Lesebuch zusammenzustellen. Zunächst suchten sie in Archiven und Bibliotheken nach Geschichten und Legenden. Aber die Sprache der alten Texte ist für heutige Kinder nicht mehr verständlich, die pädagogischen Absichten sind nicht mehr zeitgemäß. Zeitgenössische jüdische Kindergeschichten wurden in Deutschland in den letzten 50 Jahren kaum geschrieben. Deshalb wurden alte Geschichten umgeschrieben und wo es nötig war, haben die Herausgeber neue Texte verfaßt.

Das Pädagogische Zentrum der ZWST veranstaltete im Sommer 1993 einen Schreibwettbewerb, an dem sich viele jüdische Kinder und Jugendliche beteiligten. Einige der damals prämierten Geschichten und Gedichte findet Ihr ebenfalls in diesem Buch. Illustriert hat es Ami Blumenthal, ein in Israel geborener Künstler, der heute in Frankfurt lebt.

Damit möglichst viele — auch nichtjüdische — Kinder dieses Buch lesen und verstehen können, findet Ihr am Schluß ein ausführliches Glossar (Wörterverzeichnis mit Erklärungen). Die im Buch abgedruckten Texte können helfen, jüdisches Leben und jüdische Kultur kennen- und verstehenzulernen. Nur so lassen sich Vorurteile abbauen und ein friedliches Zusammenleben gestalten. Ich wünsche mir, daß das vorliegende Buch nicht nur in vielen Schulen in Deutschland gelesen wird.

Erschienen im
Roman Kovar Verlag

Ignatz Bubis

haGalil onLine 1998