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David-halb-und-halb
David lebt mit seinen Eltern in einem Kibbuz in Israel.
Seine Mutter ist Norwegerin und Christin. Sie ist eine Außenseiterin in ihrem Kibbuz.
David wird von den anderen Kindern provoziert und gilt als Unruhestifter. Als der Kibbuz
Davids Mutter Eli die Ausbildung als Erzieherin verweigert, wünscht sie sich, wieder in
Norwegen zu leben. Ein heftiger Streit beginnt und am Ende reist die Familie zusammen nach
Norwegen ab.
David fühlte, daß er ein Fremder war. Manchmal hatte er Angst, an
diesem Gefühl ersticken zu müssen. Und er meinte, sich daran erinnern zu können, wann
er zum ersten Mal erfahren hatte, daß er anders war.
Damals war er noch im Kindergarten gewesen, und alle waren mit den
Vorbereitungen zur Chanukkahfeier (1) beschäftigt. Ganz deutlich entsann er sich, wie er
den Unterschied zwischen der Festtagsatmosphäre daheim und den Chanukkahgeschichten oder
Liedern im Kindergarten bemerkt hatte. Naiv, wie er gewesen war, hatte er seine
Kindergärtnerin Alisa und die anderen Kinder in die Freude über diese Entdeckung
miteinbeziehen wollen. Die Feindseligkeit, die er in Alisas Stimme und ihren Augen
entdeckt hatte, erschreckte ihn tief. Er hatte nicht verstanden, was er falsch gemacht
hatte und warum Alisa böse auf ihn war. Er hatte auch das Wort nicht gekannt, das die
Kindergärtnerin leise ausgesprochen hatte, als wäre es ein böses und verbotenes Wort.
Später, als er das Wort vor seiner Mutter wiederholte, explodierte sie mit großem Lärm.
"Goya! Sie nennen mich Goya (2) vor meinem Kind!" schrie sie und
weinte. "Benehmen sich so die Menschen in der offenen, kultivierten
Gesellschaft, die du mir versprochen hast?"
Sein Vater hatte die Mutter umarmt und etwas mit seiner weichen,
besänftigenden Stimme gemurmelt. Aber die Mutter hatte tief gekränkt und enttäuscht
geklungen, und diesen Klang konnte David nicht vergessen.
Sein Vater hatte sich bemüht, ihm dieses kränkende Wort zu
erklären, und er hatte versucht, ihm klarzumachen, warum es so wichtig für seine Mutter
war, ihre Feiertage genauso zu feiern, wie sie es in ihrem Heimatland getan hatte, als sie
so klein gewesen war wie er jetzt.
David verstand. Auf seine Art verstand er, daß seine Mutter anders war, anders als Rosi,
Sarit, Tirza, Warda und die anderen Mütter, die auch zu Hause Chanukkah, Purim (3) und
Pessach (4) feierten. Die anderen Mütter warteten nicht auf einen freundlichen Großvater
mit weißem Bart und roter Zipfelmütze, der den Kindern Geschenke brachte. Sie stellten
keinen Baum im Wohnzimmer auf und sangen keine Lieder in einer fremden Sprache. David
begriff, was ihm sein Vater erklären wollte, und verstand doch, daß etwas an ihnen fremd
war im Kibbuz.
Vielleicht hätte er den Zwischenfall schon längst vergessen, wenn
er seine Mutter nicht sehr verändert hätte. Sie vergaß nichts, und seit jenem Tag
zeigte sie jedes mal, wenn sie in den Kindergarten kam, wie fremd und entfernt sie sich
fühlte. Alisa empfing sie freundlich und versuchte, den alten Zustand wiederherzustellen,
aber seine Mutter ging nicht darauf ein. Jedesmal, wenn sie mittags den Kindergarten
betrat, fürchtete sich David davor, daß sie plötzlich anfangen würde zu schreien, so
wie sie vor Chanukkah geschrien hatte, und daß sich ihre Wangen wieder mit den
häßlichen roten Flecken überziehen würden.
Bis zu dem Abend, an dem Schifra und Ilan zu seiner Mutter gekommen
waren, hatte David nicht geglaubt, daß seine Mutter es ernst meinte, wenn sie davon
sprach, nach Norwegen zu ziehen. Er wußte, wie sehr sie sich nach ihrer Familie und ihren
alten Freunden sehnte, aber es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, daß sie Newe-Tamar
wirklich verlassen und dort hinziehen wollte. Er mußte daran denken, was sein Vater zu
Großmutter Lora in Haifa gesagt hatte: "Natürlich hat sie es schwer. Eine Sprache
tauscht man nicht einfach aus wie ein Paar Socken, das dauert lange." Und dann hatte er
leise hin zugefügt: "Glaubst du, daß es leicht ist, Heim und Familie zu
verlassen?"
Die Großmutter war rot im Gesicht geworden, und ihre Hände hatten
ein wenig gezittert, als sie die Porzellanschüssel mit der dampfenden Suppe auf den Tisch
gestellt hatte. "Ich weiß, daß du gelitten hast, Izik", hatte sie geflüstert, damit
David es nicht hörte, "aber du warst es ja, der weggehen wollte. Du hast mir
und Jakob keine Gelegenheit gegeben ..."
"Laß sein, ich hatte nicht die Absicht, das alte Thema
aufzuwärmen", hatte sein Vater sie unterbrochen und ihr seinen Suppenteller
hingeschoben. "Und du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Eli und ich sind
glücklich mit einander."
"Aber du hast gesagt, daß sie nach Norwegen zurückgehen möchte", hatte die
Großmutter erwidert und seinen Teller nachgefüllt.
"Es wird etwas dauern, aber am Ende wird sich Eli eingewöhnen, da bin ich mir
sicher." Sein Vater hatte David zugelächelt, der seinen Kopf im Suppenteller versteckt
hatte. "Und wir werden immer zusammenbleiben, ich werde nicht zulassen, daß mir jemand
meine Familie zer stört."
Dieser Satz beruhigte David und verdrängte die Befürchtung, daß seine Mutter sie
verlassen würde.
Hast du schon einmal Situationen erlebt, in denen du ein
Außenseiter warst? (1)
Jüdisches Lichterfest,
meist im Dezember
(2)
Nichtjüdische Frau
(3) Purim: Ein Fest im
Frühjahr, bei dem
sich vor allem
Kinder verkleiden.
(4) Pesah: Fest zur
Erinnerung an den
Auszug aus Ägypten.
(5) Eine Gemeinschaftssiedlung in Israel
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