Geschichte
einer Freundschaft:
Mein Jerusalem - Dein El Kuds
Eine Geschichte von Roswitha von Benda
aus dem Buch Kinderwelten
- ein jüdisches Lesebuch
Als Bettnachbarn in einem Jerusalemer Krankenhaus lernen sie
sich kennen: Jossi, ein jüdischer, und Hassan, ein arabischer
Junge. Aus der anfänglichen Notgemeinschaft entwickelt sich
eine feste Freundschaft. Gemeinsam entdecken sie die bunte
Vielfalt ihrer Stadt, von der sie jeweils nur eine Hälfte
kannten: Jossi sein Jerusalem - Hassan sein El Kuds.
Fast
verzaubert von der geheimnisvollen Lebenswelt des anderen,
lernen sie sich immer tiefer verstehen. Doch es ist eine
Freundschaft, die es im Teufelskreis von Haß und Gewalt
eigentlich nicht geben darf. Von vielen wird sie deshalb mit
großer Skepsis, ja Angst betrachtet. Und Jossi wird eines
Tages zum Militär müssen und Hassan vielleicht für einen
unabhängigen Palästinenserstaat kämpfen. Wird ihre
Freundschaft das alles überstehen?
Beispielhaft erzählt dieses Buch, wie junge Menschen sich
unbefangen über Mauern von Fremdheit und Feindschaft
hinwegsetzen und mitten in einer heillos zerrissenen Welt
entdecken: Miteinander ist das Leben viel schöner.
Roswitha von Benda, lebt seit 1984 in Israel und arbeitet als
freie Journalistin für Presse, Funk und Fernsehen.
... Es ist gleich dunkel, und es ist die Stunde des Gebets. Zu
Hause ruft jetzt der Muezzin die Gläubigen
zum Gebet. Zu Hause im Dorf, denkt Hassan wehmütig. Mutter
wird jetzt den Abendbrottisch decken. Vater wird mit den
älteren Brüdern Nader und Samir "politische Gespräche"
führen, wie sie es nennen, wenn sie über Israelis schimpfen.
Und ich liege hier in einem israelischen Krankenhaus - und
neben mir ein Jude, der kein Wort mit mir redet.
"He du, weißt du, wie spät es ist?"
Keine Antwort. Dann eben nicht. Vielleicht
hat er Heimweh wie ich. Sie haben ihn gerade erst gebracht,
und seine Eltern sind noch nicht gekommen. Sicher fühlt er
sich schrecklich einsam.
"Haver - Freund, kann ich etwas für dich
tun?" fragt Hassan den Bettnachbarn, der noch immer den Kopf
zur Wand gedreht hat.
Die ganze Zeit heult der, denkt Hassan. Und
ich habe geglaubt, Juden heulen nicht so schnell, sind
unheimlich mutig. Vielleicht sind sie doch nicht so mutig.
Wenn sie durch unser Dorf kommen, tun sie, als gehöre ihnen
alles, auch unser Dorf, sagt Vater. Und er und die Brüder
haben dann immer eine schreckliche Wut.
"lma, Aba", schluchzt er
(Jossi), "wo
bleibt ihr denn? Ich will zu meinem Bruder Uzi." Jossi steigt
aus dem Bett. Er tastet sich im Dunkeln zur Tür, fällt über
den Stuhl neben Hassans Bett.
"He, was machst du denn da? Wohin willst
du? Mußt du aufs Klo?"
Jossi setzt sich auf sein Bett und mustert den Nachbarn.
"Woher kommst du? Bist du Araber? Dein Hebräisch klingt so
arabisch."
"Was dagegen?" fragt Hassan mißtrauisch. "Ne nur ..."
"Was nur?"
"Nur, nach allem, was passiert ist, jetzt auch noch 'n Araber
neben mir."
Jossi erzählt von dem Autounfall mit seinem Bruder
Uzi.
Dann erzählt Hassan über sein Heimatdorf, das eine halbe
Stunde von Jerusalem entfernt liegt.
Hassan berichtet, daß in dem Dorf früher viele Christen
lebten, die aber fast alle nach Amerika ausgewandert sind und
manchmal zu Besuch kommen.
"Sie könnten hier nicht mehr leben, sagen sie. Sie
würden erst zurückkommen, wenn Palästina den Palästinensern gehört."
"Da könnt ihr lange warten", unterbricht Jossi. "Jetzt
sind wir hier, und wir lassen uns nicht mehr verjagen. Mein
Großvater, der aus Polen kommt und der ganz Schlimmes in
einem Konzentrationslager durchgemacht hat, der erzählt uns
manchmal davon, und dann sagt Vater: "Laß die Kinder damit
zufrieden, die wachsen als freie Menschen auf, und wir sind
jetzt stark genug uns selbst zu verteidigen, damit uns niemand
mehr umbringt, nur weil wir Juden sind".
Am nächsten Morgen kommen Jossis Eltern zu Besuch und
Jossi stellt
Hassan seinen Eltern vor. Die beiden Jungen kommen immer
besser ins
Gespräch und sie verabreden sich für die Zeit nachdem sie
aus dem Krankenhaus entlassen sind zum Felafel-Essen in der
Altstadt von Jerusalem bei Abu Shukri und auf der
Ben-Jehuda-Straße im israelischen Teil der Stadt.
Und dann kommt die letzte Nacht im
Krankenhaus. Morgen, Freitag, werden sie beide entlassen. Eine
Woche lang lagen sie nebeneinander. Eine lange Woche. Aber die
Woche ist schnell vergangen. Sie haben sich die Zeit mit
Geschichtenerzählen vertrieben. Jossi erzählte von seinen
Großeltern aus dem Jemen. Und Vater mußte einen Atlas
bringen, damit Jossi Hassan zeigen konnte, wo der Jemen liegt.
Nurit war nicht ins Krankenhaus gekommen, Nurit, seine
Mitschülerin, die so gut in Mathe ist, und auch sonst nicht
übel, und er hatte geglaubt, daß sie Freunde wären.
Schöne Freundin, dachte Jossi und beschloß, sich von Nurit
zu trennen.
Aber dann hat er Nurit sehr schnell
vergessen. Es gab immer etwas zu tun. Keinen Augenblick war es
langweilig mit Hassan. Sie tauschten Comic-Hefte aus, und
Hassan hat Jossi ein orientalisches Spiel beigebracht:
Scheshbesch, jeden Tag haben sie es
gespielt.
"Komisch", hat Jossi dabei gedacht,
ich hätte nie geglaubt, daß ich mich mit 'nem Araber
anfreunden könnte. Und als sie beide so im Bett liegen und
darüber nach denken, was sie nachher alles zusammen
unternehmen werden, da müssen beide zugeben - war eigentlich
gar nicht so schlimm, die Zeit im Krankenhaus.
"Bist du noch wach, Hassan?"
"Hm, ich kann auch nicht schlafen. Ich muß immer daran
denken, daß wir jetzt Freunde sind. Glaubst du, wir können
richtige Freunde werden?"
"Warum nicht, du redest zwar ein bißchen viel, aber sonst bist
du eigentlich ganz in Ordnung." "Jossi, es bleibt dabei, nächsten
Freitag um drei am Damaskustor. "
"Klar doch, Hassan."
"Dann Jossi, zeige ich dir El Kuds, den Shouk, die Wasserpfeifen, Abu Shukri
und den Felsendom." "Und ich zeige
dir mein Jerusalem, die Klagemauer, die Ben-Jehuda-Fußgängerzone, und du wirst sehen, daß es dort
die besten Felafel gibt."
"Aber erst gehen wir zu Abu Shukri, versprochen?"
"Versprochen."
Einige aus eurer Klasse sind bestimmt auch schon mal im
Krankenhaus gewesen: Erzählt, wie ihr euch da gefühlt habt:
ganz am Anfang und auch gegen Ende. Für Jossi und Hassan ist
es nicht so leicht, sofort Freunde zu werden. Welche
Schwierigkeiten haben sie? Was machen Sie in der Zeit im
Krankenhaus?
Zwei Wochen später: Jossi und Hassan treffen
sich wie verabredet. Teilt euch in Gruppen auf und überlegt,
wie sie den Tag verbringen könnten, was sie reden, was sie
tun, was sie erleben.
Schreibt diese Szene auf oder spielt sie der Klasse vor.
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