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Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom
Von Iris Noah
"Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom" erzählt die
Geschichte von Lina, einem jüdischen Mädchen, das Mitte der fünfziger bis
Ende der sechziger Jahre in einer Mittelschichtfamilie in Bagdad
aufwächst. Diese Zeit ist geprägt von wechselnden Regimes,
wirtschaftlicher Instabilität und zunehmender Ausgrenzung und Verfolgung
der Juden im Irak nach dem Sechs-Tage-Krieg. Aus der Sicht eines Teenagers
beschreibt Mona Yahia fesselnd das Alltagsleben, mit seinen Ereignissen,
Gerüchen, Farben und Klängen in der Familie, in der Schule, mit Freunden
und wie Verunsicherung, Angst und Bedrohung dieses einst sorglose,
behütete Leben mehr und mehr überschatten. Lina bekommt zu spüren, wie
sich die Atmosphäre im Land zunehmend radikalisiert und gegen die jüdische
Minderheit richtet.
Nach dem Sechs-Tage-Krieg wird die jüdische Schule, die Lina
besucht, vom Staat übernommen. Ihr Vater vernichtet Familienfotos und
Dokumente. Lina erfährt, daß die Verwandten, von denen Briefe aus Amerika
kamen, in Wirklichkeit in Tel Aviv leben. Filme jüdischer Filmstars werden
verboten, Nachbarn grundlos verhaftet, der Geheimdienst beschattet das
Viertel, ein Gesetz friert jüdische Konten ein und verweigert Juden das
Recht auf Pässe. Während sich die Landkarte im Nahen Osten radikal
verändert, hat Lina ihre erste Menstruation, erlebt unbekannte Gefühle im
Kontakt mit Jungen, verschlingt Liebesromane und entdeckt, daß im
französischen Schullexikon die Flagge eines Landes, das alphabetisch
zwischen Irland und Italien liegt, unsichtbar gemacht worden ist. Es kommt
schließlich soweit, daß sie beschließt ihre Muttersprache, das Arabische,
aktiv zu verlernen, indem sie jeden Tag einen Buchstaben mehr aus ihrem
Wortschatz entfernt. Ihr Bruder Shuli zeichnet einem Mitschüler auf dessen
Frage einen Davidstern an die Tafel. Er wird denunziert und wegen
angeblicher zionistischer Propaganda verhaftet. Die Familie beschließt nun
sobald wie möglich das Land mit Hilfe von Fluchthelfern zu verlassen um in
Israel ein neues Leben zu beginnen.
Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom ist zugleich die
Geschichte einer Kindheit, einer Familie und die Geschichte der Juden als
Minderheit in der irakischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Ob Mona
Yahia von einem unbekümmerten Purim-Abend erzählt, an dem man sich zu
Kartenspiel, reichlichem Essen und anderen Vergnügungen trifft, vom
Schwimmunterricht im Tigris. oder die Hinrichtung auf dem Tahrirplatz
schildert, bei der 9 der 13 Ermordeten Juden sind - es sind immer
unterschiedliche Geschichten und Erzählebenen gleichzeitig präsent. Ein
vielfarbiges Gewebe entsteht, läßt Persönliches und Politisches deutlich
werden. Die Erzählkraft und poetische Sprache von Mona Yahia wird in
englischsprachigen Ländern nicht zu Unrecht mit Salman Rushdie verglichen.
Zu Susanne Aeckerle als Übersetzerin kann man Verlag und Autorin nur
beglückwünschen, denn sie hat die unterschiedlichen Sprachebenen
stilistisch hervorragend übertragen.
Es geht in diesem Roman um grundlegende Fragen wie
Identitäten, Zugehörigkeiten, Sprachen und Heimat sowie dem Verlust
derselben.. Obwohl die Autorin die Verfolgung der Juden im Irak
detailliert erzählt sind es nach der Lektüre die lebensfrohen Aspekte, die
stärker in Erinnerung bleiben.
Gerade deshalb ist es gleichzeitig ein trauriges Buch, denn
es zeigt - unabhängig vom Schicksal der irakischen Juden unserer Zeit -
wie eine der bedeutendsten und wichtigsten jüdischen Diaspora-Kulturen
vernichtet wurde. Die Kultur der irakischen Juden, die heute in der Welt
verstreut sind, ist großenteils eine virtuelle. Auch in Deutschland -
besonders in Hamburg - gibt es irakischen Juden. Das Buch von Mona Yahia
beschreibt deren Hintergrund und macht uns somit auch mit der Geschichte
einer Gruppe bekannt, die als unbekannte Minderheit unter uns lebt.
Mona Yahia:
Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom
Eichborn-Verlag Frankfurt 2002, 432 Seiten
Übersetzung: Susanne Aeckerle
(When the Grey Beetles Took Over Baghdad)
Leseprobe: Purim |