"Schnee im August"
Auf einmal hörte Michael Devlin eine Stimme.
Eine menschliche Stimme.
Nicht den Wind, sondern die erste menschliche Stimme, die an sein Ohr
drang, seit er von zu Hause losgegangen war.
Er hielt inne und sah sich in der menschenleeren Welt um.
Und dann entdeckte er durch das eisige Schneetreiben hindurch einen
Mann, der aus der Seitentür der Synagoge spähte. Einen Mann mit einem
Bart. In einem schwarzen Anzug. Wie der Mann, der Billy Batson aus dem
dunklen Eingang der U-Bahn zu sich rief. Er winkte Michael.
"Hallo, hallo!" rief der bärtige Mann, und seine Stimme schien aus
großer Entfernung zu kommen, nicht nur von der anderen Straßenseite.
"Hallo!" Wie aus einem anderen Land.
Michael stand da wie angewurzelt. Der Mann winkte.
"Hallo!" rief der Mann. "Bitte zu kommen herüber..."
Die Stimme klang sehr alt und wurde durch das Schneegestöber gedämpft.
Aber es war eine Stimme, so klar und direkt wie ein Zauberbann. Noch
immer rührte Michael sich nicht von der Stelle. Die Stimme kam aus der
Synagoge, dem geheimnisvollen Gebäude, in dem die Juden ihren Gott
anbeteten. Hundertmal war Michael daran vorbeigekommen, aber außer am
Samstag morgen waren die Türen fast immer geschlossen. In gewisser Weise
gehörte die Synagoge gar nicht zum Bezirk, jedenfalls nicht wie die
Sacred-Heart-Kirche oder das Venus-Kino oder Casement's Bar. Die
Synagoge stand ganz normal in der Kelly Street, aber Michael hatte immer
das Gefühl, jemand hätte sie in einer dunklen Nacht dort an der Ecke
abgestellt.
Aber nicht nur das. Für Michael hatte die Synagoge etwas vage
Bedrohliches, als fänden hinter ihren geschlossenen Türen irgendwelche
geheimen Riten, ja vielleicht sogar schreckliche Verbrechen statt.
Sagten nicht alle in der Ellison Avenue, daß die Juden Jesus umgebracht
hatten? Und wenn sie den Sohn Gottes getötet hatten, was würden sie dann
wohl einem ganz gewöhnlichen Jungen antun, der in einem Schneesturm
herumirrte? Auf einmal sah Michael vor sich, wie der bärtige Mann ihn
fesselte und in einen großen Ofen schubste oder einmauerte, wie der Kerl
im "Sarg von Amontillado". Er sah die Schlagzeile in der Daily News:
JUNGE IM SCHNEESTURM VERSCHWUNDEN. Hastig ging er weiter.
Aber der bärtige Mann rief ihn schon wieder.
"Bitte!"
Michael blieb stehen. In dem einfachen Wort bitte schwang etwas mit,
Verzweiflung, als ginge es um Leben und Tod. Schmerz klang darin,
Traurigkeit. Vielleicht war der bärtige Mann einfach nur das, was er zu
sein schien: ein bärtiger Mann, der in einem Schneesturm um Hilfe rief.
Kein Abgesandter des Teufels. Er und Michael waren wie zwei Menschen in
der unberührten Arktis, zwei winzige Punkte in der gespenstischen Einöde
einer toten Welt.
Wenn ich jetzt weglaufe, dachte Michael, dann nur aus einem Grund: weil
ich Angst habe. Malemute Kid würde nicht abhauen. Genausowenig wie Billy
Batson. Mist, wenn Billy Batson vor dem Mann im schwarzen Anzug
weggelaufen wäre, wäre er nie Captain Marvel geworden. Und mein Vater,
Tommy Devlin er würde niemals weglaufen. Nicht vor tausend
gottverdammten Nazis. Und schon gar nicht vor einem Mann, der mit einer
solchen Stimme bitte sagte.
Also ging Michael über die Straße, sich mühsam auf den Beinen haltend,
fand im Schneegewirbel die Wand der Synagoge und tastete sich zur
Seitentür vor. Jetzt sah er das Gesicht des bärtigen Mannes deutlicher.
Unter dem schweren schwarzen Hut blickten blaue Augen durch eine dicke
Hornbrille. Durch die kleine Nase wirkte sein Bart größer und dichter,
als wäre er aus Holz geschnitzt. Er war dunkel, mit rostbraunen und
grauen Strähnen, aber Michael konnte nicht beurteilen, wie alt der Mann
war. Er stand unter dem Türrahmen, und ein dunkler Tweedmantel hing lose
um seine Schultern. Alles, was er anhatte, war schwarz.
"Bitte", sagte er. "Ich bin der Rabbi. Ich brauche eine Hilfe. Kannst du
mir eine Hilfe geben?"
Ängstlich kam Michael näher. Der Wind hörte abrupt auf, als wollte er
Atem holen. Michael starrte den bärtigen Mann an, sah seine schmutzigen
Fingernägel, die verschlissenen Aufschläge seines Mantels und fragte
sich erneut, welche dunklen Geheimnisse hinter ihm in der Synagoge
lauerten.
"Nun, wissen Sie, Rabbi, ich "
"Eine Minute es dauert nur", unterbrach ihn da der Rabbi.
Zitternd vor Angst, Neugier und Kälte suchte Michael nach Worten.
"Ich bin Meßdiener oben in der Sacred-Heart-Kirche", sagte er
schließlich. "Verstehen Sie, ich bin katholisch. Und ich bin spät dran
für die Achtuhrmesse und "
"Nicht mal eine Minute", fiel ihm der Rabbi ins Wort. "Bitte", fügte er
hinzu und zog den Mantel enger um sich. "Bitte."
Michael spähte an ihm vorbei in die unbeleuchtete Halle. Eine etwa ein
Meter fünfzig hohe Holzvertäfelung, oben mit einer Leiste abgeschlossen,
darüber eine cremeweiß gestrichene Wand. Und wenn er jetzt Svengali ist,
dachte er, der Bärtige aus dem Film, der die Leute hypnotisiert? Oder
einer wie Fagin aus Oliver Twist, der Kinder für sich stehlen ließ? Aber
nein seine Stimme klang nicht nach einem dieser Halunken. Plötzlich
kam der nächste Windstoß, wie ein Signal. Außerdem, dachte Michael,
außerdem kann ich ihn zur Not immer noch die Treppe runterschubsen. Ihm
die Brille von der Nase schlagen. Die Tür aufstoßen. Oder ihn in die
Eier treten. Bumm! Er wußte, daß er sich selbst gut zuredete, um seine
Angst zu überwinden.
"Okay", sagte Michael abrupt. "Aber es muß wirklich schnell gehen. Was
soll ich machen?"
Der bärtige Mann öffnete die Tür weit, und Michael trat ein. Ohne Wind
war es bedeutend wärmer. Drei Stufen führten nach unten, und er blieb
unschlüssig am Rand der obersten stehen.
"Ein wenig Licht, das wäre gut, ja?" sagte der Rabbi und wedelte mit der
Hand.
"Vermutlich schon."
"Da, siehst du?"
Michael ging eine Stufe weiter hinab und spähte durchs Halbdunkel zur
rechten Wand. In der dunklen Holzverkleidung war ein Schalter. Der Rabbi
machte nervöse Handbewegungen, als wollte er ihn betätigen, ohne ihn
dabei anzufassen.
"Sie meinen, ich soll das Licht anmachen?" fragte Michael.
Der Rabbi nickte. "Ist... eh ... ist dunkel, nein?"
Plötzlich wurde Michael wieder vorsichtig.
"Warum machen Sie das Licht denn nicht an?"
"Ist nicht ... nicht erlaubt", antwortete der bärtige Mann, als fiele es
ihm schwer, das richtige Wort zu finden. "Heute ist Schabbes, weißt du,
und ist ganz einfach, nein? Nur "
Er stocherte mit den Fingern in der Luft herum. Michael holte tief Luft,
trat die letzten beiden Stufen hinunter und betätigte den Schalter.
Sofort war der Raum von einer Kugellampe über ihnen hell erleuchtet. Sie
standen in einer kleinen Vorhalle; auf der gegenüberliegenden Seite
führten drei Stufen zu einer anderen Tür. Der cremefarbene
Deckenanstrich war rissig und bröckelte ab. Michael atmete langsam aus.
Keine Bombe war explodiert. Keine Stahlwände waren aus der Decke
herabgekommen.
Keine Falltür hatte sich unter ihm geöffnet, er war in kein Verlies
gestürzt. Der Lichtschalter war ein Lichtschalter. Der Rabbi lächelte,
wobei er unregelmäßige gelbliche Zähne entblößte, und sah sehr zufrieden
aus. Michael fühlte sich entspannt und warm.
"Danke dir, danke dir", sagte der Rabbi. "A dank. Sehr guter Junge bist
du. Du bist saier gut-hartsik... Sehr gut"
Dann deutete er auf die Leiste über der Holzvertäfelung.
"Ist für dich", meinte er. "Bitte zu nehmen. Für dich."
Es war ein Fünfcentstück, das im Licht leise schimmerte.
"Für dich", wiederholte der Rabbi.
"Aber nein, das ist doch nicht nötig..."
"Bitte."
Wieder wurde Michael nervös, jetzt wegen der Zeit und weil er noch vier
Blocks durch den Schneesturm vor sich hatte. Er nahm das Geldstück und
steckte es in die Manteltasche.
"Auf Wiedersehen", sagte der bärtige Mann. "Und danke dir."
"Gern geschehen, Rabbi."
Damit öffnete Michael die Tür und eilte in den Sturm hinaus. Aber er
fühlte sich größer, stärker und mutiger als vorhin.
Pete
Hamill:
Schnee im August
Aus dem Amerikanischen von Christine Strüh.
400 Seiten. ISBN 3-203-78008-9. Lübbe Verlagsgruppe, 9/1998.
|