Die Zeit der schlafenden Hunde

Von Iris Noah

Im Rahmen eines Gemeinschaftskundeprojekts fährt Johanna Riemenschneider einige Monate vor dem Abitur nach Israel. Mit ehemaligen Schülerinnen, die während der Nazi-Zeit vertrieben worden sind, wollen die Schülerinnen und Schüler sprechen um daraus eine Dokumentation zu erarbeiten. Bei einem Treffen in Jerusalem erzählt Meta Levin geborene Heimann, daß sie aus einem sehr reichen Elternhaus kommt. Ihre Eltern waren die Besitzer des Modehauses Heimann & Compagnie, das heute Modehaus Riemenschneider heißt.

Johannas Welt gerät aus den Fugen, denn bis dahin war sie davon ausgegangen, daß das Geschäft - Lebensmittelpunkt der Familie - vom Großvater gegründet und "von seiner Hände Arbeit zum Erfolg geführt wurde". Nach dem plötzlichen Tod des Großvaters kann sie mit ihm nicht mehr sprechen. Auf seiner Beerdigung werden die Formen gewahrt:

"Ein angesehener Mann, sagt gerade auch der Pfarrer, spricht von der entbehrungsreichen Kindheit in ärmlichen Verhältnissen, ein strebsamer, fleißiger Mann. Mit seiner Hände Arbeit hat er sich hochgearbeitet und es zu Wohlstand gebracht. Und sie denkt, was für eine Heuchelei, soll ich jetzt laut die Namen Heimann und Rosenblatt sagen? Was würde passieren wenn ich es täte, wenn ich sagen würde, Moment mal, Herr Pfarrer, Sie haben etwas Wichtiges vergessen, da gibt es noch einen dunklen Punkt im Leben meines Großvaters, so einfach war es nicht, sein Lebenslauf hat ihn nicht so gradlinig von der entbehrungsreichen Kindheit zu einem Leben als wohlhabender Geschäftsmann geführt. Es war nicht nur seiner Hände Arbeit, Herr Pfarrer, auch wenn ich nicht genau weiß, was es war, ich will es eigentlich auch gar nicht wissen, ich will nicht wissen, ob Frau Levin die Wahrheit gesagt hat. Aber viele Leute hier sind alt, sie müssten sich noch erinnern, was wirklich passiert ist, falls sie nicht vorgezogen haben, es zu vergessen." (Seite 15 / 16)

Sie muß sich mit Familiengeheimnissen und Lebenslügen auseinandersetzen, spricht mit verschiedenen Verwandten und trägt Mosaiksteine zusammen. Sie will den Hintergründen der Firmengeschichte, die zugleich Familiengeschichte und politische Geschichte ist, auf die Spur kommen. Die Situation in der Familie eskaliert, denn der 1953 geborene Vater reagiert zunehmend aggressiv auf die Fragen. Johanna fühlt sich hin- und hergerissen zwischen ihrem Wunsch nach Wahrheit und dem Bedürfnis schlafende Hunde ruhen zu lassen.

Sie schlägt sich mit Fragen herum, ob Schuld vererbbar ist, ob man sich mit Geld freikaufen kann und es Wiedergutmachung gibt, inwieweit man sich von seiner Familie distanzieren kann und was es bedeutet, daß der geliebte Großvater eben nicht nur ein lieber Opa war. Wie kann sie mit ihrem Wohlstand leben, der auf der Vertreibung von Frau Levins Familie aufgebaut ist? Ein Gespräch mit der Lehrerin hilft ihr bei der Einordnung. Doch eindeutige Antworten gibt es nicht, auch nicht auf die Frage, warum sich die Großmutter vor langer Zeit umgebracht hat - aus Scham?

Die Zeit der schlafenden Hunde ist ein komplexer Entwicklungsroman und doch so klar und einfühlsam, unaufdringlich und ohne falsches Pathos erzählt, daß er jungen Lesern ermöglicht, einen Zugang dazu zu bekommen, wie die Familienvergangenheit in der Gegenwart weiterwirkt.

Auf die Frage, warum sie als Jüdin zu diesem Thema ein Jugendbuch geschrieben hat, antwortete Mirjam Pressler, sie habe bei ihren Lesungen immer wieder erlebt, daß Jugendliche mit den Begriffen "Arisierung", "Enteignung", "Vermögensverwertung" ... nichts anfangen konnten. Das könnte sich durch die Lektüre dieses Buches ändern.

Mirjam Pressler:
Die Zeit der schlafenden Hunde
Beltz & Gelberg, Weinheim 2003