| Schawuoth
Habt ihr den Kalender schon angeschaut? Heute
ist der 5. Siwan. Das heisst mit anderen Worten: Es ist EREW CHAG
HASCHAWUOTH - der Tag vor dem Wochenfest.
Schawuot ist das zweite der Schalosch
Regalim - der drei Festtage, an denen alle Juden zum Bet haMikdasch in
Jeruschalajim hinauf zogen. Ausserdem ist Schawuot natürlich auch
- CHAG HABIKURIM ... das Fest der
Erstlingsfrüchte
- CHAG HAKAZIR... das Emtefest
- AZERET... ein Tag der Versammlung
- S'MAN MATAN TORATENU... die Zeit, an
der uns unsere Lehre gegeben wurde!
"Wie kann ein Tag so viele Namen haben?",
fragt Beni verwirrt. "Ganz einfach! Der Tag trägt fünf verschiedene
Namen, weil es fünf verschiedene Gründe zu feiern gibt! Ein Name für
jeden Grund!"
"Chag Haschawuot - Wochenfest - ist ein
eigenartiger Name", findet Bina. "Schawuot dauert doch nicht wochenlang.
Es sind bloss zwei Tage." "In Israel dauert das Fest sogar nur einen
Tag", meldet sich Chagai. "Doch schew'a bedeutet sieben; und Schawu'a
ist eine Woche. Schawuot kommt genau sieben Wochen nachdem G-tt das
jüdische Volk aus dem Land Ägypten hinaus geführt hat."
"Aber was geschah denn an Schawuot?", will
Bina wissen. "Wenn es einen Festtag gibt, muss doch auch etwas passiert
sein!"
"Sicher ist etwas passiert",
antwortet Beni. "Wir erhielten die Tora am Har Sinai! Schawuot ist S'man
Matan Toratenu - die Zeit, an der uns die Tora gegeben wurde. Und wenn
sich das nicht ereignet hätte, gäbe es überhaupt keine Festtage zu
feiern!"
Weshalb hat G-tt die Tora nicht an alle gegeben? Warum
gab Er sie nur dem jüdischen Volk?", interessiert sich Bina. "Weil die
Juden die einzigen waren, die die Tora wollten", erklärt Beni. "Stimmts,
Chagai?" "Ja, ganz genau!", gurrt die Taube. "Es war nämlich so...
haSchem ging zu jeder Nation der Welt und Er fragte, "Wollt ihr Meine
Tora annehmen und ihre Gesetze befolgen?" Doch kein einziges Voik war
dazu bereit. Ein Volk sagte, sie wollten nicht aufhören, andere Leute zu
töten; das nächste wollte auch weiterhin stehlen; ein Volk bestand
darauf, am Schabbat zu arbeiten. Nur die Juden sagten "Naase venischma
- was immer in G-ttes Tora steht, werden wir tun; und wir wollen hören,
was G-tt uns befiehlt!"
Als die Juden nach dem Auszug aus Ägypten auf ihrer Wanderung durch die
Wüste zum Berg Sinai kamen, richteten sie einen Lagerplatz ein und
bereiteten sich während drei Tagen darauf vor, G-ttes Wort zu hören. Sie
badeten sich und wechselten ihre Kleider. Sie waren darauf bedacht,
nicht zu streiten oder Schlechtes über andere weiter zu erzählen. Sie
lernten und bemühten sich, diese Tage zu einer heiligen Zeit werden zu
lassen. Den Berg Sinai, von welchem G-tt zu ihnen sprechen wurde,
umzäunten sie, damit ihm niemand zu nahe kommen konnte.
Schliesslich, früh am Schabbat Morgen, dem sechsten Siwan im jüdischen
Jahr 2448, stand das jüdische Volk vor dem Har Sinaj, bereit, G-ttes
heilige Tora zu empfangen. Mosche stieg auf den Berg, während das
restliche Volk - alt und jung, Männer und Frauen - am Fuss des Berges
stand. Es waren mehrere Millionen Menschen. Wir kennen die genaue Zahl
nicht, jedenfalls machten die Männer allein schon über 600.000 aus.
Sogar die Seelen der Juden, die noch nicht geboren worden waren, kamen
zum Har Sinai. Jeder Jude, der irgendwann existieren würde, war anwesend
und wartete darauf, die Tora in Empfang zu nehmen.
Es wurde ganz still in der Welt. Eine ergreifende Ruhe erfüllte die
Atmosphäre. Niemand sprach, hustete oder nieste. Die Vögel hörten auf zu
zwitschem; der Wind blies nicht; die Wellen in allen Meeren lagen still.
Nichts bewegte sich.
Plötzlich wurde die Ruhe durchbrochen! Der Ton eines grossen Schofars
wurde gehört und die Stimme G-ttes erfüllte das Universum! Berge
erzitterten! Seen und Meere brausten und schäumten! Blitze erleuchteten
das Firmament! Gewaltige Donnerstösse rollten durch den Himmel! Und
G-ttes Worte erschienen wie flammende Buchstaben am Horizont.
Beni schaudert. "Muss das aber erschreckend gewesen sein! ", meint er.
"Ja, bestimmt. Die Juden kamen fast um vor Angst. Sie fürchteten sich
davor, auch nur ein weiteres von G-tt ausgesprochenes Wort zu hören."
"Höre du G-tt zu, und berichte uns dann, was Er gesagt hat! ", flehten
sie Mosche an. So kam es, dass sie nur die zwei ersten Gebote direkt von
G-tt vernahmen. "Vierzig Tage später kam Mosche vom Berg hinunter. In
seinen Händen hielt er die zwei Luchot Habrit - zwei wundersame,
steinerne Tafeln. Alle Zehn Gebote waren darin eingeritzt. Die
Buchstaben waren durchgehend - von einer Seite zur anderen eingemeisselt,
doch auf keiner Seite war die Schrift seitenverkehrt! Man konnte sie von
beiden Seiten, vorne und hinten, lesen. Nur G-tt alleine kann solche
Tafeln anfertigen!"
"Wozu benötigte Mosche vierzig Tage, bis er vom Berg hinunterkam?",
fragt Bina voller Interesse. "Er war damit beschäftigt, die Tora zu
lernen! Während vierzig Tagen und vierzig Nächten lehrte ihn G-tt die
gesamte Tora - Tora Schebichtaw, die geschriebene Lehre, und Tora
Schebeal Pe, die mündliche Lehre, die ausführliche Erläuterung der
schriftlichen Lehre."
"Zum Glück musste er nur die Zehn Gebote hinabtragen", bemerkt Beni.
"Wenn alle 613 Gebote auf den Tafeln gestanden hätten, wären diese wohl
unheimlich schwer gewesen!" "Erstens sind alle 613 Gebote in den Zehn
Geboten enthalten, zweitens waren die steinernen Tafeln wirklich sehr
schwer, doch Haschem machte, dass sie sich ganz leicht anfühlten, so
dass Mosche sie tragen konnte."
Dein Volk ist mein Volk und dein G'tt ist mein G'tt
"Erzähl uns etwas über Ruth", drängte Bina. "Megilath Ruth wird am
Schawuot in Schul gelesen. Es ist auch eine Geschichte aus der
Erntezeit." "Oh, es ist noch viel mehr als das!" Chagai plustert seinen
Federschmuck und beginnt:
Vor langer Zeit herrschte in Erez Jisrael eine schreckliche Hungersnot.
Alle hatten ihre Essensvorräte aufgebraucht. Alle - ausser Elimelech,
einem wohlhabenden und gelernten Mann aus der Stadt Bet Lechem, vom
Stamm Jehuda. Elimelech befürchtete, dass alle zu ihm kommen und ihn um
Nahrungsmittel anflehen würde. So floh er zusammen mit seiner Frau Nomi
und seinen beiden Söhnen nach Moaw. "Sobald die Hungersnot vorüber ist,
werde ich wieder zurückkehren", dachte er bei sich. Doch er hatte falsch
gehandelt.
Der König von Moaw hiess Elimelech willkommen, was ihn hoch erfreute.
Doch G-tt war erzürnt darüber, dass Elimelech von Erez Jisrael
weggelaufen war und nicht seinem Volk geholfen hatte. haSchem beschloss,
dass dieser Mann bestraft werden müsse, und kurze Zeit später starb
Elimelech. Seine Söhne heirateten die Töchter des Königs von Moaw, doch
zehn Jahre später starben auch sie.
Eines Tages hörte Nomi, dass die Hungersnot im Lande Israel vorüber sei.
Naomi hatte nie nach Moaw ziehen wollen. Nun dachte sie: "Weshalb soll
ich hier alleine in einem fremden Land bleiben? Ich möchte nach Bet
Lechem heimkehren." Ihre Schwiegertöchter, Ruth und Orpa, wollten sich
ihr anschliessen.
"Geht zurück, meine Töchter", drängte Naomi liebevoll. "Ich bin alt und
arm. Geht zurück zu euren Familien. Ihr werdet neue Ehemänner finden.
Ich kehre alleine nach Bet Lechem zurück." Orpa weinte und
verabschiedete sich mit Küssen von Naomi, doch Ruth beharrte auf ihrer
Meinung.
"Wo immer du hingehst, gehe ich hin", versprach sie. "Wo du wohnst, will
ich wohnen; dein Volk ist mein Volk und dein G-tt ist mein G-tt."
So kehrte Ruth mit Naomi zusammen zurück. Als Naomi in Bet Lechem
eintraf, war die ganze Stadt in Aufruhr. "Hasot Nomi?", fragten sie.
"Ist das wirklich Nomi? Nomi war so reich und so wunderhübsch. Schaut
sie jetzt an! Wie alt sie aussieht! Und wie arm! Wo ist ihr Mann? Wo
sind ihre Kinder?"
Es war die Jahreszeit der Gerstenemte. Die Felder waren voll von
Arbeitern, die das Getreide schnitten und zusammentrugen. Auch viele
arme Menschen befanden sich auf den Feldern. Sie sammelten die Ähren
ein, welche die Feldarbeiter zu schneiden vergessen hatten; und sie
hoben die Halme auf, die zu Boden gefallen waren. Die Tora nennt das
Leket (Einsammeln) und Schikcha (Vergessenes) und lehrt uns, dass diese
Ahren den Armen gehören.
"Ich werde zu einem Feld gehen, und schauen, ob ich Getreidehalme finden
kann.", sagte Ruth zu Naomi. In der Nähe befand sich ein Feld, das dem
weisen und wohlhabenden Boas gehörte. Boas war einer der Richter des
Volkes. Er war ein Verwandter von Elimelech und Naomi. Als er Ruth in
seinem Feld erblickte, fragte er: "Wer ist dieses Mädchen?" "Es ist ein
moabitisches Mädchen, das mit Naomi zurückgekehrt ist", antworteten
seine Feldarbeiter. Boas sah, dass Ruth anständig, bescheiden und gütig
war.
"Bleib in meinem Feld, meine Tochter! ", sagte er, "und sammle so viel
Getreide wie du brauchst. Du kannst auch mit meinen Feldarbeitern
zusammen die Mahlzeiten einnehmen. Es hat Wasser zum Trinken und einen
Platz, um sich auszuruhen. Niemand wird dich stören." Ruth dankte Boas.
"Sie sind sehr freundlich", entgegnete sie, "ich bin doch nur ein armes,
fremdes Mädchen. Weshalb habe ich so viel Wohlwollen in ihren Augen
gefunden?"
"Ich habe von deiner grossen Liebe und Zuvorkommenheit gegenüber Naomi
gehört. Es ist mir bekannt, wie du dein Vaterhaus und dein Land
verlassen hast, um G-ttes Tora anzunehmen, ihre Gebote auszuführen und
Naomi ins Land Israel zu folgen. Möge der G-tt Jisraels, dem zu dienen
du dich entschlossen hast, dich für deine Güte belohnen."
Boas vergass Ruth und Naomi nicht. Er wusste, dass er ihnen helfen und
sich um sie sorgen musste. Obwohl er kein junger Mann mehr war und Ruth
nur eine arme Fremde aus Moaw war, heiratete er sie. Naomi hatte wieder
Wurzeln in Erez Jisrael und Ruth konnte zum Oberhaupt einer wohlhabenden
und geehrten Familie werden. Später würden die Könige des jüdischen
Volkes von ihren Kindern abstammen.
Denn Ruth und Boas bekamen einen Sohn namens Owed. Owed war der Vater
von Jischai; und Jischai war der Vater von David haMelekh.
"Und darum lesen wir die Geschichte von Ruth genau am Schawuot", erklärt
Chagai. "Was meinst du damit?", runzelt Beni die Stirne. "Das habe ich
nicht verstanden."
"Ich schon!", schreit Bina. "Die Geschichte spielte sich zur Zeit der
Getreideernte ab und Schawuot ist Chag haKazir, das Fest der Ernte. Dies
ist ein Grund. Und Ruth akzeptierte Naomis G-tt, ihr Volk und ihr Land.
Sie nahm die Thorah auf sich! Schawuot ist der Tag, an dem wir die Tora
erhalten haben; deshalb ist es der perfekte Zeitpunkt, um über Ruth zu
lesen. Das ist ein zweiter Grund."
"Mir fällt noch eine dritte Begründung ein", ruft Beni. "Schawuot - der
sechste Siwan - ist der Geburtstag von David haMelekh, dem König David.
Davids Urgrossmutter wurde 'Ima schel Malchuth' genannt - Mutter des
Königtums. Weisst du, wer das war?" "Ganz einfach", lacht Bina. "Chagai
hat es uns eben verraten. Es war Ruth!"
Halaw uDwasch: Milch und Honig
[Unser Käsekuchen-Rezept]
Mmmh... Was schmeckt da so gut?" Beni blinzelt in den Ofen. "Kreplach!
Mama hat soeben ein ganzes Blech voll in den Ofen geschoben. Weisst du,
weshalb wir an Schawuoth solches Gebäck essen, Beni?" "Klar! Ich kenne
sogar drei Gründe. Kreplach haben drei Ecken, und vieles rund um die
Torah besteht aus Dreiergruppen:
haTaNaKh ist in drei Teile eingeteilt: Tora, Newiim, Khetuwim
Das Jüdische Volk ist in drei Gruppen eingeteilt: Kohanim, Lewiim,
Jisraelim
Und Mosche, der das dritte Kind von Amram war (der zum Stamm Lewi, dem
dritten der zwölf Stämme gehörte!), erhielt die Tora nach drei Tagen
Vorbereitung, im dritten Monat, dem Monat Sivan!"
"Und weshalb essen wir an Schawuot milchige Speisen, Quarkkuchen und
ähnliche Köstlichkeiten? An anderen Festtagen bereiten wir doch speziell
feine fleischige Mahlzeiten zu? Kannst du mir das erklären, Beni?"
"Dünne Crepes mit Quarkfüllung, Quarktorte, Erdbeeren mit Schlagsahne -
mmh, ich ich kann es kaum mehr erwarten!" "Aber warum essen wir sie
ausgerechnet an Schawuot?" "Weil sie so gut schmecken!"
"Beni, ich meine es im Ernst!" "Ja, ich auch. Sie schmecken wirklich
gut. Aber es stimmt, ich kenne noch einen weiteren Grund. Die Tora wird
mit Milch und Honig verglichen. Schawuot ist ein Fest der Tora, darum
geniessen wir an diesem Chag Speisen aus Milch und Honig!"
Milch und Honig mögen eine Delikatesse für die Menschen sein; ich
persönlich würde einige Krumen vom Opfer der Schtej haLechem
vorziehen...
Mehr über Sukkot mit Chagai, Bina und Beni kannst Du
im Buch lesen:
Yaffa Ganz:
Pessach, Schawuot, Sukkot
Mit Bina, Beni und der Taube Chagai
Illustriert von Liat Benyaminy Ariel
Verlag Morascha Basel/Zürich
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