Der jüdische Kalender
      
Die zwölfjährige Mona lernt Daniel kennen. Sie befreunden
sich und
erzählen sich nach und nach vom Christentum und vom Judentum
Acht Tage lang bis heute:
Das Licht Israels wird ewig leuchten
Von Noemi Staszewski
Mona hatte bereits den Kaffeetisch gedeckt, zwei der vier großen
roten Adventskerzen des Adventskranzes auf dem Esstisch angezündet und Goldpapier,
Klebstoff und Scheren bereitgelegt, als Daniel am Dienstagnachmittag an der Wohnungstür
klingelte. »Komm doch rein«, forderte sie Daniel mit einer einladenden Handbewegung auf.
Ihre Mutter kam aus der Küche und begrüßte den Jungen. »Ich komme gleich zu euch. Geht
schon mal ins Wohnzimmer.«
Mona machte mit Daniel erst mal einen kleinen Rundgang durch die
Wohnung, bevor sie sich ins Wohnzimmer begaben.
»Uau«, sagte Daniel, »Teatime im Kerzenschein. Ist ja richtig
romantisch bei euch!« Er betrachtete den gedeckten Tisch. »Warum hast du die anderen
beiden Kerzen nicht auch gleich mit angezündet?«, fragte er nach einer Weile. »Glaubst
du, es würde zu hell werden?«
»Nein, natürlich nicht.« Mona sah ihn etwas erstaunt an. »Wir
sind doch erst in der zweiten Adventswoche. An jedem der vier Adventssonntage wird eine
Kerze mehr angezündet. Wenn alle vier Kerzen brennen, dauert es nur noch einige Tage bis
zum Heiligen Abend. Es ist die Vorbereitungszeit auf Weihnachten.«
»... und eigentlich eine Fastenzeit«, meldete sich jetzt Monas
Mutter zu Wort, während sie die Kaffee- und Kakaokannen auf dem Esstisch absetzte. Daniel
betrachtete nachdenklich den vollbeladenen Tisch und meinte: »Das ist aber eine ziemlich
leckere Fastenzeit, es sei denn, diese duftenden Plätzchen sind nur zur Dekoration.«
»Nein«, lachte Monas Mutter. »Diese Leckereien sind zum Essen da. Aber du hast Recht.
Aus der ursprünglichen Fastenzeit ist eine Schlemmerei geworden. Es wurde früher auch
nicht völlig gefastet, sondern nur auf besonders gutes und teures Essen wie Fleisch oder
Kuchen verzichtet. Damit wollte man sich auf das Weihnachtsfest vorbereiten. Zum Ausgleich
für diesen Verzicht haben die Menschen andere Wege gefunden, ihren Gaumen zu verwöhnen,
und so entstand wohl die Tradition der Plätzchenbäckerei, zumindest in Mitteleuropa.«
»Ich finde das eine sehr angenehme Art zu fasten«, stellte Daniel
zufrieden fest, während er bereits an einem Zimtstern knabberte. »Könnt ihr mir
erklären, was Weihnachten eigentlich genau gefeiert wird?«, bat er nach einer Weile.
»Ihr feiert die Geburt Jesu, der für euch der Messias ist. Aber er ist doch für euch
auch gleichzeitig Gott?«
»Jesus ist der Sohn Gottes, der vor knapp 2000 Jahren von Maria in
Betlehem geboren wurde, um uns von der Erlösung der Welt zu künden«, antwortete Monas
Mutter. »Deshalb nennen wir ihn ja auch den Erlöser. Maria und Josef reisten damals von
Nazaret nach Betlehem, weil sie zum Stamme Davids gehörten und der römische Statthalter
eine Volkszählung befohlen hatte. Diese Geschichte wird jedes Jahr zu Weihnachten
gelesen.«
»Hm«, brummte Daniel nachdenklich, »dieser Sohn Gottes ist
gleichzeitig auch euer Messias? Glaubt ihr denn auch wie wir, dass der Messias das Ende
der Welt ankündigt?«
»Doch«, erwiderte die Mutter. »Wenn der Messias wiederkommt, wird
er das Ende der Welt ankündigen.«
»Das ist alles ganz schön kompliziert«, sagte Daniel
nachdenklich. »Was Sie erzählen, ist mir irgendwie bekannt und doch wieder nicht. Wir
glauben z. B. auch, dass Meschiach aus dem Stamme Jehudah, von dem auch König David
abstammt, hervorkommen wird. Aber bisher ist er noch nicht erschienen.«
Er wusste nicht so recht, wie er seine Gedanken formulieren sollte.
Das mit dem Sohn Gottes verstand er nicht. Wie konnte Gott einen Sohn haben? Er ist doch
gar kein Mensch. Aber er traute sich nicht, diese Frage zu stellen. Daher sagte er: »Wir
glauben, dass es einen Gott gibt, der die Welt erschaffen hat. Neben ihm gibt es keine
anderen Götter. So steht es in der Torah.« »Auch wir glauben, dass es nur einen Gott
gibt«, ließ sich jetzt Mona vernehmen. Zu ihrer Mutter gewandt fragte sie: »Was haltet
ihr davon, wenn wir mit dem Basteln anfangen?« Alle waren einverstanden. Das
Kaffeegeschirr wurde zur Seite geräumt, um Platz für Scheren, Kleber und Bastelpapier zu
schaffen. Mona zeigte Daniel, wie sie aus Goldpapier Pantoffelsterne in verschiedenen
Größen herstellte. Daniel zeigte sich als gelehriger Schüler, ihm machte Basteln Spaß.
Als Mona in einen besonders großen Stern eine Kerze stellte, kam ihm eine Idee.
»Eigentlich könnte ich aus diesen Sternen eine Chanukkijah basteln«, überlegte er
laut. Er klebte neun größere Pantoffelsterne nebeneinander auf einen mit Goldpapier
bezogenen Kartonstreifen. In den neunten Stern klebte er noch zwei ineinandergesetzte
kleine Sterne. Zufrieden betrachtete er sein Werk. Mona hatte ihm aufmerksam zugeschaut.

[HANUKAH]
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