Du hast gelesen, dass es verschiedene Richtungen im Judentum gibt, die mit den Gesetzesvorschriften der Religion unterschiedlich umgehen. Es gibt auch Juden, die überhaupt nicht religiös leben, die nie in die Synagoge gehen und sich trotzdem als Juden fühlen.

Was macht also das "Judesein" aus? Nochmal die Frage: Wer ist Jude?

Hier kannst Du zwei kurze Texte zu dieser Frage lesen. Vielleicht sind die Texte ein bisschen schwierig, aber das macht nichts. Achte auf diese Dinge:
1. Sehen die Verfasser das Judentum als Religion?
2. Sind die beiden Verfasser religiöse Juden?
3. Wie würdest Du "Jude sein" beschreiben?

Max Fürst (1905-1978, Jerusalem):
Mein Judentum

Ich kann eigentlich über mein Judentum gar nicht schreiben, genausowenig wie über mein Deutschtum: Beide habe ich nicht, sondern sie haben mich. Man ist hineingeboren, hat eine Erziehung erlitten, und dann hat es einen, ohne daß man viel dazu tun muß. Gerade das Judentum ist sehr anhänglich, es klebt wie Pech, und es bedarf schon einer großen Anstrengung, um es loszuwerden; viele haben es ganz vergeblich versucht.

Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht berichtet von Abu Kasem, der seine Pantoffeln so lange getragen hat, bis die Fetzen an allen Seiten herunterhingen. Man sagt, aus Geiz, ich meine, aus Tradition. Als sich ihm die Gelegenheit zu bieten schien, sie gegen neue einzutauschen, begann die Tragödie. Die alten Pantoffeln rächten sich und stifteten Unfug, der Abu Kasem immer wieder in Schwierigkeiten brachte. Im Märchen wird er sie erst los, nachdem sie ihn ruiniert haben, in der Realität, die noch trotziger ist als ein Märchen, wird er sie wohl wieder zu sich genommen und bis an sein Lebensende getragen haben, auch wenn sie ihm die Füße noch so wund scheuerten.

Jedem Menschen hängt solch ein Pantoffel um den Hals, wenn er ihn schon nicht mehr an den Füßen trägt, und gibt ihm eine unbestimmte Farbe. Man nennt das Tradition, ein sehr vager Begriff. Sie kann alles zum Inhalt haben: Jugenderlebnisse, die Sippe, in die man hineingeboren ist, die Landschaft, aus der man stammt, und, manchmal erst im Alter, Erinnerungen und Verantwortlichkeit. Uber wie viele Generationen bleibt ein Deutscher, der nach Amerika, Südafrika oder Australien ausgewandert ist, seinem Vaterland verbunden? Wie lange bewahrt er den deutschen Lebensstil? Bei den Juden ist die Verbundenheit mit dem Judentum immer wach. Einer mag ein großer Gegner aller jüdischen Institutionen sein und die Juden bekritteln, aber eben darum wird er immer aufmerksam, wenn von Juden die Rede ist. Man ist in einer Art Sippenhaft mit ihnen verbunden, und es kann einem nicht gleichgültig sein, was sie irgendwo auf der Welt tun...
Quelle: Mein Judentum - Selbstzeugnisse. Hrsg. v. Hans Jürgen Schulz

 

Jigal (16, Baden-Württemberg):
Mein Judentum - Was bedeutet es für mich?

Das ist in der Tat eine schwierige Frage. Ist es eine Religion? Ist es - wie es die Geschichte schon einmal vorgeführt hat - ein status quo nach dem rassistischen Motto ''Einmal Jude, immer Jude''?

Ich bin nicht religiös, aber ich verzichte auch nicht darauf, mich Jude zu nennen. Ich bin in diesen Kulturkreis hineingeboren worden, und das verleiht mir eine gewisse Identität. Ich sage nicht gerade, daß ich mich gerne mit den jüdischen Formen auf der Welt vergleichen würde. Aber mich Jude zu nennen verleiht mir einen gewissen Stolz in der bieder-schwäbischen Umgebung, in der ich lebe. Einfach nur anders zu sein, ein Paradiesvogel inmitten grauer Vorstadtvögel.

Vielleicht spiegelt sich aber auch ein wenig Stolz in dem positiven Vorurteil, Juden seien intelligent. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, daß es ein verurteilenswertes Vorurteil bleibt. Trotzdem, immerhin waren die meisten großen Köpfe unseres Jahrhunderts Juden.

- Doch Moment mal, schließt sich dabei nicht etwa wieder der Teufelskreis???
Man könnte doch genauso fragen: Waren die gemeinten großen Köpfe unseres Jahrhunderts 'richtige Juden'? Oder waren sie nur sogenannte '3-Tage-Juden', solche, die nur Jom Kippur, Pessach und Rosh ha Shana feiern?

Kein Mensch kann das beantworten und schon gar nicht, das Jude sein definieren!!!

Eines kann ich jedoch ganz sicher definieren: Mein Verhältnis zum Antisemitismus und zur Geschichte. Ich meine nämlich, daß Antisemitismus und Judentum zwei Paar Stiefel sind!

Der Antisemitismus spielt sich in solchen Kreisen ab, die für mich unbedeutend sind. Damit will ich auch sagen, dass für mich die Paranoia die manche Juden zur Schau stellen lächerlich wirkt.

Das Judentum sollte auf keinen Fall durch Ereignisse definiert werden, welche den Juden durch andere angetan wurden, sondern viel mehr durch seine eigenen positiven Errungenschaften. Es ist eine lebendige Kultur, die wir nicht so einfach ignorieren dürfen, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. (...) Wir reden nur immer im Präteritum über Judentum, dabei ist es doch gerade in Deutschland immer noch etwas sehr lebendiges.

Quelle: Mein Judentum - Selbstzeugnisse. Hrsg. v. Hans Jürgen Schulz

Wenn Du Lust hast, schick uns Deine Antworten und Gedanken zu diesen Texten per Email. Wir werden sie am Ende des Jahres, natürlich anonym, veröffentlichen.

Und jetzt zum Abschluss noch ein paar Spiele.
Hier geht es weiter!