haSchanah: Judentum - Was ist das?

Du hast im ersten Teil von den wichtigen Feiertagen des Judentums gehört, von Neujahr und vom Versöhnungstag.
Aber was genau ist das Judentum eigentlich? Und wer ist Jude oder Jüdin?

Das Judentum ist zunächst einmal eine Religion, genauso wie das Christentum und der Islam. Alle diese drei Religionen sind "monotheistisch", das bedeutet, dass man sie an einen G-tt glauben. Es gibt auch Religionen, wie zum Beispiel der Hinduismus, die an mehrere G-tter glauben. Von den heutigen Religionen, die nur an einen G-tt glauben, ist das Judentum die älteste.

Aber das Judentum ist auch mehr als nur eine Religion, das Judentum ist auch ein Volk. Ein Jude ist nicht nur jemand, der nach den Grundsätzen der jüdischen Religion lebt, sondern er ist auch ein Teil des jüdischen Volkes.

Das hört sich kompliziert an, und ganz ehrlich, es ist auch ein bisschen kompliziert. Für jeden Juden hat sein Judentum eine andere Bedeutung.
Wer genau ist denn nun ein Jude oder eine Jüdin?

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wird man als Jude geboren oder man tritt zum Judentum über.

Als Jude gilt dem jüdischen Religionsgesetz nach jeder, der eine jüdische Mutter hat. Das Judentum wird also vererbt. Egal ob man will oder nicht, wenn man eine jüdische Mutter hat, dann ist man zunächst einmal Jude.
Es gibt aber auch die Möglichkeit, zum Judentum überzutreten, eine Konversion zu machen, wie man das nennt. Dabei geht man bei einem Rabbiner in den Unterricht und lernt alle Grundsätze der Religion. Am Ende gibt es eine Prüfung und eine religiöse Zeremonie.

Auch wenn es eigentlich nur diese zwei Möglichkeiten gibt, ist die Frage "Wer ist Jude?" eine der am meisten diskutiertesten im Judentum, sowohl in der Vergangenheit wie auch heute noch. Wir werden auch sehen, dass diese Frage in den unterschiedlichen Richtungen des religiösen Judentums sehr verschieden beantwortet wird.

Aber zuerst werden wir einige Grundlagen der jüdischen Religion kennenlernen.

Grundsätze zur Religion

"Tanach" ist die hebräische Bezeichnung für die Bibel. Der Tanach besteht aus drei Teilen:

Torah - das sind die fünf Bücher Moses, die ersten fünf Bücher in der Bibel
Neviim - das sind die Bücher der Propheten, so wie zum Beispiel Joschuah und Samuel
Ketubim - das sind die "poetischen" Texte in der Bibel, also Erzählungen, Sprüche und Chroniken

Am wichtigsten ist die Torah. Die Torah ist die Wurzel der Weisheit und des Glaubens im Judentum. 
Das hebräische Wort "Torah" heißt auf deutsch "Lehre", "Lehre, wie man leben soll". Die Torah gibt uns auch die Lehre vom richtigen Verhalten, von Moral und Benehmen. Darum ist es wichtig, die Torah zu kennen und zu studieren. Jeder Jude sollte regelmäßig Torah lernen.

Die Torah ist in viele Abschnitte geteilt. Jede Woche wird ein Abschnitt in der Synagoge gelesen. Im Laufe des Jahres liest man so die ganze Torah. An Neujahr fängt man wieder von vorne an. Die Torah hat so viele Bedeutungen und Geheimnisse, dass man sie das ganze Leben lang lesen und lernen kann.


In der Synagoge ist die Torah auf ein großes Pergament geschrieben, das aufgewickelt und gut verpackt im "Aron haKodesch", im heiligen Schrank, aufbewahrt wird. Zur Lesung holt man sie dann heraus und wickelt sie auf, so wie Du auf dem Foto siehst.

Die fünf Bücher der Torah heißen:
Bereschit
Bereschit heißt "im Anfang", "im Anfang schuf G'tt". Das ist das erste Wort in der Torah, so sieht es auf hebräisch aus:
 
Schemot
Schemot heißt "Namen". So sieht das auf hebräisch aus:

Wajikra
Wajikra heißt "und es rief" und sieht so auf hebräisch aus:

Bamidbar
Bamidbar heißt "in der Wüste". Auf hebräisch sieht es so aus:

Dewarim
Dewarim sind die "Worte" und so sieht das auf hebräisch aus:

Du kennst die Torah vielleicht als "Altes Testament". Juden benutzen den Ausdruck "Altes Testament" nicht, weil sie das "Neue Testament" nicht kennen. Wenn Du also mit Juden sprichst, dann benutze lieber das Wort "Torah". Genauso ist es mit den Bezeichnungen für die einzelnen Bücher der Torah. Du kennst sie vielleicht unter den Namen Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium.

Wie aber kann alles, was man wissen muss, in der Torah, in nur fünf Büchern, stehen?
Bitte lies diesen Text von Rabbi Kushner, der erklärt, warum die Torah, all das Wissen erhält, dass man im Leben benötigt und auch warum man die Torah immer wieder lesen muss, um sie zu verstehen.

PaRDeS:
Ein Garten köstlicher Worte
von Rabbi Lawrence Kushner

Vor langer Zeit erkannten unsere Lehrer, dass die Tora wie ein wunderschöner Obstgarten ist. Aus der Entfernung sieht man nur ein Stück Land mit Bäumen. Wenn man näher kommt, sieht man, dass jeder Baum Blätter, Blüten und Früchte trägt. Wenn man noch näher kommt, stellt man fest, dass jede Frucht mit einer Haut bedeckt ist. Und, wenn man nicht locker lässt und die Haut abstreift, ist ein köstlicher Geschmack unser Lohn. Jetzt erkennst du, dass etwas, was zunächst nur ein Stück Land voll mit Bäumen zu sein schien, tatsächlich Schicht für Schicht köstliche Dinge birgt.

Das hebräische Wort für Obstgarten ist pardes. Man schreibt es mit den hebräischen Buchstaben pe, resch, dalet und samech. Jeder dieser Buchstaben steht für eine Schicht der Tora.

pschat

Der Buchstabe pe ist der erste Buchstabe von pschat. Das bedeutet die "Geschichte an sich", die man erfährt, wenn man nur oberflächlich in der Tora liest, ohne tiefer nachzudenken. Zum Beispiel: Als Adam Gott ungehorsam war und vom Baum der Erkenntnis aß, schämte er sich und deshalb versteckte er sich {Tora: Genesis 3,8-10). Das ist die Geschichte an sich.

remes

Der Buchstabe resch ist der erste Buchstabe des Wortes remes, das bedeutet "Hinweis". Wenn du über eine Geschichte oder ein Wort in der Tora nachdenkst, führt dies in der Regel dazu, dass du über andere, weitere Dinge nachdenkst. Wenn du fragst, was ein Wort bedeutet, wirst du feststellen, dass es dich an etwas erinnert, worüber du heute oder früher nachgedacht hast oder was du schon einmal getan hast oder gerade tust. Vielleicht hast du wie Adam selbst schon einmal etwas getan, wofür du dich geschämt hast und weshalb du versucht hast, dich zu verstecken. Adams Geschichte enthält also Hinweise auf Dinge in deinem eigenen Leben.

drasch

Der Buchstabe dalet ist der erste Buchstabe des Wortes drasch, das bedeutet "Predigt". Einige der Lehren in den Geschichten erinnern dich vielleicht an andere Geschichten in der Tora, diese wiederum können dich etwas über dein Leben lehren. Wenn Gott weiß, wo Adam sich versteckt hat, warum fragt er ihn dann: "Wo bist du?" Vielleicht möchte Gott, dass Adam erkennt, dass er sich in Wirklichkeit nur vor sich selbst versteckt, wenn er versucht, sich vor Gott zu verbergen.

sod

Der vierte Buchstabe in dem Wort pardes, der Buchstabe samech, ist der erste Buchstabe des Wortes sod, das bedeutet "Geheimnis". Diese Schicht der Tora ist "geheim", nicht weil sie nicht erzählt werden darf, sondern weil ihr Sinn, selbst wenn er entdeckt wird, geheimnisvoll bleibt. Nur ein fortgeschrittener Schüler der Tora vermag die geheime Bedeutung zu verstehen, wenn Gott sagt: "Gestern, Adam, warst du so groß, dass du von einem Ende der Welt bis zum anderen reichtest, aber jetzt, nachdem du gesündigt hast, kannst du dich zwischen den Bäumen des Gartens verstecken" (Midrasch Genesis Rabba 19,9).

Alle Buchstaben zusammengenommen, Pe, Resch, Dalet und Samech: die Geschichte an sich, der Hinweis, die Deutung und das Geheimnis, ergeben das Wort Pardes, Obstgarten. Die Tora, die Quelle des Judentums, ist also wie ein Obstgarten. Sie birgt viele wundervolle und köstliche Überraschungen. Aber mehr als das: sie erzählt uns alles, was wir Juden wissen und tun müssen.

Aus:
Jüdische Spiritualität für junge Leute:
Das Buch der Wunder
Spiritualität ist für Kinder etwas ganz Natürliches, während sie den meisten Erwachsenen verloren gegangen ist. Was aber ist das Besondere an jüdischer Spiritualität?...
Euro 12,90, ISBN
ISBN 3934658474

Das hebräische Wort "Torah" bedeutet, wie schon gesagt, "Lehre, wie man leben soll". Tatsächlich gibt es in der Torah sehr viele Anweisungen für alle Bereiche des alltäglichen Lebens. Insgesamt gibt es 613 Gebote in der Torah, davon sind 248 positive Gebote und 365 Verbote. Ihre Aufgabe ist, den Menschen vom Bösen fernzuhalten und ihn auf den rechten Weg zu führen.

Nicht alle Gebote müssen von jedem einzelnen Juden ständig erfüllt werden. Es gibt Gebote, die heute nicht mehr von Bedeutung sind, weil es in Jerusalem keinen jüdischen Tempel mehr gibt. Andere Gebote sind nur für bestimmte Situationen wichtig, zum Beispiel wenn sich ein Ehepaar scheiden lassen will.

Aber es sind immer noch sehr viele Gebote, die ein gläubiger Jude beachtet. Nicht alle Gebote kann man sofort verstehen. Natürlich gibt es viele, die ganz klar sind, zum Beispiel das Verbot von Mord oder Raub. Andere Gebote können wir nicht sofort verstehen, wie zum Beispiel die Gebote, die das Essen betreffen. Es steht in unserer eigenen Wahl, diese Gebote zu befolgen.

Grundsätzlich besteht im Judentum die Überzeugung, dass wir immer die Wahl haben, denn wir haben einen freien Willen. In jedem von uns Menschen gibt es einen guten und einen bösen Trieb, wir müssen uns nur entscheiden. Wir haben jederzeit die Möglichkeit, das Böse zu überwinden und Gutes zu tun.

Das Ideal der Torah ist ein moralisches Leben, das versucht, den g-ttlichen Standard des Guten zu erreichen. Die Moral der Torah lernt man durch Studium und Befolgen der Gebote.

Es gibt noch andere heilige Schriften im Judentum, vor allem den Talmud, der all die Dinge, die in der Torah vorkommen, ausführlich behandelt und auch verschiedene Meinungen dazu wiedergibt. Aber das ist schon ein ganz neues Thema.

Wir haben ein paar Grundsätze über das Judentum kennengelernt. Wie in jeder Religion gibt es auch im Judentum unterschiedliche Richtungen, die die Religion unterschiedlich auslegen und leben.

Das orthodoxe Judentum

"Orthodox" bedeutet "streng gläubig". Das orthodoxe Judentum befolgt alle Gesetze und Gebote der jüdischen Religionsvorschriften strikt. D.h. orthodoxe Juden fahren am Schabbat nicht Auto, schalten kein Licht an und essen streng koscher, also den Speisevorschriften entsprechend. In der Synagoge sitzen Männer und Frauen getrennt. Frauen kümmern sich um die Familie und das Haus. Im orthodoxen Judentum gibt es keine weiblichen Rabbinerinnen. Orthodoxe Juden kleiden sich in einer bestimmten Art und Weise. Männer tragen immer eine Kippa oder einen Hut und sind meistens in schwarz gekleidet. Außerdem haben sie einen Bart und Schläfenlocken. Frauen tragen ein Kopftuch oder auch eine Perücke, um ihre Haare zu verhüllen.
Es gibt übrigens auch "ultraorthodoxe" Juden, die generell alles weltliche, alles nicht-religiöse ablehnen.
Das orthodoxe Judentum ist erst im 19. Jahrhundert zu einer richtigen Strömung geworden. Nämlich genau dann, als das Reformjudentum entstanden ist.


Orthodoxe Juden in Jerusalem, Foto: Grzegorz Pawlowski

Reformjudentum

"Reform" bedeutet "Neugestaltung" oder auch "Verbesserung des Bestehenden". Die im 19. Jahrhundert entstandene Reformrichtung im Judentum hält die Einhaltung der ethisch-moralischen Grundsätze des Judentums für essentiell, hat aber die vielen anderen Gebote der modernen Zeit angepasst. Reformjuden fahren am Schabbat Auto und sitzen nicht nach Männern und Frauen getrennt in der Synagoge. Überhaupt sind Frauen den Männern ganz gleichgestellt und können zum Beispiel Rabbinerin werden. Der G-ttesdienst wird nicht mehr ausschließlich in Hebräisch, sondern auch in der Landessprache, also zum Beispiel in Deutsch, gehalten. Reformjuden kleiden sich nicht nach bestimmten Regeln.
Das Reformjudentum entstand übrigens in Deutschland.


Die weltweit erste Rabbinerin wurde 1935 in ihr Amt berufen:
Regina Jonas

Und heute:
Rabbinerin Elisa Klapheck (Links)

Foto: Burkhard Peter

Konservatives (masorati) Judentum

Dann gibt es noch eine Strömung, die in Amerika "konservativ" heißt und in Deutschland und Israel als "masorati" bezeichnet wird. "Masorati" bedeutet "traditionell". Das Masorati-Judentum steht in der Mitte zwischen orthodoxem und Reformjudentum. Konservative Juden sehen genau wie Reformjuden die Notwendigkeit, die Religion der modernen Zeit anzupassen, finden aber, dass das Reformjudentum zu weit gegangen ist und sich von der Tradition zu weit entfernt hat. Auch im konservativen Judentum gibt es weibliche Rabbinerinnen.

 

Du hast nun über die Grundsätze des Judentums und seine unterschiedlichen Richtungen gehört. Im nächsten Teil kommen wir noch mal zur Frage "Wer ist Jude?" zurück.
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