Wir wollen uns in diesem Teil noch einmal Gedanken darüber machen, was es heißt, heute als Juden in Deutschland zu leben. Wir haben gehört, dass es einerseits wieder neues jüdisches Leben in Deutschland gibt, das vielfältig ist und viele unterschiedlichen Einrichtungen hat. Trotzdem müssen jüdische Gemeinden von der Polizei geschützt werden. Das ist ein Zwiespalt, der für Juden in Deutschland nicht einfach ist.

Im folgenden kannst Du einen Text von Rabbiner Walter Rothschild zu diesem Thema lesen. Rabbiner Rothschild war viele Jahre lang der Rabbiner der Reformgemeinde in München. Er hat diesen Text vor einigen Jahren zu Chanukkah geschrieben und geht darin auf die Frage ein, wie man sein Judentum in Deutschland leben sollte.
 
Rabbiner Walter Rothschild:

Juden stehen vor einer interessanten Frage. Sollen sie sich als Juden zeigen, oder nicht? Sollen wir uns verstecken, verbergen, hinter Gittern und Mauern, hinter Polizisten und Sicherheitsdiensten, oder sollen wir versuchen, wie normale Bürger zu leben, uns treffen, beten?

Es ist keine einfache Frage, weil es gibt, wie wir wissen, echte Bedrohungen, echte Gefahren, Terroristen und Extremisten, die scheinbar nichts Besseres mit ihrer Zeit anfangen können, als anderen Menschen das Leben schwer zu machen. Hier ist Vernunft gefragt. Soll man zum Beispiel eine Kippa (traditionelle Kopfbedeckung) in der Öffentlichkeit tragen?

Auf der anderen Seite, wenn wir uns so einschüchtern lassen, dass wir nicht mehr als Juden leben können – dann haben die Extremisten gewonnen.

Chanukka stellt uns ganz klar vor diese Frage. Es ist kein "Haupt-Gebot" Sufganiot (Krapfen) zu essen, oder Bonbons, oder Latkes; und auch nicht Chanukka-Geld zu geben und sicher nicht mit einem kleinen Spielzeug zu spielen. Nein, ein Hauptsymbol ist die Chanukkia (der Chanukkah-Leuchter), die man an einen Ort stellen soll, an dem andere sie sehen können. "Pirsum HaNes", heißt es – man soll werben, man soll das Wunder allen zeigen. Zum Beispiel auf einem Fensterbrett.

Ich erinnere mich jedes Jahr erneut an ein trauriges Ereignis, in einer anderen Gemeinde. Dort gab es eine Chanukka-Party, und die Kinder hatten alle ihre Chanukkiot mitgebracht. Ich stellte sie alle auf ein Fensterbrett, als jemand von den Erwachsenen zu mir kam und sie wegnehmen wollte. "Nein, das ist zu gefährlich", sagte er. "Es könnten Leute draußen sehen, wo wir sind!" "Das ist genau der Sinn" erwiderte ich. "Nein, es ist zu gefährlich", erwiderte mein Gegenüber. Und schließlich wurden alle Chanukkiot an einem Ort angezündet, wo niemand sie sehen konnte.

Die Kinder haben dabei etwas ganz "Wichtiges" gelernt – "Unsere Eltern schämen sich, jüdisch zu sein, und jüdisch zu sein bedeutet nur Gefahr". Ironischerweise gab es in jenem Jahr, weil Chanukka in die Adventzeit fiel, abends in allen Fenstern der Stadt unzählige Kerzen – nur nicht in der Synagoge.....

Wir in München stehen vor der gleichen Frage. Es gibt noch, nach mehr als einem Jahr, kein Namenschild an der Tür von der Gemeinde. Mehrfach haben Leute mir gesagt, sie könnten unsere Synagoge nicht finden. Auch wenn sie, nach schwierigen Forschungsarbeiten und sogar nach Telefongesprächen mit Mitgliedern, unsere Adresse endlich bekommen haben, sind sie dennoch stundenlang herumgeirrt. Und dann sind sie enttäuscht nach Hause gegangen.....

So werden wir sicher keine neuen Mitglieder werben können, und so werden wir unsere Kinder nie zu stolzen Juden erziehen können.

Wenn wir nur in einem anonymen Raum beten, wenn wir Angst sogar davor haben, ein Schild mit 'liberale Gemeinde' an der Tür anzubringen – ich rede nicht vom hebräischen Namen oder hebräischen Buchstaben! – dann werden unsere Kinder lernen, dass die Alt-Katholische Gemeinde stolz ist, dort zu sein, dass die griechischorthodoxe Gemeinde stolz ist, dort zu sein – und dass die Liberale jüdische Gemeinde Angst hat, dass sie von irgendjemandem gefunden werden kann. Als ob wir uns verstecken müssten.

Ja, es ist eine Frage der Vernunft; es braucht eine Tür, die man verschließen kann. Leider ist es üblich geworden in Deutschland, auch die Polizei draußen vor der Tür stehen zu haben. Aber ich hoffe, wir können dieses Jahr Chanukka so feiern, dass alle sehen können, hier gibt es Juden die an Wunder glauben – an das Wunder von Chanukka – und die bereit sind, diesen Feiertag angemessen zu feiern.

Was denkst Du über diesen Text? Wie ist Deine Meinung dazu? Sollten Juden in Deutschland und auch in den übrigen Ländern in Europa verhalten? Sollten sie ihr Judentum nur "hinter verschlossenen Türen" leben?

Wenn Du Lust hast, schick uns Deine Antwort und Deine Gedanken zu diesem Text per Email. Wir werden sie am Ende des Jahres, natürlich anonym, veröffentlichen.

Und zum Schluss gibts noch ein Spiel.
Hier geht es weiter!