haSchanah: Antisemitismus

In einer Umfrage im Jahr 2003 hat ein Viertel der Leute, die man befragt hat, gesagt, man kann Juden an ihrem Aussehen erkennen und Juden hätten etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und würden deswegen nicht zu "uns", also den Deutschen, passen.

Es gibt also auch heute noch viele Vorurteile und Hass gegenüber Juden. Man nennt diese Judenfeindschaft oder den Judenhass "Antisemitismus". Wir wollen in diesem Kapitel den Begriff "Antisemitismus" ein wenig genauer erklären und uns dabei auch ansehen, in wie weit Juden heute unter Antisemitismus zu leiden haben.

Der Begriff des "Antisemitismus" ist relativ neu, Hass auf Juden gibt es dagegen schon sehr lange. Wir haben bereits gehört, dass die Juden nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n.d.Z. in der ganzen Welt verstreut lebten, dass sie aber trotzdem ihren kulturellen und religiösen Traditionen treu blieben und sich an die jüdischen Religionsgesetze hielten. Sie wurden so als Außenseiter wahrgenommen. Besondere Judenfeindschaft gab es in christlichen Ländern. Juden ließen sich nicht missionieren, das heißt zum christlichen Glauben bringen, und in den Evangelien wird behauptet, dass die Juden Jesus getötet haben.

Die Juden wurden von der christlichen Kirche als mit dem Teufel im Bunde stehende Gemeinschaft dargestellt und bekämpft. Während der Kreuzzüge im Mittelalter wurden beispielsweise ganze jüdische Gemeinden ermordet. Juden wurden für alles Schlechte verantwortlich gemacht, weil sie sich nicht zum Christentum bekehren lassen wollten. Sie wurden beschuldigt, Brunnen zu vergiften, es wurde behauptet, Juden bringen kleine christliche Kinder um und backen aus deren Blut ihr Brot, Juden wurden für den Ausbruch der Pest verantwortlich gemacht.

Juden wird seit dem Mittelalter nachgesagt, dass sie geldgierig seien, dass sie "Wucher" treiben würden. Das liegt daran, dass Juden nicht in allen Berufen arbeiten durften, sie wurden beispielsweise nicht in Zünfte aufgenommen und konnten daher keine Handwerker sein. Viele Juden wurden so in einen Beruf gedrängt, der ihnen viel Feindschaft entgegenbrachte, den Beruf des Geldleihers. Im Mittelalter mussten Juden auch spezielle Kleidung tragen, die sie als Juden kennzeichnete und durften sich schließlich nur noch in einer bestimmten Gegend der Stadt, dem Ghetto, ansiedeln.


Im späten Mittelalter gab es oft das Bild der "Judensau". Diese antijüdische Darstellung zeigt eine große Sau (ein für Juden unreines Tier), Juden (zu erkennen an den speziellen Hüten, die sie tragen mussten) trinken ihre Milch. Diese ekelhafte Darstellung ist leider bis heute noch an manchen Kirchenfassaden zu sehen.

Später, seit dem 18. Jahrhundert, haben die Juden in den verschiedenen europäischen Ländern nach und nach die rechtliche Gleichstellung erhalten, doch die Vorurteile und der Hass gegen Juden hielt sich in der Bevölkerung. Es wurden immer wieder neue Dinge gefunden, für die angeblich die Juden Schuld trugen. Zum Beispiel wurden Juden in Russland für den Ausbruch der Revolution verantwortlich gemacht und es kam zu vielen schrecklichen Pogromen. Erinnerst Du Dich an Theodor Herzls Uganda-Plan? Diesen fasste er nach einem solchen Pogrom im Jahr 1903, bei dem 50 Juden erschlagen und 700 Häuser zerstört wurden.

Der Begriff "Antisemitismus" wurde von einem Deutschen, Wilhelm Marr, 1879 erfunden. Neu daran war, dass sich die Judenfeindschaft nun nicht mehr an der Religion ausrichtete. Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Welt durch die Säkularisierung verändert. Das heißt, dass sich Staat und Kirche voneinander trennten, die Religion wurde zur Privatsache eines jeden Einzelnen und immer mehr Menschen lebten nicht mehr streng religiös, Christen genauso wie Juden. Viele Juden dachten, dass sie die Ausgrenzung aus der christlichen Gesellschaft nun überwinden könnten. Sie passten sich an, viele gingen sogar noch weiter und nahmen den christlichen Glauben an, in der Hoffnung, dann die Benachteiligung, die sie als Juden noch immer erlebten, hinter sich lassen zu können.

Doch der Antisemitismus richtete sich nicht mehr nach der Religion, sondern nach der "Rasse", also der Abstammung. Den Antisemiten war es egal, ob ein Jude zum Christentum übergetreten war, sie betrachteten ihn noch immer als Juden, eben nach seiner Abstammung.

Juden wurden oft als Vampire oder Schlangen dargestellt,
die die Menschen aussaugen und ihnen nur Schlechtes wollen.

Der Höhepunkt dieses neuen Judenhasses war die Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933-1945, in der sechs Millionen Juden  in Europa auf grausamste Art ermordet wurden.


Im Ghetto Warschau

Überlebende Juden in Auschwitz

Nach dem Kriegsende ist der Antisemitismus nicht verschwunden. Heute begegnet man Antisemitismus vor allem in verbaler Form, das heißt, dass Juden beschimpft werden. Aber es gab auch nach dem Krieg noch Anschläge auf Synagogen und Gemeindezentren, bei denen auch Juden ums Leben kamen. In den vergangenen Jahren gab es auch Vorfälle, bei denen Juden, die als solche zu erkennen waren, zum Beispiel wegen der Kippa auf ihrem Kopf, auf der Straße angegriffen wurden. Immer wieder werden jüdische Friedhöfe verwüstet, Grabsteine beschmiert und zerstört.

Noch immer gibt es viele Vorurteile gegen Juden. Sie seien geldgierig und geizig, hässlich und schwach, sie würden sich verschwören, man könne sich auf sie nicht verlassen, sie wären arbeitsscheu. Antisemiten verbinden mit Juden bestimmte Bilder, zum Beispiel, dass sie eine große Nase haben, dass sie sich geldgierig die Hände reiben, dass sie sich in dunklen Ecken herumdrücken und eine Verschwörung aushecken.

Viele Menschen meinen, dass Juden große Macht haben. Das ist erstaunlich, vor allem wenn man weiß, wie wenige Juden zum Beispiel in Deutschland leben. Erinnerst Du Dich? In Deutschland leben 100.000 Juden, die in den Gemeinden angemeldet sind und schätzungsweise weitere 50-80.000. Bei der Umfrage, die oben schon erwähnt ist, hat ein Drittel der befragten geantwortet, dass in Deutschland mehr als 5 Millionen Juden leben. Sie dachten also, dass Juden 6% der Gesamtbevölkerung in Deutschland stellen, dabei sind es in Wirklichkeit nur 0,2 Prozent. Ebenfalls knapp ein Drittel der Befragten fanden außerdem, dass Juden in der Welt zu viel Macht haben.

Du siehst also, der Antisemitismus ist etwas, das sich nicht logisch erklären lässt. Er hat eine sehr lange Geschichte und ist dadurch das älteste und hartnäckigste Vorurteil der Welt. Juden sind auch heute noch vielen Anfeindungen ausgesetzt.

In den vergangenen Jahren ist der Antisemitismus zunehmend in Verbindung mit Israel gekommen. Das wollen wir uns im nächsten Teil noch etwas genauer ansehen.
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