haGalil onLine r Kinder, für Jugendliche und Erwachsene...

Ein Ausflug mit der Kinder-Uni:
Europas Juden im Mittelalter

Bericht aus der Kinder-Redaktion

Raschi Bibelkommentar; Bayerische Staatsbibliothek München„Europas Juden im Mittelalter“: Das ist nicht gerade die Ausstellung, die man spontan als Ziel für einen vergnüglichen Familienausflug wählen würde. Doch der erste Eindruck täuscht und Vorurteile sind nicht angebracht. Die Verantwortlichen des Historischen Museums der Pfalz am Speyerer Domplatz haben nämlich das scheinbar Unmögliche möglich gemacht.

Die Ausstellung ist schließlich die weltweit erste, die das mittelalterliche Judentum in seiner europäischen Dimension erschließt. Und im Anschluss an den Museums-Besuch geht‘s ein paar Gehminuten weiter zur Ruine der alten Synagoge, die vor 900 Jahren eingeweiht wurde. Dort gibt es noch ein richtiges Ritualbad, die so genannten Mikwe, zehn Meter unter der Erde. Das Bad gehört zu den wichtigsten jüdischen Baudenkmälern in Europa. Ab und zu soll es noch immer Menschen geben, die dort die rituelle Reinigung vollziehen.

Alte Synagoge

Ganz nackt ausziehen ist grundsätzlich Pflicht. Kein Schmuck, kein Lippenstift, kein Nagellack, nichts dergleichen darf am Leib getragen werden. Obwohl das Wasser in Speyer eiskaltes Grundwasser ist, muss auch hier komplett untergetaucht werden. Damit niemand schummelte, gab‘s schon im Mittelalter eine Überwachungsperson.

Arwe Trautmann und die Redaktion der Kinder-Uni im Netz

Eines gleich vorweg. Eine Führung ist trotz des ansprechend gestalteten Kinderbereichs unbedingt empfehlenswert. Ohne die fachkundigen Erklärungen von Arwe Trautmann wäre der Besuch nicht die Hälfte wert gewesen. Der Archäologe macht Geschichte auf so unverkrampfte Weise lebendig, dass sich bald eine ganze Traube von interessierten Zuhörern bildet. Ganz egal, ob der junge Mann mit der frechen Brille und dem Pferdeschwanz eine mittelalterliche jüdische Apotheke erklärt, die Hochzeitsrituale beschreibt oder mit den Kindern koschere und nicht-koschere Lebensmittel sortiert. Das ist eigentlich gar nicht so schwer. Wiederkäuer mit durch gespaltenen Zehen wie Kuh, Schafe und Ziegen sind erlaubt. Dazu kommt alles aus dem Meer, was Schuppen hat und Geflügel. Verboten sind beispielsweise Schwein, Pferd und Kamel. Richtig knifflig ist, den eigenen Namen in hebräischer Schrift zu verfassen. Nicht nur weil von rechts nach links geschrieben wird, sondern auch, weil es keine Vokale gibt.

Dunkel ist es auf den 1000 Quadratmeter Fläche. Nur in den Vitrinen glimmt Licht. Kein Wunder, die Exponate sind kostbar und seltener als Edelsteine. Zum Beispiel der hölzerne Tora-Zeiger. Er stammt aus dem Jahr 1521 und diente als Fingerersatz. Schließlich ist es verboten, das Pergament des heiligsten Buches, nämlich der Tora, anzufassen. 52 Abschnitte, für jede Woche des Jahres eine, umfasst die Schriftrolle. Vorgelesen hat daraus natürlich ein Mann, die Frauen durften nicht einmal in die Synagoge. Deshalb gab es in Speyer auch zwei Gebäude. Eines für jedes Geschlecht. Dazwischen nur ein paar Löcher in der Wand, damit die Jüdinnen verstehen konnten, was nebenan so lief.

Hochzeitsring; landesamt für Archäologie und Museum für ur- und Frühgeschichte, Thüringen, WeimarRichtig spannend ist die Sache mit dem Amulett. Aus Eisen ist sie, war damals eine echte Kostbarkeit und gibt bis heute Rätsel auf. Denn das Amulett stammt aus dem Jahr 1349 und stellt eine Ratte da. Darauf steht die Inschrift „Ihr sollt verdorben werden“. Just um diese Zeit tobte in Europa die Pest und raffte Millionen dahin. Wusste der Besitzer möglicherweise darüber Bescheid, dass die Nagetiere den Erreger verbreiten?

Verfolgt wurden die Juden auch schon im Mittelalter. Allerdings lebten sie häufig auch ausgesprochen friedlich mit ihren christlichen Nachbarn zusammen. Da ihnen aber die Handwerkszünfte verboten waren, konnten sie nur in ganz wenigen Berufen aktiv werden. Dazu gehörten Ärzte, Apotheker, aber auch Banken und Kaufleute.

Ein besonders schönes Exemplar eines Hochzeitsringes wird ebenfalls in Speyer gezeigt. Der ist so groß, dass er natürlich nicht ein Leben lang am Finger bleiben kann. Er wird nur bei der Heiratszeremonie aufgesteckt und nachher wieder an die Gemeinde zurück gegeben.

Lest auch Marcels Bericht aus der Kinder-Redaktion.

INFO: Reservierungen und Führungen unter 06232 620222 und www.museum.speyer.de.

Über die Geschichte der Juden in Deutschland könnt ihr bei haGalil noch eine Menge lesen, auch über die Sehenswürdigkeiten in Speyer...