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Paraschath vaätchanan (Dewarim 3,23 - 7,11):
Trost und Hoffnung
[ORIGINALTEXT]
Zwi Braun, Drei Minuten Ewigkeit p. 337ff
Die Haftara, die im Anschluss an Paraschat Wa'etchanan gelesen wird,
verleiht diesem Schabbat auch den Namen - Schabbat Nachamu.
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Dewarim
Eine vielsprachige Botschaft
"Jenseits des Jordan im Lande Moaw unternahm Mosche diese Tora
aufzuzeichnen (Be'er), also" (Dew. 1, 5).
Diese Übersetzung stammt von Rabbiner Dr. D. Hoffinann, der
sie in seinen Erklärungen zum Sefer Dewarim so begründet: "Be'er, nach
den meisten Kommentaren erklären, deutlich vortragen oder öffentlich
vortragen. Allein an den beiden Stellen, wo Be'er noch vorkommt (Dew. 27,
8, Chabakuk 2, 2), handelt es sich um eine schriftliche Aufzeichnung,
indem Be'er nach seiner Grundbedeutung 'graben' eher eine schriftliche
Aufzeichnung als ein mündliches Erklären bezeichnet. Ferner ist von den
Reden in Dewarim immer hervorgehoben, dass sie Mosche niedergeschrieben."
In schriftlicher Form übergab und interpretierte Mosche die Tora für das
Volk.
Raschi kommentiert das Wort "Be'er" dahingehend, dass Mosche dem Volk die
Tora in 70 Sprachen erklärte. Was bewegte Raschi zu dieser Erklärung? Er
bezieht sich auf die oben bereits erwähnte zweite Stelle in der Tora, wo
"Be'er" vorkommt:
"Und es geschehe, wenn ihr nämlich den Jordan überschritten habt, sollt
ihr diese Steine, betreffs deren Ich euch heute Mein Gebot erteile, auf dem
Berg Ewal aufrichten und sie mit Kalk übertünchen und du sollst auf diese
Steine alle Worte dieser Lehre schreiben, indem du sie gut aufzeichnest
(Be'er Hetew)" (Dew. 27, 8). Manche Kommentare nehmen an, dass hier
die zwölf Steine gemeint sind, welche nach der Überquerung des Jordan dort
aufgestellt und später zum Berg Ewal bei Sch'chem (Nablus) transportiert
wurden (Meklenburg, Hirsch). Auf diesen mit Kalk überzogenen Steinen
war nach den Worten unserer Weisen (Sota 36a) die ganze Tora in 70
Sprachen niedergeschrieben. Interessanterweise entspricht der Zahlenwert von
"Be'er" dem Zahlenwert von "AI Awanim", auf Steinen (Rabbi Meir
Tannenbaum).
Was für eine Bewandtnis hat es mit der Zahl 70 und warum symbolisiert sie
eine gute, allen verständliche Aufzeichnung? Diese Zahl leitet sich von den
in der Tora aufgeführten 70 Nachkommen von Noach ab, welche nach der
Sintflut die Welt bevölkerten. In der Sprache unserer Weisen sind damit die
nichtjüdischen Völker der Welt gemeint, sozusagen eine biblische
UNO-Vollversammlung. Rabbiner Dr. D. Hoffinann bietet uns eine einleuchtende
Erklärung dieser talmudischen Auffassung von "Be'er":
"Wenn es gestattet wäre, die Worte unserer Weisen symbolisch zu deuten,
so würden wir zu dieser Mischna (Sota 36a) folgende Erklärung geben.
Es ist bekannt, dass bei unseren Weisen das Verbot vom Götzendienst der
ganzen Tora gleichkommt. Wenn es nun bei den götzendienerischen Völkern
Brauch war, auf den Altären und Standsäulen Bilder ihrer Götzen anzubringen,
so sollte Israel auf dem Berg Ewal hoch vor den Augen aller Welt einen Altar
aus unbehauenen ganzen Steinen aufrichten und darauf opfern. Die Steine
sollten mit weissem Kalk überzogen sein und gar kein Bild sondern Gebote der
Tora enthalten. Dies verkündete aller Welt in jeder Sprache, dass Israel
keine Götzen verehrt, keine Bilder anbetet, sondern nur den Geboten seines
Gottes folgt. Es war daher diese Inschrift allen Völkern jeder Sprache und
Zunge verständlich, und der Hauptgrundsatz der Tora, die Verwerfung der
Götzen, war hier demnach in allen Sprachen niedergeschrieben."
Wenn laut Raschi Mosche dem Volk die Tora in 70 Sprachen erklärte, teilte
er damit die universelle Gültigkeit und Bedeutung der Tora für die ganze
Welt mit. Nach Rabbi Jizchak Meir von Ger (Chidusche Harim) bereitete Mosche
bereits hier das Volk auf die spätere Möglichkeit des Galut vor. Auch unter
den "70 Völkern der Welt" würde die Tora ihre Gültigkeit in der Diaspora
beibehalten und dem jüdischen Volk sein Überleben sichern.
Rabbi Jakow Zwi Meklenburg gibt der siebzigfachen Wiedergabe der Tora
durch Mosche in unserem Passuk eine andere Deutung. Er verweist in seinem
Kommentar "Haktaw Wehakabbala" auf einen Ausspruch unserer Weisen: "70
Aspekte besitzt die Tora" (Bamidbar Rabba 13). Damit gaben die
Chachamim uns zu verstehen, dass die Tora auf verschiedene Art und Weise
interpretiert werden kann (dies gilt jedoch nicht für die Halacha!). Jede
Generation, jedes Zeitalter liest die Tora aus anderer Sicht und findet in
ihr die für die jeweilige Zeit relevanten Antworten.
Dass jeder von uns aufgerufen ist, sich über die Tora Gedanken zu machen
und eigene Interpretationen festzuhalten ("Chiduschim"), sieht der Kommentar
"Sifte Konen" im letzten Wort des zu anfangs zitierten Passuks angedeutet:
"le-mor", also. Darin liegt der Auftrag, die Erklärungen Mosches
fortzusetzen und neue Dimensionen aufzuzeigen!
Ekew Die
Zweitausgabe
453
"In jener Zeit sprach Gott zu mir: Haue dir zwei Tafeln aus Stein wie die
ersten, und gehe hinauf zu mir den Berg, und mache dir eine Lade aus Holz.
Ich will auf die Tafeln die Worte schreiben, die auf den ersten Tafeln
waren, die du zerbrochen hast, und lege sie in die Lade!" (Dew. 10, 1-2).
In seinem Rückblick auf die Ereignisse der vierzigjährigen
Wüstenwanderung schildert Mosche der neu herangewachsenen Generation auch
die Ereignisse um das Goldene Kalb und die schwerwiegenden Folgen. Die zwei
Tafeln mit dem Gesetz Gottes - zertrümmert am Boden! Doch tadeln unsere
Weisen Mosche nicht für diesen Akt. Im Gegenteil, sie lassen Gott dafür
nachträglich Seine Zustimmung geben. Der Talmud leitet dies aus der
Formulierung des hebräischen Textes ab. "Die du zerbrochen hast" heisst im
hebräischen Original "ascher schibarta". Anders punktiert kann "ascher" als
"ischur" gelesen werden, was "Bestätigung" bedeutet, und mit "aschre", Lob,
verwandt ist. "Resch Lakisch sagte: 'Jischar Kochacha' — Lob, dir, dass du
sie zerbrochen hast" (Schabbat 87a). Durch sprachliche Verballhornung
wurde aus dem "Jischar Kochacha" das uns geläufige "Schekoiach", mit dem wir
z.B. einen zur Tora aufgerufenen Gottesdienstteilnehmer beglückwünschen.
Diese drastische Handlung von Mosche führte damals dem Volk das Verwerfliche
seines Tuns vor Augen. Mosche löste damit gleichsam einen heilsamen Schock
aus, der das Volk zur Besinnung brachte.
Zeitlos Aktuell
des Heiligtums in Schilo) wurden die Höhen wieder erlaubt; (während
dieser Jahre hatte Israel kein ständiges Lager, sondern durchzog kämpfend
das Land) ... Als sie nach Schilo kamen wurden die Höhen wieder verboten
(das Land war im Grossen und Ganzen bereits erobert und unter die einzelnen
Stämme verteilt) ... Als sie nach Now (nach dem Tode des Hohepriesters Eli
wurde die Stadt Now Sitz des Heiligtums, Schmuel 121, 7) und nach
Giwon kamen (nach der Zerstörung der Stadt Now durch König Schaul kam das
Heiligtum nach Giwon, Melachim 13, 4), wurden die Höhen wieder
erlaubt... Als sie nach Jeruschalajim kamen (zur Zeit von König Schlomo)
wurden die Höhen verboten und seitdem nicht mehr erlaubt" (Sewachim 14,
4-8). In Schilo war das Heiligtum während einer langen Periode zur
"Ruhe" gekommen. Danach waren die Höhen wieder erlaubt, bis mit dem Bau des
Tempels der "Erbbesitz" erlangt war. Bis heute hat Jeruschalajim diese
zentrale Stellung im Judentum beibehalten.
In den Psalmen lesen wir: "Jeruschalajim die Erbaute, wie eine Stadt, die
ganz in sich vereint" (122, 3). Das hebräische "chubra" - vereint -
deutet Rabbi Jehoschua ben Levi dahingehend, dass Jeruschalajim ganz Israel
zu "Chawerim", Freunden, macht (Talmud Jeruschalmi, Chagiga 3, 6).
Ganz heisst im hebräischen Original "jachdaw" und entspricht dem Zahlenwert
28. Tatsächlich ist es der 28. Ijar, der Jörn Jeruschalajim, der an die
Wiedervereinigung der Stadt im Jahre 1967 erinnert. Von diesem Tag an war es
den Juden wieder möglich, sich an der Westmauer zum Gebet zu versammeln (was
übrigens in den Waffenstillstandsverträgen 1949 von arabischer Seite
schriftlich zugesichert, aber nie eingehalten worden war. Nahöstliches
Papier ist bekanntlich bis heute geduldig!).
Unsere Weisen bemerken im Talmud, dass ein grosses Ereignis durch einen
Menschen herbeigeführt wird, der es verdient (Schabbat 32a). Über den
Propheten Schmuel berichtet die Gemara, dass er zusammen mit König David den
Ort zur Errichtung des Bet Hamikdasch suchte und ihn schliesslich in
Zeitlos Aktuell
Ein Aramäer
"Und du sollst vor dem Ewigen, deinem Gott, anheben und sprechen: Ein
umherirrender Aramäer war mein Vater, dann zog er nach Ägypten hinab, nahm
dort seinen Fremdlingsaufenthalt, in geringer Zahl, und er ward dort zu
einem grossen, starken und zahlreichen Volk" (Dew. 26, 5). Dieser
Vers ist Teil der Deklaration, die beim Darbringen der Erstlingsfrüchte im
Tempel zu Jerusalem vorgetragen wurde. In der obigen Übersetzung wird das
hebräische "owed" mit umherirrend wiedergegeben. Ein Verlorener,
Umherirrender wird im Tenach so genannt (z.B. Jecheskel 34, 4; Tehilim
119, 176). Der Aramäer wird von vielen Erklärern als Jakow gedeutet, der
viele Jahre im Ausland bei Lawan weilte (Ibn Esra, Seforno, Chiskuni).
Raschbam versteht unter dem Aramäer Awraham, der aus Aram Naharajim
ausgewandert war. Eine dritte Möglichkeit bietet der Kommentar "Mincha
Belula", der auf Josef verweist, der in Aram, bei Lawan, geboren wurde und
viele Jahre seinem Vater als "verloren" galt. Alle drei, Awraham, Jakow und
Josef, mussten nach Ägypten ins Exil, bevor sie, oder ihre Nachkommen, Erez
Jisrael wieder betraten.
Die Erinnerung an unsere Vergangenheit verstärkt die Dankbarkeit
gegenüber Gott, die wir beim Anblick der Ernte und der 575
Zeitlos Aktuell
(Olam Haba) "ausbezahlt" wird, während die Bösen für das von ihnen geübte
Gute in dieser Welt ihren Lohn erhalten, denn "Gott ist ohne Trug, gerecht
und gerad ist Er". Es ist kein Zufall, dass Emuna auch Vertrauen, Glauben
bedeutet, und für unseren Urvater Awraham als charakteristische Eigenschaft
aufgeführt wird: "Und er vertraute (wehe'emin) auf den Ewigen und der
rechnete es ihm zum Guten an" (Ber. 15, 6). Die Treue des jüdischen
Menschen gegenüber Gott ist an einen starken Glauben gebunden, einen
Glauben, der das Überleben ermöglicht: "Und der Gerechte wird durch seinen
Glauben leben" (Chabakuk 2, 4).
So wird verständlich, dass der obige Vers der Parascha die Einleitung zu
"Ziduk Hadin" bildet, dem Gebet, das bei der "Abdankung" auf dem Bet Olam
gesprochen wird, und in welchem man sich in das göttliche Urteil fügt. Die
Quelle dafür ist eine Episode, welche uns der Talmud über Rabbi Chanina und
dessen Frau und Tochter erzählt. Rabbi Chanina und seine Frau wurden von den
Römern zum Tode durch Verbrennen verurteilt, die Tochter in ein Bordell
verschleppt. Nachdem der Talmud die möglichen Ursachen für dieses Schicksal
diskutiert hat, heisst es:
"Als man sie alle drei abführte, erkannten sie das über sie verhängte
Urteil an. Er sprach: 'Der Fels, untadelig ist Sein Werk.' Seine Frau
sprach: 'Ein Gott der Treue ohne Trug.' Und seine Tochter sprach
(Jirmijahu 32, 19): 'Gross an Rat und mächtig an Tat, Du, dessen Augen
offen stehen über allen Wegen..."' (Awoda Sara 18a).
Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch König David wie Mosche in seinen
letzten Worten von Gott als Fels spricht. König David verknüpft allerdings
den Zur mit Israel: "Gesprochen hat der Gott Israels, zu mir geredet der
Fels Israels (Zur Jisrael)... (Schmuel II 23, 3). Und mit diesen
Worten beginnt am Schabbat unser Gebet für den jüdischen Staat:
"Unser himmlischer Vater, Fels Israels und sein Erlöser, segne den Staat
Israel, den ersten Spross unserer Erlösung und breite über ihn den Schutz
Deines Friedens aus."
HA'ASINU
519
Möge sich mit Hilfe Gottes der Kreis der Ereignisse in der Schira bald
schliessen!
Israel und die Völker
"Als der Höchste Völkern Besitz anwies, als Er der Menschheit Söhne
trennte, bestimmte Er Völkergebiete nach der Zahl der Bne Jisrael. Denn
Gottes Teil ist Sein Volk, Jakow das ihm zufallende Erbe" (Dew. 32, 8-9).
Wann unterteilte Gott die Menschheit in Völker und teilte ihnen Land zu?
Raschi bezieht diesen Vers auf die Generation des Turmbaus zu Bawel. Am Ende
dieses missglückten Unterfangens heisst es: "Da zerstreute sie Gott von dort
über die Fläche der ganzen Erde hin, und sie unterliessen es, die Stadt zu
bauen" (Ber. 11, 8). Das hebräische "behafrido" (als er trennte)
finden wir ebenfalls bei den Nachkommen Noachs: "Von diesen trennten sich
(nifredu) die Völkergruppen in ihren Ländern..." (Ber. 10, 5). Von
Noach, der als Einziger mit seiner Familie die Sintflut überlebte, bis
Awraham sind es zehn Generationen. Noachs Nachkommen verteilen sich auf
siebzig Völker, die im Sprachgebrauch unserer Weisen gleichsam alle Nationen
dieser Welt verkörpern. Ihnen gegenüber stehen die siebzig Personen, mit
denen Jakow nach Ägypten hinabzieht (Schmot 1, 5). Raschbam und
Chiskuni stellen eine andere Gleichung auf. Kenaan, der Enkel Noachs, hat
elf Söhne, wobei sich eine Familie weiter aufspaltet und im Perisi ein
weiteres Volk hinzukommt (Ber. 10,15-18). Diesen zwölf Familien oder
späteren Völkern entsprechen die zwölf Stämme Israels. Interessanterweise
wird bei der Aufzählung von Noachs Nachkommen lediglich für die Kenaa-niter
eine geographische Beschreibung ihrer Wohngebiete gegeben, nämlich Erez
Jisrael: "Die Grenze (Gewul) des Kenaaniters ging von Zidon nach Gerar hin
bis Asa, nach Sedom, Amora, Adma und Zewojim hin bis zu Lascha" (Ber. 10,
19). Die "Völkergebiete" unseres Verses werden ebenfalls mit "Gewulot" 520
Zeitlos Aktuell
wiedergegeben. Welcher Gedanke steht hinter dieser Zahlenparallele,
siebzig oder zwölf? Im göttlichen Geschichtsplan stehen sich von Anfang an
Israel und die Völker der Welt gegenüber. Die Geschichte des jüdischen
Volkes wird allein vom Schöpfer der Welt bestimmt und verläuft nach
besonderen historischen Gesetzen, die nur für dieses Volk Gültigkeit haben.
So formuliert unser Wochenabschnitt einige Verse weiter: "Gott wird es
gesondert führen, und neben ihm kein fremder Gott" (Dew. 32, 12).
Auch das Land, das Staatsgebiet des jüdischen Volkes, ist von Urzeiten an
festgelegt - Erez Jisrael. In dem von Gott bestimmten Moment wird Am Jisrael
dort einziehen.
Eine originelle Deutung des "bestimmte Er Völkergebiete nach der Zahl der
Bne Jisrael" gibt der Chafez Chajim. Wenn ein Gastland "seine Juden"
freundlich aufnimmt, vergrössert es dadurch seinen Einflussbereich. Die
jüdische Bevölkerungsgruppe wird zum materiellen und geistigen Wohlstand des
Landes nach besten Kräften beitragen. Doch bemerkt der Chafez Chajim auch,
dass oft die Bemühungen der Juden auf Undank, Neid und Hass stiessen und in
Vertreibung endeten. Ein zeitgenössisches Beispiel führt Gerschom Scholem in
seinem Aufsatz "Juden und Deutsche" an (1966):
"Es ist gerade diese Präeminenz (Vorrang), die den Juden in Deutschland
zum Verhängnis geworden ist. Denn als die Juden ihre wirtschaftliche
Funktion, die sie als eine vorantreibende Kraft in der Entwicklung
Deutschlands im 19. Jahrhundert innehatten, längst erfüllt hatten und man
sie dazu nicht mehr brauchte, hatten sie noch immer, ja gerade und erst
recht im 20. Jahrhundert eine kulturelle Funktion, die von Anfang an Unruhe
und Widerstand erweckt und ihnen nicht genutzt hat. Dass die Deutschen die
Juden in ihrer geistigen Welt nötig hatten, wird jetzt, wo sie nicht mehr da
sind, von vielen bemerkt und der Verlust beklagt..." Auf die besonderen
Bedingungen, unter denen Am Jisrael sein Land bekommt, geht Rabbiner S.R.
Hirsch ein:
"Gott Hess Israels Söhne nicht in dem für sie bestimmten Land zum Volk
heranwachsen und sich unter den von
HA'ASINU
521
diesem Land gegebenen Bedingungen und Einflüssen entwickeln und
ausbilden. Er Hess es vielmehr im Gegensatz zu allen anderen Völkern ohne
Land ein Volk werden, und dann ein für sie bestimmtes, von anderen bereits
völlig kultiviertes und angebautes Land in Besitz nehmen, weil dieses Volk
als Volk, Gottes Volk, Gott angehörig, mit seinem Volkswerden Gott zu Teil
sein und bleiben sollte. Was den anderen Völkern ihr Landesboden ist, das
ist Israel seine Beziehung zu Gott. Wenn andere Völker mit ihrem ganzen Sein
und Werden in ihrem Boden wurzeln, aus ihm und an ihm ... die Bedingungen
ihrer physischen, geistigen, sittlichen und sozialen Kulturentwicklungen
schöpfen, soll Israel seine physische, geistige, sittliche und soziale
Kultur von Gott gestaltet mitbringen ins Land. Soll sich und sein Volksleben
nicht dem Land, sondern das Land sich und seinem von Gott festgestellten
Volksleben unterwerfen. Andere Völker sind in tiefem Grunde Teil ihres
Landes, Israel ist nach Ursprung und Bestimmung Gottes Teil." Natürlich
widerspiegelt sich in diesen Worten auch die Galut-existenz von Rabbiner
Hirsch. Zu seiner Zeit gab es noch keine Rückkehr des jüdischen Volkes in
seine Heimat und keinen jüdischen Staat. Doch gilt auch für uns heute:
Israel wurde durch Gottes Tora zu einem Volk, um danach seine Aufgaben in
seinem Land, Erez Jisrael, zu verwirklichen.
Über den Tod hinaus
"Sehet nun, dass Ich Ich bin, und kein Gott neben Mir; Ich töte und
belebe, Ich habe verwundet und Ich heile wieder, und niemand errettet aus
Meiner Hand" (Dew. 32, 39).
Das Lied dieser Parascha ist ein Überblick und Ausblick auf den Verlauf
der jüdischen Geschichte, bis hin zur messianischen Endzeit. Nach Raschi
gibt Gott dem Volk zu verstehen, dass die Strafe (das Exil) durch keine
andere Macht aufgehalten
522 Zeitlos Aktuell
Hä'ASINU
523
werden konnte. Gleichzeitig wird aber keine Macht die Rettung des Volkes
in der Endzeit (die Rückkehr nach Erez Jisrael) verhindern können. Rabbiner
S.R. Hirsch drückt diesen Gedanken so aus:
"Nun, nachdem alles, alles andere, worauf ihr eure Zuversicht gesetzt,
sich euch nutzlos und nichtig erwiesen, und von keiner Seite euch Hilfe und
Rettung winkt, nun seht, dass Ich allein Ich bin... Ich allein die wirkliche
Persönlichkeit bin, der gegenüber alles andere bedingt und in seinem
Gegensatz nichtig ist. Der daher allein euch bleibt, nachdem mit Ihm, als
ihr Ihn verliesset, alles andere euch verlassen. Ihr habt geglaubt, euch
durch Huldigung anderer Schutzmächte meiner Beherrschung und Leitung
entziehen zu können. Dir seht nun, wie Ich euch doch Mir nicht habe verloren
gehen lassen. Wie Ich, wenn gleich auf langen Umwegen, über Wege des Todes
und des Leidens, euch wieder zu Meiner ausschliesslichen Herrschaft und
Leitung zurückführe." Für unsere Generation klingen diese Worte fast
unheimlich, als habe Rabbiner Hirsch unser Jahrhundert mit all seinen
schrecklichen Ereignissen vorausgesehen. So sagten bereits unsere Weisen in
der Mischna (Sota 9, 15), als sie auf die turbulenten Zeiten
verweisen, die der Ankunft des Maschiach vorausgehen würden: "Auf wen können
wir uns einzig und allein verlassen? Auf unseren Vater im Himmel!" Erst wenn
sich diese Einsicht im ganzen Volk verbreitet, ist der Weg zur endgültigen
Erlösung frei.
Die letzten Worte des obigen Verses - "Und niemand kann aus Meiner Hand
erretten" - erfahren an einer anderen Talmudstelle nicht eine nationale,
sondern eine auf den Einzelnen bezogene Deutung: "Von den Verdiensten des
Sohnes geniesst der Vater, nicht aber der Sohn von den Verdiensten des
Vaters" (Sanhedrin 104a). Gemeint ist, dass ein rechtschaffener Vater
einen missratenen Sohn nicht von der himmlischen Strafe schützen kann. Wohl
aber kann ein Kind, nach dem Ableben der Eltern, als Fürsprecher für seine
Eltern auftreten und das "himmlische Urteil" günstig beeinflussen.
Vorausgesetzt, es
geht in den von Gott gewünschten Wegen. Neben dem Kad-disch sind es vor
allem Mizwot und gute Taten, die das Andenken der Eltern ehren und ihnen
"zugute kommen".
Dieser Vers diente auch als "Beweis" für die Macht Gottes, Tote
wiederzubeleben. Die Gemara diskutiert diese Stelle im Traktat Pessachim
(68a) als klaren Hinweis in der Tora für die Wiederbelebung der Toten.
Aron Barth nimmt sich dieses schwierigen Themas in seinem Buch "Der moderne
Jude und die ewigen Fragen" an:
'"Ich töte und belebe, ich habe verwundet und Ich heile wieder und
niemand errettet aus Meiner Hand' (Dew. 32, 39). Und wenn jemand
sagen wollte, die Reihenfolge der Worte sei hier nicht wesentlich, und die
Tora wolle nur sagen, dass Leben und Tod in der Hand Gottes sei, so wird er
eines anderen belehrt durch die Parallele: 'Ich habe verwundet und Ich heile
wieder.' Aus ihr ergibt sich klar, dass auch bei den Worten: 'Ich töte und
belebe' das Nacheinander beabsichtigt ist. Offenbar stützt sich auf diesen
Vers Chana, wenn sie in ihrem Gebet sagt: 'Gott tötet und belebt, führt
hinab in den Scheol und führt wieder hinauf (Schmuel 12, 6).
Jeschajahu sagt: 'Deine Toten werden leben, mein Leichnam wird auferstehen,
wacht auf und jubelt, ihr, die ihr im Staube ruht' (26, 19). Und
würde nicht der Glaube an die Wiederbelebung der Toten fest eingewurzelt
gewesen sein, so hätte Gott nicht den Propheten Jecheskel gefragt: 'Werden
diese Gebeine wieder leben?' und er hätte nicht darauf geantwortet: 'Du,
Gott, weisst es' (Dew. 37, 3). Zum Schluss die Worte Daniels: 'Und
viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; einige
zum ewigen Leben und einige zu Schande und ewiger Verachtung...' (12,
2-3). Wir sagten schon, dass niemand irgendwelche Einzelheiten weiss,
und wir wollen ruhig hinzufügen, dass dem heutigen Menschen der Zustand am
Ende der Tage ebenso wenig klar sein kann, wie er die Geheimnisse der
Schöpfung versteht. Das Bestehen der Welt, und das Bestehen seiner selbst
ist in den Augen jedes Menschen etwas ihm Selbstverständliches,
p524 als bild?
p525 ebenso
552
ROSCH HASCHANA
Wasser, Rückkehr, Reinheit
"Du wirst in die Tiefen des Meeres all ihre Sünden werfen (wetaschlich).
Du wirst Jakow Treue erweisen, Huld dem Awraham, wie Du geschworen unseren
Vätern seit den Tagen der Urzeit" (Micha 7, 19-20).
Diese Verse stehen im Mittelpunkt des Taschlich-Gebetes, welches wir am
ersten oder zweiten Tag Rosch Haschana bei einem Fluss, See oder Brunnen
sprechen. Normalerweise findet Taschlich am ersten Tag Rosch Haschana statt,
doch sofern dieser auf Schabbat fällt, wird der Minhag von Taschlich auf den
zweiten Tag verschoben, um die Heiligkeit des Schabbat zu gewährleisten und
ein Tragen von Machsorim in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Rabbi Jakow
Moellin, der Maharil, ist der Erste, der diesen Brauch der aschkenasischen
Juden erwähnt. Er setzt ihn in Verbindung mit der Akeda, der versuchten
Offenbarung Jizchaks, die am zweiten Tag Rosch Haschana Thema der Toralesung
ist. Auf dem Weg zum Berg Morija trat der Satan in Form eines reissenden
Flusses Awraham entgegen und versuchte seinen Weg zu beenden. Doch Awraham
und Jizchak Hessen sich nicht beirren und überquerten trotz Lebensgefahr den
Fluss (Midrasch Tanchuma). Unser Gebet soll an die Verdienste der
Stammväter erinnern und Gott uns gegenüber gnädig stimmen. Manche fuhren den
Minhag auf das biblische Buch Nechemja (8, 1-2) zurück, in dem wir
lesen: "Da versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann auf dem Platz vor
dem Wassertor ... am ersten Tag des siebten Monats", d.h. an Rosch Haschana.
Der Talmud
Rosch Haschana
553
überliefert, dass die jüdischen Könige in biblischer Zeit an einer Quelle
gesalbt und in ihr Amt eingeführt wurden. Das ewig fliessende Wasser sollte
den Wunsch für eine lange Herrschaft symbolisieren (Horajot 12a). An
Rosch Haschana rufen wir Gott zum König über die ganze Welt aus, vielleicht
ebenfalls ein Grund für Taschlich!
Rabbi Jeschajahu Horowitz führt in seinem Werk "Sehne Luchot Habrit"
mehrere Gründe dafür an, warum man das Gebet an einem Gewässer mit Fischen
sprechen soll. Wie die Fische im Netz, so kann sich der Mensch in seinen
Sünden verfangen. Doch hilft ihm Gott, sich daraus durch Teschuwa wieder zu
befreien. Fische besitzen keine Augenlider, ihre Augen stehen zu jeder Zeit
weit offen, Symbol für die göttliche Haschgacha (Überwachung), derer wir uns
immer bewusst sein sollen!
Rabbi Jechiel Michael, der Maggid von Zloczow stellt die Frage, warum
Gott die Sünden nicht vollständig aus der Welt schafft, sondern sie
lediglich im Meer versenkt. Er beantwortet dies mit dem talmudischen
Prinzip, dass bei Teschuwa, die aus Furcht (vor Strafe) erfolgt, die
vorsätzlich begangenen Sünden (bemesid) in unabsichtlich begangene
(beschogeg) verwandelt werden. Kehrt der Mensch jedoch aus Liebe um, so
werden aus den vorsätzlich begangenen Sünden sogar verdienstliche Handlungen
(Joma 86b).
Daher "versteckt" Gott die Sünden in den Tiefen des Meeres, um sie bei
Teschuwa Me'ahawa, Rückkehr aus Liebe, wieder hervorzuholen und umzuwandeln!
Der Zahlenwert von "wetaschlich" (766) entspricht der Gimatrija von
"Teschuwa Me'ahawa"!
Auch der Abschluss der 10 Tage der Rückkehr, Jom Kippur, steht unter dem
Motto vom Wasser. In der Mischna lesen wir: "Rabbi Akiwa sagte: Glücklich
seid ihr Israel. Vor wem reinigt ihr euch? Wer reinigt euch? Euer Vater im
Himmel! So steht geschrieben: 'Ich werde reines Wasser über euch sprengen,
und ihr werdet rein sein' (Jecheskel 36, 25). Und es steht
geschrieben: 'Gott ist Israels Mikwe' (Jirmijahu 14, 8). So wie die
Mikwe den Unreinen reinigt, so reinigt Gott Israel" (Joma 8, 9). 554
Zeitlos Aktuell
Neben dem reellen Tauchbad gibt es auch eine geistige Mikwe, die Tora
('En Majim ela Tora'). Durch die Beschäftigung mit ihr kann sich jeder
Mensch reinigen, zu seinen spirituellen Wurzeln zurückkehren. Auf einen
weiteren Aspekt weist Rabbiner Arje Kaplan S.A. hin:
"Wie jedoch ausgeführt wurde, wird das Wort 'Mikwe' in diesem
Zusammenhang eigentlich besser als 'Hoffnung' übersetzt. In welcher
Beziehung steht dies zur Mikwe aus Wasser? Der Vers allein weist auf diese
Beziehung hin, da es heisst: 'Gott (Haschern) ist Israels Hoffnung (Mikwe)1.
Alle, die Dich verlassen, sollen beschämt (ausgetrocknet) werden, .... denn
sie haben Gott verlassen, die Quelle lebendigen Wassers' (Jirmijahu 17,
13). Weshalb braucht die hebräische Sprache dasselbe Wort für Hoffnung
wie für Mikwe?
Aber was ist Hoffnung? Sie stellt eigentlich unsere Gefühle zu einem
Ereignis in der Zukunft dar. Hoffen wir, dass ein zukünftiges Ereignis
eintreten wird, so befassen wir uns mit etwas, das sich jenseits der
Zeitschranke befindet. Wir sagen deshalb, dass unsere Hoffnung Haschern ist
- der Name, den wir brauchen, wenn wir von Gott als jenseits der Zeit
existierend sprechen. Für Haschern gibt es keine Schranke zwischen Gegenwart
und Zukunft, und deshalb kann unsere Hoffnung, sofern wir uns mit Ihm
verbinden, ebenso die Zeitschranken durchstossen. Hoffnung ist deshalb, wie
auch Mikwe, das Konzept, das uns jenseits der Begrenzungen der Zeit setzt.
In beiden Fällen geschieht dies durch die Macht von Haschern.
Wie bekannt, bedeutet das Wort Mikwe eigentlich 'Ansammlung'. In diesem
Zusammenhang ist es auch eine Ansammlung von Zeit - eine Sammlung von
Vergangenheit und Zukunft in die Gegenwart hinein, wodurch beide für uns
zugänglich werden.
Auf einer einfacheren Ebene ist, wie früher bereits dargelegt, der
Begriff der Mikwe mit dem der Selbstaufhebung verbunden. Setzt ein Mensch
seine ganze Hoffnung
Rosch Haschana
555
in Gott, so ist dies selbst eine profunde Verneinung seines eigenen Egos.
Die Fähigkeit, die Bande der Zeit zu übersteigen, ist anderseits die
letzte Freiheit. Taucht daher ein Mensch in die Mikwe, tritt er in einen
Zustand, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 'zusammengesammelt' sind
und ist also letztlich frei. Er ist nicht länger durch Vergangenheit oder
Zukunft gebunden, sondern existiert in einer absoluten Gegenwart, dem einen
Zeitmoment, den der Mensch kontrolliert ("Wasser von Eden", Verlag
Moreschet Awot, Zürich, 1986).
Möge es uns allen vergönnt sein, an Rosch Hachana zu uns, zu unseren
Mitmenschen und zu Gott zurückzufinden!
Das stumme Schofar
"Wenn Rosch Haschana auf einen Schabbat fiel, blies man das Schofar im
Tempel, nicht aber in der Provinz. Nachdem der Tempel zerstört wurde,
ordnete Rabbi Jochanan ben Sakkai an, an jedem Ort zu blasen, wo ein Gericht
(Bet Din) sich befand. Rabbi Elasar sagte, Rabbi Jochanan ben Sakkai habe
dies nur für Jawne angeordnet (der Sitz des Sanhedrin nach der
Tempelzerstörung). Man entgegnete ihm: Sowohl für Jawne, als auch für jeden
Ort, wo ein Gericht sich befindet" (Rosch Haschana 29b).
Heute wird das Schofar an einem Schabbat überhaupt nicht geblasen. Der
Grund ist nicht, dass man das Blasen als Arbeit auffassen würde, sondern das
Verbot, am Schabbat einen Gegenstand über öffentliches Gebiet zu tragen:
"Rabba sagte: Jeder ist zum Schofarblasen verpflichtet, nicht jeder ist
aber des Schofarblasens kundig. Somit ist zu berücksichtigen, es könnte
jemand das Schofar nehmen und zu einem Kundigen gehen, es zu lernen. Und
dabei würde er das Schofar vier Ellen über öffentliches Gebiet tragen"
(Rosch Haschana 29b). 560
Zeitlos Aktuell
eine Art Galut, in das wir uns von unserer festen Behausung wegbegeben,
um unsere Vergänglichkeit auf dieser Welt zu symbolisieren. Alle sieben
Uschpisin waren in ihrem Leben ebenfalls auf der Flucht oder gezwungen, ins
Exil zu gehen. Indem wir sie zu uns einladen, solidarisieren wir uns mit
ihrem Schicksal und versuchen von ihrem Wesen zu lernen (Esor Elijahu).
So wie diese Vorfahren ihr Schicksal ganz unter den Schutz des Ewigen
gestellt haben, so drücken wir unser Vertrauen in Gott dadurch aus, dass wir
in einer physisch vielleicht baufälligen, geistig jedoch festen und starken
Behausung während sieben Tagen Gottes Gastrecht geniessen.
Jeder der sieben Gäste hat für uns eine Botschaft. Awraham, der erste
Gast, ist Symbol für die Gastfreundschaft an sich. Er sitzt am Eingang des
Zeltes - joschew Petach Ha'ohel (Ber. 18, 1) - was dem Zahlenwert
entspricht "lehachnis et Ha'orchim" -die Gäste hereinbitten (Baal
Haturim).
Der Midrasch Rabba zu Bereschit hält ausdrücklich fest, dass als Lohn
für Awrahams Aufforderung an die Engel, sich unter dem Schatten des Baumes
auszuruhen, Gott den Bne Jisrael den Schatten und Schutz der Laubhütten
zukommen liess (48, 10). Awrahams Werdegang verkörpert ein weiteres
Prinzip der Sukka: Verlasse deine feste Wohnung und nimm Wohnsitz in einer
vorübergehenden Behausung. Awraham verlässt seine angestammte Heimat Ur
Kasdim und begibt sich nach Erez Jisrael, in eine fremde Umgebung, die erst
viele Generationen später fester Wohnsitz seiner Nachkommen werden wird
(Rabbi Leibele Eiger von Lublin). Einerseits ist Awraham Urvater des
jüdischen Volkes, andererseits werden sich alle Völker der Welt mit ihm
segnen. Kein Geringerer als Thomas Mann hat diese zwei Komponenten des
Judentums festgehalten:
"Ich erblicke im Zionismus einen grossen historischen Prozess der
nationalen Wiedergeburt eines der ältesten und kulturellsten Völker der
Welt. Palästina, das mit Recht als die Wiege der modernen Menschheit
betrachtet wird, sollte in ein jüdisch-nationales Heim verwandelt werden,
damit das jüdische Volk frei und ungehindert leben und grosse
SUKKOT
561
kulturelle und menschliche Werte für sich und die ganze Welt schaffen
kann. Ich erblicke im Zionismus einen kulturellen Faktor von grosser
humanitärer Bedeutung. Die ganze Welt wird von zwei Tendenzen beherrscht,
dem Universalismus und dem Nationalismus. Die Juden haben bis jetzt viel für
den Universalismus getan und es wäre Zeit, dass sie auch ihren eigenen
Nationalismus pflegen, denn erst durch diesen wird das jüdische Genie dem
Universalismus am besten dienen können. Die Weltkultur ist ein Mosaik, in
dem jedes Volk seine eigene Farbe haben muss" (Jüdische Rundschau, Berlin
22. April 1927). Awraham, der erste der sieben Gäste, symbolisiert
beides: Indem wir Juden unsere eigene Identität finden und bewahren, können
wir mit Gottes Hilfe zum Segen für die ganze Welt werden.
Eine Hütte der Symbole
"In Hütten sollt ihr sieben Tage wohnen, jeder Bürger (Esrach) in Israel,
sie sollen in den Hütten wohnen" (Waj. 23, 42).
Der Kli Jakar stellt die Frage, warum die Tora gerade bei dieser Mizwa
das Wort "Esrach" verwendet. Bürger eines Landes zu sein, ist die höchste
Stufe an politischer Zugehörigkeit, an Besitz von Rechten und Pflichten. Die
Schweiz kennt bestens diese Stufenleiter: Saisonnier, Jahresaufenthalter,
Niedergelassener, und höchstes aller Gefühle - Bürger mit Heimatort! An
Sukkot, nach Abschluss der Erntezeit, mag das Gefühl der Selbstsicherheit
und Selbstzufriedenheit äusserst ausgeprägt sein. Dann ist es Zeit, so der
Kli Jakar, dem "satten Bürger" seine Grenzen aufzuzeigen. Der siebentägige
Aufenthalt in der Laubhütte soll ihm seine Beschränkung aufzeigen und zu
Bescheidenheit anhalten. In den Psalmen finden wir den Ausdruck "Ke'esrach
ra'anan", wie ein frischer, im Boden fest 562
Zeitlos Aktuell
verwurzelter Baum. Denjenigen, die sich fest verwurzelt fühlen, auch und
gerade in der Diaspora, bedeutet Sukkot, dass sie sich nicht in trügerischer
Sicherheit wiegen sollten. Denn in den Augen Gottes sind wir lediglich
"Fremde und Bewohner" auf dieser Welt (Waj. 25, 23). Im Ausdruck
"Ke'esrach ra'anan" sieht der Verfasser des Kommentars "Mincha Belula"
übrigens einen Hinweis auf eine Halacha, welche besagt, dass ein Kranker von
der Mizwa der Sukka befreit ist. Nur der Gesunde, "stark und frisch wie ein
Baum", ist zu diesem Gebot verpflichtet.
Rabbi Mordechai von Lachowicze gewinnt der Verwendung des Wortes Esrach
in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung ab. Er sieht in Esrach zwei
Worte zusammengezogen, Or soreach, ein Licht, das leuchtet. Wenn das Licht
Gottes, der göttliche Funke in jeder menschlichen Seele, der durch das "Alef
symbolisiert ist, aufleuchtet, dann können wir von einem wahren Bürger
sprechen: Alef soreach (Esrach). Wenige Tage nach Jom Kippur, der Reinigung
unserer Seelen, sind wir an Sukkot in der Lage mit "innerem Licht und
Feuer", mit Freude und Begeisterung, an die Mizwot dieses Chags
heranzugehen.
Die Grundfläche der Sukka soll im Minimum 7x7 Tefa-chim betragen, so dass
der Mensch und ein Tisch zum grössten Teil Platz darin finden können. Ein
Tefach entspricht gemäss dem Chason Isch 9,6 cm. Die Mindesthöhe soll 10
Tefachim betragen. Multiplizieren wir die Masse einer Längsseite mit der
Höhe, so erhalten wir 70 Tefachim. Diese Zahl erinnert an den Vers aus den
Psalmen: "Unsere Lebenszeit beträgt 70 Jahre" (90, 10). Die
Erinnerung an unsere mittlere Lebenserwartung ermahnt uns an Sukkot, dem
freudigsten der drei Wallfahrtsfeste, gleichzeitig zu Zurückhaltung und
Bescheidenheit. Im Talmud heisst es von Gott: "Ich und der Hochmütige können
nicht zusammen in dieser Welt verweilen" (Sota 5a). Die Laubhütte,
die auch an die göttlichen Wolkensäulen erinnert, welche das Volk während
der vierzigjährigen Wüstenwanderung beschützten, kann nur dann "Wohnstätte"
für Gott sein, wenn wir uns der Bescheidenheit befleissigen.
Sukkot
563
Rabbi Jechiel Mosche von Ozarow sieht in seinem Werk "Be'er Mosche" in
der Zahl 70 einen Hinweis auf die anzustrebende Einigkeit im Volk Israel:
"Mit 70 Personen zogen deine Väter nach Ägypten hinab" (Dew. 10, 22).
Hierbei verwendet die Tora den Singular für das Wort Personen. Es heisst
"Ne-fesch" und nicht "Nefaschot". Der Gedanke der Einheit widerspiegelt sich
auch in einer halachischen Bestimmung für die Sukka. Während man die Mizwa
der Arba Minim (Feststrauss) nur mit einem eigenen Set erfüllen kann, kann
man die Mizwa des Sukka-Aufenthaltes jederzeit auch in einer fremden Sukka
erfüllen. Gäbe es theoretisch eine Sukka, in der alle Juden Platz finden
würden, so ist diese Sukka in Ordnung: "Kol Jisrael re'ujim leschew Besukka
achat" (Sukka 27b). In der Sukka, der symbolischen Wohnstätte des
jüdischen Volkes an diesem Chag, haben alle Juden Platz. So wie im
übertragenen Sinn Erez Jisrael und Medinat Jisrael Heimstätte des ganzen
jüdischen Volkes sind. Und sie sind es dann am sichersten, wenn Einigkeit
herrscht.
Noch eine Vorschrift verweist auf die Bedeutung der Sukka als Symbol für
Bescheidenheit und Zurückhaltung. Für das Dach der Sukka schreibt die
Mischna vom Boden abgeschnittene Pflanzen, Äste, Blätter etc. vor (Sukka
1, 4). Sie leitet dies aus folgendem Vers ab: "Das Fest der Hütten
machst du dir sieben Tage, indem du aufliest aus deiner Scheune und deinem
Kelter" (Dew. 16, 13). Unsere Weisen sahen darin die Aufforderung,
mit dem Abfall der Scheune und des Kelters die Laubhütte zuzudecken. Etwas
Geringes, Wertloses wird gewählt, doch erfüllt es seine Bestimmung auf dem
Dach, wird also "erhoben". Dies stimmt überein mit einem Vers des an Sukkot
vorgetragenen Hallel-Gebetes: "Du erhebst vom Staub den Gesunkenen, vom
Düngerhaufen den Wehrlosen" (Tehilim 113, 7). Wenn wir uns in
Bescheidenheit üben, können wir darauf vertrauen, dass Gott uns "erheben"
wird!
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Aktuelle Betrachtungen zum
Wochenabschnitt
und zu den jüdischen Feiertagen3
MINUTEN EWIGKEIT
(ersch. 1998)
ZEITLOS AKTUELL (ersch. 2001)
von Dr. Zwi Braun
Die Bücher enthalten jeweils drei kurze Betrachtungen zu jedem
Wochenabschnitt der Tora und zu den jüdischen Feiertagen.
Sie verstehen sich als Kommentare für den modernen Menschen, der aber
eine Vielzahl von klassischen und neuzeitlichen rabbinischen Quellen
einbezieht. Glossare und Literaturnachweise der benutzten Quellen
ergänzen die Betrachtungen.
MORASCHA - sFr. 42.-...
Bitte beachten Sie: Diese Texte sind heilig. Die hebräischen
Text enthalten den Namen G'ttes. Wenn Sie sich diese Seiten ausgedruckt
haben, werfen Sie sie bitte nicht weg. Bewahren Sie sie an einem reinen Ort
oder geben Sie diese Seiten beim nächsten Rabbinat ab.
Zum Inhaltsverzeichnis: haParashah
Zum Inhaltsverzeichnis:
Jahaduth
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hagalil.com 25-04-03
Aus dem Buch von Chajim Bloch: "Israel der
Gotteskämpfer" (Verlag unbekannt):
"Der Sohn des "Chacham Zwi", R. Jakob Emden (1696-1776) teilt in seiner
Selbstbiographie "Megillat Sefer" folgendes mit: "Von Rabbi Elijahu
Baalschem, unserem Großahnen von Chelm, erzählte mir mein Vater, daß er
einen Golem gebildet habe, der das Sprachvermögen nicht besaß und ihm als
Knecht diente. Einmal bemerkte der Rabbi, daß das Werk seiner Hand an Kraft
und Gr4öße außerordentlich zugenommen hatte, dies durch den Schem, welcher,
auf einen Papierstreifen geschrieben, an seine Stirn gebunden war. Da ward
er Rabbi von Angst ergriffen, der Golem könnte Verderben stiften. Er
bemächtigte sich deshalb seiner und riß das Papier von der Stirn des Golem
schleunigst ab, so daß die Menschengestalt sich wieder in einen Klumpen Lehm
verwandelte."
Er befalhl seinem Jünger, einen Wassereimer und einen Spaten zu holen. Auch
Männerkleider händigte er ihm ein. Er selbst trug unter dem Arm das Buch
Jezirah und ein Beschneidungsmesser.
Und nun forderte er Simche auf, ihn zu begleiten. Mit dem erwähnten Gerät
ausgerüstet, begaben sie sich zu dem Hügel außerhalb der Stadt.
Es war stockfinstere Nacht. Fast konnte man die Dunkelheit mit Händen
greifen. Licht wollte Rabbi Elijahu nicht anzünden, um nicht durch dessen
Schein seine Handlung zu verraten.
Als sie aber ans Ziel angelangt waren, zerstreuten sich die dichten Wolken,
und der Mond beleuchtete den Hügel.
Ringsum herrschte TolenstilIe, kein Laut war vernehmbar. Selbst die Bäume
hielten in ihren Bewegungen ein.
Rabbi Elijahu sprach zu seinem Jünger: "Ich hoffe, daiß unsere Absicht die
Gnade des Himmels erlangen wird."
Unter einer großen Eiche war ein Brunnen. Hier tauchten MeisIer und Jünger
dreimal unter, sprachen einige Psalrnen und nun ging es an die Arbeit....
Mit dem Angesichte gegen Mizrach, den Osten gewendet, grub Rabbi Elijahu
Erde vom Boden. Bei jedem Eindrücken des Spatens sprach er verschiedene
Gebete.
Als schon eine ansehnliche Menge Erde ausgegraben war, schöpfte Rabbi
Elijahu Atem, wischte sich den Schweiß vom Gesichte und sagte mit seinem
Jünger verschiedene Psalmabschnitte her.
Er sammelte eine Lehmrnasse in der Menge von zwei Ellen und in der Höhe von
fünf Fäusten, ließ seinen Jüiiger Wasser bringen und knetete Lehm und Wasser
zu einer Masse, bis es ihm möglich schien, ein Modell zu formen.
Noch hob er nicht an, die Gestalt zu formen, als Simche traurigen Antlitzes
wieder an ihn herantrat und mit zagender Stimme sprach: ,,Meister! Es
lehrten die Weisen: Dort wo eine Entweihung des Gottesnamens vorliegt,
scheut man die Würde des Meisters nicht!' Ich ermahne Euch daher nochmals,
das gefährliche Unternehmen zu unterlassen. Mich schaudert schon bei dem
Gedanken, den "Heiligen Namen" auszusprechen.''
Darauf Rabbi Elijahu: " Ich werde den Namen Gottes aussprechen, es ist
wahrhaft eine gefährliche Tat. Aber ich tue sie in reiner Absicht; meine
Brüder will ich retten und es lehrten die Weisen: Wenn wer nur einen Juden
rettet, ist es als hätte er eine ganze Welt gerettet! Und darf man denn
nicht wegen der Erhaltung eines Meuschen den Namen Gottes aussprechen?"
Also sprach Rahbi Elijahu in großer Verzückung. Er hob die Augen und sprach
die dreizehn Eigenschaften des Weltenschöpfers, gepriesen sei sein Name.
Und nun begann er mit rasender Schnelligkeit die Gestalt zu formen.
Es währte nur eine Weile, da lag sie fertig vor ihm. Er wusch sich die Hände
und betrachtete sie in großer Ehrfurcht.
Er fühlte, daß eine höhere Macht seine Hand so kunstfertig gemacht.
Wieder den Blick zum Himmel gerichtet, sprach er aus der Tiefe seines
Herzens: "Herr der Weölten, Schöpfer aller Kreaturen und aller Seelen. Dir
ist's offenbar, daß nicht Ehrgeiz mich zu dieser Arbeit verleitete. Nicht zu
eigennützigem Zwecke unternahm ich es, eine Gestalt nach Deinem Ebenbilde zu
verfertigen. Ich flehe daher zu Dir: Laß Gnade walten und verleihe mir die
Kraft, den heiligen Namen ohne Zagen und ohne Scheu auszusprechen, damit ich
nicht strauchle und meines Anteils in der ,kommenden Welt nicht verlustig
werde."
Und nun machte er sich daran, das Gefährlichste in seiner Handlung zu
unternehmen; den Schem hamforasch, den ausdrücklichen Namen Gottes, aus-
zusprechen.
Ein heiliger Schauder erfaßte ihn; schon wollte er vom ganzen Unternehmen
zurücktreten.
Da bemächtigte sich seiner die Gewalt des Willens und eine innere Stimme
rief ihm zu: ,,Vollende, was du in Heiligkeit unternommen hast.''
Darauf sprach er den ,,ausdrücklichen Gottesnamen". Aber er sprach ihn so
aus, wie es der Hohepriester am Versöhnungstage im Allerheiligsten zu tun
pflegte: er verschlang ihn.
Beim Aussprechen war sein Blick auf die Gestalt gerichtet, hauptsächlich auf
den Kopf, gegen die Hirnstelle.
Er trat an den Lehmkoloß heran, betastete jedes seiner Glieder, wie die
eines schlafenden Menschen. Den Geschlechtsteil berührte er nicht, weil er
ihm die Kraft des Zeugens nicht geben wollte.
Jetzt erst nannte er geläufig die Namen jener Engel, die über Blut, Nerven,
Herz und Hirn gesetzt sind, und Meister und Jünger merkten, daß der
Lehmkörper zur Glut wurde.
Unter Beihilfe des Jüngers vollzog Rabbi Elijahu die Beschneidung. Sie
sprachen den Segen nicht, doch stimmten sie leise die üblichen Litaneien an.
Der Golem rührte sich nicht und auch kein Laut des Schmerzes wurde
vernehmbar. Das Blut rann jedoch wie von einem natürlichen Menschen. Nun
hieß es dem Golem den Schem, sein eigentliches Leben zu geben. Wohl war
Rabbi Elijahu ein Gegner des Brauches der Kablialisten, heilige Namen auf
Papier zu schreiben, doch mußte er diesmal gegen sein Prinzip handeln, "weil
die Stunde es nötig hatte".
Er schrieb auf einen Pergamentstreifen das Wort "I III I ".Er schrieb dieses
Wort, welches vor allemzwei Buchstaben "J" und"H", die Hälfte des
ausdrücklichen Gottesnamens, enthält. Das Wort aber bedeutet: "Er soll
leben".
Und nun kam der Augenblick, in dem der Schöpfer von dem Werk, das er hier
schuf, sich gehoben fühlte.
Jetzt machte er dem Goleni einen Einschnitt oben auf der Stirn und legte den
Pergamentstreifen ein.
Als Rabbi Elijahu damit fertig war, machte der Golem eine Miene, wie ein
Mensch, der mit einer Feuerrute berührt wird. So war ihn das Leben gegeben.
Nun trat Rabbi Elijahu an die Gestalt heran und sprach mit kräftig
anherrschender Stimme:
,,Stehe auf, Israel!"
Er gab ihm diesen Namen, weil auch in ihm ein Gottesname inne ist: Isra-El,
der mit Gott kämpfte.
Eine plumpe träge Menschengestalt erhob sich, als stünde sie vom Schlafe
auf, und schaute die ihr gegenüber stehenden zwei Männer halb lachend, halb
fragend an.
Im dunklen Osten dämmerte es bereits. Der Wind trieb die Wolken vor sich
her, auf dem Firmament erschien der Morgenstern.
Rabbi Elijahu wies seinem Jünger mit dem Finger gegen Osten und sprach:
,,Schau! so weicht die Nacht dem Tage. Möge denn durch den von uns
erschaffenen Golem alles Böse in diesem Lande niedergerissen werden, daß
unsere Morgenröte die finsteren \Volken, die über unserem Volk lasten,
durchbrechen könne! Amen."
Nun wurde Rabbi Elijahu von hoher Frreude erfaßt, da er den Golem in seiner
Riesengesialt vor sich sah. Denn seit dem Augenblick seiner Belebung war der
Golem um einige Fäuste höher und breiter geworden, auch Haar war an seinem
Haupt und Antlitz.
Rabbi Elijahu wandte sich an den Golem mit den Worten "Ziehe die Kleider an
und folge mir!'' Und der Golem zögerte nicht, die Gewänder anzuziehen und er
gehorchte dem Rabbi so willig, als kennte er ihn schon von früher her als
seinen Herrn.
Der verträumt aussehende Hügel badete in Frühlingsscbönheil. Die weißen,
schlanken Birken senkten ihr leise erschauerndes Gezweig tief auf die
dunklen Tannen, daß es wie duftige Schleier darüber hinwehte. Die Sonne
spannte ihre Strahlenfäden über die bräutlichen jungen Birkenstämme.
Blütenkerzen hingen aus den weißeii Knospen schwer herab und tausend bunte
Blumenaugen hoben sich strahlend aus Gras und Moos empor der Sonne entgegen;
sie glichen den frohmütigen Hoffnungen Rabbi Elijahus.
Den schmalen Waldweg, der von dem Hügel in die Stadt führt, schritten drei
Männer in tiefer Schweigsamkeit. Als sie in des Rabbis Haus kamen, führte
Rabbi Elijahu den Golem in seine Kammer der Abgeschiedenheit. Hier
unterrichtete er ihn, zu welchem Behufe er ihn erschaffen.
Er sprach zu ihm:
"Ich entbinde dich aller Gebote und Verbote in allen jenen Fällen, wo es
sich um irgend eine Gefahr für Juden handelt. Dein einziges Gebot ist, die
Befehle deines Schöpfers zu befolgen, mir treu zu dienen."
Der Vorzug des Golems Israel über alle anderen bis dahin erschaffenen Golems
war, daß er auch das Hör- und Sprachvermögen besaß, freilich nur in jenen
Fällen, da dieses Vermögen nötig war. Er gab daher zur Antwort: "Ich werde
alle Eure Befehle treu erfüllen.''
Rabbi Elijahu ließ seine Gattin hereinkommen und sprach zu ihr: "Schau. ein
Fremder aus unserem Stamme hatte sich in unserem Orte eingefunden und suchte
in unserem Hause Unterkunft. Da der Mann seit längerer Zeit keine Nahrung zu
sich genommen, reiche ihm etwas zu essen." Da dies geschehen war, sah Rabbi
Elijahu daß der Golem es nicht zustande brachte, Löffel Gabel und Messer zu
gebrauchen und die Speise zum Mund zu nehmen. Stumpf und wortlos saß er da.
Die Gattin des Rabbi glaubte, er sei des Weges müde und sie sprach zu ihrem
Manne leise, er möge den Gast vorher einige Zeit ruhen lassen.
Als sie sich entfernte, sprach Rabbi Elijalin zum Golem: ,,Du wirst in
dieser Kammer meiner Abgeschiedenheit dein Lager aufschlagen, damit ich dich
neben mir habe, wenn ich dir nachts etwas zu befehlen habe. Vor den Leuten
wirst du aber als mein Leibdiener gelten." Nun befahl ihm Rabbi Elijahu sich
zur Ruhe zu begeben und so lange zu schIafen, bis er ihn wieder wecken
würde. Als der Golem eingeschlummert war, trat Rabbi Elijahu an ihn heran
und flüsterte ihm, um sein Golemwesen zu vervollkommnen, noch einige heilige
Namen ins Ohr. Durch die eine der Formeln würde er zum Unsicbtbaren gemacht,
aber nur für solche Fälle, die seine Unsichtbarkeit bedingen würden.
(Seite 31 bis 40 des oben zitierten Buches)
Weitere Anmerkungen aus einer Korrespondenz siehe am Ende der Seite
K a b b a l i s t i s c h e L e g e n d e n
DER FUCHS UND DER LÖWE
...aus "Das himmlische Urteil" von Caim Bloch
Von dem Tage an, da der ARI nach Safed
gekommen war, zog er Nacht für Nacht des Rabbi Chajim Vital Seele aus ihrer
fleischlichen Hülle und redete mit ihr. "Rabbi Chajim",sagte er zu ihr,
"warum kommst du nicht, um aus meinem Munde Tora zu empfangen? Kam ich doch
auf die Weit, nur um dich Tora zu lehren! "Rabbi Chajim aber leitete damals
die Kabbalistenschule in Damaskus.
Eines Morgens erhob sich Rabbi Chajim von seinem Lager und erzählte seinen
Schülern: "Ein deutscher Weiser wohnt in Safed, er zog mir diese Nacht die
Seele aus meinem Leibe und redete mir zu, daß ich zu ihm kommen und aus
seinem Munde Tora empfangen solle. "Er sprach vom ARI fast mit Hohn, denn er
hielt sich für den größeren Gelehrten und für kundiger in den gewundenen
Gängen der Kabbala, auch hatte er bereits viele Bücher über Sohar verfaßt.
Eines Tages, da Rabbi Chajim an der Spitze seiner Schüler saß und ihnen
Geheimnisse vortrug, war ihm eine Stelle im Buch Sohar unverständlich, und
er konnte sie nicht deuten. Lange grübelte er vergeblich ihrem Sinne nach.
Am zweiten Tage wußte er über eine andere Stelle keinen Bescheid und ebenso
am dritten und vierten. Da sprach er zu den Schülern: "Wisset, ich habe
Verlangen, nach Safed zu gehen, um den "Deutschen" kennen zu lernen". Er
reiste hin. Gleich nach seiner Ankunft erschien er vor dem ARI. Der freute
sich seiner sehr und erwies ihm große Ehre. Rabbi Chajim trug ihm die erste
schwierige Stelle vor, der ARI sagte ihm die Deutung, die zweite - er sagte
ihm die Deutung, und vor den Augen Rabbi Chajims öffneten sich die Pforten
des Lichtes; die dritte - "Bis hierher!" sprach der ARI, "du bist an der
Grenze angelangt, noch vermagst du nicht weiter zu dringen." Da blieb Rabbi
Chajim vor dem ARI wie der Fuchs vor dem Löwen stehen. Dann entließ der ARI
seinen Gast. Rabbi Chajim ging mit einer großen Enttäuschung in seine
Herberge und zog einen Sack um den Leib; den ganzen Tag über fastete, weinte
und betete er vor Gott, daß er in das Herz des ARI den Wunsch lege, ihn als
Schüler aufzunehmen. Am Morgen kam er zum ARI und flehte mit weinender
Stimme: "Nehmt mich als Schüler auf, seid ihr doch auf diese Welt gekommen,
um mich Tora zu lehren." Nun sprach der ARI: "Drei Monate lang wartete ich
in brennendem Verlangen, daß du zu mir kommest. Du kamst nicht und
verursachtest mir großen Schmerz; in den Quell floß immer mehr frisches
Wasser, und kein Gefäß war da, um es aufzunehmen. Ich sollte dich daher
wegen deiner Hartherzigkeit in die Reihe meiner Schüler nicht aufnehmen.
Doch deine gestrige Reue hat dies geändert. So will ich vor dir alle Pforten
öffnen und dich das Licht der Kabbala in seiner ganzen Fülle schauen
lassen."
Da fiel Rabbi Chajim zu Boden und rief: "Es lebe der König!"
Von diesem Tage an saß Rabbi Chajim wie ein junger Schüler vor dem ARI und
hörte seine Vorträge. Doch sein Sinn war schwach und kraftlos, und er vergaß
stets all das, was er empfangen hatte. - Dies war die Strafe, weil er dem
ARI drei Monate lang durch sein Nichterscheinen Pein verursacht hatte. Rabbi
Chajim weinte vor dem Meister unaufhörlich, daß er ihm helfen solle.
Eines Tages führte der ARI seine Schüler nach Tiberias. Dort ließ er Rabbi
Chajim aus dem Brunnen Mirjams trinken. Von da an vergaß er nichts mehr.
Auch gewann er die Weisheit, von den Gesichtern der Menschen ihre
Vergangenheit und Zukunft, Glück und Mißgeschick, Frevel und Wohltat wie aus
einem offenen Buche zu lesen.
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