"Und es sei euch zur ewigen Satzung: Im siebten Monat, am zehnten des
Monats sollt ihr euch kasteien und keinerlei Arbeit verrichten, der Bürger
und der Fremde, der unter euch weilt" (Wajikra 16.29)
Was haben wir unter Kasteiung, hebräisch Inuj, zu verstehen? Ibn Esra
verweist unter anderem auf einen Vers in Jeschajahu (58,10), wo von
einer kasteiten Seele die Rede ist, die man sättigen soll. Kasteiung hat
also mit Fasten zu tun. Neben dem Verbot zu essen und zu trinken nennt die
Mischnah (Joma 8,1) vier weitere Handlungen, welche am Jom Kipur
verboten sind und eine Kasteiung darstellen: das Waschen und Salben des
Körpers, das Anlegen von Lederschuhen und den Verkehr zwischen Mann und
Frau.
Nach Raw Chisda finden wir in der Tora an fünf Stellen den Ausdruck "Inuj",
was den fünf vorgeschriebenen Kasteiungen entspricht.
Rabbi Menachem ben Binjamin Recanati erklärt, warum die Enthaltsamkeit bei
diesen fünf Dingen eine Vorbereitung und ein Mittel zur Versöhnung ist. Der
Mensch ist ein irdisches Wesen aus Fleisch und Blut und kann sich den
Versuchungen zur Sünde nicht vollständig entziehen. Was berechtigt ihn dazu,
für seine Vergehen um Vergebung zu bitten? Himmlische Wesen, Engel, sündigen
nicht. Indem der Mensch an Jom Kipur auf seine körperlichen Bedürfnisse
verzichtet, wird er gleichsam, wenigstens für einen Tag, den Engeln ähnlich,
die keine physischen Bedürfnisse haben und nicht sündigen. In diesem Rahmen
erlangen wir am Jom Kipur Vergebung. Wir erheben uns über unsere materiellen
Grundlagen hinaus und stellen im intensiven Gebet das Geistige in den
Vordergrund.
Einen fast gleichlautenden Vers finden wir in
Paraschat Emor (Waj. 23, 32), wo ebenfalls von Jom Kipur die
Rede ist:
"Eine Schabbatfeier sei er euch und ihr müsst euch kasteien; am neunten
des Monats abends, von Abend bis Abend sollt ihr eure Feier halten."
Hier lässt die Tora in Ergänzung zum oben zitierten Vers (Waj. 16, 29)
die Kasteiung bereits am 9. Tischri beginnen. Im Talmud wird dies so
gedeutet:
"Rabbi Chija bar Raw aus Difte lehrte: Fastet man etwa am neunten, man
fastet ja am zehnten? Dies besagt vielmehr, dass die Tora jedem, der am
neunten isst und trinkt, es anrechnet, als faste er am neunten und am
zehnten" (Brakhoth 8b).
Wie sollen wir diese Auslegung verstehen? Rabbi Jakow ben Ascher, der
Verfasser der Arba'a Turim, ein Werk auf dem der Schulchan Aruch aufbaut,
erklärt dies anhand eines Gleichnisses mit einem König und seinem einzigen
Sohn. Der König ordnet für den Sohn ein eintägiges Fasten an, befiehlt aber,
ihm zuvor reichlich zu essen und zu trinken zu geben, damit er für den
Fasttag gerüstet sei. Auch wir kennen den Brauch, am Vorabend des
Versöhnungstages ein festliches Essen einzunehmen. Geschieht dies im
Bewusstsein, uns damit für den heiligsten Tag im Jahr zu rüsten, so wird
diese Mahlzeit selbst zu einer Mizvah. Der Sfath Emeth betont, dass man mit
der richtigen Absicht (Kavanah) an diesem Tag gleichsam alle Übertretungen
der Speisegesetze im vergangenen Jahr "neutralisieren" kann. Auch Essen und
Trinken sollen im Dienst Gottes stehen. In typisch chasidischer Auslegung
gibt uns Rabbi Elimelech von Lyzhansk zu verstehen, warum Essen am Vorabend
des Jom Kippur einer Kasteiung gleichkommt. Kann man denn angesichts des
bevorstehenden Tages, an dem das himmlische Urteil über jeden Einzelnen
besiegelt wird, überhaupt an Essen und Trinken denken? Dies allein ist eine
Peinigung!