"Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie durch Kampf gegen sie
zu erobern so sollt du nicht ihre Bäume vernichten, indem du die Axt gegen
sie schwingst, denn von ihnen isst du, und du sollst sie nicht fällen, denn
sind etwa die Bäume des Feldes Menschen, dass sie vor dir in die Belagerung
kämen?"
(Dew. 20,19).
Welch Gegensatz dieser biblischen Forderung gegenüber der nicht nur
rhetorisch gemeinten Frage des Propagandaministers des Dritten Reiches:
"Wollt ihr den totalen Krieg?" Die deutschen Nazis überzogen Europa in der
Tat mit einem totalen Krieg und betrieben eine Politik der "verbrannten
Erde", der nicht nur Bäume, sondern in erster Linie Millionen von Menschen
zum Opfer fielen!
Rabbiner Dr. D. Hoffmann kommentiert unseren Vers so: "Nicht nur die
Menschen, sondern auch die Fruchtbäume sollen im Krieg verschont werden,
weil sie zur Ernährung der Menschen dienen und nicht, wie die wehrfähige
Mannschaft, sich verteidigen können. Dass man den wehrlosen Baum, der nicht
wie der Mensch entfliehen kann, nicht angreife, drückt indirekt die Lehre
aus, dass man um so weniger an wehrlosen Menschen sich vergreifen dürfe,
vgl. Melachim II 6,22."
Die von Rabbiner Hoffmann zitierte Stelle im zweiten Buch der Könige
erzählt vom Ratschlag, den der Prophet Elischa dem König von Israel, Joram,
in Bezug auf die Behandlung von Kriegsgefangenen aus Aram (Syrien) erteilt:
"Und der König von Israel sprach zu Elischa, wie er sie sah: Soll ich töten,
töten mein Vater? Und er sprach: Du sollst nicht töten. Hast du sie
gefangengenommen mit deinem Schwert und Bogen, um zu töten? Setze ihnen Brot
und Wasser vor, dass sie essen und trinken, und zu ihrem Herrn gehen."
Rabbiner S.R. Hirsch geht auf den Grund des obigen Verbots näher ein:
"Denn der Baum des Feldes ist der Mensch, die Bodenproduktion ist die
Existenzbedingung des Menschen. Der Sinn des Satzes wäre, wie uns scheint,
demnach: du sollst die Fruchtbäume der belagerten Stadt nicht fällen; denn
Fruchtbäume bilden die Menschenexistenz, gehen daher mit in die Belagerung
ein, d.h. gehören mit zu den Objekten, welche du durch die Belagerung
gewinnen willst. So wenig Zerstörung die Absicht deiner Belagerung sein
soll, so wenig darfst du die Bäume der Stadt zerstören. Sie gehören mit zu
der belagerten Stadt."
Das "Du sollst nicht ihre Bäume vernichten (lo taschchit)" ist von
unseren Weisen viel weiter gefasst worden. In den Worten von Rabbiner
Hirsch: "Es ist aber dieses Verbot einer zwecklosen Zerstörung von Bäumen
bei Belagerungen nur beispielhaft zu fassen, und wird unter den Begriff 'bal
taschchit' das Verbot zweckloser Vernichtung irgendeines Gegenstandes
überhaupt gefasst, so dass das 'lo taschchit' unseres Gesetzes zum
umfassendsten Warnruf an den Menschen wird, seine ihm eingeräumte
Weltstellung nicht zur launenhaften, leidenschaftlichen, oder auch nur
gedankenlosen Zerstörung der Dinge der Erde zu missbrauchen. Nur zum weisen
Gebrauch hat Gott ihm Seine Welt zu Füssen gelegt, als er Sein 'bezwinge
sie', 'beherrsche sie' gesprochen."
Wie dies in der Praxis aussah, ersehen wir aus der Formulierung des Rambam
in seinem halachischen Werk Mischne Tora: "Es ist verboten, fruchttragende
Bäume außerhalb einer Stadt zu fällen. Auch darf eine Wasserzufuhr nicht
abgeleitet werden, damit sie vertrocknen, wie es heißt: Vernichte nicht ihre
Bäume. Wer einen fruchttragenden Baum fällt, erhält 39 Schläge. Diese Strafe
gilt nicht für das Fällen während einer Belagerung, sondern wann immer ein
fruchttragender Baum in zerstörerischer Absicht gefällt wird. Aber man darf
einen Baum fällen, wenn er anderen Bäumen schadet oder dem Feld, das jemand
anderem gehört, oder wenn er gefällt mehr Wert hat (als seine Früchte).
Verboten ist nur die unnütze Zerstörung. Nicht nur wer Bäume fällt, sondern
auch wer Haushaltsgeräte zerbricht, Kleider zerreißt, ein Gebäude abbricht,
eine Quelle verstopft oder Lebensmittel in zerstörerischer Absicht
vernichtet, übertritt das Gebot 'lo taschchit"' (Hilchot Melachim 7,
8-10).
Das Sefer Hachinuch (Mizwa 530) hält die Bedeutung dieses Verbots
fest: "Es geht bei dieser Mizwa darum, uns zu lehren, das Gute und Nützliche
zu lieben, und uns von allem Schlechten und Zerstörerischen fern zu halten.
Das ist die Haltung der Frommen: sie lieben den Frieden und erfreuen sich am
Wohl der Geschöpfe und bringen sie der Tora nahe, sie verachten nicht einmal
ein Senfkorn, es tut ihnen leid um jede Verschwendung und Zerstörung, und wo
sie etwas bewahren können, tun sie es mit aller Kraft."
Diese Worte haben nichts von ihrer Bedeutung verloren!