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Parashath haShawu'a: [Zur
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Fanatischer Eifer:
Heiliger Wahnsinn
Ist die Geschichte der
Opferung Isaaks durch Abraham eine Warnung vor religiösem Fanatismus?
von Rabbiner Baruch
Rabinowitz
http://www.judaic.de
Erstersch. "Jüdische Allgemeine" Nr.
45-2006
Die Geschichte von
der Akeda, der "Bindung Isaaks" spielt eine zentrale Rolle im Judentum und
hat auch einen sehr wichtigen Platz in der christlichen Theologie. Abraham
bekommt einen schwer nachvollziehbaren Befehl: Er soll seinen geliebten Sohn
Isaak auf dem Berg Moriah opfern, als Beweis seiner Treue und seines
Glaubens an Gott.
Die traditionellen Kommentare loben Abraham für seine Selbstlosigkeit und
die Bereitschaft, sogar sein eigenes Kind umzubringen, wenn es von Gott so
verlangt wird. Aber ist seine Bereitschaft wirklich so lobenswert? Glaubte
Abraham an einen Gott, der einem Vater befehlen würde, sein eigenes Kind zu
töten, auch wenn es nur ein Test gewesen sein sollte? War der jüdische
Stammvater so sehr im Gotteswahn und so fanatisch, daß er eine solch obszöne
Tat überhaupt in Erwägung zog?
Warum hörte Abraham auf die Stimme, die ihm befohlen hatte, seinen Sohn zu
opfern? Vielleicht sollte der Patriarch an dieser Stelle Nein sagen. Denn
ein solcher Befehl konnte auf gar kein Fall von dem Gott stammen, von dem er
predigte. Zudem musste Abraham, um diesen Plan durchzuführen, unehrlich
handeln. Er erzählte keinem von seinen Absichten. Sein Sohn, um dessen Leben
es dabei ging, erfuhr von des Vaters eigentlichem Vorhaben erst, als sie den
weitentfernten Ort erreicht hatten und eine Flucht wohl nicht mehr möglich
war. Auf die Frage "Und wo ist das Lamm für das Opfer?" gibt Abraham die
Antwort: "Gott wird sich ersehen das Lamm zum Opfer, mein Sohn!" (1. Buch
Moses, 22,8). Seine Frau Sarah erfuhr von dem Plan erst, als schon alles
vorbei war.
War es Rache, dafür, dass Sarah Abrahams Sohn Ismael und dessen Mutter Hagar
in die Wüste fortjagte? Wollte Abraham seine Macht zeigen oder handelte er
wirklich nur aus religiösem Eifer? Die Tora erzählt diese Geschichte sehr
vorsichtig. Noch vorsichtiger sind die Gelehrten, die sie kommentierten.
Wenn wir uns die Geschichte der Akeda genau anschauen, werden wir
feststellen, daß Abraham für seinen Eifer einen sehr hohen Preis bezahlen
mußte: seine Familie. Obwohl er Isaak physisch nicht tötete, endete die
Beziehung zwischen ihm und seinem Sohn. Sie wurde Opfer des religiösen
Eifers Abrahams, seines Egoismus und seiner Unehrlichkeit.
Die Tora wiederholt dreimal, daß die beiden gemeinsam den Berg hinaufgingen.
Danach stieg Abraham allein wieder herab. Isaak sollte seinen Vater, der
sein Vertrauen gebrochen hatte, nie mehr wiedersehen. Er verlor auch seine
Mutter. Denn Sarah starb, als sie erfuhr, was auf dem Berg Moriah geschehen
war.
Die Tora widmet Isaak, dem zweiten Patriarchen, danach nur einen sehr
bescheidenen Platz. Nach der Begegnung mit dem Tod konnte Isaak nicht mehr
viel mit sich selbst anfangen. Er führte ein rückwärts gewandtes, passives
Leben - ein Leben, das den Moment auf dem Altar widerspiegelte. Dort hatte
er gelegen, gefesselt, stumm und voller Schrecken. Und so lebte er auch
weiter. Er reiste nicht in die Ferne, um für sich eine Frau zu finden. Das
tat Eliezer, der Knecht seines Vaters, für ihn. Er heiratete Rebekka, ein
Mädchen, das ihm einfach zugeführt wurde. In den Streit zwischen seinen
Söhnen mischte er sich nicht ein. Er hatte sogar Angst, seiner Familie
bekanntzugeben, daß er den älteren und nicht den jüngeren Sohn vor seinem
Tod segnen wolle.
Der Midrasch erzählt, daß Isaak viel zu früh alterte und gebrechlich wurde.
Das, was Isaak auf dem Berg erlebt hatte, war sehr schmerzvoll. Obwohl er
wahrscheinlich physisch nicht verletzt wurde, so waren die seelischen Wunden
doch sehr tief. Sie verheilten nie. Ganz gleich, wie wichtig es in Abrahams
Augen war, Gottes Willen zu erfüllen: Die Bereitschaft seines Vaters, ihn zu
opfern, verwand Isaak nie.
Das Traurigste an der Geschichte ist, daß Abraham nie versuchte, seinem Sohn
die Handlungsweise zu erklären. Isaaks Wunden wurden nie behandelt, seine
Ängste nie geheilt, die Beziehung zwischen dem Vater und dem Sohn nie
wiederhergestellt.
Vielleicht wäre es Abrahams Aufgabe gewesen einzugestehen, daß er in seinem
religiösen Eifer einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht war es das, was Gott
von Abraham in Wirklichkeit erwartet hatte: Ein klares Nein zu so einem
brutalen, unmenschlichen Befehl. Vielleicht war dies ein frühes Beispiel und
eine Warnung davor, wie gefährlich eine von Fanatismus geprägte Religion
sein kann. Mag sein, daß Abraham dies alles verstanden, dem Isaak jedoch nie
erklärt hatte.
Auch wir können die Herzen derjenigen verletzen, die wir am meisten lieben.
Unsere Taten haben eine tiefgreifende Wirkung, die weit über den Moment der
aktuellen Begegnung hinausreicht. Wir müssen uns unserer Taten bewusst sein
und verstehen, dass sie manchmal unauslöschliche Eindrücke im Verstand, im
Herzen und in der Seele derer hinterlassen, die von unserer Tat betroffen
sind.
Sicherlich war die fast vollendete Opferung Isaaks keine geringe Tat,
sondern das Extremste, was ein Vater seinem Sohn antun kann. Aber unsere
Taten müssen nicht ein solches Ausmaß erreicht haben, um Spuren zu
hinterlassen. Wenn wir unsere Kinder, Eltern, Partner oder unsere Freunde
ignorieren oder misshandeln, wenn wir unempfindlich gegenüber dem Bedürfnis
anderer sind, wenn wir uns unfreundlich, grausam oder gleichgültig
verhalten, so hinterlassen wir Schmerzen und Verletzungen. Diese Taten, ob
klein oder groß, haben oft langanhaltende Wirkungen.
Es ist wohl sicher, daß jeder von uns, wenn er in der eigenen Erinnerung
zurückgeht, ein besonders schmerzhaftes Erlebnis finden kann, einen Moment
von tiefem Leid, der unvergesslich ist und unsere Verhaltensmuster und
emotionalen Reaktionen seither geprägt hat. Vielen von uns wurden als Kinder
Wunden zugefügt, - gefühlsmäßig, psychisch oder physisch. Manche sind von
ihren Eltern oder Geschwistern entfremdet. Viele sind traumatisiert worden
und sind Erben dieses "Messers im Herzen".
Es ist wichtig sich daran zu erinnern, daß wir nicht allein im Universum
leben. Wir sind miteinander verbunden, ob durch Liebe, Zuneigung, Abneigung,
oder gar Hass. In jedem Fall müssen unsere Beziehungen mit Sorgfalt
behandelt werden. In der Bibel wird gesagt: "Die Taten der Eltern sind ein
Zeichen für die Kinder." Unsere oft egoistisch, unverantwortlich oder
gleichgültig begangenen Taten sind kleine Zellen, die sich weiterentwickeln.
Es kann sein, daß sie sich in der Konsequenz erst in der nächsten oder in
den übernächsten Generationen auswirken werden.
Was wir jetzt tun, beeinflusst die Zukunft. Das soll aber nicht heißen, dass
nur das Übel, das man begeht, große Auswirkungen hat. Das Wohl, das wir in
der Welt bewirken, fällt gleichermaßen stark ins Gewicht. Eine Tat der
Liebenswürdigkeit, ein Moment der Empfänglichkeit, des Verzeihens oder der
Reue, eine verantwortungsbewusste Handlung, sind unschätzbar wertvoll.
Wajera: 1. Buch Moses 18,1 bis 22,24
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