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Nach "Let
there be Freedom – The Bible Unveiled", Logos
Publication, 1989
Übersetzung: der Verfasser und Cornelia Fuchs
Opfer
PARASCHAT
VAJIKRA
Leviticus 1-5
Von Eli Erich Lasch
Nach der Verkündigung der Zehn Gebote
treffen wir auf ein scheinbares Paradox: „Wenn du mir aber einen Altar aus
Steinen machen wirst, so sollst du ihn nicht aus behauenen Steinen bauen:
Denn wenn du über ihm dein Schwert erhebst, hast du ihn entweiht.“ (Exodus
20,21)
Dieser Satz und der vorangehende,
ebenso wie die jetzige Parascha, beschäftigen sich mit Tieropfern, einem
Thema, das wesentlich dazu beiträgt, dass moderne Menschen Schwierigkeiten
haben die Bibel zu akzeptieren.
Tieropfer spielen eine wesentliche
Rolle im vorgeschriebenen Ritual und werden in der Bibel breit diskutiert.
Der oben zitierte Satz klingt fast wie Hohn . Warum sollte ein Altar, auf
dem ständig ein Schwert oder ein Messer benutzt wird, entweiht werden, wenn
man die Steine mit demselben Instrument behaut? Wie ist es möglich, dass der
Gott der Liebe und des Lebens es zulässt, dass er mit dem Opfern von Tieren
verehrt wird?
Wenn wir zum hebräischen Original
zurückkehren, stellen wir fest, dass die Bibel nicht von behauenen Steinen,
sondern von bearbeiteten Steinen spricht. Die Vorschrift lautet also:
Bewahre den Stein in seiner natürlichen Form. Ein Altar aus Erde, ein Altar
aus natürlichem Stein. Tieropfer sind weder grausam, noch unmenschlich. Sie
sind Teil der natürlichen Ordnung der Dinge.
Im Gegensatz zu den meisten östlichen
Religionen fordert die Torah keinen Vegetarismus außer vielleicht im ersten
Kapitel der Genesis. Aber das war, bevor Adam und Eva das Paradies verließen
um die materielle Welt zu erleben. Laut der Genesis wurde die ganze lebende
Natur von Gott erschaffen; für ihn gibt es keinen grundsätzlichen
Unterschied zwischen Pflanzen und Tieren. Er hat beiden das Leben gegeben
und die Verantwortung für sie dem Menschen übertragen. Wenn wir das Gefühl
haben, dass das Töten eines Tieres eine grausame Handlung als das Ernten von
Pflanzen ist, dann nur, weil die tierische Form der unseren ähnlicher ist.
Wir können uns leichter mit einem Tier identifizieren als mit einer Pflanze.
Neuere Forschungen haben allerdings bewiesen, dass auch Pflanzen Furcht
zeigen, und jeder Gärtner weiss, dass Pflanzen sehr positiv auf Liebe und
Aufmerksamkeit ansprechen. Um wieder die Bibel zu zitieren: „Es wuchs kein
Kraut auf dem Felde ... denn es war kein Mensch da den Boden zu bebauen.“
(Genesis 2, 5).
Die Tiere wurden erschaffen um den
Menschen von seiner Einsamkeit zu erlösen (ebd. 18, 19); und sie wurden nach
seinem Vorbild erschaffen. Dieser Ähnlichkeit ist sich jeder Arzt bewusst.
Der menschliche Körper ist seiner
Konstitution nach Fleisch- und Pflanzenfresser zugleich und kann sich so
oder so ernähren – genau wie die verschiedenen Tierarten. Das bringt
allerdings die Gefahr mit sich, dass er sich zu sehr mit dem Tierreich
identifiziert und seine Ursprünge vergisst; vergisst, dass die Tierwelt
seinetwegen erschaffen wurde, wie die Torah uns zeigt. Er wird sich als ein
integraler Teil des Tierreiches ansehen und anfangen zu glauben, dass er nur
ein intelligentes Tier sei, das Endergebnis eines langen
Evolutionsprozesses, das letzte Glied in einer Kette von Affen, ein Glaube,
der heute weit verbreitet ist. Der moderne Mensch hat vergessen, dass er
nicht nur von der Erde kommt, sondern ein Teil Gottes ist und identifiziert
sich völlig mit seinem tierähnlichen Körper.
Das ist meines Erachtens der
biblische Grund für die Tieropfer. Tieropfer waren die meistverbreitete Form
des Gottesdienstes in der Antike und die meisten Bibelforscher seit dem
Rambam[i]
glauben, dass sie aus diesem Grund in den biblischen Ritus aufgenommen
wurden. Nach dieser Auffassung konnten sich die Menschen einfach keinen
Gottesdienst ohne Opfer vorstellen.
Obwohl diese Erklärung sicher
stichhaltig ist und möglicherweise einer der Gründe für die Aufnahme des
Opfers in den biblischen Ritus war, kann die Macht der Gewohnheit nicht der
Hauptgrund sein. Nicht umsonst haben die Propheten gegen diesen Brauch
gewettert und immer aufs Neue wiederholt, dass es nicht Gott ist, der die
Opfer braucht, sondern die Menschen. Viele der Bibelgelehrten der
Vergangenheit haben die Sache einfach damit erklärt, dass es sich um ein
Gebot Gottes handele, das man nicht hinterfragen dürfe.
Wenn die Bibel keine anderen Motive
gehabt hätte, als Gewohnheiten nachzugeben, hätte sie die Opfer verboten,
genau so wie die Götzenanbetung, die gleichfalls weit verbreitet war. Im
Gegensatz zum Christentum hat das Judentum auch die Götzen nicht übernommen
und in Heilige umgewandelt.
[ii] Die
Bibel ist ein revolutionäres Werk und gibt niemals Gewohnheiten nach. Was
war nun das wirkliche Motiv?
Auch wenn die Opferpraktiken zu Ehren
der Götzen den biblischen zu ähneln scheinen, gehen sie von völlig
unterschiedlichen Voraussetzungen aus. Während es das Ziel der damals
üblichen Opfer war, die Götter zu besänftigen, indem man sie ernährte, waren
die biblischen Opfer symbolische Handlungen.
Sie können grob in drei Gruppen
unterteilt werden – Sündopfer, Dankopfer und das tagtäglich wiederkehrende
Opfer. Wenn wir mit den Opfern beginnen, die als Buße für begangene Sünden
dargeboten werden, müssen wir zur ursprünglichen Bedeutung von Sünde
zurückkehren. Wie ich in diesem Buch schon einmal erwähnt habe, hat Sünde
nichts mit Bösartigkeit zu tun. Das Wort bedeutet vielmehr: das Ziel
verfehlen, den falschen Weg gehen oder einfach einen Fehler machen und die
Konsequenzen annehmen. Das könnte der Hintergrund der Opferidee sein. Ein
Weg für Fehler zu bezahlen ist etwas zu opfern, das einem gehört, und so den
Vorgang der Buße greifbar zu machen.
Aber warum ein Tier dafür töten? Wenn
es Ziel der Bibel ist, dem Menschen den Weg zurück zu seiner Göttlichkeit zu
zeigen, wird Sünde, das Abweichen vom Weg Gottes zum Rückfall. Aus dieser
Sicht würde Sündigen bedeuten: den Weg wählen, der zurück zur Identifikation
mit der Tierwelt führt. Dieses ist der Weg, der vom lebendigen Gott und dem
ewigen Leben fortführt. Die Götter, die ihn repräsentieren, sind Tiere (wie
die Götzen Ägyptens) und ihr Ziel ist die Versklavung an die Erde und den
Tod. So ist es sehr angebracht, dass nach dem Verlassen dieses Weges, sein
Symbol, das domestizierte, versklavte Tier, geopfert wird.
Diese Sichtweise erklärt auch das
Sündopfer, das man darbringt, nachdem man von einer Krankheit geheilt wurde.
Die Bibel zeigt uns damit, dass Krankheit mit Sünde gleich gestellt werden
soll. Krankheit ist aber keine Bestrafung für eine begangene Sünde, sondern
eher das logische Resultat unseres Nachgebens gegenüber so ungöttlichen und
tierähnlichen Impulsen wie Angst, Ärger und Sorgen. Oft resultiert Krankheit
auch daraus, dass wir unserem Körper Falsches zumuten. Die meisten heutigen
Krankheiten sind Zivilisationskrankheiten, die auf „Sünden“ wie Stress,
Überessen u.ä. zurückzuführen sind. Wie schon gesagt, ist Krankheit aber
keine Strafe eines zürnenden Gottes. Sie wird auch nicht durch innere und
äußere Einflüsse ausgelöst, über die wir keine Kontrolle haben. Wir haben
die Macht gesünder zu leben und unsere Umgebung zu verändern. Das ist genau
das, was die Bibel erreichen will, und nicht umsonst finden sich in ihr und
im Talmud so viele Gebote, die sich mit dem beschäftigen, was man heute als
sanitäre Vorschriften bezeichnen würde.
[iii] Wir
sind es, die unseren Körper und unsere Umgebung erschaffen, genauso wie wir
selbst unseren Körper und unsere Krankheiten sowie ihre Auslöser entwickeln.
Wir und niemand anders sind dafür verantwortlich.
Indem wir körperliche Krankheiten
entwickeln, erlauben wir es unserer Schöpfung, unserem Tierkörper, uns zu
beherrschen und unsere Probleme zu lösen – ein Zustand, den die moderne
Medizin als psychosomatische Krankheit oder „Flucht in die Krankheit“
bezeichnet. Krankheit ist daher nicht nur das Resultat von Sünde, sondern
die Sünde selbst, und ihre Heilung sollte als Rückkehr auf den richtigen Weg
betrachtet werden. Daher, wie schon gesagt, das Sünd- oder Sühneopfer.
In diesem Zusammenhang ist es
interessant zu bemerken, dass die Bibel auch die Askese[iv][v]
als Sünde ansieht, für die man durch ein Opfer büßen muss. Der Mensch sollte
nicht versuchen Gott, das Prinzip des Lebens, anzubeten, indem er auf das
Leben verzichtet. Auch sollte er den Schöpfer nicht dienen, indem er seinen
Körper ablehnt, den Teil seiner selbst, den er beständig aufs Neue
erschafft. Diese Sichtweise ist genau das Gegenteil der christlichen
Tradition, die die Askese befürwortet, da sie den Körper als Feind ansieht,
der bestraft und besiegt werden muss.
Die Torah sieht Askese nicht als die
Erfüllung von Gottes Willen an; deswegen muss jemand, der der Askese gefrönt
hat, ein Sühneopfer bringen. Die Bibel befürwortet ein volles Leben
inklusive Geschlechtsverkehr.
Brandopfer haben allerdings eine
tiefere Bedeutung, die nur von einer Generation verstanden werden kann, die
über unser Wissen verfügt. Was ist es eigentlich, das da geopfert wird, und
was geschieht tatsächlich?
Wie wir zuvor gesehen haben, gibt es
viele verschiedene Arten von Opfern. Einige werden zum Teil verbrannt und
zum Teil verzehrt, andere werden völlig verbrannt. Bei bestimmten Opfern
werden nur Säugetiere geopfert, andere schließen auch Vögel ein, während ein
dritter Typus nur aus Brot und Olivenöl besteht. Man könnte fast sagen, dass
eine Vielfalt von kompletten Mahlzeiten zum Verbrennen zubereitet werden.
Wenn wir dieses in unsere moderne Sprache übersetzen, stellen wir fest, dass
Opfer tatsächlich vollständige Mahlzeiten sind, die Eiweiße, Fett und
Kohlehydrate enthalten. Im Gegensatz zum Götzendienst werden sie aber nicht
benutzt, um die Götter zu ernähren, sondern sie werden durch das Opferfeuer
von materieller in spirituelle Energie verwandelt. Aber tun wir nicht genau
das mit der Nahrung, die wir essen? Wird nicht ständig durch unseren Körper
und unser Gehirn essbares Material in Energie umgewandelt? Während Tiere
sich nur ernähren um am Leben zu bleiben, wird beim Menschen ein Teil dieses
Prozesses benutzt, um geistige Energie zu erzeugen, das, was den Menschen
zum Menschen macht. Dieses ist der wirkliche Unterschied zwischen Mensch und
Tier.
Die Brandopfer symbolisieren
den unüberbrückbaren Abgrund zwischen der Menschheit und dem Tierreich.
Tiere, ebenso wie die Pflanzen, gehören der Erde an und sind im Grunde
nichts anderes als Glieder einer endlosen Nahrungskette. Ihr Leben ist von
drei Trieben erfüllt: Überleben, Ernährung und Fortpflanzung. Während auch
der Mensch dieselben Bedürfnisse und Triebe hat, nimmt ihre Erfüllung nur
einen Teil seiner Zeit in Anspruch. Da er nicht nur der Erde angehört, ist
er mehr als nur ein Glied in der Nahrungskette der Natur, sondern
kontrolliert sie in weitem Maße.
Er kann es sich daher leisten, Nahrung zu benutzen um Wünsche und Triebe zu
befriedigen, die über die tierischen Grundbedürfnisse hinausgehen. Es ist
diese Freiheit, die durch das Brandopfer symbolisiert und sogar zelebriert
wird. Der moderne Mensch verabscheut zeremonielle Opfer und nennt sie
barbarisch, grausam und primitiv. Aber feiern wir nicht alle unseren
Überfluss indem wir Tiere opfern um große Gelage abzuhalten? Und was ist mit
dem so genannten Jagdsport? Wie viele Tiere werden von Jägern nur zum
Vergnügen getötet? Ich frage mich, welcher Brauch barbarischer ist. Zwar bin
ich nicht der Meinung, dass wir Tieropfer wieder einführen sollten; aber ich
glaube, dass wir versuchen sollten ihre Bedeutung zu verstehen und aufhören
sollten sie (und andere Vorschriften der Bibel) als Gebräuche anzusehen, die
nur für Primitive taugen. Tieropfer sind nicht verschwunden; nur ihre Form
hat sich verändert. Statt Tiere zu opfern um den spirituellen Teil in uns zu
ehren, den wir Gott nennen, opfern wir sie zu Ehren unserer niedrigsten (und
oft bestialischen) Gelüste und Triebe. Wir opfern sie nicht um zu essen,
sondern uns zu überfressen; nicht um unseren Hunger zu stillen, sondern
unsere Gefräßigkeit.
Bevor wir dieses Thema verlassen,
wollen wir uns noch mit dem Thema der Menschenopfer befassen. Dieses war ein
Gebrauch, der von der Bibel aufs Schärfste verurteilt wurde, aber im Volk
von Judäa trotzdem weit verbreitet war.[vi]
Damals opferte man Menschen um die Gemeinde zu retten. Und heute? Heute
opfern wir Körperteile um den Körper zu retten. Wir versuchen nicht den
Körperteil zu heilen, sondern schneiden ihn heraus. Haben wir uns wirklich
verändert?
Wenn wir jetzt zum Anfang dieses
Beitrags zurückgehen, können wir verstehen, warum die Torah den Gebrauch
eines Schwerts zum Behauen der Steine des Altars verbietet. Die Torah sieht
das Töten von Tieren nicht als einen Akt der Gewalt an, solange es einem
positiven Zweck dient und nicht aus einem Zerstörungstrieb heraus geschieht.
Das Tier wird auf jeden Fall getötet werden um als Nahrung zu dienen. Wenn
nicht durch einen Menschen, so durch ein Raubtier. Das Schwert hingegen wird
nur zur Zerstörung benutzt. Selbst das hebräische Wort für Schwert bedeutet:
„das, was zerstört“ und hat denselben Stamm wie das Wort für Trockenheit. So
ein Instrument beim Bau eines Altars zu benutzen würde diesen entweihen.
Zur [Diskussion],
steht der Autor im Forum zur Verfügung.
-
[i]
Rambam, Der Lehrer der Verwirrten
-
[ii]
Die christliche Religion hat die Götzen zum Teil in Heilige verwandelt. So
wurde z.B. Isis in Maria, die Mutter Gottes verwandelt oder, wie C.G.
Jung behauptet, Osiris in Jesus. Das hat das Judentum nicht getan.
-
[iii]
Als in Europa der schwarze Tod (die Pest) wütete, waren die Juden kaum
betroffen, weil sie die Toten sofort gewaschen und in Leichentücher
eingewickelt haben. Deswegen hat man sie beschuldigt die Brunnen
vergiftet zu haben.
-
[iv]
hebr. „nazir“; Numeri 6, 13-21
-
[v]
-
[vi]
2. Könige, 23.10 und Jeremiah 32.35
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