|

Exodus, 1-5
PARASCHAT SCH'MOTH
Die Unterdrückung in Ägypten
und das Auftreten von Moses
Von Eli Erich Lasch
(Auszug aus seinem Buch "Let
there be Freedom – The Bible Unveiled", Logos Publication, 1989)
I) Die Unterdrückung in Ägypten
Nach der Prophezeiung, die anlässlich
des Bundes zwischen Gott und Abraham offenbart wurde, sollten zwischen der
Zeit von Jakobs Ankunft in Ägypten und der Zeit des Exodus 400 Jahre
vergehen. 400 lange Jahre. Und dennoch schweigt die Bibel über den grössten
Teil von ihnen. Der ganze Zeitraum zwischen Josephs Tod und Moses’ Geburt
wird mit drei knappen Sätzen zusammengefasst:
„Dann starben Joseph und seine Brüder
und diese ganze Generation. Aber die Söhne Israels waren fruchtbar und
wuchsen sehr an Zahl; sie wuchsen und vermehrten sich so außerordentlich,
dass sie das Land füllten.“
Dies war die Reifungsperiode der
neuen Nation, der Zeitraum, in dem die Familie zum „Volk Israel“ wurde. Aber
bis zu dem, was wir heute als das jüdische Volk oder Israel, das Volk mit
einer besonderen Aufgabe, ansehen war der Weg noch weit und die Bibel drückt
ihre Meinung über sie aus, indem sie ihre Vermehrung mit dem Begriff
beschreibt, der für die Fortpflanzung von Reptilien und Insekten
verwendet wird!
Ob die Geschichte von Joseph, von der
Unterdrückung der Kinder Israels und vom Exodus historisch wahr sind, ist
schwer festzustellen, da es nicht die geringste Spur von irgendeinem dieser
Ereignisse gibt außer dem Bericht in der Bibel selbst. Dies ist ziemlich
erstaunlich, wenn wir in Betracht ziehen, dass kein Land des alten Mittleren
Ostens uns eine solch exakte Geschichte seiner selbst überliefert hat wie
Ägypten. Doch dieses Schweigen könnte leicht erklärt werden, wenn wir Joseph
in der Periode der Hyksos ansiedeln, semitischer Kriegerstämme, die 1730 vor
Christus plötzlich Ägypten überrannten und es 150 Jahre lang beherrschten.
Dies waren turbulente Zeiten, die nur spärliche Aufzeichnungen hinterließen.
Trotzdem existiert ein indirekter Beweis für die Authentizität der
biblischen Geschichte.
Die biblische Beschreibung des
historischen Hintergrundes ist immer wieder bestätigt worden. Die Zeremonie
von Josephs Erhebung zum Vizekönig ist genau nach Protokoll, und die
Beschreibung, wie Joseph in Pharaos zweitem Wagen fährt, weist auch darauf
hin, dass dies in der Zeit der Hyksos geschah, da erst damals der schnelle
Streitwagen nach Ägypten kam. Wenn Joseph wirklich ein Hyksos war, ist es
zudem nur logisch, dass er seine Familie in einer der fruchtbarsten Gegenden
Ägyptens ansiedelte und ihnen besondere Rechte gab.
„Und Israel wohnte im Land Ägypten im
Lande Gosen, und sie hatten Besitztümer daselbst und wuchsen und mehrten
sich gewaltig.“ (Genesis 47, 27)
Jetzt ist die Szene für den nächsten
Schritt bereitet.
„Da kam ein neuer König auf in
Ägypten, der wusste nichts von Joseph. Und er sagte zu seinem Volk: ‚Siehe,
das Volk Israel ist mehr und mächtiger als wir. Wohlan, wir wollen sie mit
List niederhalten, dass sie nicht noch mehr werden, und wenn es sich begibt,
dass ein Krieg ausbricht, schließen sie sich auch unseren Feinden an und
kämpfen gegen uns und ziehen so aus dem Lande aus.’
Deshalb setzte man Fronvögte über
sie, die sie mit Zwangsarbeit bedrücken sollten. Und sie bauten für Pharao
die Fronstädte Pitom und Ramses. Aber je mehr sie sie bedrückten, desto
stärker mehrten sie sich und breiteten sich aus. Und sie wurden der Kinder
Israel überdrüssig. Und die Ägypter zwangen die Kinder Israel unbarmherzig
zum Dienst und sie machten ihnen das Leben bitter mit schwerer Arbeit in Ton
und Ziegeln und mit allerlei Frondienst auf dem Feld: Erbarmungslos war alle
Arbeit, die sie ihnen auferlegten.“ (Exodus 1, 8-14)
Die moderne Forschung schreibt die
Rolle des neuen Königs, der ‚nichts von Joseph wusste’, dem großen Bauherrn
Ramses II. zu, der sich eine neue Hauptstadt mit dem Namen Pi-Ramesses
baute. Sein Unwissen ist verständlich, da ja Joseph Jahrhunderte vor ihm
während der Herrschaft der Hyksos lebte. Das erste, was nach der Vertreibung
dieser Invasoren getan wurde, war wohl die Ausradierung von allem, was die
Bevölkerung an diesen Zeitraum erinnern konnte, eine Regel, der bis heute
die erfolgreichsten Freiheitskämpfer folgten. Je besser und humaner die
Regierung, um so vollständiger und systematischer ist die Tilgung selbst
ihrer geringsten Spur. Man kann also die Furcht- und Hassgefühle der neuen
Herrscher gegenüber den semitischen Stämmen verstehen, die sich während der
Besatzung stark vermehrt hatten. Wir müssen zugeben, dass aus Pharaos Sicht
seine Furcht nicht völlig unbegründet war. Wir wissen nicht, ob der
abschätzige Ausdruck, den die Bibel benutzt, wenn sie über die Vermehrung
der Kinder Israels spricht, auf die Haltung der Bibel oder auf die Haltung
Pharaos hindeutet. Er erinnert einen jedoch an jüngere Ereignisse. Als das
nationalsozialistische Deutschland den Prozess einleitete, der zur
Vernichtung der Juden führte, verglich es sie mit Ratten und anderen Arten
von Schädlingen. Versucht uns die Bibel hier zu sagen, dass die Ausrottung
eines Volkes erst möglich wird, wenn die zu Opfern ausersehenen als
Ungeziefer betrachtet werden? Oder noch schlimmer, wenn die Opfer so
tief gesunken sind, dass sie sich selbst für Ungeziefer halten – oder
anderen erlauben, sie als solches zu betrachten? Ein stolzes und
selbstsicheres Volk wird es nie zulassen, dass dies geschieht.
Wenn wir zur Bibel zurückkehren,
lesen wir, dass die Kinder Israel sich tatsächlich in eine
Sklavenbevölkerung verwandeln, die benutzt wird, um die zwei Städte Pitom
und Ramses (oder Pi-Ramsses, die man in den letzten Jahren entdeckt hat) zu
bauen. Selbst dies scheint den neuen Herrschern von Ägypten kein Gefühl der
Sicherheit zu geben. Sie wissen nur zu gut, wenn die Hyksos zurückkehren
sollten, würden sie bereitwillige Verbündete bei dieser Bevölkerung finden.
Die einzige Antwort auf diese mögliche Bedrohung ist die völlige Ausrottung.
(Vertreibung würde nur die Bedrohung, die jetzt zumindest teilweise unter
Kontrolle ist, in eine sehr reale verwandeln.)
„Diese Leute, die das Land so gut
kennen, werden ihre Kräfte sammeln und zurückkommen und uns wie die Hyksos
in einem unerwarteten Moment angreifen. Und ich, der große Baumeister,
brauche die Sklaven im Augenblick sowieso.“ Welcher Sklavenhalter verliert
gerne seine Sklaven, selbst wenn sie eine potentielle Gefahr darstellen?
Aber auch das genügte nicht um Pharaos Ängste zu beschwichtigen. Die
bestehende hebräische Sklavengesellschaft genügte ihm, um seine Hauptstadt
zu bauen, aber neue dürfen nicht dazu kommen. Und so initiierte er den
nächsten Schritt: Pharao gebot all seinem Volk: „Jeder Sohn der geboren
wird, in den Fluss werfet ihn“ (Exodus 1, 20).
Es ist von Interesse zu bemerken,
dass dieses Thema – die Bedrohung der völligen Ausrottung des Volkes Israel
und seine anschließende Wiedergeburt – sich immer aufs Neue wiederholte. Das
Königreich Davids wurde nach einer Periode schwerer Unterdrückung durch die
Philister gegründet; der Rückkehr nach Judäa nach der Zerstörung des ersten
Tempels gingen die Ereignisse voraus, die im Buch Esther (die Bedrohung der
totalen Vernichtung der Juden durch Haman) beschrieben wurden; und der Staat
Israel wurde drei Jahre nach dem Holocaust gegründet, der die europäischen
Juden fast völlig auslöschte.
Ich möchte hier noch etwas
einflechten: Die Bibel ist kein Lehrbuch der Geschichte, sondern ein
Handbuch, das historische Ereignisse als Parabeln benutzt, mit dem Hauptziel
der Belehrung, dem Tao gleichzusetzen. Es stellt sich immer wieder die
Frage, ob der Exodus wirklich geschah, den wie konnte z.B. die Wüste Sinai
600.000 Menschen mit all ihrem Vieh ernähren? War das wirklich nur ein
Parabel? Oder vielleicht hat der Exodus noch gar nicht stattgefunden.
Vielleicht befinden wir uns immer noch in dem „engen Land“, Ägypten[i],
und sind dem Materialismus verknechtet?
Die Analogie zwischen der Geschichte
der Hebräer in Ägypten und dem, was den Juden in Deutschland während der
Herrschaft Hitlers widerfuhr, ist wirklich frappierend. Es war nicht nur,
dass beide, Pharao und Hitler, versucht hatten das jüdische Volk
auszurotten, sondern in beiden Fällen war die Entwicklung ähnlich. Erst
waren sie geachtete Gäste, dann veränderte sich ziemlich plötzlich ihr
Status: Ihre Rechte wurden ihnen genommen und sie wurden Ungeziefer
gleichgestellt. Der Versuch sie auszurotten war die logische Konsequenz.
Aber zurück zur Bibel. An dieser
Stelle spricht die Bibel mit Ironie. Als Pharao seine Befürchtungen zum
Ausdruck bringt, sagt er: „Lasst uns mit ihnen fertig werden, damit sie sich
nicht noch mehr vermehren.“ Die Entgegnung der Bibel auf diese Äußerung ist:
„Aber je mehr sie sie bedrückten, desto stärker vermehrten sie sich und
breiteten sich aus.“ Dies soll allen eine Lektion sein, die versuchen das
Volk Israel zu vernichten. Je mehr sie unterdrückt werden, desto stärker
wachsen sie. Wie die Geschichte wiederholt gezeigt hat, verschwinden die
Unterdrücker von der Bühne der Geschichte und die Kinder Israels, die Juden
der Moderne, bestehen weiter. Die Philister
[ii]sind von der Bühne der Geschichte verschwunden,
genau wie das persische Grossreich und von Altägypten gibt es nur noch
Ruinen und Mumien. Wie die Parabel sagt, können die Juden mit einem Ei
verglichen werden: Je mehr man es der Hitze aussetzt, desto härter wird es.
Die Kinder Israels, die Nachfahren
der einst so stolzen Familie von Nomaden und Kriegern, können nicht mehr
tiefer sinken. Die Bühne ist jetzt bereit für den Auftritt des Befreiers,
für den Auftritt von Moses.
II)
Moses
Moses, der Befreier, Moses, der
Gesetzgeber, Moses, der Mensch, der einen so mächtigen Schatten warf,
das er selbst heute noch wahrzunehmen ist, über 3000 Jahre nach seinem Tod.
Es gibt wohl keinen einzelnen
Mann in der westlichen Geschichte, der einen grösseren und länger
anhaltenden Einfluss hatte als Moses. Denn wo wären wir heute ohne ihn? Was
wäre die moderne Welt ohne die drei monotheistischen Religionen? Selbst
Jesus und Mohammed sind in erster Linie seine Nachfolger. Jeder von
ihnen versuchte die Lehren der Meisters zu verbessern, auf den „neuesten
Stand“ zu bringen, sie zeitgemäß zu machen und sie den veränderten
Bedürfnissen und Realitäten anzupassen.
Wer war dieser Mann Moses? War er ein
Abkömmling der Kinder Israel, wie die Bibel behauptet, oder war er Ägypter,
ein Anhänger der zu der Zeit verbotenen neuen monotheistischen Religion des
Echnaton, ein ägyptischer Eingeweihter, wie es von Sigmund Freud behauptet
wird?
Theorien, Theorien, Theorien, aber
die einzige Quelle, die wir haben, ist die Bibel, das einzige Schriftstück,
in dem Moses erwähnt wird.
„Ein Mann aus dem Hause Levi war
gegangen und hatte sich eine Levitochter genommen. Das Weib wurde schwanger,
sie gebar einen Sohn. Sie sah, dass er wohlbeschaffen war, und
versuchte drei Monate ihn zu verheimlichen. Als sie ihn nicht länger
verheimlichen konnte, nahm sie für ihn ein Kästlein aus Papyrusrohr,
verlehmte es mit Lehm und mit Pech, legte das Kind darein und legte es in
das Schilf am Ufer des Flusses. Seine Schwester aber stellte sich von fern,
um zu erfahren, was ihm geschähe.
Pharaos Tochter stieg herab, am Fluß
zu baden, während ihre Jungfrauen sich zuseiten des Flusses ergingen. Sie
sah das Kästlein mitten im Schilf und schickte ihre Magd, dass die es
aufnehme. Sie öffnete und sah, dass es ein Kind war: ein weinender
Knabe !
Es dauerte sie sein, sie sprach: Von
den Kindern der Hebräer ist dieses. Seine Schwester sprach zur Tochter
Pharaos: Soll ich gehen und dir ein säugendes Weib von den Hebräerinnen
rufen, dass sie das Kind dir säuge ? I
Pharaos Tochter sprach zu ihr: Geh!
Das Mädchen ging und rief die Mutter
des Kindes.
Pharaos Tochter sprach zu ihr: Lass
dieses Kind mitgehen und säuge es mir, deinen Lohn gebe ich selber. Das Weib
nahm das Kind und säugte es.
Das Kind wurde gross, sie brachte es
zu Pharaos Tochter, es wurde ihr zum Sohn.
Sie rief seinen Namen: Mosche, der,
den ich herausgezogen habe, aus dem Wasser habe ich ihn herausziehen
lassen“. (Exodus, 2, 1-10)
Dieser Geschichte zu Folge war Moses
ein hebräisches Kind, dem Tode geweiht, aber im Gegensatz zu allen anderen
männlichen Kindern der Hebräer wurde er nicht in den Fluss (den Nil)
geworfen, um dort zu ertrinken, sondern in einem Körbchen an das Ufer, in
das Schilf gelegt, und Schilf heißt auf hebräisch Suf, ein Wort, das auch
als Sof, das Ende, gelesen werden kann
[iii]:
das Ende eines Zeitalters, das Zeitalter der Unterdrückung und der
Götzendienerei.
Alle Spekulationen moderner
Wissenschaftler über die Herkunft von Moses sind jedoch von geringer
Bedeutung; Wie schon gesagt ist die Bibel ist kein Lehrbuch der Geschichte.
Wenn wir die Gestalt von Moses analysieren, sehen wir, dass beide
Sichtweisen, die seine Herkunft betreffen, richtig und falsch zugleich sind.
Moses war auf der einen Seite sowohl Hebräer als auch Ägypter, gleichzeitig
war er keiner von beiden - weder Hebräer noch Ägypter. Der erste Teil dieser
These geht schon aus seinem Namen hervor, der eine Bedeutung auf Hebräisch
und eine andere in Altägyptisch hat. Die hebräische Bedeutung ist die in der
Bibel erwähnte: „Den ich herausgezogen habe, aus dem Wasser habe ich
ihn herausziehen lassen“. (Exodus, 2, 1-10) ( Moses oder Mosche kommt von
dem hebräischen Verb mascha, herausziehen, retten). In Altägyptisch hingegen
bedeutet Mosche oder Moses einfach Sohn oder Junge, ein nicht ungewöhnlicher
Name, da ja eine ganze Anzahl von Pharaonen Ahmose oder Tutmose hießen.
Angesicht der späteren Entwicklungen ist es gerechtfertigt die Geschichte
der Bibel wörtlich zu nehmen, dass Moses tatsächlich ein hebräisches Kind
war, das von der ägyptischen Königsfamilie adoptiert wurde. Seine hebräische
Herkunft wird am besten durch die folgende Geschichte demonstriert:
„In jenen Tagen geschah es, Mosche
war gross geworden, er zog zu seinen Brüdern aus und sah ihre Lasten. Er
sah, wie ein ägyptischer Mann einen hebräischen Mann, einer von seinen
Brüdern, schlug. Er wandte sich hierhin und dorthin, sah, dass
kein Mann da war, und erschlug den Ägypter. Er verscharrte ihn im Sand. Am
zweiten Tag zog er wieder aus, da rauften miteinander zwei hebräische
Männer. Er sprach zu dem Schuldigen: Warum schlägst du deinen Nächsten? Der
sprach: Wer hat dich zu einem Obern und Richter über uns gesetzt? Gedenkst
du mich umzubringen, wie Du den Ägypter umgebracht hast? Da fürchtete sich
Moses und sprach zu sich: Gewiss, bekannt geworden ist das Begebnis. Pharao
hörte von diesem Begebnis und trachtete ihn umzubringen.“(Exodus, 2, 11-15).
Wäre Moses wirklich nur ein
ägyptischer Prinz gewesen, hätte ihn das Schicksal eines hebräischen Sklaven
nicht besonders gekümmert. So tief hinab reichte die ägyptische Justiz
nicht. Außerdem hätte er die Pläne seiner Familie, die gefährlichen
Aussenseiter loszuwerden, geteilt. Von grösserer Bedeutung ist die Reaktion
der beiden hebräischen Männer. Wenn sie nicht gewusst hätten, wer Moses
wirklich war, hätten sie nicht so reagiert, wie sie es taten. Die Ägypter
waren schliesslich ihre Herren und Meister, in gewisser Weise sogar ihre
Besitzer - haben nicht ihre Vorfahren ihre Freiheit dem Pharao
hingegeben? (Genesis, 47.25) Auch Pharao kannte Moses wahre Herkunft, sonst
hätte er nicht „getrachtet“ ihn, den sogenannten Prinzen, umzubringen.
Moses` ägyptische Kinderstube und Erziehung wird am besten durch
das umfangreiche Wissen, das er hatte, dokumentiert. Es war das Wissen eines
ägyptischen Priester-Eingeweihten. Laut der Bibel sah er sogar wie ein
Ägypter aus.
Als er, nachdem er vor Pharao
geflohen war, nach Midian kam, wurde er von den Einheimischen als solcher
angesehen:
„Der Priester von Midian hatte sieben
Töchter. Die kamen, schöpften und füllten die Rinnen, die Schafe ihres
Vaters zu tränken, aber die Hirten kamen und scheuchten sie auf, Mosche
erhob sich, er befreite sie und tränkte ihre Schafe.
Als sie zu Reuel, ihrem Vater, kamen,
sprach er: Warum habt ihr euch heute so beeilt heimzukommen ? I
Sie sprachen : Ein ägyptischer
Mann hat uns aus der Hand der Hirten gerettet, er schöpfte auch, schöpfte
für uns und tränkte die Schafe.
Er sprach: Wo ist er denn ? warum
habt ihr den Mann zurückgelassen ? Ruft ihn, dass er das Brot esse!
Mosche willigte ein, bei dem Mann zu weilen. Der gab Mosche seine Tochter
Zippora“.(Exodus, 2, 16-20)
Laut der Kabbala waren die Flucht und
der Aufenthalt in Midian notwendige Schritte in der Entwicklung
Moses’.
Midian (M’Din) ist das Land des Din,
des Gesetzes und der Gerechtigkeit, und der Name des Priesters bedeutet der
Schafhirt Gottes. Aber wichtiger ist die Tatsache, das Reuel ein Nachkommen
Esaus war und deswegen auch seine Tochter. Moses hatte also eine Nachkommin
Esaus geheiratet. Hat das etwas mit der Versöhnung der Brüder zu tun?
Während Moses aus oberflächlicher
Perspektive sowohl Ägypter wie auch Hebräer war, war er im Grunde keines von
beiden. Zu der Zeit hatten Hebräer und Ägypter eines gemeinsam, die
Sicherheit, die rigide Strukturen bieten, die Sicherheit, die mit der
Abwesenheit der freien Wahl und mit totaler Gewissheit verbunden ist. Die
freie Wahl, die mit Freiheit verbunden ist, ist immer etwas gefährliches.
Ägypter wie Hebräer waren von scheinbar unüberwindbaren Mauern umgeben
und gefangen gehalten. Für die Hebräer waren diese Mauern greifbar: ihre
ägyptischen Herren: Sklaven treffen keine Entscheidungen. Sklaven können nur
einem Weg folgen, den, den ihre Herren ihnen vorschreiben. Aber auch die
Ägypter waren in hohen Mauern eingeschlossen, die Mauern einer Jahrtausende
alten Tradition Auch sie hatten sehr strenge Meister- ihre Vorfahren. Wenn
man sich die ägyptische Kultur anschaut, sieht man, dass 3000 Jahre lang
keine erkenntliche Entwicklung stattgefunden hatte. So waren die Ägypter die
Gefangene, nein, die Sklaven, einer versteinerten Ewigkeit. Sie konnten nur
einem Weg folgen, dem, den ihre Vorväter vorgezeichnet hatten. Beide Völker
waren die Gefangenen einer Realität, die sie nicht selbst erschaffen hatten.
Dies waren die Realitäten gegen die
Moses rebellierte. Moses, der in der Sicherheit des königlichen Hofes von
Ägypten aufgewachsen war, traf die Wahl, Gewissheit gegen Ungewissheit
zu tauschen, Sicherheit gegen Risiko, das Bekannte gegen das Unbekannte. Er
erkannte, dass Vollendung und Unbeweglichkeit gleichbedeutend mit Tod sind,
und er wählte stattdessen das sich ständig entwickelnde Leben. Moses
entschloss sich, ein Schicksal das ihm vorgeschrieben war, zu tauschen gegen
ein Schicksal, das er selbst gestalten würde. Ob Moses wirklich in einem
Korb aus Schilf gelegt wurde, ist nicht relevant. Was wichtig ist, ist die
Bedeutung der Geschichte. Wie wir schon gesehen haben, war der Fluss die im
Altertum weit verbreitete Analogie für Zeit und Schicksal. Man dachte, dass
die Menschheit auf diesem Fluss treibe, über den sie keinerlei Kontrolle
habe. Nach dieser Sichtweise ist der Mensch machtlos angesichts der
Wirklichkeit, angesichts dessen, was war und noch ist. Was der Lauf der
Geschichte oder Gottes Plan für die Menschheit genannt wird. Er kann sich
höchstens anpassen, so gut er kann. Da wir den Fluss oder seine Richtung
nicht ändern können, ist das Beste, was wir tun können, mit ihm zu treiben
und unser Schicksal nach dem Weg des geringsten Widerstands zu gestalten -
und dabei ständig die Begrenzungen in Betracht zu ziehen, die uns von dem
unerbittlichen Fliessen auferlegt werden.
Das Buch Genesis hat jedoch gezeigt,
dass diese Philosophie nicht ganz wahr ist. Abraham wurde Ivri
genannt, weil er nicht mit dem Strom schwamm. Er durchquerte ihn. Das
gleiche galt für Jakob und Joseph. Jakob kämpfte mit dem Engel der
Vorherbestimmung, und Joseph schuf seine eigene Version von der Realität. Er
nutzte was immer ihm widerfuhr zu seinem eigenen Vorteil. Alle drei hatten
allerdings jemanden, der sie führte. Sie haben sich ganz und gar den
Worten Gottes, dem Gott der Freiheit, anvertraut und damit ein neues
Zeitalter eingeläutet.
Aber aus allen Bemühungen der
Patriarchen wäre ohne Moses nichts geworden. Er, ein todgeweihtes männliches
Kind, wurde von seiner Mutter in den Fluss gelegt[iv],
nur um herausgezogen zu werden durch eine Gestalt, der in Ägypten göttliche
Attribute zugeschrieben werden: die Tochter Pharaos. Er war dazu bestimmt ,
ein passives Opfer für den Fluss des Schicksals zu werden, nur um aktiv aus
diesem Fluss heraus gezogen zu werden. Durch diese Tat wird er von einem
„zum Tode bestimmten Kind“ in ein „zum Leben bestimmtes“ verwandelt. Er wird
zu einem Symbol der Zukunft. Das männliche Kind – der Sohn, Moses. Er wurde
von seiner Mutter den fliessenden Wassern des Flusses übergeben und von
einer Gestalt, die Macht über Leben und Tod hatte, die die Verbindung
zwischen Gott und Mensch symbolisiert, aus dem Strom herausgezogen. Eine
Figur, die ihm sein Leben zurückgegeben hat. Indem sie seine symbolische
Wiedergeburt veranlasst, hilft ihm diese Gestalt, den Tod wie auch den Fluss
seines Schicksals zu überwinden. So ist es nicht erstaunlich, dass dies der
Mann war, der aufgerufen war, das Schicksal des Menschen zu verändern, ein
neues Zeitalter herbeizuführen, in dem der Mensch Herr seines Schicksals
werden sollte. Dies war der Mann, der dazu bestimmt war, die Menschheit aus
dem Strom der Vorherbestimmung herauszuziehen und sie auf den Weg zur
Selbstbestimmung zu bringen, einen Weg auf dem der Mensch sein eigenes
Schicksal gestalten kann und schliesslich aufhört, von ihm gestaltet zu
werden. Auf den Weg, der aus der Sklaverei in die Freiheit und zur
Rückgewinnung der menschlichen Göttlichkeit führt.
Dies waren jedoch nur die Zeichen,
welche die Zukunft verhiessen. Bevor er der Menschheit den Weg in die
Freiheit zeigen konnte, musste Moses sich selbst von allen Beschränkungen
seiner Erziehung befreien. Bevor er der Menschheit den Weg zur
Selbstbestimmung zeigte, musste er zum Berg Gottes, zum Chorev kommen, um
sich selbst und seinen Gott zu finden.
Nun ist das Wort „Chorev“ von dem
hebräischen Wort für Schwert abgeleitet. Um voran zu kommen, muss man alles
durchschneiden, was überflüssig und substanzlos ist (wie Alexander, als er
den Gordischen Knoten durchschlug). Um sein inneres Selbst zu erreichen,
muss der Mensch alle Vorstellungen durchschneiden, die ihn binden. Aber
„chorev“ bedeutet auch ‚Dürre’ und der lebendige Gott wird mit Wasser
verglichen. Nur wenn der Mensch von Dürre umgeben ist, wenn er dem
Verdursten nahe ist, wird er anfangen nach dem lebensspendenden Wasser zu
suchen.
Der erste Akt der Rebellion, den
Moses vollbrachte, war die Tötung des grausamen ägyptischen Aufsehers. Durch
diese Tat schnitt er sich von seiner ägyptischen Vergangenheit ab und
widmete sich ganz der Verbesserung der Lage seiner Brüder. Sie jedoch hatten
Angst vor dieser eigenmächtigen Tat, die ihnen bewies, dass er noch von
Grund auf Ägypter war. Ein Sklave hätte es nie gewagt eine solche Tat zu
begehen. In diesem Augenblick befand sich Moses zwischen den beiden Lagern
und wurde von keinem der beiden angenommen. Er wurde zum Flüchtling, der
jede Arbeit annehmen musste, die es ihm ermöglichte sich zu ernähren. Er,
der als ägyptischer Prinz aufgewachsen war, war nun gezwungen das zu werden,
was er als das Verachtenswerteste ansah: ein Schafhirte. Er, der in
königlichen Palästen gelebt hatte, war jetzt gezwungen, in einem
Beduinenzelt zu wohnen und wie Jakob die Herden seines Schwiegervaters zu
hüten. Der Name, den er seinem Erstgeborenen gab – Gershom – zeigte, dass er
sich als einen Fremden in einem fremden Land ansah. Jetzt war Moses wirklich
bereit für den nächsten Schritt, der sich als der wichtigste seines Lebens
erwies, die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Die Begegnung, die damit
begann, das er auf das ewige Feuer traf - dem Busch, der nicht davon
verzehrt wurde.
Fortsetzung
-
[i] Der heutige arabische Name Ägyptens, Missr, hat
seinen Ursprung in der Bibel. Dort wird Ägypten Mizraim genannt, und der
Name bedeutet enges Land.
-
[ii] Der Name Palästina ist von den Philistern her
geleitet
-
[iii]
In der hebräischen Schrift gibt es nur
Konsonanten. Aus diesem Grund, kann man Worte mit verschiedenen Vokabeln
und in zwei Richtungen lesen, immer mit einer anderen Bedeutung
-
[iv]
Die tatsächlichen Worte der Bibel sind: Und sie „legte das Kind darein und
legte es in das Schilf am Ufer des Flusses.“ Während das bedeuten
könnte, dass sie das Körbchen ans Ufer des Flusses gestellt hat, besteht
die Tradition darauf, dass es im Wasser nahe dem Ufer gewesen ist. Auch
sein Name gäbe sonst keinen Sinn.
Übersetzung: der Verfasser und Cornelia Fuchs
Alle Bibelzitate sind der Übersetzung von Buber/Rosenzweig entnommen.
Weitere Auslegungen:
Mirjam:
Und seine Schwester stand von fern
Sidra Schemot:
Wer bin
ich, daß ich zu Par'o gehe?
Original:
Sh'moth (Exodus
/ II. B.M.) 1.1 - 6.1
Zur [Diskussion
dieses Wochenabschnitts], steht der Autor in unserem Forum zur
Verfügung.
Übersetzung: der Verfasser und Cornelia Fuchs
(Jesaja, 5.2)
Alle Bibelzitate sind der Übersetzung von Buber/Rosenzweig entnommen.
Weitere Paraschoth
|