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LIEBE deinen NÄCHSTEN
Leviticus 19, 1-18
Ich weiss, dass dieser Satz nicht zur
Parascha dieser Woche gehört, aber ich glaube es ist wichtig, dass gerade
jetzt, mit zunehmenden Antisemitismus, Menschen sich bewusst werden, dass
diese Mitzwa aus der Torah, aus dem Judentum, kommt und keine christliche
Erneuerung ist.
Von Eli E. Lasch
Auszug aus seinem Buch:
Let there be Freedom The Bibel unveiled, Logos Publication, 1989
„Und HVYH redete mit Moses und
sprach: Rede mit der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und sage Ihnen: Ihr
werdet heilig sein, denn heilig bin ich, HVYH, Euer Gott.“[i]
Mit diesen Worten beginnt das
Kapitel, dass die höchste und vielleicht unmöglichste Forderung der Torah an
die Menscheit enthält: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ich bin
HVYH.“[ii]
„Ihr werdet heilig sein-weil ich,
euer Gott heilig bin.“ Das ist der Anfang und von hier aus führt nur
ein Weg, der Weg, der die Erfüllung der menschlichen Aufgabe zum Ziel hat.
Der Weg, der am brennenden Busch begann, der Weg der Liebe und des ewigen
Seins. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sagt uns Gott, „denn Ich
bin, der Ich bin, und ihr seid Ich.“ Es werden keine Begründungen gegeben
und es sind auch keine notwendig.
„Da ICH BIN und auf alle Ewigkeit sein
werde, bin Ich heilig. Da ihr ein Teil von mir seid, seid Ihr es ebenfalls
und werdet es auf Ewigkeit bleiben. Wenn du dich selbst liebt, liebst du
Mich, und wenn du deinen Nächsten liebst, liebst du auch Mich, denn du und
dein Nächster seid beide göttlich. Beide seid ihr Aspekte von Mir. Wenn ihr
mich liebt, habt ihr keine Wahl als euch beide zu lieben, euch selbst und
euren Nächsten, denn ihr beide seid ich. Es ist die Liebe, die uns ganz
macht, und ganz sein macht uns heilig, eins mit Gott und mit uns selbst.
Denn Gott ist die Einheit, und wir sind Gott.
Diese Einheit mit Gott durch Liebe ist es,
wonach Mystiker aller Zeiten gestrebt haben. Dies ist die Realität, die wir
Menschen auf unserem langen Weg, seit Adam und Eva das Paradies verliessen,
vergessen haben – Und deshalb sieht die Welt so aus, wie sie jetzt ist. Nur
indem wir diese Wirklichkeit wieder in unser Leben einfügen, werden wir im
Stande sein, unsere Göttlichkeit wieder einzufordern, denn die Einheit mit
Gott ist der Anfang und das Ende der Suche nach unserer Identität. Dort
kommen wir her, und dort gehen wir hin. Wir kommen aus der Heiligkeit und
gehen zur Liebe, und auf dem Weg dorthin erleben wir die Welt, die wir
erschaffen haben.
Es handelt es sich dabei um den Weg für die
Menschheit als Ganzes. Das geht daraus hervor, dass nur dieser Abschnitt der
Torah mit den Worten beginnt: „Sprich zu der GANZEN Gemeinde; sprich zu der
GANZEN Gemeinschaft.“ Jeder Einzelne ist auf dem Weg. Keiner ist
ausgeschlossen.
Das vorliegende Kapitel sollte deshalb als
eine Einheit betrachtet werden: Es beginnt mit unserem Ursprung, zeigt uns
den Weg durch die materielle Welt und endet mit dem Ziel, der
Wiedervereinigung mit Gott durch die Liebe. Nur wenn wir dieses Kapitel so
ansehen, können wir seine Besonderheit und Schönheit verstehen und schätzen.
Wenn wir es in einzelne Sätze zerteilen, geht seine Bedeutung verloren.
So sind jedoch die meisten Kommentatoren
vorgegangen: Sie haben die Verse, die über Heiligkeit sprechen, als Gebot
ausgelegt und nicht als Feststellung. Sie sahen dieses Kapitels als
Fortsetzung des Vorigen an, das sich mit sexueller Reinheit befasst: „Wenn
du sexuell rein bist, bist du auch heilig.“ Diese Interpretation ist nur ein
weiteres Beispiel für die ungeheure Bedeutung, die frühere Bibelausleger,
seien sie jüdisch oder christlich, dem Thema Sex verliehen haben. Wohl
beschäftigt sich die Bibel mit diesem Thema, aber ihre Sichtweise ist
pragmatisch. Sie verurteilt nur solche Praktiken, die inzestuös oder
unnatürlich sind.
So wurde „du wirst“ zu „du sollst“ –
der Wegweiser zum Gesetzbuch.[iii]
Auch der letzte Vers dieses Absatzes:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,“ ist nie richtig verstanden worden.
Die meisten Kommentare sehen dies als ein unerreichbares Ziel an, das der
menschlichen Natur widerspricht. Sie behaupten, der Mensch sei sich selbst
der Nächste, wie könne er dann jemand anderen so lieben wie sich selbst. Die
Überlieferung erzählt, dass eines Tages jemand, der nicht dem jüdischen
Glauben angehörte, den alten Hillel[iv]
ansprach und ihn bat, ihn die Torah zu lehren, während „er auf einem Bein
stand“ (in wenigen Worten). Hillel formulierte den Satz: „Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst.“ als Negation: „Was dir selbst verhasst ist, tu
deinem Nächsten nicht an. Der Rest ist Kommentar. Gehe hin und lerne!“
Nach Hillel und den meisten Kommentatoren
seiner Zeit ist dies das Äusserste, was man von der Menschheit verlangen
kann. Sie verstehen nicht, dass die Torah uns hier eine andere Art von
Realität zeigt. Eine Realität, in der sich die Menschheit endlich wieder in
Einheit mit Gott und mit sich selbst befinden wird. Im Augenblick, da der
Mensch erkennt, dass er und sein Nächster nur verschiedene Aspekte Gottes
sind, wird es ihm unmöglich sein, sich selbst und seinen Nächsten nicht auf
die gleiche Art zu lieben. Denn in dem Augenblick wird er erkennen, dass er
und sein Nächster eins sind. Um diesen Zustand der Vollkommenheit zu
erreichen, muss die Menschheit als Ganzes einbezogen sein. Keiner darf
ausgeschlossen werden. Das ist eine weitere Erklärung für die einleitende
Feststellung: „Rede mit der ganzen Gemeinde.“ Nur durch Ganzheit können
wahre Liebe und Heiligkeit erreicht werden.
Heiligkeit und Liebe, Liebe und Heiligkeit.
Der Anfang und das Ende, das Ende und der Anfang. Aber was ist mit dem Weg
dazwischen? Wie sollte sich die Menschheit auf dem Weg verhalten? Was
sollten wir tun und lassen um unser Ziel sicher zu erreichen? Davon spricht
der Rest dieses Kapitels.
Wie zu erwarten ist, beginnen die
Anweisungen für das Verhalten entlang des Weges mit einer kurzen
Wiederholung der drei grundlegenden Gebote des Dekalogs. „Jeder von euch
soll Ehrfurcht vor seiner Mutter und seinem Vater haben und meine Sabbate
sollt ihr wahren. Ich bin HVYH, euer Gott. Wendet euch nicht den Götzen zu
und macht euch keine gegossenen Götter. Ich bin HVYH, euer Gott.“
Auch der Rest des Kapitels ist eng mit dem Dekalog verbunden, wobei
hauptsächlich auf die zweite Hälfte eingegangen wird.
Die Atmosphäre unterscheidet sich
allerdings deutlich von der des Dekalogs. Dieses Kapitel hat nicht nur mit
Themen zu tun, die für den Aufbau und das Überleben einer geordneten
Gesellschaft von Nöten sind. Hier ist das Ziel das Erreichen einer idealen
Gesellschaft in unserer irdischen Welt, einer Gesellschaft, die auf
Gerechtigkeit und Liebe basiert.
Das erste Thema, mit dem sich dieser Teil
des Kapitels beschäftigt, ist das Darbringen von Opfern. Hier stellt sich
die Frage, warum gerade dieses Thema das erste ist, mit dem sich die Bibel
beschäftigt. Ist es nur, weil das vorangehende Gebot das Götzenverbot wieder
aufnimmt, oder gibt es ein übergeordnetes Motiv. Wie gewöhnlich findet sich
die Antwort in der Bibel selbst. „Und wenn ihr HVYH ein Kommunionsopfer
darbringen wollt, opfert es, weil ihr es so wollt.“ Wenn du HVYH und nicht
den Götzen opferst, glaube nicht, dass du Gott damit einen Gefallen tust.
Gott braucht eure Opfer nicht.
Ihr seid es, die sie wollen und brauchen,
in der Hoffnung auf diese Art Gott näher zu kommen. Die ganze Tendenz des
Kapitels zeigt, dass Gott keine Opfer von den Menschen fordert, sondern
Liebe und Gerechtigkeit. Um den Propheten Jesajah zu zitieren: „Was soll mir
die Menge eurer Schlachtopfer?“, sagt HVYH. „Satt habe ich die Brandopfer
von Widdern und das Fett der Mastkälber, und das Blut der Stiere und Lämmer
und Böcke mag ich nicht. Wenn ihr kommt, mein Angesicht zu schauen, wer hat
das von euch verlangt, dass ihr meine Vorwürfe zertretet. Bringet nicht mehr
unnütze Gaben, Weihrauch ist mir ein Gräuel ...
Auch wenn ihr eure Hände ausbreitet, werde
ich meine Augen von euch wenden, auch wenn ihr viel betet, werde ich nicht
hören. Eure Hände sind voll von Blut. Waschet, reiniget euch! Tut hinweg
eure bösen Taten, mir aus den Augen! Höret auf Böses zu tun, lernt Gutes
tun! Trachtet nach Recht, beschützet die Ausgebeuteten , rechtet für die
Waisen und streitet für die Witwen![v]“
Bevor sie das Hauptthema des Kapitels
weiter verfolgt, benutzt die Bibel das Thema des Opfers, um eines der vielen
Gesetze einzuflechten, die sich mit Hygiene beschäftigen:
„An demselben Tag, an dem ihr es
opfert und am folgenden Tage soll es gegessen werden; was bis zum dritten
übrig bleibt, soll im Feuer verbrannt werden. Wird aber dennoch am dritten
Tag davon gegessen, so gilt es als Gräuel und ist unerwünscht. Wer davon
isst, wird Schuld auf sich laden, weil er das dem Herrn Geheiligte entweiht
hat. Und diese Seele wird von ihrem Volk abgeschnitten werden.“[vi]
Während die meisten Interpretationen
„abgeschnitten“ mit „verbannt“ gleichsetzen, ist auch eine andere Bedeutung
des Wortes möglich: „einen frühen Tod sterben;“ und zwar aus
natürlichen Gründen und nicht durch Hinrichtung. In dieser Form ergibt
dieser Satz auch für moderne Menschen einen Sinn. In einem heissen Klima wie
im Sinai und in Israel hält sich selbst gekochtes Fleisch höchstens zwei
Tage. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es am dritten Tag verdorben ist und
die Gesundheit oder gar das Leben dessen, der es isst, gefährdet. Dies
wusste der Verfasser der Bibel. Er wusste auch, dass Fleisch so kostbar war,
dass es aufbewahrt und verbraucht wurde, selbst wenn es schon „zweifelhaft“
aussah. Deshalb warnt die Torah die Menschen und sagt ihnen, dass sie sich
in Lebensgefahr begeben, wenn sie dieser Versuchung nachgeben.
Wir sehen hier, dass die Bibel jede
Gefährdung von Leben und Gesundheit als einen Angriff auf das Prinzip des
Lebens, mit anderen Worten auf Gott ansieht. Wir haben fast 3500 Jahre
gebraucht um die Heiligkeit der Gesundheit zu verstehen, die die Bibel uns
hier zeigt. Die Bibel verbindet Heiligkeit mit Leben und Gesundheit und
macht daraus das, was wir heute „ganzheitliche Medizin“ nennen. Und wir
dachten, wir hätten etwas Neues entdeckt!
Die zweite Hälfte des Kapitels beschäftigt
sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie weist dem Menschen den Weg
zur Liebe und warnt ihn gleichzeitig vor den Fallen entlang dieses Weges. So
ist es passend, dass der Anfang dieses Teils sich mit der Lehre des
Mitgefühls beschäftigt; denn ohne Mitgefühl kann es keine Liebe geben.
„Und wenn du die Ernte deines Feldes
schneidest, sollst du dein Feld nicht vollständig bis in die Ecken abernten
und nach deiner Ernte nicht Nachlese halten. Auch in deinem Weinberg sollst
du nicht Nachlese halten, noch die abgefallenen Beeren deines Weinbergs
auflesen: Dem Armen und dem Fremdling sollst du sie lassen. Ich bin HVYH,
euer Gott.“[vii]
Wie können wir über Mitgefühl sprechen,
wenn alles, was die Landbesitzer tun sollen, durch Gesetze festgelegt ist?
Es scheint, dass die Bibel nicht sehr viel Vertrauen in den guten Willen der
Reichen hatte. Nur dadurch, dass sie gezwungen werden, den Armen zu helfen,
werden sie Mitgefühl lernen. Dieses Gebot geht sogar einen Schritt weiter
und verwandelt das, was früher als Wohltätigkeit angesehen wurde, in eine
Form von gesetzlich festgelegter Sozialversicherung.
[viii]
Auch um das zu lernen brauchten wir 3500 Jahre. Und wieder dachten wir etwas
Neues entdeckt zu haben. Wieder sehen wir, wie fortgeschritten die Bibel
wirklich ist.
Die Bibel lehrt uns hier, dass die Armen
genau dasselbe Recht zum Überleben haben wie die Reichen. Dass es die
Pflicht der Reichen ist sich darum zu kümmern, dass sie nicht verhungern.
Den Armen werden die Grundbedürfnisse erfüllt – von Rechts wegen, nicht als
Wohltätigkeit. Sie brauchen ihre menschliche Würde nicht aufgeben, indem sie
betteln. Laut der Bibel bedeutet Armut keine Minderung der Menschenwürde.
Arme wie Reiche sind an erster Stelle Menschen; beide sind göttlichen
Ursprungs und deswegen gleich. Es ist faszinierend, wie die Bibel den
Bedürfnissen beider entgegenkommt. Da weder die Grösse der „Ecken der
Felder“, die nicht abgerntet werden sollen, genau festgelegt wird, noch die
Menge der Früchte, die als Nachlese an der Rebe gelassen werden sollen, ist
es den Reichen möglich, Mitgefühl zu üben. Dadurch, dass man Wohltätigkeit
in soziale Versicherung umgewandelt hat, wird dem Armen sein Stolz erhalten.
Nachdem die Bibel gezeigt hat, wie man
Mitgefühl ausüben kann, ohne die Würde des Empfängers zu untergraben, zählt
die Bibel weitere Fallen auf, die vermieden werden müssen, wenn man eine
ideale Gesellschaft aufbauen will: Diebstahl, Raub, Betrug, Ausbeutung und
Unterdrückung. Sie alle sind Ursache und Auswirkung von unnötigem Hass und
Hader zwischen den Menschen.
Auf dem Weg von der Heiligkeit zur
Liebe gibt es weder Reiche noch Arme, weder Schwache noch Starke. Während
dem Armen vorgeschrieben wird nicht zu stehlen, wird dem Arbeitgeber
aufgetragen den Lohn des Beschäftigten nicht einmal für eine Nacht
zurückzuhalten, und beide sind vor den Augen des Gesetzes gleich: „Macht
nicht Verfälschung im Gericht, emporhebe nicht das Antlitz eines Geringen,
verherrliche nicht das Antlitz eines Grossen, derWahrheit nach richte deine
Mitbürger.“[ix]
Was für eine Revolution! Und wie relevant
ist sie auch heute! Wenn wir unsere heutigen Gerichtshöfe betrachten, werden
wir sehen, dass es Gleiche und Gleichere gibt. Wie viele Menschen werden
freigesprochen, nur weil sie einen guten Anwalt haben. Besteht nicht ein
Unterschied zwischen Recht haben und Recht bekommen? Gibt es nicht des
Öfteren einen Unterschied im Urteil, entsprechend dem sozialen Status des
Angeklagten? Wird nicht in vielen Fällen „das Antlitz eines Geringen“
emporgehoben, weil angeblich „die Gesellschaft“ die Verantwortung für seinen
Zustand oder für sein Verbrechen trägt? Oder in einem Zivilstreit das Urteil
zu Gunsten des „Ärmeren“ verdreht, weil der Reichere „es sich leisten kann.“
Es ist allerdings keine unpersönliche soziale Gerechtigkeit, die uns die
Bibel in diesem Kapitel lehrt, sondern etwas, das ich in Ermangelung einer
besseren Bezeichnung „soziales Bewusstsein“ nennen möchte und das weit über
die pure Gerechtigkeit hinausgeht. Die ersten Gebote dieser Kategorie
warnen vor Grausamkeit gegenüber denen, die sich aus irgendeinem Grund nicht
selbst verteidigen können, besonders wenn die begangene Tat eigentlich nicht
kriminell ist. Die Bibel fängt an mit den Beziehungen zwischen Arbeitsgeber
und Arbeitnehmer:
„Der Lohn des Tagelöhners soll nicht bei
dir bleiben bis zum anderen Morgen.“ Für dich, den Arbeitgeber, mag der
genaue Augenblick, an dem du den Lohn auszahlst, unwichtig erscheinen, aber
der Tagelöhner und seine Familie hungern unter Umständen, wenn er seinen
Lohn nicht rechtzeitig bekommt, und werden dich deswegen hassen. Da er von
dir abhängig ist, wird er allerdings Angst haben sich zu beklagen.
Die Bibel fährt fort mit
Verhaltensregeln gegenüber den wirklich Hilflosen: „Du sollst einenTauben
nicht verfluchen und einem Blinden keine Stolpersteine in den Weg legen.
Denn du sollst deinen Gott fürchten. Ich bin HVYH.“[x]
Diese Taten, in gewissen Gesellschaften
nicht ungewöhnlich, sind Ausdruck einer tief verwurzelten Grausamkeit und
Verderbtheit. Solche Taten zeigen, wie tief die Menschheit sinken kann.
Gesellschaften, die solcherlei Verhalten zulassen oder sogar geniessen und
ermutigen, befinden sich in einem Zustand der totalen Entfremdung von sich
selbst und von Gott. Sie haben die Liebe zu Gott und zu sich selbst durch
Angst und Hass ersetzt. Sie haben allen Grund „Gott zu fürchten“.
[xi] Aus
der modernen Geschichte kennen wir nur zu gut Gesellschaften dieser Art, die
oft selbst die Furcht vor Gott verloren haben.
Es gibt allerdings eine weit verbreitete
Forn von Aggression, gegen die wir alle hilflos sind: Sie reicht vom Klatsch
bis zur Verleumdung, die Gerüchteküche. Diese Gewohnheit, die den meisten
von uns im Grunde harmlos vorkommt, wird von der Bibel als eine der übelsten
und verderblichsten Gebräuche der Menschen angesehen:
„Du sollst nicht herumlaufen und Gerüchte
verbreiten unter deinem Volk; und auch nicht auf dem Blut deines Nachbarn
stehen.[xii]
Ich bin HVYH.“
Ohne viele Worte zu verschwenden sagt uns
die Bibel ihre Meinung über diese Gewohnheit, indem sie sie in Nähe des
Totschlags rückt: „Sei vorsichtig mit deinen Worten. Durch Klatsch und
Gerüchte kannst du leicht das Leben deines Nächsten gefährden.“[xiii]
Nach reiflicher Überlegung erkennen wir, wie Recht die Bibel hat
Verleumdungen auf diese Art zu sehen, denn wie oft schon wurde das Ansehen
von Menschen durch Rufmord zerstört? Wie viele Beziehungen wurden durch
Gerüchte zerstört, seien sie wahr oder falsch?
Und wie aussen so innen. Es reicht
nicht Taten zu unterlassen, die das Gefüge der Gesellschaft gefährden. Wenn
der Mensch den Zustand der Einheit erreichen will, der ihn befähigt seinen
Nächsten zu lieben und zu verstehen, muss er zuerst lernen offen zu ihm zu
sein. „Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen: du sollst
deinen Nächsten zurechtweisen und keine Sünde bei ihm dulden. Du sollst an
den Kindern deines Volkes keine Rache üben und ihnen nichts nachtragen.“[xiv]
Es gibt nichts, was so viel Trennung
zwischen Menschen bewirkt wie der Hass und das Nachtragen. Und nichts
verewigt den Hass so sehr wie die Rache. Rache hat kein Ende und
gegenseitiges Blutvergiessen ebenso wenig.[xv]
Aber Hass zerstört nicht nur
zwischenmenschliche Beziehungen. Wer Hass in sich hineinfrisst, zerstört
sich selbst. Die moderne medizinische Forschung hat gezeigt, dass Hass und
Ärger Gründe für die Krankheiten sind, die man als psychosomatisch
bezeichnet: von Asthma bis zu Magengeschwüren, von Herzanfällen bis
möglicherweise zu Krebs.
Da die Bibel all dies als Sünde ansieht,
gibt sich auch das Mittel um all dem vorzubeugen. Und wie gewöhnlich ist das
Mittel einfach und klar:
Wenn du denkst, dass dir jemand Unrecht
getan hat, dann sag es ihm oder ihr. Wenn du deine Wut in dich hineinfrisst,
bist du es, der leiden wird. Und wenn es sich um ein Unrecht handelt, das
nicht wieder gut zu machen ist, lerne zu vergeben und loszulassen. Du wirst
nichts gewinnen durch Nachtragen. Dir wird das Nachtragen schaden und nicht
der Person, gegen die du Groll hegst. Sehr oft wird sie gar nichts von
deinen Gefühlen wissen.
So haben wir fast das Ende des Weges
erreicht. Wenn ein Mensch erst einmal Hass und Rache aufgegeben hat, ist er
bereit, den nächsten Schritt zu tun und zu lieben. Wenn einmal der Hass aus
den menschlichen Belangen verschwunden ist, wird auch die Angst
verschwinden. Und dann wird die Menschheit als Ganzes das Zeitalter der
Liebe betreten. Die Bibel fasst das in einem Satz zusammen: Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst, ich bin HVYH.“
Zu Beginn des Kapitels habe ich behauptet,
die enge Beziehung zwischen Liebe und Heiligkeit, von der die Torah spricht,
gehöre einer anderen Art von Wirklichkeit an als der, in der wir uns
normalerweise befinden. Es stellt sich nur die Frage, ob dies wirklich die
einzige Art ist, diesen Satz zu verstehen. Wenn das so wäre, hätte Hillel
vielleicht doch Recht, wenn er diese Forderung als eine für den Menschen
unmögliche Aufgabe ansieht und sie so umschreibt, wie er es getan hat. Wie
ich schon oben erwähnt habe, steht dieser Denkweise zu Folge der Mensch in
unserer alltäglichen Realität sich selbst am nächsten. Deswegen kann man
keinen anderen Menschen wie sich selbst lieben. Aber die Bibel besteht
darauf, dass diese Lehre das ganze Volk angeht und erfüllbar ist. Die Bibel
fordert niemals etwas Unmögliches:
„Denn dieses Gesetz, das ich dir heute
gebe, ist für dich nicht zu schwer und nicht zu ferne. Nicht im Himmel ist
es, dass du sagen könntest: Wer steigt uns in den Himmel hinauf um es uns zu
holen und uns zu verkünden ... Auch nicht jenseits des Meeres ... sondern
ganz nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du
danach handeln kannst.“ Und die Bibel fährt fort: „Siehe, ich habe dir heute
vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse.“
[xvi]
Die Forderung ist somit nicht unerfüllbar,
aber wir müssen lernen zu verstehen, was die Bibel uns eigentlich sagen
will. In den vergangenen 2000 Jahren gab es viele Versuche genau dieses zu
tun.
Wenden wir uns zuerst an die moderne
Psychologie. Diese Disziplin hat uns gezeigt, dass die meisten Menschen dazu
neigen ihre Emotionen auf andere zu projizieren. Diese Erkenntnis ermöglicht
es uns zu verstehen, dass die Bibel in diesem Spruch eigentlich von Liebe zu
sich selbst spricht. Wenn wir uns selbst wirklich lieben und akzeptieren,
werden wir unseren Mitmenschen weder hassen noch ihm etwas nachtragen
können. Nur wer sich selbst hasst, hasst seine Mitmenschen. Er liebt seine
Mitmenschen eben so wenig wie sich selbst. Das hebräische Wort, welches die
Bibel für „deinen Nächsten“ benutzt (le’reacha), kann auch als „dein Böses“
(le`raacha)[xvii]
gelesen werden. Das hat einen der früheren Weisen dazu gebracht, den Satz
wie folgt zu interpretieren: „Liebe dein Böses (das Böse in dir) wie dich
selbst.“[xviii]
Liebe und akzeptiere dich als Ganzes mit all deinen Fehlern und Trieben. Als
Nebenbemerkung: Die moderne Psychologie hat ausserdem gezeigt, dass wir für
gewöhnlich in anderen die Eigenschaften hassen, die uns an unsere eigenen
Unzulänglichkeiten erinnern, mit anderen Worten: an das Böse in uns. Der
andere Mensch dient oft als Spiegel, der uns eine Wirklichkeit zeigt, die
wir nur schwer akzeptieren können.
In dem Satz, von dem hier die Rede ist, die
Übersetzung des hebräischen Satzes: „ve’ahavta l’reacha kamocha“,
befinden sich einige „grammatikalischen Irrtümer“ und genau so wie man in
der Medizin viel von „Fehlern“ gelernt hat, kann man auch aus solchen
„Irrtümern“ viel über die wahre Absicht der Bibel erahnen. Grammatikalisch
korrekt geschrieben, würde der Satz bedeuten: Wenn du dich von der
Gemeinschaft deiner Nächsten absonderst, d.h. nicht bereit bist mit anderen
Menschen in Berührung zu kommen (wie z.B. durch Hände geben oder
Streicheln),[xix]
wirst du das wirklich Böse (nicht das Böse in dir selbst) lieben wie dich
selbst.
Nur ein Mensch, der sich wirklich selbst
liebt, kann als ganz angesehen werden, als vollständig und in Frieden
mit sich selbst und mit der Welt. (Das wohlbekannte hebräische Wort
shalom – Frieden – bedeutet genau dies, denn das Wort für ganz
ist shalem.) Ein solcher Mensch ist erfüllt und braucht nicht mehr
die ewige Jagd nach Ehre, Macht oder Geld, welche die Hauptursache für
Streit und Hass darstellt. Kehren wir nun zu dem Satz, wie er geschrieben
ist, zurück, so haben wir schon angedeutet, dass die Bibel uns aufträgt uns
selbst an erster Stelle zu lieben. Wenn du dich nicht selbst liebst,
impliziert die Bibel, wirst du auch deinen Nächsten nicht lieben können. Die
weitverbreitete Meinung, dass Liebe zu sich selbst und Liebe zu anderen sich
gegenseitig ausschliessen, ist, laut der Bibel, nichts anderes als ein
Trugschluss. Eigenliebe ist nicht gleich Egoismus, der nicht auf Eigenliebe,
sondern auf Eigenhass beruht.
[xx]
Trotz aller psychologischen Rafinessen
stellt sich immer noch die Frage, die sich schon Hillel gestellt hat: ob
diese Anforderung überhaupt ausführbar ist. Der berühmte Kabbalist Rabbi
Akiva (2. Jhdt. C.E.) hat die Formulierung von Hillel verändert und sagte:
„Liebe deinen Nächsten, weil er dir gleich ist.“ Er bezieht sich auf den
Vers 34 im selben Kapitel:
„Den Fremdling, der bei dir wohnt, sollst
du lieben wie dich selbst, seid ihr doch auch Fremde gewesen im Lande
Ägypten.“
„Wie dich selbst“; denn er, der
Femdling, ist jemand, der genauso Liebe braucht wie du selbst. „Wende dich
mit Liebe an deinen Nächsten, einen Menschen wie dich, weil du seine Leiden
kennst und seinen Durst nach Liebe. Weil du ein Mensch bist und die Nöte und
die Leiden der Menschen kennst.“[xxi]
Sein Zeitgenosse Ben Asai ging einen
Schritt weiter und zitierte den folgenden Satz aus Genesis:
„Dies ist das Verzeichnis der Nachkommen
Adams. Als Gott Adam schuf, machte er ihn in Gottes Gleichnis (oder
Gestalt)“[xxii]
Liebenswert ist der Mensch, weil er im
Gleichnis Gottes erschaffen wurde.
Zwar sagt Maimonides in seinen 13
Glaubensbekenntnissen, dass Gott keinerlei Gestalt oder Gleichnis hat, aber
da wiederspricht ihm die Bibel. Der folgenden Vers sagt nämlich eindeutig:“
Er (Adam) zeugte (einen Sohn) in seinem Gleichnis“ und benutzt dasselbe
Wort.
Sehen wir uns jetzt den ganzen Satz
so an, wie er heute gelesen wird : „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,
ich bin HVYH.“ Oder auf Hebräisch: „Ve’ahavta
l’reacha kamocha, ani HVYH.“
Die Tatsache, dass die Bibel ohne
Satzzeichen geschrieben ist, gibt uns die Möglichkeit den Satz anders als es
die Überlieferung vorschreibt zu lesen und das (nicht existierende) Komma um
ein Wort nach vorne zu rücken. Und so lautet jetzt der Satz : „Ve’ahavta
l’reacha, kamocha ani HVYH.“Liebe deinen Nächsten, ich Gott bin wie du.“
Das passt sehr gut zu den Zitaten aus Genesis, denn wenn wir in Gottes
Gleichnis erschaffen wurden, dann ist Er wie wir, uns gleich. Nicht wir sind
Gott gleich, sagt jetzt der Satz, sondern Er ist es, der uns gleich ist und
genau wie wir nach seiner Liebe dursten, durstet ER nach unserer.
Das wirft auch ein neues Licht auf den Satz
aus Deuteronomie, das in das tägliche Gebet aufgenommen wurde: Liebe deinen
Gott[xxiii],
und auch hier benutzt die Bibel dasselbe Wort: Ve’ahavta. Nicht nur
wir brauchen Gott. Er braucht uns ebenfalls. Uns und unsere Liebe.
So schliesst sich der Kreis und wir kehren
zurück zum Anfang dieses Absatzes: „Seid heilig, weil ich heilig bin.“
Wenn wir die Liebe in unser Leben
hereinlassen, gewinnen wir unsere Göttlichkeit zurück.
-
-
[i]
Leviticus 19, 1, 2
-
[ii]
Leviticus 19, 18
-
[iii]
Die hebräische Bedeutung des Wortes „Torah“ ist nicht „Gesetzbuch“,
sondern „Lehrbuch“ oder „Wegweiser“.
-
[iv]
Der alte Hillel war einer der grössten jüdischen Weisen, der am Anfang
unserer Zeitrechnung lebte. Er war dafür bekannt, immer nur die positive
Seite jedes Problems zu sehen.
-
[v]
Jeasjah 1, 11-18
-
[vi]
Leviticus 19, 6-8)
-
[vii]
Leviticus 19, 9-10
-
[viii]
Sogar der hebräische Ausdruck für Almosen (zdaka) kommt von dem Wort zedek
(Gerechtigkeit).
-
[ix]
Leviticus 19, 15
-
[x]
Raschi, der grosse Exeget der Bibel, sagt dazu: „Fürchte Gott, denn nur Er
weiss davon.“
-
[xi]
Das ist bis heute das Prinzip des religiösen Fundamentalimus, gleichgültig
welcher Religion.
-
[xii]
Die Bedeutung der zweiten Hälfte des Satzes ist nach Rasch: Du sollst das
Leben deines Nächsten nicht in Gefahr bringen, weder direkt, noch
indirekt. Du musst ihn warnen, wenn er sich in Gefahr befindet.
-
[xiii]
Erinnert das nicht sehr an den Tod der Prinzessin Diana?
-
[xiv]
Leviticus 19, 17
-
[xv]
Zu dieser Zeit war Blutrache sehr verbreitet und hat viele Leben gekostet.
Dadurch wurde sehr viel Angst und Hass ausgelöst. Auch heute ist
Blutrache noch nicht verschwunden. Sie besteht weiter in der arabischen
Welt und bei der Mafia.
-
[xvi]
Deuteronomi 30, 11-15
-
[xvii]
In der hebräischen Sprache gibt es nur Konsonanten.
-
[xviii]
Das passt genau zu der Theorie von C.G.Jung, dass man seinen Schatten
annehmen d.h.lieben sollte.
-
[xix]
Es handelt sich um die Wiederholung des Buchstabens Kaf , welcher
„Handfläche“ bedeutet. Hat das mit der Heilfähigkeit der Hände zu tun?
-
[xx]
Erich Fromm, The Art of Loving, Bantam Books, Harper and Row, 1956
-
[xxi]
Leibovitch, N,. Kommentare zum Buch Vayikra, World Zionist Org.
Jerusalem, 1982
-
[xxii]
Genesis 5,1 Das hebräische Wort , das die Bibel hier benutzt ist Dmut.
-
[xxiii]
Deut.6,5
Zur [Diskussion],
steht der Autor im Forum zur Verfügung.
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