Weshalb geht Jaakow bei seiner
Ankunft in Eretz Kenaan nicht direkt nach Hause? Schließlich hat er seine
Eltern seit über zwanzig Jahren nicht gesehen!
Und weshalb kehrt Jaakow nicht gleich nach Bet El zurück, um sein "Neder"
zu erfüllen? Schließlich hatte er Gott versprochen, ‚sollte er sicher
heimkehren‘, würde er ein Bet Elokim in Bet El errichten (siehe 28:21-22)!
Statt dessen erwirbt Jaakow Grund und Boden und richtet seinen Haushalt in
Schechem ein. Erst viel später zieht er nach Bet El weiter, erst NACH dem
Zwischenfall mit Dina und erst, nachdem Gott es ihm befiehlt! [Siehe
33:18-35:1.]
Was geht hier vor?
Im Schiur dieser Woche schlagen wir eine ganz einfache Antwort auf der
Grundlage einer recht komplizierten Analyse vor.
EINFÜHRUNG
Beginnen wir unseren Schiur mit einer Aufstellung des Themenflusses von
'Parschia' zu 'Parschia' innerhalb von Parschat WA'JISCHLACH.
PSUKIM ALLGEMEINES THEMA
------ ---------------
(A) 32:3-33:17 Jaakows Konfrontation mit Esaw bei seiner
Rückkehr nach Eretz Kenaan.
(B) 33:18-20 Jaakows Ankunft in Schechem.
(C) 34:1-31 Der Zwischenfall mit Dina in Schechem.
(D) 35:1-8 Jaakows Aufstieg nach Bet El auf der Flucht aus
Schechem und die Errichtung eines Mizbajach.
(E) 35:9-22 Gottes Segnung Jaakows in Bet El, gefolgt von
Rachels Tod und der Geburt Benjamins.
(F) 35:23-29 Überblick über Jaakows Kinder, gefolgt vom
Tod Jitzhaks.
(G) 36:1-19 TOLDOT Esaw...
Auf den ersten Blick scheint diese Abfolge der Ereignisse ganz logisch.
Schauen wir jedoch sorgfältiger hin, stellen sich mehrere schwerwiegende
Probleme:
VERSPRECHEN HALTEN
Als Jaakow Eretz Kenaan zum ersten Mal Richtung Padan Aram verließ,
versprach Gott, 'mit ihm zu sein' und für seine sichere Heimkehr zu sorgen
(28:15). In Erwiderung auf dieses göttliche Versprechen legte Jaakow ein
"Neder" (Gelübde) ab, daß er im Fall, daß Gott sein Versprechen hielte, nach
Bet El zurückkehren und ein Bet Elokim errichten werde (siehe 28:18-22). Nun
kann kein Zweifel bestehen, daß Jaakows Rückkehr aus Padan Aram mit diesem
"Neder" in Zusammenhang steht, denn Gott selbst erwähnt es, als er Jaakow
befiehlt 'heimzukehren':
"Ich bin der Gott von Bet El, wo du eine Matzejwa gesalbt, wo du mir ein
NEDER getan hast; nun mach dich auf, ZIEH HINWEG aus diesem Land
und KEHRE in dein Geburtsland ZURÜCK." (siehe 31:11-13)
Daher sollten wir erwarten, daß Jaakow nach seiner Rückkehr gleich nach Bet
El geht, um sein "Neder" zu erfüllen. Aus irgendeinem Grund zieht Jaakow
jedoch zuerst nach Schechem und bleibt dort.
EHRE DEINEN VATER ...
Noch beunruhigender ist die Tatsache, daß Jaakow nicht zuerst heim nach
Hebron geht, um seine Eltern wenigstens zu begrüßen, die er seit über
zwanzig Jahren nicht gesehen hat! Um zu beweisen, daß Jaakow genau dies
ursprünglich vorhatte, brauchen wir nur zu zitieren, wie die Thora seine
Abreise aus Padan Aram beschreibt:
"Da machte sich Jaakow auf, hob seine Kinder und seine Frauen auf die
Kamele und führte all sein Vieh und alle seine Habe ..., die er in Padan
Aram
erworben hat, UM ZU SEINEM VATER JITZHAK in das Land Kenaan ZU
KOMMEN." (31:17-18)
Statt dessen läßt sich Jaakow aber in Schechem nieder. In der Tat spricht
die Thora im Pasuk vor Jitzhaks Tod bloß von Jaakows Rückkehr in sein
Vaterhaus (siehe 35:27-29)! Aus irgendeinem Grund erfahren wir keine
Einzelheiten (und kein Datum) dieser Wiedervereinigung.
NUR EIN ‚ZWISCHENSTOP'?
Wenn man nur flüchtig liest, könnte man diese beiden Fragen dadurch
beantworten, daß man einfach erklärt, Schechem sei nichts als ein kurzer
Zwischenaufenthalt auf Jaakows Reise nach Bet El; wegen des zarten Alters
seiner Kinder und wegen seiner zahlreichen Besitztümer sei es nötig gewesen,
langsam zu reisen (siehe 33:12-15!). Damit ließe sich Jaakows ‚kurzer
Aufenthalt‘ in Schechem genauso erklären, wie sein anderer ‚kurzer
Aufenthalt‘ in Sukkot (siehe 33:17).
[Siehe weitere Ijun betreffs Jaakows Aufenthalt in Sukkot.]
Akzeptieren wir jedoch diese Annahme, dann müßten wir zu dem Schluß kommen,
daß sich der ganze Zwischenfall mit Dina binnen weniger Tage nach Jaakows
Ankunft in Schechem ereignete – ein Folgerung, die sich aus zwei Gründen nur
schwer halten läßt.
1) Jaakow legte den Weg von Padan Aram nach Har ha'Gilad in nur sieben
Tagen zurück (siehe 31:21-23, lesen Sie sorgfältig). Nun ist dieser Weg viel
weiter als der von Gilad nach Bet El. [Schauen Sie auf einer Landkarte
nach.] Daher scheint es keinen Grund zu geben, weshalb Jaakow den Rest
seines Weges nicht in zwei oder drei Tagen zurücklegen kann, in einer Woche
allerhöchstens!
2) Selbst wenn Jaakow in Schechem keine ‚Pause‘ für einige Tage plant,
weshalb sollte er ein Stück Land kaufen? Zudem vermittelt Abschnitt 34
insgesamt den Eindruck, daß Jaakow und sein Familie sich in Schechem so gut
wie niedergelassen haben (siehe 34:7, 34:10, 34:21 etc.). Wenn wir "Pschat"
folgen und uns das Alter der Personen vergegenwärtigen, dann sind wir fast
zu dem Schluß gezwungen, daß der Zwischenfall mit Dina mehrere JAHRE nach
Jaakows Ankunft in Eretz Kenaan stattfand!
Erklären wir die Gründe dafür:
BAR-MITZWAH - JUNGEN ODER ERWACHSENE?
In der Beschreibung, die die Thorah von dem Vorfall mit Dina in Schechem
gibt (34:1-31), (zumindest nach "Pschat"), müssen Schimon & Lewi mindestens
schon Teenager sein und auf die zwanzig zugehen, während Dina mindesten
zwölf Jahre alt sein muß. [Obgleich sie in Schechem einmal als "Jaldah"
bezeichnet wird (siehe 34:4), nennt die Thora sie konsequent eine "Na'arah"
(siehe 34:3,12).]
Rechnen wir uns kurz das Höchstalter der Kinder Jaakows bei der Ankunft in
Eretz Kenaan aus:
Jaakow lebte zwanzig Jahre bei Laban (siehe 31:41), heiratete Leah aber
erst nach sieben Jahren Arbeit (siehe 29:18-23), d.h. dreizehn Jahre vor
seiner Heimkehr. Daher kann Reuwen nicht älter als 12, Schimon erst 11, Lewi
10 usw. sein. Zudem kann Dina – Leahs siebtes Kind (& denken wir daran, daß
es zwischen Jehuda und Yisachar ein Pause gegeben hat/ siehe 30:9) – nicht
viel älter als 5 Jahre sein, wahrscheinlich sogar jünger!
Selbst wenn wir dem Midrasch darin folgen, daß Jaakow 18 Monate in Sukkot
blieb (siehe Raschi 33:17), stehen wir doch vor einem großen Problem.
Hat es überhaupt Sinn, daß der Vorfall mit Dina sich ereignet, als Dina
noch im 'Kindergarten' ist und Schimon, Lewi und die anderen Brüder erst
noch das Alter für die 'Bar-Mitzwah' erreichen müssen?
Diese Berechnung zwingt uns fast zu dem Schluß, daß sich der Vorfall in
Schechem mindestens fünf Jahre später ereignet! Wenn das aber der Fall ist,
wird unsere ursprüngliche Frage noch schwieriger. Kann es sein, daß Jaakow
über FÜNF Jahre in Schechem bleibt, ohne nach Bet El zurückzukehren, ohne zu
seinen alten Eltern nach Hause zu gehen?!
Beide Versionen sind kaum zu akzeptieren.
'EIN RUF NACH ORDNUNG'
Immer wenn man vor einem Dilemma wie dem obigen steht, liegt die Versuchung
nahe, die chronologische Ordnung der Erzählung zu ‚korrigieren‘. In Chazal
kennt man das als Prinzip "ein mukdam u'muchar ba'Torah" – d.h. die
Erzählung in Chumasch folgt nicht unbedingt immer der chronologischen
Ordnung. Das Prinzip "ein mukdam u'muchar" bedeutet jedoch nicht, daß die
Geschichten in Chumasch willkürlich angeordnet sind, und man darf dieses
Prinzip auch nicht als ‚Freibrief‘ zur Lösung von Schwierigkeiten in Pschat
mißverstehen. Dennoch zeichnet die Thora gewisse Parschiot manchmal
tatsächlich 'außerhalb der chronologischen Reihenfolge' auf, und zwar aus
thematischen Gründen. [Wie oft das geschieht, darüber streiten sich die
Kommentatoren.]
Wichtig festzuhalten ist, daß wir im Fall von "ein mukdam u'muchar" nicht
vergessen, daß diese Fälle sich nur auf der Ebene der 'Parschia' abspielen.
Das heißt, INNERHALB einer bestimmten 'Parschia' werden wir nicht finden,
daß die Ereignisse chronologisch ungeordnet aufgezeichnet sind, jedoch kann
es an bestimmten Stellen sein (und zwar aus thematischen Gründen), daß eine
GANZE 'Parschia' – deren Ereignisse sich früher abgespielt haben – später
aufgezeichnet ist (und umgekehrt). [Man spricht hier manchmal von "Smichut
Parschiot".]
Sehen wir nun zu, ob wir dieses Prinzip anwenden können, um die Probleme im
obigen Schiur zu lösen.
Wir beginnen damit, daß wir einen logischen Grund (und einen thematischen
Zweck) für die verschiedenen Stadien von Jaakows Reise vorschlagen.
AUF DER SPUR VON AWRAHAM AWINU
Eigentlich hätten wir unseren Schiur mit einer grundlegenderen Frage
beginnen sollen: Weshalb macht Jaakow überhaupt in Schechem halt? Weshalb
zieht er nicht direkt von Sukkot nach Bet El oder nach Hebron?
Die Antwort liegt in der offensichtlichen Parallele zur ersten Reise von
Awraham Awinu von Aram nach Eretz Kenaan. Auch er macht Schechem zu seinem
ERSTEN Halt und errichtet dort eine MIZBAJACH:
"Und Awram durchzog das Land bis zur Stätte von SCHECHEM ...
Da erschien der Ewige Awram und sprach: >Deinem Samen
will ich dieses Land geben.< Da erbaute er dort eine MIZBAJACH
dem Ewigen, der ihm erschienen." (12:6-7)
[Vergleiche auch 12:5 mit 31:17-18!!]
Auf ganz ähnliche Weise legt auch Jaakow in Schechem seinen ersten Halt
ein, und auch er errichtet dort eine MIZBAJACH (siehe 33:18-20). Im
Gegensatz zu Awram erwirbt Jaakow aber AUCH Land, d.h. er kauft ein Feld
(siehe 33:19). Wir werden gleich den Grund dafür erklären.
Wenn Jaakow tatsächlich in die Fußstapfen seines Großvaters tritt (wie man
aus seiner Ankunft in Schechem schließen kann), dann sollte er auch direkt
nach Bet El weiterziehen, wie Awraham Awinu das getan hat (siehe 12:7-8).
Und zwar nicht nur, um es Awraham nachzutun, sondern auch, um sein "Neder"
zu erfüllen. Und gleich danach sollte er seine Eltern besuchen.
Weshalb bleibt er also in Schechem? Bloß, weil er dort ‚Grund und Boden‘
erworben hat?
Man könnte auch genau das Gegenteil annehmen. Jaakow BLIEB NICHT IN
SCHECHEM! Er machte dort nur halt, um eine MIZBAJACH zu errichten und damit
Gott für seine sichere Ankunft zu danken. [Lesen Sie 33:18 ("Schalem") und
33:20 ("Kel Elokei Israel") sorgfältig!] Immerhin kaufte er mit Blick auf
seine Zukunft ein Stück Land (siehe 33:19), aber gleich nach diesem Kauf zog
er weiter nach Bet El, genau wie Awraham Awinu, und genau, wie er es in
seinem "Neder" gelobt hatte.
Aus einem bestimmten Grund (den wir gleich erklären werden) verzeichnet die
Thora jedoch diesen Teil seiner Reise erst viel später (in 35:9). [Ich
empfehle, vor der Lektüre dieser Psukim darauf zu achten, wie in einem
Tanach Koren eine NEUE 'Parschia' begonnen wird]:
"Und Gott [war schon /"od"? / oder 'wieder'] Jaakow BEI SEINER ANKUNFT
aus Padan Aram erschienen und hatte ihn gesegnet, indem er sprach ...
dann errichtete Jaakow eine MATZEJWA an dieser Stelle ... und nannte
den Namen des Ortes BET EL. Dann zogen sie gen Efrat" [d.h. in Richtung
Hebron], und Rachel gebar schwer [und starb]... (vgl. 35:9-19)
Wir behaupten nun, daß diese ganze 'Parschia' (35:9-22) sich tatsächlich
gleich nach Jaakows Ankunft aus Padan Aram vollzog (wie der Pasuk am Anfang
nahelegt / vgl. 33:18!), damit aber mehrere Jahre VOR dem Zwischenfall mit
Dina in Schechem (d.h. 34:1-35:8).
Ein sehr starker Beleg für diese Behauptung findet sich in Jaakows Worten
selbst (an Josef gerichtet) vor seinem Tod:
"... als Ich AUS PADAN KAM, starb mir Rachel im Land Kenaan auf dem Weg
nach Efrat, und ich begrub sie daselbst auf dem Weg nach Efrat ... " (48:7)
Hier sagt Jaakow selbst, daß Rachel auf der ursprünglichen Reise von Padan
nach Eretz Kenaan starb. Diese Aussage hätte keinen Sinn, wäre Rachel
gestorben, NACHDEM Jaakow mehrere Jahre in Schechem verbracht hatte.
Und weiter: warum zog Jaakow von Bet El südwärts Richtung Efrat? Sehr
wahrscheinlich, weil er auf dem Weg war, seinen Vater in Hebron zu besuchen!
Anders gesagt: Jaakow besuchte WIRKLICH sofort seinen Vater, genau wie wir
es von ihm erwartet hätten.
[Aus irgendeinem Grund teilt uns die Thora keine Einzelheiten über diese
Begegnung mit. Aber die Frage bleibt, ganz gleich, wie wir die Anordnung
der
'Parschiot' erklären, denn erst in den letzten, zusammenfassenden Psukim
(35:27-19) erfahren wir, daß Jaakow zu Jitzhak zurückgekehrt war, und zwar,
wie es dort aussieht, um ihn zu begraben. Ganz offensichtlich muß Jaakow
seinen Vater schon viel früher besucht haben.]
DIE NEUE ORDNUNG
Bevor wir fortfahren, wollen wir uns noch einmal die Abfolge der Ereignisse
und ihre Logik (und damit die Ordnung der 'Parschiot') nach dieser Auslegung
vergegenwärtigen.
Nach seiner erfolgreichen Begegnung mit Esaw setzt Jaakow seine Reise nach
Eretz Kenaan fort, wobei er zunächst in Schechem halt macht, um eine
MIZBAJACH zu errichten und Gott zu danken, wie auch Awraham Awinu es getan
hatte. In Schechem kauft er ein Stück Land zum 'künftigen Gebrauch' in der
Hoffnung, daß er eines Tages mit seiner Familie in diese Gegend zurückkehren
wird. Nachdem er das Feld gekauft und die Mizbajach errichtet hat, zieht
Jaakow weiter nach Bet El, um sein "Neder" zu erfüllen. Dort bekräftigt Gott
nicht nur seinen "Bechira"-Segen, sondern ändert auch seinen Namen von
Jaakow in Israel (siehe 35:9-12), [wie vom "Malach" nur einige Tage zuvor
gesegnet!/ siehe 32:26-28]. Obgleich er zu diesem Zeitpunkt nicht in der
Lage ist, wirklich das versprochene Bet Elokim zu bauen, bekräftigt er
dieses Versprechen doch, indem er die MATZEJWA einmal mehr mit Öl salbt und
die Stätte Bet El nennt (siehe 35:14-15). [Vgl. den Abschnitt Weitere Ijun
für eine ausführlichere Erörterung.]
Als nächstes zieht Jaakow Richtung Hebron, um seine Eltern zu besuchen. Auf
dieser Reise stirbt Rachel und wird am Weg begraben. Dann schlägt Jaakow
seine Zelte in Migdal Eder auf (siehe 35:21), sehr wahrscheinlich in einem
Gebiet, das nicht zu weit von Jitzhaks Wohnort liegt. Während der Zeit dort
ereignet sich der Vorfall mit Reuwen & Bilha. Sehr wahrscheinlich verstößt
Jaakow Reuwen für dessen Verhalten, aber aus irgendeinem Grund beendet die
Thora diese Geschichte abrupt mitten im Satz! [Siehe 35:22! / vgl. auch
49:4!]
Einige Zeit später, vielleicht nach einem oder zwei Jahren (vielleicht
sogar nach fünf) zieht Jaakow mit seiner Familie nach Schechem – schließlich
hatte er dort zu diesem Zweck Land erworben. Nun sind die Kinder schon älter
– alt genug für den Vorfall mit Dina (wie in Abschnitt 34 berichtet). Jetzt
hat es auch Sinn, daß das Volk von Schechem Jaakow als einen dauernden
Nachbarn betrachtet (und Heiraten vorschlägt), und nicht länger bloß als
Durchreisenden. Schließlich erklärt sich so auch, weshalb gerade Schimon &
Lewi zu dieser Zeit Führungsrollen übernehmen. Reuwen war dies
wahrscheinlich wegen seines Verhaltens gegenüber Bilha ‚verwehrt‘ worden.
Nachdem die Brüder die Leute von Schechem getötet haben, fürchtet Jaakow
die Rache der benachbarten Bevölkerung. Daher befiehlt Gott ihm, zu seinem
SCHUTZ von Schechem nach Bet El zu ziehen (siehe 35:1-7). Genau wie Bet El
ein Schutzort für Jaakow gewesen war, als ihm ernst Gefahr durch seinen
Bruder Esaw drohte, ist Bet El auch nun wieder ein Zufluchtsort für Jaakow!
[Beachten Sie, wie auf diesen Punkt – Gefahr von Esaw – in dieser 'Parschia'
immer wieder hingewiesen wird (35:1-8, siehe 35:1,3,7!). Beachten Sie auch,
daß Jaakows Lager in diesen Psukim enorm angewachsen zu sein scheint (siehe
35:6 - "w'chol ha'AM ascher imo" & 35:2 - "w'et kol asche imo"). Daraus
erklärt sich vielleicht auch, weshalb Jaakow die Neuankömmlinge ermahnen
muß, ihre Götzenbilder aufzugeben, bevor sie nach Bet El hinaufkommen.]
Nun verlegt Jaakow seinen permanenten Wohnsitz nach Bet El, und nun kann er
dort auch seine MIZBAJACH errichten (siehe 35;1,3,7), denn es stand schon
lange fest, daß Bet El der Ort für Jaakows Bet Elokim sein sollte. [Es hat
Sinn, daß die MATZEJWA, die den Ort bezeichnet, VOR der Mizbajach errichtet
wird, denn die Matzejwa ist das Symbol für Gottes Gegenwart, und die
Mizbajach wird genau vor ihr errichtet (siehe Schmot 24:4!). [Auch das paßt
ganz gut zusammen, wenn wir 35:9-15 vor 35:1-8 setzen!]
Machen wir uns die ‚neue Ordnung‘ der Parschiot wieder mit Hilfe einer
Tabelle klar:
PSUKIM ALLGEMEINES THEMA
------ ---------------
(A) 32:3-33:17 Jaakows Konfrontation mit Esaw bei seiner
Rückkehr nach Eretz Kenaan.
(B) 33:18-20 Jaakows Ankunft in Schechem. [kauft ein Feld]
(E) 35:9-22 Jaakow kommt in Bet El an, erhält seinen Segen,
erfüllt sein "Neder", Rachel stirbt auf der Reise
zu Jitzhak in der Nähe von Hebron.
(C) 34:1-31 Jaakow kehrt nach Schechem zurück; Vorfall mit
Dina, Schimon & Lewis Rache.
(D) 35:1-8 Jaakow kehrt auf der Flucht aus Schechem
nach Bet El zurück und errichtet eine Mizbajach.
(F) 35:23-29 Überblick über Jaakows Kinder, gefolgt vom Tod
Jitzhaks.
(G) 36:1-19 TOLDOT Esaw...
So brauchen wir bloß die chronologische Anordnung eines einzigen 'Parschia'
zu ändern, und fast alle unsere Fragen sind beantwortet. Nun stellt sich
jedoch eine viel schwerwiegendere Frage: WARUM wird diese 'Parschia'
(35:9-22) nicht dort aufgezeichnet, wohin sie gehört? Wie wir oben schon
sagten, muß es immer einen thematischen Grund für die Anwendung des Prinzips
"ein mukdam u'muchar" geben.
Wie gewohnt, müssen wir zum vorrangigen Thema von Sefer Bereschit
zurückkehren – zum Prozeß von "Bechira" & "Dechiya", wenn wir diese Frage
beantworten wollen.
Erinnern wir uns, wie sich das Thema von Sefer Bereschit mit jeder Gruppe
von Sifrei TOLADOT fortentwickelt. In jeder Gruppe von "Toladot" wird jemand
‚auserwählt‘, andere werden ‚verworfen‘. Erinnern wir uns auch, daß Parschat
WA'JISCHLACH noch immer unter dem Generalthema "Toldot Jitzhak" steht (siehe
25:19). Es ist ziemlich klar, daß "Toldot Jitzhak" mit den 'Parschia' von
35:23-29 sein Ende erreicht [(F) in der obigen Tabelle], da sie ja Jitzhaks
Tod beschreibt. [Achten wir auch darauf, daß "Toldot Esaw" (36:1) gleich
darauf folgt.]
Daher MUSS ‚Parschia' 35:23-29 (F) genau dort bleiben, wo sie ist, nämlich
am Schluß von "Toldot Jitzhak". Diese ‚Parschia' beginnt jedoch mit einer
sehr bedeutsamen Aussage:
"Und die Söhne Jaakows waren ZWÖLF... " (siehe 35:23-26)
Anders als bei Awraham oder Jitzhak sind ALLE Kinder Jaakows auerwählt,
AUCH seine Kinder von den Mägden, SOGAR Reuwen, der sehr wahrscheinlich
verflucht war. Aus thematischer Sicht ist diese 'Parschia' von großer
Bedeutung. Man könnte annehmen, die Thora ordne diese ganze 'Parschia' – die
mit dem Vorfall um Reuwen & Bilha endet (der sich wahrscheinlich schon viel
früher ereignet hatte) und mit Absicht hier steht – NEBEN der Schlußaussage
von 35:23 ein, nach der ALLE Kinder Jaakows auserwählt sind, AUCH Reuwen!
[Siehe Ramban 35:22! Siehe auch Raschi, Chizkuni & Radak 35:22.]
Diese Interpretation kann auch erklären, weshalb 35:22 mitten im Satz
endet. Eigentlich sollte der Pasuk mit Jaakows Fluch über Reuwen enden, wie
es nach 49:4 aussieht. Da es jedoch darum geht zu zeigen, daß Reuwen
auserwählt bleibt, wird die zweite Hälfte des Satzes ‚abgeschnitten‘ und die
ganze 'Parschia' der Aussage angefügt, "und die Söhne Jaakows waren zwölf –
die Kinder Leahs: der Erstgeborene Jaakows = REUWEN, und Schimon, Lewi..."
(35:23-24).
[Man könnte auch annehmen, sobald die Thora uns gesagt hat, daß
Jaakow ein Stück Land in Schechem gekauft hat (33:19),
gehe Chumasch mit dem weiter, was sich später in Schechem ereignet,
weil Jaakow dieses Stück Land gekauft hat, d.h. mit 34:1-35:8.
Und dann, nach Abschluß dieser Geschichte, wendet sich Chumasch wieder der
Geschichte von Jaakows erster Rückkehr nach Bet El zu (35:9-22), die sich
viel früher ereignet haben kann.l
Zum Schluß muß ich zugeben, daß ich ernste Zweifel an der Richtigkeit der
Schlußfolgerungen dieses Schiur hege; auf jeden Fall enthält er ein wenig
‚Gedankennahrung‘, an der man sich abarbeiten kann. Anmerkungen von Ihrer
Seite sind mir willkommen.
Schabbat schalom,
menachem
FÜR WEITERE IJUN
A. Beachten Sie Raschi zu 33:17, der den Midrasch zitiert, dem zufolge
Jaakow 18 Monate in Sukkot blieb! Das scheint aber nicht "Pschat" zu sein.
Wenn dieser Pirusch jedoch wahr ist, dann wird die Frage nur noch
drängender, weshalb Jaakow nicht früher zurückgekehrt ist, auch wenn auf
dieser Grundlage Jaakows Kinder etwas älter sein können und damit die
Geschichte von Dina & Schechem etwas plausibler wird.
B. Unklar bleibt, ob Jaakow das in 28:21 versprochene Bet Elokim je
tatsächlich errichtet. Vergleiche Mforschim zu diesem Pasuk, die sich mit
dieser Frage befassen; siehe auch die Mforschim zu 35:14.
Dennoch weist die Salbung der MATZEJWA und die Benennung des Ortes mit dem
Namen Bet El (siehe 35:14-15) deutlich auf seine Absicht hin, auch wenn die
Zeit zum Erreichen des letzten Ziels vielleicht nicht reif ist, bevor Bnei
Israel zur Zeit Jehoschuas Eretz Kenaan erobern. Siehe Dewarim 12:8-12,
"w'akmal".