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Koscher leben...
 
 

Was ist Tora?

Von Rabbi Arthur Waskow

In vielen Diskussionen, die ich mit anderen über die Tora hatte oder bei Debatten über jüdische Antworten auf gegenwärtige Probleme, die sich auf die Tora bezogen, erschien es mir sinnvoll, mein Verständnis von und zur Tora zu definieren.

In diesem Beitrag möchte ich einige Gedanken dazu ausführen.

Für mich ist die Tora der Bericht einer geistigen Suche der „jüdischen Familie“ – ihre - unsere Suche nach G’tt im Zeitraum der letzten 3500 Jahre.

So trägt die Tora in sich viele Stimmen, wenn auch nicht jede Stimme, die eigentlich zu hören sein sollte, hörbar ist – die fehlenden Stimmen der Frauen fallen am meisten ins Gewicht; wir hören aber auch nur selten die Stimmen der Homosexuellen. Für 2000 Jahre wurde das, was wir Tora nennen, zum grössten Teil von einer kleinen Gruppe verbal-orientierter Männer dominiert.

In letzter Zeit deutet sich zum Glück ein Wechsel an. Nicht nur stimmen mehr

Stimmen in diesen Chor ein und damit in unsere Forschungsreise – mit Sicherheit forschten diese schon immer – sie werden auch von der ganzen Gemeinde gehört, beachtet und als Tora angenommen.

Und – betrachtet man Tora als eine Textsammlung der geistigen Suche von Juden, so heisst das, dass sie, zumindest zeitweise, die Stimme G’ttes ist.

Warum?

Mit dem Kampf um geistige Klärung wird G’tt selbst im Universum sichtbar:

anhand der Auseinandersetzungen - nicht anhand der Ergebnisse!

Wie vom Rebben von Tschernobyl vor 200 Jahren überliefert ist:

„Was ist die Welt? Die Welt ist G’tt, gewandet in die G’ttes Kleider, um fassbar und sichtbar zu werden. Und wer sind wir? G’tt, gewandet in G’ttes Kleider; und unsere Aufgabe ist es, diese Kleidung abzulegen und zu „ent – decken“, damit wir und die Welt als Ganzes G’tt sind.“

Wir versuchen, zu ent-decken, wer wir sind.

Und die Tora ist das jüdische Dokument dieser allumfassenden Anstrengung.

Mit „allumfassend“ meine ich ausdrücklich nicht nur den Menschen. Ich denke, dass sich das gesamte Universum in einer Entwicklung hin zu einem tieferen Bewusstsein von sich selbst „als G’tt“ befindet.

Der Mensch ist die leitende Kraft in diesem Prozess.

Der immer umfassender und sichtbarer werdende grosse Zusammenhang – von Galaxien über Sterne, Planeten, „chemischen Suppen“ hin zum „Leben“, dass durch Millionen von Jahren genetischer Entwicklungen und seine Fähigkeit zur Veränderung seine Form erhält und in der Lage ist, seine Umgebung als Ganzes wahrzunehmen, sich selbst eingeschlossen, zeigt uns nun, dass es tatsächlich ein Universum GIBT – und dies scheint mir G’tt zu „enthüllen“.

(Ich beziehe mich hier sowohl auf die Lurianische Kabbala als auch auf einen katholischen Theologen, Teilhard de Chardin, den manche als sehr radikal, wenn nicht gar häretisch empfinden.)

„Das Auge, durch welches wir G’tt sehen, ist das gleiche, durch welches G’tt uns sieht“, bemerkt einer der Mystiker. „Die Tora, durch die wir unser Verlangen nach G’tt zeigen, und mit deren Hilfe wir G’tt in Erscheinung treten lassen, ist dieselbe, mit der G’tt nach uns ruft und uns beschreibt.“

Dies bedeutet jedoch nicht, dass „anything goes“ - die Ausrottung der Canaaniter, die Unterwerfung der Frau, die Ächtung der Homosexuellen – bloss weil es in der Tora niedergeschrieben ist.

Die spirituelle Reise geht weiter und damit der Prozess unserer Suche nach unserem Selbst, unser „ent – decken, ent-hüllen“.

Einiges in der alten Tora ist durch Wertungen der Gesellschaft jener Zeit, der ihr impliziten Möglichkeiten, die Dinge zu sehen, verformt und damit schwierig für unsere Weiterentwicklung. Dies war unvermeidlich, ist jedoch schmerzhaft, wie beispielsweise die rigide Rollenverteilung von Männern und Frauen. Die Bemühung, dass beide sich sowohl als Aktive/ Lernende/ Handelnde als auch als Empfangende/ Liebende/ Seiende verstehen können, wird in erheblichem Masse durch die männliche Dominanz und die damit verbundenen Einschränkungen der Wahlmöglichkeiten, um diese Energien für sich aktivieren zu können, behindert. Einige Schwerpunkte werden nur den Männern zugestanden, andere nur den Frauen.

Wir befinden wir uns heute mitten in unseren Versuchen beide „Energien“ beiden Geschlechtern über diese Grenzen hinweg zu ermöglichen. Dabei eine lebendige Balance zu halten ist nicht einfach. Aber dieser Versuch ist essentiell.

Als anderes Beispiel dient Canaan: warum sollten wir (theoretisch, nicht wirklich) jene ausrotten, die dort lebten? Ich interpretiere diese Geschichte folgender-massen: Als einen wichtigen Hinweis, dass die Welt verändert werden muss, damit sie eine lebenswerte Welt wird. Die einzige Bedeutung, die möglich schien: militärischer Sieg und Reinigung des Landes. Wir machen den „job“ ohne fremde Hilfe.

Dies war das biblische Modell. Der Einfluss der hellenistischen Kultur jedoch, die römische Legion mit eingeschlossen, zerstörte dieses Modell.

So gab es das rabbinische Judentum auf, die äussere Welt zu verändern und entwickelte statt dessen nach innen gerichtete Konzepte, um das jüdische Volk in eine heilige und menschliche Gemeinschaft zu verwandeln. Dies funktionierte beinahe 2000 Jahre lang – ein lebendiges Judentum, trotz Progromen und Vertreibungen.

Die Schoah zerstörte dann DIESES Modell. In der modernen Welt fand sich kein Platz mehr, kein Versteck, um dort die spirituelle Entwicklung weiterzutreiben.

Entweder die grossen Mächte werden gezähmt und zivilisiert oder sie werden nicht nur verfolgen und foltern, sondern die schwächeren, kleineren Kulturen auslöschen, unsere inbegriffen.

Was fangen wir nun mit dieser Erkenntnis an?

Ich würde vorschlagen, wir entscheiden uns wieder dazu, die Welt zu verändern, jedoch nicht durch militärische Unterwerfungen.

Wir können uns an den prophetische Visionen orientieren, die Welt Seite an Seite mit Anderen zu verändern, in dem wir Gewaltlosigkeit zum Vorbild nehmen (beispielsweise mit Hilfe von „freedom seders“, Hoschannah Rabbah in der Öffentlichkeit und dem Kampf gegen die Umweltverschmutzung).

Dies ist meine Sichtweise der Entwicklung von Tora als ein Aspekt von G’ttes Selbst und unserem eigenen Selbst, vor allem das ent-decken von G’tt in uns selbst. Eine weite Strecke in dieser Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen und noch zu gehen. Wir befinden uns in der Mitte einer grossen Welle. Jüdische  Erneuerung ist, wer wir sind: Teil einer grossen Welle hin zu G’tt-als-des-Menschen-Selbst-Bewusstsein seiner eigenen G‘ttlichkeit.

Der Autor ist Direktor des Shalom Center (http://www.shalomctr.org) , einer Abteilung von ALEPH (Alliance for Jewish Renewal). Er gibt das Journal „New Menorah“ heraus und ist der Autor von zwölf Büchern, unter anderem „Godwrestling“ und „down-to-earth-judaism“. Er ist mit Phyllis Berman verheiratet und Vater von fünf Kindern.



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