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vajelekh

5. Mos. 31, 1-30
Unsterblichkeit
Rabbiner Dr. Jakob Teichman
Unsterblichkeit - im
physischen Sinne des Wortes - ist nicht «die typische» Art der Belohnung
und der Bestätigung, mit der unsere Bibel ihrer Helden gedenken
möchte...
Selbst Mosche, der Größte unter
den Grossen, der die Lehre direkt aus der Hand des Ewigen erhalten
durfte, stieg nur in der Legende lebend in den Himmel. In der Tora heißt
es, eben umgekehrt, der Ewige sei auf den Berg Sinai
herabgestiegen (2. M. 19, 3 18).
- Man möchte meinen, dass auch
hierin ein Beispiel gegeben wurde. Der himmlische Meister zeigte dem
ersten Lehrer Israels, wie er und seine Nachfolger ihren Schülern
entgegenkommen - ja, wenn es sein muss, ihnen nachlaufen - sollen...
Und in vielen Generationen nahmen die Lehrer unseres Volkes diese ihre
Aufgabe und noch viel mehr - wie schwerste Prüfungen und Entbehrungen,
selbst den Märtyrertod - ohne Zögern auf sich.
Dafür hat auch Israel - und kaum eine andere Nation in dem hohen Masse wie
dieses wissbegierige Volk des Buches - seinen Lehrern eine heiße Liebe und
eine große Verehrung entgegengebracht. Und wer die Grundsätze der
Seelenkunde kennt, sieht auch in den heftigen Auseinandersetzungen
zwischen Meistern und Schülern oder zwischen dem Volk und den Mächtigen des
Geistes, keinen Widerspruch zu dieser Liebe und zu dieser Verehrung.
Die Autorität bändigt wohl die
Menge und legt den Willen des kleinen Mannes in Ketten, aber
gleichzeitig ruft sie paradoxerweise - trotz der Liebe und des großen
Ansehens - auch Trotzgefühle und einen stillen Wunsch zur Revolte
hervor. Die schmunzelnde Volksweisheit erklärt sogar, der Rabbi, der
keine Mitnagdim, keine Gegner und Kritiker habe, stelle auch keine
«richtige Grösse» dar...
Vielleicht liegt bei Mosche eben
in der freiwilligen Umkehrung seiner autoritativen Stärke in eine
milde, sich ergebende Haltung der Grund für seine letztgültige
Anerkennung durch das jüdische Volk, welches nicht als
selbstverständlich hingenommen hat, dass Mosche wie «ein gewöhnlicher
Sterblicher» dem Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen war.
So versuchen die Weisen den Tod
Mosches in einem Disput zwischen ihm und dem Ewigen zu «rechtfertigen».
- Der Ewige spricht zu ihm: «Fürwahr (hebräisch:
«hen») deine Tage sind dem Tode nahegerückt!» (5. M. 31, 14).
Mosche wehrt sich gegen den Ratschluss des Ewigen. Er beanstandet die
Selbstverständlichkeit, die aus dem Wörtchen «fürwahr» herauszuhören
ist. Er entgegnet: Du, Ewiger, verkündest meinen Tod mit demselben Wort,
mit dem ich deine Allmacht und deinen Ruhm verkündet habe, als ich zu
Israel sprach: «Fürwahr dem Ewigen, deinem Herrn, gehört der
Himmel und die Himmelshimmel...» (5. M. 10, 14). Der Ewige erwidert:
Vergiss nur ja die Schuld nicht, welche du auf dich ludest, als du mein
Volk verleumdet hast und sprachst: «Fürwahr, sie werden mir nicht
glauben» (2. M. 4, 1).
Die Disputation hätte in dieser
Form - in Anbetracht der Tatsache, dass beide Partner äußerst «gut
beschlagen» und «bibelfest» waren, ins Unendliche weitergeführt werden
können. Nicht Redegewandtheit oder treffende Bibelverse sollten jedoch
den Sieg davon tragen, sondern das ewige Gesetz und die unbestechliche
Gerechtigkeit des Schöpfers, die für alle Sterblichen die gleiche ist.
Der Maggid von Dubno, R. Jakob Kranz,
weist bei der Erklärung der zitierten Legende noch darauf hin, dass die
Weisen des Talmud das Wörtchen «hen» auch in dessen griechischem Wortlaut
verstehen möchten, nämlich im Sinne von «eins» (J. Kranz, Ohel Jaakow zu
Wajelech). Im Disput zwischen Mosche und dem Ewigen geht es laut seinen
Ausführungen nicht nur um die Gerechtigkeit allgemein, sondern vielmehr um
das Wesen des Ewigen, den Israel «Echad - den Einzigen» nennt.
- Da muss sich Mosche ohne
Widerrede ergeben: Vor dem Einzigen gibt es nur ein Recht
für alle.
Der Einzige und der Einsame
Aus den ZEITNAHEN BETRACHTUNGEN
ZU DEN FÜNF BÜCHERN MOSCHES
SEIN LICHT IN DEINER HAND
Rabbiner Dr. Jakob Teichman
Herausgegeben vom Rabbinat der
Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, erschienen bei
MORASCHA.
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