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haasinu
5. Mos. 32, 1-32, 52
«Mit deinem ganzen
Herzen...»
(5. M. 6, 5)
Von Rabbiner Dr. Jakob
Teichman
«Sie haben mich durch Ungötter
herausgefordert, durch ihren Tand erzürnt - auch ich werde sie durch ein
Unvolk quälen, durch eine nichtswürdige Nation leiden lassen.» (5. M.
32, 21)
Das hebräische Verb «kane»,
das wir hier mit «herausfordern» bzw. «quälen» übersetzen, bedeutet
wörtlich «glühend werden», «in Hitze geraten», «Zorn erregen» und auch
«im Eifer handeln». Auf Grund dieses Bedeutungswandels gelangen
nichtjüdische Bibelübersetzer - so auch im eben zitierten Vers - zur
Redewendung «eifersüchtig machen».
Tatsächlich hat der ganze Satz,
nicht nur dieses eine Wort, eine gefühlsbetonte Bedeutung, die weit über
die erwähnte sprachliche Eigentümlichkeit hinausgeht. Das eine ist die
wiederholt verkündete Lehre des jüdischen Glaubens, dass der Ewige, der
alles umfasst, auch alles fordert. Er ist unteilbar, und auch die
Beziehung zwischen Ihm und dem Menschen beruht auf Ausschliesslichkeit.
Für Seine Liebe verlangt Er Treue.
Das andere ist Seine große
Gerechtigkeit: Die Schuld bestimmt das Strafmass und die Art des
Vergehens die Form des Strafvollzugs. Wenn Israel Ungötter verehrt, wird
es der Ewige durch unwürdige Menschen leiden lassen.
In diesem Gedankengang aber kann der
Buchstabe des Gesetzes zu ungerechter Strenge führen. Eben aus diesem Grunde
wurde das missgedeutete Rechtsprinzip «Auge um Auge» (richtig: «ein Auge
anstelle eines Auges»; 2. M. 21, 23-27) von jüdischen Gelehrten nie
anders als auf die Abklärung des verursachten Invaliditätsgrades und die
gerichtliche Festsetzung des
Schadenersatzes bezogen. Dabei wird - trotz der Gleichheit aller vor
dem Gericht - in einem bestimmten Fall auch der Stellung des
Geschädigten Rechnung getragen: Ein Sklave - oder eine Sklavin - dem sein
Herr ein Auge oder einen Zahn ausschlägt, erhält den höchsten Schadenersatz,
den es gibt, nämlich seine Freilassung.
Wenn aber die Ungleichheit unter
den Menschen zur Begünstigung des Schwachen und Unterdrückten Anlass
bietet, so wird auch verständlich, dass die offensichtliche
Verschiedenheit des menschlichen Wesens vom Ewigen jeden Vergleich
zwischen menschlicher Herausforderung und göttlicher Bestrafung von
vornherein ausschließt. Was dem Ewigen höchstens «missfällt», kann für
den Menschen, nach selbem Maß vergolten, tödlich sein.
Die Legende erzählt, dass unsere
Mutter Rachel sich diesen Gedankengang zu eigen machte. Als der Ewige
beschloss, sein Volk wegen seiner Sünde in die Hand Babylons zu geben,
da traten die Stammväter sowie Mosche und Jirmijahu einer nach dem
anderen vor Ihn und versuchten mit aller Eloquenz, das schwere Schicksal
abzuwenden. Der Ewige aber gab auf jedes Argument eine ablehnende
Antwort. Da sprang Rachel vor den Thron und rief: «Herr der Welt, Du
weißt, wie Ja'akow mich liebte, und dass er sieben Jahre lang für mich
bei meinem Vater diente. Als der Tag unserer Hochzeit kam, beschloss
mein Vater, ihm an meiner Stelle meine Schwester zu geben. Ich
unterdrückte meine Eifersucht und ließ sie nicht zur Schande werden.
Ich, die ich nur Fleisch und Blut, Staub und Asche bin, ich brachte es
fertig, den Neid gegen meine Rivalin zu überwinden. Wie kannst Du, Du
ewig lebender, barmherziger König, den nichtigen Götzen gegenüber Neid
verspüren und meine Kinder in die Verbannung schicken?» - Da erbarmte
sich der Ewige und sprach: «Um deinetwillen, Rachel, bringe Ich sie
zurück.» (Jirm. 31,15)
Aus den ZEITNAHEN BETRACHTUNGEN
ZU DEN FÜNF BÜCHERN MOSCHES
SEIN LICHT IN DEINER HAND
Rabbiner Dr. Jakob Teichman
Herausgegeben vom Rabbinat der
Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, erschienen bei
MORASCHA.
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