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haasinu
5. Mos. 32, 1-32, 52
Der Poet des Ewigen
Von Rabbiner Dr. Jakob
Teichman
Wenn man in Ländern,
wo die Bibel verbreitet ist, eine Umfrage veranstalten würde, warum der
heutige Mensch - auch der Ungläubige - den fünf Büchern Mosches mit
einem gewissen Respekt gegenübersteht, würde wahrscheinlich in erster
Linie auf die Weisheit hingewiesen werden, die in diesen Büchern zu
finden ist.
Selbst ohne diese
Weisheit zu akzeptieren, beweisen viele gerade durch ihre kritische
Haltung, dass die Tora vor allem ihren Verstand anspricht. Anderseits
betonen auch Gläubige, welche die Lehre Mosches als ewig göttliche
Offenbarung anerkennen, dass die darin enthaltene Belehrung über allem
menschlichen Wissen stehe und deshalb unentbehrlich sei für den
denkenden Menschen, der die Grenzen seines Verstandes kennt.
Jüdische Gelehrte
wie Laien, Fromme wie Areligiöse zitieren und bejahen mit Stolz den
Vers: «Hütet und verwirklicht (die Tora), denn sie ist eure Weisheit und
eure Vernunft in den Augen der Völker, die diese Gesetze hören und
sprechen werden: 'Es ist doch eine weise und vernünftige Nation, dieses
grosse Volk.'» (5. M. 4, 6)
Von einem Werk, das
den Verstand ansprechen soll, erwartet die Welt, dass es in nüchterner
Prosa geschrieben worden ist. Besonders die letzten Abschnitte sollten
mit absoluter Präzision das Ganze zusammenfassen, um jeden denkenden
Menschen zu verpflichten. Gesetz und Gedicht stehen nach allgemeiner
Ansicht in ausgesprochenem Widerspruch.
Um so überraschender wirkt der
krasse Stilwechsel in den letzten Kapiteln der Tora. Wohl ist bereits im
ganzen fünften Buch ein subjektiver, lyrischer Ton spürbar, jedoch ist
es in fast allen seinen Teilen in Prosa abgefasst. Plötzlich wechselt
nun die Tora von Prosa zu Poesie, von Rhetorik zu Lied; selbst die
strengsten Ermahnungen sind in poetischer Form ausgedrückt. Sogar das
Gebot, die gesamte Tora aufzuzeichnen - was jedem einzelnen von uns
auferlegt worden ist - wird in Zusammenhang mit diesen abschließenden
Dichtungen erlassen - übrigens bereits im Wochenabschnitt Wajelech:
«Schreib auch dieses Lied auf und lehre es die Kinder Israel, leg es
ihnen in den Mund...» (5. M. 31, 19)
Wahrheit bleibt in allen ihren Formen Wahrheit. Ein Lied, das ein
gottbegnadeter Poet singt, vermag wahrhaftig «ganze Bände zu sprechen» -
oder zumindest solche würdig abzuschliessen. So auch das Lied Mosches. Er
bietet darin allen, welche die Tora mehr mit dem Gefühl als mit dem Verstand
erfassen, seine große Hilfe an. Und doch ist sein Lied keine Alternative zur
«Prosa» unserer Pflichten, sondern eine letzte Ermahnung zu ihrer Erfüllung,
'ein Zeuge gegen die Kinder Israels', falls sie nicht gehorchen sollten (5.
M. 31, 19; 31, 21). Aber auch die härtesten Worte der Zurechtweisung sind
mit Liebe - Liebe des Ewigen und Liebe des göttlichen Poeten - durchtränkt.
Und diese Liebe fordert Israel heraus, aus Liebe zu gehorchen. Dieses Lied
lullt nicht ein. Es weckt. Es ist die Stimme des Rufers und des Zeugen.
Aus den ZEITNAHEN BETRACHTUNGEN
ZU DEN FÜNF BÜCHERN MOSCHES
SEIN LICHT IN DEINER HAND
Rabbiner Dr. Jakob Teichman
Herausgegeben vom Rabbinat der
Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, erschienen bei
MORASCHA.
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